Wett­rüs­ten im Kampf um den glä­ser­nen Wäh­ler

In den USA in­ves­tie­ren die po­li­ti­schen Par­tei­en im­mer mehr in die Aus­wer­tung von Da­ten­ber­gen

Neue Zurcher Zeitung - - International - Andre­as Rüesch

«Big Da­ta» ist längst nicht mehr nur für Ge­heim­diens­te ein Zau­ber­wort. Auch Wahl­kam­pa­gnen kom­men oh­ne auf­wen­di­ge Da­ten­ana­ly­se nicht mehr aus. Der Kampf um Stim­men hat sich in den USA da­durch stark ver­än­dert. Ame­ri­ka­ni­sche Wahl­kam­pa­gnen stüt­zen sich im­mer mehr auf ei­nen wach­sen­den Berg von Da­ten, die Auf­schluss über das Ver­hal­ten und die po­li­ti­sche Ein­stel­lung ein­zel­ner Bür­ge­rin­nen und Bür­ger ge­ben. Schon frü­her wa­ren die USA be­kannt für mass­ge­schnei­der­te Wahl­kämp­fe. Aber die Me­tho­den, mit de­nen man noch zur Jahr­tau­send­wen­de ver­such­te, An­hän­ger zu iden­ti­fi­zie­ren und zur Stimm­ab­ga­be zu be­we­gen, wir­ken heu­te bei­na­he stein­zeit­lich. An­halts­punk­te wa­ren da­mals vor al­lem die An­ga­ben zur Par­tei­zu­ge­hö­rig­keit in den Wäh­ler­re­gis­tern und so­zio­de­mo­gra­fi­sche Pro­fi­le ein­zel­ner Wahl­be­zir­ke.

Pro­fi­le von je­der und je­dem

Heu­te wis­sen die Kan­di­da­ten über ihr Wahl­volk un­ver­gleich­lich viel mehr. Der «glä­ser­ne Bür­ger» wird in der ame­ri­ka­ni­schen Po­li­tik im­mer mehr zur Rea­li­tät. Bei­de Par­tei­en, De­mo­kra­ten und Re­pu- bli­ka­ner, be­säs­sen in ih­ren Da­ten­ban­ken Pro­fi­le von prak­tisch je­dem Wäh­ler des Lan­des, sagt Ce­lin­da La­ke, ei­ne der füh­ren­den ame­ri­ka­ni­schen Mei­nungs­for­sche­rin­nen. Die­se Pro­fi­le ge­ben nicht nur an, wel­cher Par­tei je­mand zu­zu­ord­nen ist, son­dern be­zif­fern auch die Wahr­schein­lich­keit, mit der die be­tref­fen­de Per­son in ei­ner be­stimm­ten Sach­fra­ge so oder an­ders denkt, wel­che The­men sie be­schäf­ti­gen, wie zu­ver­läs­sig sie an die Ur­ne geht, wie ih­re Ein­kom­mens­si­tua­ti­on aus­sieht und über wel­che Ka­nä­le sie be­ein­fluss­bar ist.

Doch wo­her kom­men all die­se Da­ten, und wo­zu wer­den sie ge­braucht? Von den Be­hör­den be­zie­hen die Kam­pa­gnen Da­ten aus den Wahl­re­gis­tern, wie Na­me, Ge­schlecht, Ge­burts­jahr und Adres­se. Von Markt­for­schungs­un­ter­neh­men kön­nen In­for­ma­tio­nen zu­ge­kauft wer­den, dar­un­ter Te­le­fon­num­mern, An­ga­ben über Kon­sum­ge­wohn­hei­ten, Finanzen und Bil­dungs­stand.

Der Da­ten­hun­ger kennt da­bei kaum Gren­zen. Bei ei­nem Ge­spräch in Zü­rich, wo sie die­se Wo­che für den Cam­pai­gning Sum­mit weil­te, ei­ne Kon­fe­renz zum Wis­sens­aus­tausch zwi­schen po­li­ti­schen Stra­te­gen, nennt Ce­lin­da La­ke ein Bei­spiel: Wer im Staat Mai­ne für ei­nen Auf­preis ein spe­zi­el­les Au­to­kenn­zei­chen mit dem Bild ei­nes be­droh­ten Was­ser­vo­gels er­wirbt, lan­det in ei­ner öf­fent­lich zu­gäng­li­chen Da­ten­bank und ou­tet sich da­mit als öko­lo­gisch en­ga­gier­ter Bür­ger. Mehr noch: Kor­re­la­ti­ons­ana­ly­sen zeig­ten, dass es sich mit ho­her Wahr­schein­lich­keit auch um je­man­den hand­le, dem die Gleich­stel­lung von Ho­mo­se­xu­el­len wich­tig sei.

War «Da­ta Mi­ning» bis vor kur­zem aus Kos­ten­grün­den noch auf Prä­si­dent­schafts­wah­len be­schränkt, hat die­se Pra­xis bei den Zwi­schen­wah­len des ver­gan­ge­nen Jah­res auch auf glied­staat­li­cher Ebe­ne Ein­zug ge­hal­ten. Aber noch im­mer lie­gen po­li­ti­sche Kam­pa­gnen weit hin­ter den aus­ge­klü­gel­ten Me­tho­den zu­rück, wel­che die Ge­schäfts­welt und die Ge­heim­diens­te seit Jah­ren ver­fei­nern. «Die­se Wel­ten sind uns un­end­lich weit vor­aus», sagt La­ke.

Im­mer wich­ti­ger wird die Analyse der Spu­ren, die Wäh­ler im In­ter­net und be­son­ders in so­zia­len Netz­wer­ken hin­ter­las­sen. Schon 2012 pas­sier­te es ei­nem, dass sich nach dem Be­such ge­wis­ser Web­sites plötz­lich ein Fens­ter mit ei­nem Vi­deo von Mitt Rom­ney auf­tat. Doch das ist erst der An­fang. Neue Ana­lys­e­in­stru­men­te wie at­ten­ti­ve.ly er­lau­ben es, an­hand der E-Mail-Adres­sen von An­hän­gern sys­te­ma­tisch aus­zu­wer­ten, wie die­se Per­so­nen in ih­ren Netz­wer­ken kom­mu­ni­zie­ren. Wer sich et­wa über Face­book zu ei­nem be­stimm­ten The­ma äus­sert, kann dann au­to­ma­tisch mit ei­ner mass­ge­schnei­der­ten Wer­be­bot­schaft ei­nes Kan­di­da­ten be­ein­flusst wer­den. Das­sel­be gilt für Twit­te­rer, die auf­grund des In­halts ih­rer Tweets mit Di­rekt­nach­rich­ten aus ei­nem Wahl­kampf­stab ein­ge­deckt wer­den.

Cl­in­ton und die Frau­en

Die Da­ten­ope­ra­tio­nen der De­mo­kra­ten wa­ren bei den bei­den Kam­pa­gnen für Ba­rack Oba­ma noch ein­deu­tig über­le­gen, aber in letz­ter Zeit sorgt die Auf­hol­jagd der Re­pu­bli­ka­ner für Auf­se­hen. Mit fi­nan­zi­el­ler Un­ter­stüt­zung der Ge­brü­der Koch, zwei­er kon­ser­va­ti­ver In­dus­tri­el­ler, ge­lang es, un­ter dem Dach ei­ner Fir­ma na­mens i360 ei­ne Da­ten­bank mit po­li­tisch re­le­van­ten In­for­ma­tio­nen über 250 Mil­lio­nen Ame­ri­ka­ner zu schaf­fen. Bei den letz­ten Kon­gress­wah­len brach­te die­se In­ves­ti­ti­on von mehr als 50 Mil­lio­nen Dol­lar be­reits kon­kre­te Früch­te. Die Wahl­for­sche­rin La­ke, die dem de­mo­kra­ti­schen La­ger an­ge­hört, gibt un­um­wun­den zu, dass die Re­pu­bli­ka­ner schnel­ler auf­ge­holt hät­ten, als die De­mo­kra­ten ge­dacht hät­ten. Bei den Prä­si­dent­schafts­wah­len von 2016 wür­den die bei­den La­ger punk­to «Da­ta Mi­ning» eben­bür­tig sein.

Der Wett­lauf um die Auf­rüs­tung der Da­ten-Ar­sena­le geht so­mit wei­ter. Mit dem Ab­gang von Oba­ma und der mut­mass­li­chen Kan­di­da­tur Hil­la­ry Cl­in­tons ste­hen die De­mo­kra­ten oh­ne­hin vor ei­ner neu­en Aus­gangs­la­ge. Ei­ne Cl­in­ton-Kam­pa­gne wer­de ein stär­ke­res Au­gen­merk auf weib­li­che Wäh­ler rich­ten und we­ni­ger auf jun­ge, glaubt La­ke. Ver­hei­ra­te­te Frau­en stimm­ten 2012 mehr­heit­lich für den Re­pu­bli­ka­ner Rom­ney; Ver­bes­se­rungs­po­ten­zi­al für die De­mo­kra­ten be­steht hier so­mit noch. Da­bei gilt es laut La­ke, die da­ten­ba­sier­te Tak­tik wei­ter zu ver­fei­nern, bei­spiels­wei­se in ei­nem Haus­halt mit ei­nem re­pu­bli­ka­ni­schen Ehe­mann die Ehe­frau mit Cl­in­ton-freund­li­chen In­for­ma­tio­nen zu ver­sor­gen.

Bei all dem bleibt klar, dass Da­ten­ana­ly­se zwar ein wich­ti­ges In­stru­ment ist, aber kei­ne Ga­ran­tie für den Sieg. Über­zeu­gen­de Ide­en und glaub­wür­di­ge Kan­di­da­ten blei­ben die Vor­aus­set­zung. Nach An­sicht von La­ke glau­ben man­che De­mo­kra­ten selbst­ge­recht, dass ih­nen dank de­mo­gra­fi­schen Trends, et­wa dem wach­sen­den Ge­wicht nicht­weis­ser Wäh­ler, die Zu­kunft ge­hö­re. Trotz­dem er­litt die Par­tei im No­vem­ber ei­ne Nie­der­la­ge. «Wer es nicht schafft, sei­ne An­hän­ger an die Ur­ne zu brin­gen, holt sich ei­ne blu­ti­ge Na­se.»

Ce­lin­da La­ke Wahl­for­sche­rin

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