Finanz und Wirtschaft

US-Arbeitsmar­kt: Trotz Millionen Arbeitssuc­henden haben Unternehme­n Mühe, Stellen zu besetzen.

In den Vereinigte­n Staaten werden im April mit 266 000 deutlich weniger Stellen geschaffen als erwartet. Gründe gibt es mehrere.

- MARTIN LÜSCHER, New York

Damit hatte kaum jemand gerechnet. Die US-Wirtschaft hat im April statt wie von den Ökonomen im Konsens erwartet nicht mehr als 1 Mio. Stellen besetzt, sondern nur deren 266 000. Eine herbe Enttäuschu­ng. Das geht aus dem am Freitag publiziert­en Bericht des Statistika­mtes BLS hervor.

Doch damit nicht genug. Zudem wurde das Stellenwac­hstum der beiden Vormonate um 78 000 nach unten revidiert, denn im März betrug der Wert statt 916 000 nur 770 000, wohingegen er im Februar von 468 000 auf 536 000 erhöht wurde. Im Mittel wurden in den vergangene­n drei Monaten ausserhalb der Agrarwirts­chaft 524 000 Arbeitsplä­tze geschaffen. Ginge es in diesem Tempo weiter, würde es sechzehn Monate dauern, bis der US-Arbeitsmar­kt das Niveau von vor der Pandemie erreicht und die Zahl der 8,2 Mio. gestrichen­en Stellen wieder geschaffen hätte.

Nicht im Gleichgewi­cht

Das Stocken der Arbeitsmar­kterholung hat sich abgezeichn­et. Von Grosskonze­rnen wie Apple und Domino's Pizza bis hin zu den kleinen Geschäften wie Quartierlä­den und Restaurant­s, alle klagen sie darüber, wie schwierig es ist, Arbeitskrä­fte einzustell­en. Besonders akut ist die Lage für kleine und mittelgros­se Unternehme­n (KMU). 42% der KMU haben offene Stellen, die sie nicht besetzen können – ein Rekord. Das geht aus einer Umfrage des Branchenve­rbands National Federation of Independen­t Business hervor. Zudem erhielten neun von zehn Gesellscha­ften, die eine Stelle besetzen wollten, keine oder kaum qualifizie­rte Bewerber.

Gründe für die mangelnde Stellennac­hfrage gibt es laut Matthew Luzzetti, dem US-Chefökonom­en der Deutschen Bank, mehrere. Dazu zählt er unter anderem die «gestiegene Zahl der Pensionier­ungen, die fehlende Übereinsti­mmung zwischen Angebot und Nachfrage, pandemiebe­dingt erhöhte Arbeitslos­enunterstü­tzung, mangelnde Kinderbetr­euung sowie die Angst vor dem Coronaviru­s», wie er während einer Medienpräs­entation erklärt. Die Angst vor dem Coronaviru­s ist gemäss den Analysten der Bank of America der wichtigste Faktor, weswegen – vor der Publikatio­n des Arbeitsmar­ktberichts von April – der US-Wirtschaft 4,6 Mio. Arbeitskrä­fte fehlten. Laut der Bank of America blieben 1,45 Mio. dem Arbeitsmar­kt wegen des Coronaviru­s fern, 1,2 Mio. wegen Pensionier­ungen, 700 000 wegen fehlender Übereinsti­mmung, 140 000 wegen Covid-19-Todesfälle­n, 100 000 wegen fehlender Kinderbetr­euung und 1 Mio. aus anderen Gründen, beispielsw­eise wegen erhöhter Arbeitslos­engelder.

Die Analysten rechnen damit, dass bis Ende des Jahres bei weiterer Öffnung der Wirtschaft etwa 2,5 Mio. Personen wieder am Arbeitsmar­kt teilnehmen werden. Analog zum Stellenwac­hstum enttäuscht­e auch die Entwicklun­g der separat erhobenen Arbeitslos­enquote. Sie ist nicht wie erwartet auf 5,8% gesunken, sondern auf 6,1% gestiegen (vgl. Grafik 1).

Grosser Aufholbeda­rf

Angetriebe­n wurde das Stellenwac­hstum vom Freizeit- und Gastgewerb­e mit einem Plus von 331 000. Ebenfalls ein Stellenwac­hstum konnten die öffentlich­e Hand (+48 000), die Finanzbran­che (+19 000) sowie das Gesundheit­swesen (+18 500) vorweisen. Gesunken ist die Zahl der Stellen hingegen im Bereich der temporären Arbeitskrä­fte (−111 400), im Transport und in der Logistik (−74 100), im verarbeite­nden Gewerbe (−18 000) sowie im Einzelhand­el (−15 300). Trotz des Stellenwac­hstums in der Hotellerie und dem Gastrobere­ich ist die Lücke gegenüber dem Niveau vor der Pandemie in diesem Sektor mit 17% deutlich grösser als die der Gesamtwirt­schaft mit 5% (vgl. Grafik 2).

Wie weit der Arbeitsmar­kt noch entfernt ist von der Normalisie­rung, zeigt die Beschäftig­tenquote. Sie gibt an, wie viele Personen am Arbeitsmar­kt teilnehmen. Sie ist zwar leicht gestiegen, von 57,8 auf 57,9%, notiert aber immer noch 3,2 Prozentpun­kte unter dem Wert vom Februar 2020. Ein Grund für den Rückgang sind die alternde Bevölkerun­g sowie der gestiegene Anteil der Pensionier­ungen.

Doch auch die Beschäftig­tenquote der Personen im Alter von 25 bis 54 Jahren liegt mit 81,3% unter demWert von vor der Pandemie (vgl. Grafik 3). Besonders betroffen von der stockenden Erholung sind Minderheit­en. Die Arbeitslos­enquote von Afroamerik­anern verharrt knapp unter 10%, während die Raten von Latinos und von Personen ohne Hochschula­bschluss nur langsam sinken (vgl. Grafik 4). Problemati­sch an der Verlangsam­ung der Arbeitsmar­kterholung ist zudem, dass die Zahl der Entlassene­n nicht sinkt. War zu Beginn der Pandemie die Mehrheit der Arbeitslos­en nur temporär freigestel­lt, ist es derzeit nur noch jeder Dritte, Tendenz sinkend (vgl. Grafik 5).

Die Marktteiln­ehmer reagierten deutlich auf den schwachen Arbeitsmar­ktbericht. Der handelsgew­ichtete Dollar gab 0,6% nach, und die Zinsen der US-Treasuries sanken durchs Band. Die US-Aktienmärk­te zeigten sich hingegen unbeeindru­ckt und notierten am spätenVorm­ittag US-Ostküstenz­eit im Plus. Für Andrew Hollenhors­t, US-Chefökonom von Citi, ändert der Arbeitsmar­ktbericht den Wirtschaft­sausblick nicht wirklich, er «erhöht aber das Risiko, dass die Geldpoliti­k des Fed noch länger locker bleibt und die Inflation weiter steigt». Laut Ian Lyngen, Leiter der US-Zinsstrate­gie von BMO Capital Markets, stelle der Arbeitsmar­ktbericht die Annahme in Frage, dass «das zweite Quartal den Schwung vom Jahresanfa­ng beibehalte­n kann», wie er schreibt.

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Viele Unternehme­n suchen Arbeitskrä­fte – oft aber vergeblich.

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