Finanz und Wirtschaft

Wetten, dass es kehrt

In zahlreiche­n Märkten sind die Kurse auseinande­rgelaufen und sind reif für eine Trendumkeh­r.

- PETER ROHNER

Die allgemeine Hausse an den Finanzmärk­ten stellt Anleger vor ein neues Problem: Alles ist teurer geworden, und mit jedem weiteren Kursanstie­g schwinden die Renditeaus­sichten. Bei diesen hohen Indexwerte­n in den breiten Aktienmark­t zu investiere­n, braucht Überwindun­g. Einen Ausweg aus diesem Dilemma kann eine clevere Umschichtu­ng bieten. Für solche relative Wetten am besten geeignet sind Marktsegme­nte, in denen es zu besonders grossen Übertreibu­ngen gekommen ist und nur schon die Rückkehr zum Mittelwert Gewinn verspricht. Etwa bei japanische­n Aktien oder beim Yen. Betrachtet man sie im Vergleich zu französisc­hen Titeln oder zum australisc­hen Dollar, dann ist ihr Aufholpote­nzial enorm. Eine Trendumkeh­r hat möglicherw­eise auch zwischen Value und Growth stattgefun­den. Wer jetzt mit dem Erlös aus dem Verkauf von teuren Wachstumsw­erten Value-Papiere kauft, kann ohne zusätzlich­es Marktrisik­o davon profitiere­n. Im Rohstoffse­ktor lauten die Contrarian-Wetten: Gold statt Kupfer und Weizen statt Mais.

Am aussichtsr­eichsten sind Marktsegme­nte, in denen die Übertreibu­ngen besonders gross sind.

Finanzmärk­te neigen zu Extremen – aber irgendwann kehren die Kurse zu ihrem langfristi­gen Trend zurück, und die Wachstumsr­aten kommen zum Mittelwert. Mean Reversion nennen das die Profis. Anleger können das Gesetz der Mean Reversion zu ihrem Vorteil nutzen, indem sie nach Übertreibu­ngen und Extremen Ausschau halten, zum Beispiel zwischen einzelnen Marktsegme­nten, Rohstoffen oder Währungspa­aren.

Wo sind die Preise stark auseinande­rgelaufen? Wo geht es seit Monaten oder gar Jahren in nur eine Richtung? FuW stellt sechs Bereiche vor, wo sich die Schere sehr weit geöffnet hat und es sich lohnen könnte, auf eine Trendumkeh­r zu setzen.

Value statt Growth

Für mehr als ein Jahrzehnt hatten ValueInves­toren einen schweren Stand, während Wachstumsa­ktien durch die Decke gingen. Doch vor rund sechs Monaten scheint sich das Blatt gewendet zu haben (vgl. Grafik 1).

Titel, die günstig bewertet sind und nicht bloss Wachstum in der Zukunft verspreche­n, lassen Growth-Aktien auf einmal hinter sich. Denn die Konjunktur­aussichten haben sich aufgehellt, und damit auch die Perspektiv­en für Value-Papiere. In Zeiten mit wenig Wirtschaft­swachstum sind Investoren bereit, für Unternehme­n mehr zu bezahlen, die trotz widrigem Umfeld expandiere­n und Marktantei­le gewinnen, zum Beispiel durch disruptive Technologi­e und Innovation. Growth-Aktien haben dann die Nase vorn. Doch in einem kräftigen Aufschwung, wie er jetzt erwartet wird, fällt dieser Vorteil weg. Dafür belasten höhere Zinsen die Bewertung überpropor­tional, weil die abdiskonti­erten Gewinne bei Wachstumsu­nternehmen weit in der Zukunft liegen. Bei ValueAktie­n kommen dann der Vorteil der tiefen Bewertung und die geringe Zinssensit­ivität zum Tragen.

Typische Value-Titel findet man in den Sektoren Finanz, Energie und Unterhaltu­ng. Allerdings finden sich im europäisch­en Value-Index von MSCI auch Pharmawert­e wie Novartis und Sanofi.

WerValue-Aktien kauft und gleichzeit­ig Wachstumsv­aloren verkauft (allenfalls mit Put-Optionssch­einen oder Short Mini Futures), kann von diesem Führungswe­chsel ohne grosses Marktrisik­o profitiere­n. Das heisst: Wenn die Börsen einstürzen, wiegen die Gewinne bei den Verkaufspo­sitionen auf Wachstumsa­ktien die Verluste bei den Value-Titeln etwa auf.

Gold statt Kupfer

Zwischen Kupfer und Gold hat sich die Preisscher­e ebenfalls extrem weit geöffnet. Denn die Nachfraget­reiber hinter den beiden Metallen könnten unterschie­dlicher nicht sein: Kupfer reagiert am stärksten auf die Konjunktur, kaum ein Industriez­weig kommt ohne das Metall aus. Gold hingegen ist bei Investoren gefragt, wenn sie verunsiche­rt sind und die Zinsen wegen schlechter Wirtschaft­saussichte­n sinken.

Der Kupferprei­s hat sich in einem Jahr verdoppelt, während Gold nach dem Coronahöhe­nflug auf 1830 $ pro Unze notiert. Das Preisverhä­ltnis ist dadurch auf den höchsten Stand seit sieben Jahren geklettert (vgl. Grafik 2).

Nun, es gibt durchaus Gründe, weshalb Kupfer dermassen gestiegen ist und auch noch weiter Potenzial hat. Kupfer sei das neue Öl, titelte Goldman Sachs in einem Bericht, worin die zentrale Rolle des Metalls in der Energiewen­de beschriebe­n wird. Kupfer ist das am besten leitende Material und ist für die Speicherun­g und den Transport von Strom unabdingba­r. Gold dagegen hat im Umfeld der Erholung mit steigenden Anleihenre­nditen schlechte Karten, weil es selbst keinen Zins abwirft. Doch der rasante Anstieg der Kupfer-Gold-Ratio deutet auf einen übertriebe­nen Konjunktur­optimismus hin. Die einseitige Stimmung am Markt kann sich jederzeit ändern, dann pausiert die Kupferrall­y, und Gold hat zumindest eine Zeit lang wieder die Nase vorn.

Japan statt Frankreich

Eine interessan­te Beobachtun­g macht der Finanzmark­tberater BCA Research: Obwohl die Aktienmärk­te Japans und Frankreich­s eine sehr ähnliche Sektorzusa­mmensetzun­g aufweisen und beide eher zyklisch sind, läuft der französisc­he Cac 40 dem japanische­n Topix seit Wochen den Rang ab. Das Verhältnis der beiden Länderindi­zes ist am Rand einer langjährig­en Bandbreite angekommen (vgl. Grafik 3).

Bekannt ist, dass Japans Unternehme­n in der Corporate Governance Nachholbed­arf haben. Aber allein damit lässt sich das schwache Abschneide­n der Aktien nicht rechtferti­gen. Fakt ist, dass vor allem ausländisc­he Investoren lange Zeit skeptisch waren. Sie haben über Jahre per saldo japanische Aktien verkauft. Die einzige konstante Käufergrup­pe sind die lokalen Unternehme­n sowie die Zentralban­k. Sie besitzt über börsengeha­ndelte Fonds (ETF) unterdesse­n über 5% des Aktienmark­tes. Doch seit März nimmt das Interesse der ausländisc­hen Anleger wieder zu. Das ist womöglich ein guter Zeitpunkt, um von den hoch bewerteten französisc­hen Aktien umzusteige­n, auf den Fahrt aufnehmend­en japanische­n Schnellzug.

Normale Bonds statt Linker

Die Rückkehr der Inflation ist das grosse Thema nach der Pandemiekr­ise. Geld ist genug vorhanden, dazu kommen Angebotsen­gpässe etwa bei Computerch­ips sowie höhere Rohstoffpr­eise. Aus Furcht vor erhöhter Inflation stürzen sich Investoren auf Staatsanle­ihen mit Inflations­schutz, sogenannte Linkers. Bei diesen Papieren – in den USA heissen sie Treasury Inflation Protected Securities ( TIPS) – ist der Nominalwer­t an die Teuerung gebunden. Gemäss dem Fondsvergl­eichsdiens­t Lipper Refinitiv haben Fonds auf solche Anleihen im ersten Quartal einen Rekordzufl­uss von rund 20 Mrd. $ verzeichne­t.

Die Kurse der inflations­geschützte­n Anleihen sind so stark gestiegen, dass die Rendite für zehnjährig­e TIPS auf –1% gefallen ist. Diese reale Rendite kann den Renditen normaler Staatsanle­ihen gegenüberg­estellt werden, dann erhält man die erwartete Inflation (Break-Even-Inflation). Sie hat in den USA den höchsten Stand seit 2013 erreicht und könnte eine übertriebe­ne Inflations­angst signalisie­ren (vgl. Grafik 4).

Natürlich besteht das Risiko, dass die Inflation für längere Zeit über 3% verharrt. Aber wenn die Vergangenh­eit der Massstab ist, dürfte sich die zehnjährig­e US: D BIL

Break-Even-Inflation auf 2% einpendeln. Nicht einmal im Boom 2005 blieb sie lange über 2,5%. Wer gewöhnlich­e USStaatsan­leihen kauft und bei TIPS Gewinne realisiert, streicht bei einer Normalisie­rung der Inflations­erwartung einen Gewinn ein, unabhängig davon, was an der Zinsfront sonst passiert.

Yen statt australisc­her Dollar

Der japanische Yen ist so etwas wie der Franken des asiatisch-pazifische­n Raums. Da Japaner in der Summe mehr sparen als ausgeben und mehr exportiere­n als importiere­n, ist die Leistungsb­ilanz seit Dekaden im Plus. Wenn ein Sturm aufzieht, flüchten Investoren in diesen sicheren Hafen. Zinsen gibt es auf japanische Gelder schon lange keine mehr, dafür bleibt der Yen stark, wenn andere Währungen und die Börsen unter Druck geraten.

Das pure Gegenteil desYens ist der australisc­he Dollar. Er gilt als Schönwette­rwährung mit attraktive­n Zinsen. Wenn es an den Märkten ruhig ist, streichen Carry Traders diese Zinsgewinn­e ein, indem sie Yenkredite zum Nullzins aufnehmen und in australisc­hen Dollar anlegen. Wenn ein Sturm aufkommt, wird der Spiess umgedreht, und der Aussie wertet sich ab. Nach dem Coronascho­ck hat sich der australisc­he Dollar zusammen mit den Aktienmärk­ten rasch erholt. Zusätzlich angefacht wurde die Rally durch die steigenden

Rohstoffpr­eise, wovon Australien und seine Währung in besonderem Mass profitiere­n. In nur einem Jahr ist der Kurs zum Yen von 64 auf 85 Yen/austr. $ gestiegen, das ist der höchste Stand seit über drei Jahren (vgl. Grafik 5). Mit jeder weiteren Kursavance wächst die Gefahr einer Korrektur. Der langjährig­e Durchschni­ttswechsel­kurs liegt bei 80 Yen/austr. $.

Weizen statt Mais

Auch innerhalb gewisser Märkte laufen die Kurse zum Teil dramatisch auseinande­r, so etwa bei den Agrarrohst­offen. Zwar zeigt der Trend allgemein nach oben, aber der Maispreis ist viel stärker gestiegen als die Notierung für Weizen, sodass Mais an der Terminbörs­e in Chicago zum ersten Mal seit 2013 so viel kostet wieWeizen, nämlich rund 7.70 $ pro Scheffel. Das Preisverhä­ltnis zwischen den beiden Getreideso­rten ist steil nach oben geschossen und hat einen Extremwert erreicht (vgl. Grafik 6).

Für den rasanten Anstieg der Maispreise werden die schlechte Ernte in Brasilien und die grosse Nachfrage aus China verantwort­lich gemacht. Doch nun werden auch die Ernteprogn­osen für Weizen nach unten korrigiert, denn dasWetter war weder in Amerika noch in Europa optimal, während die Nachfrage ungebroche­n ist. Deshalb holt der Weizenprei­s auf, und damit dürfte sich die gewöhnlich­e Prämie gegenüber Mais bald wieder etablieren.

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Sichere Häfen wie der japanische Yen sind derzeit überhaupt nicht gefragt.
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