Schrumpf­köp­fe an­de­rer Art

In Mün­chen ge­langt Wä­sche von Hit­ler und Gö­ring zur Ver­stei­ge­rung

Neue Zurcher Zeitung - - FEUILLETON -

Wem fehlt noch ei­ne sei­de­ne Un­ter­ho­se von Her­mann Gö­ring, Bund­wei­te üp­pi­ge 114 Zen­ti­me­ter, der Bund drei­fach, der Schritt ein­mal ge­knöpft? Trägt so­gar ein ein­ge­stick­tes Mo­no­gramm, das gu­te Stück. Wie, kein Be­darf? Zu ha­ben wä­re auch der Mes­sing­be­häl­ter, in dem sich die Phio­le mit Blau­säu­re be­fand, mit der sich der Na­zi-Reichs­mar­schall um­brach­te, um nach den Nürn­ber­ger Pro­zes­sen dem Tod durch den Strang zu ent­ge­hen.

Der Er­werb könn­te al­ler­dings teu­er wer­den. 25 000 Eu­ro hat das Münch­ner Auk­ti­ons­haus Her­mann His­to­ri­ca als Start­preis fest­ge­setzt. Bei der Ver­stei­ge­rung am 18. Ju­ni ist, deut­lich nied­ri­ger ta­xiert, auch der Hun­de­steu­er­be­scheid von Adolf Hit­ler im An­ge­bot. Des Wei­te­ren Kra­wat­ten und So­cken des «Füh­rers», Klei­der sei­ner Ge­lieb­ten Eva Braun, Ti­sch­wä­sche aus der Reichs­kanz­lei und per­sön­li­che Din­ge und Auf­zeich­nun­gen an­de­rer Na­zi-Grös­sen.

Auk­tio­nen von Na­zi-De­vo­tio­na­li­en fin­den im­mer wie­der statt, gleich, ob in Deutsch­land, Frank­reich, den USA oder in der Schweiz. Ver­bo­ten sind sie nicht. Die deut­sche Ge­setz­ge­bung ist im Be­wusst­sein his­to­ri­scher Schuld und fort­dau­ern­der Ver­ant­wor­tung stren­ger als an­ders­wo, doch schrei­tet Jus­ti­tia nur ein, wenn na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Sym­bo­le in den öf­fent­li­chen Raum ge­tra­gen wer­den, wo sie als Pro­pa­gan­da wir­ken könn­ten. Her­mann His­to­ri­ca ver­si­chert, man sei sich «der Ver­ant­wor­tung ins­be­son­de­re für Ob­jek­te der deut­schen Zeit­ge­schich­te be­wusst» und ver­mitt­le sie «nur un­ter stren­gen Auf­la­gen an Mu­se­en, Ar­chi­ve und ernst­haf­te Samm­ler». Den On­line-Ka­ta­log für die Auk­ti­on am 18. Ju­ni kann nur ein­se­hen, wer ein Pass­wort er­hal­ten hat. Ernst­haf­te von nicht ernst­haf­ten Samm­lern zu un­ter­schei­den, dürf­te al­ler­dings schwie­rig sein.

Mr. Lat­ti­mers Sam­mel­wut

Die Furcht, mit dem iden­ti­fi­ziert zu wer­den, was man ver­stei­gert, ist gross. Wohl­weis­lich be­glei­tet Her­mann His­to­ri­ca sei­ne Auk­ti­on mit dem Be­kennt­nis, Na­zis und Neo­na­zis «strikt» ab­zu­leh­nen. Le­gi­ti­mi­tät stif­tet, dass die Ob­jek­te aus der Samm­lung des US-Ame­ri­ka­ners John K. Lat­ti­mer stam­men, der al­ler brau­nen Um­trie­be un­ver­däch­tig ist. Der Hoch­leis­tungs­sport­ler und Arzt kam im Zwei­ten Welt­krieg mit der US-Ar­my nach Eu­ro­pa. Wäh­rend der Nürn­ber­ger Pro­zes­se war er für die me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung der An­ge­klag­ten ver­ant­wort­lich und un­ter­such­te auch Gö­rings Lei­che nach des­sen Selbst­mord.

Die «FAZ» hält es für of­fen­kun­dig, dass Lat­ti­mer die­se Tä­tig­kei­ten nutz­te, um per­sön­li­che Din­ge von NS-Grös­sen mit­ge­hen zu las­sen. Sei­ne Sam­mel­wut war nicht auf die Hit­ler­zeit be­schränkt und be­sass epi­sche Aus­mas­se. In­di­ge­ne Kul­tur ver­moch­te ihn zu in­ter­es­sie­ren, be­son­ders aber schei­nen es ihm die wir­kungs­mäch­ti­gen Fi­gu­ren der Ge­schich­te an­ge­tan zu ha­ben, und dies um­so mehr, wenn es et­was In­ti­mes von ih­nen zu er­gat­tern gab: ein zwei­fel­haf­tes Stück von Na­po­le­ons Pe­nis, ein blut­ge­tränk­tes Hemd von Abra­ham Lin­coln und dann eben die per­sön­li­chen Din­ge von ex­po­nier­ten Ver­tre­tern des NS-Re­gimes, die er zum Teil aus ers­ter Hand be­zog.

Man muss al­so nicht rechts­ra­di­kal sein, um sich für Na­zi-Me­mo­ra­bi­lia zu in­ter­es­sie­ren. Auch die Freun­de von Mi­li­ta­ria-Auk­tio­nen sind, ob­zwar Waf­fen­nar­ren, nicht not­wen­dig Mi­li­ta­ris­ten. Samm­ler und ih­re In­ter­es­sen­ge­bie­te sind ei­ne Sa­che für sich. Der ei­ne ent­flammt für St­ei­ne und Kris­tal­le, der an­de­re für In­stru­men­te, Au­tos, Brief­mar­ken, Spiel­zeug, Kä­fer oder Schmet­ter­lin­ge. Dem Aus­sen­ste­hen­den er­schei­nen die Pas­sio­nen oft als skur­ril, je­den­falls über­trie­ben. Selbst Kunst- und Bü­cher­samm­ler, de­ren Lei­den­schaft ih­nen weit mehr Pres­ti­ge als Stig­ma ein­trägt, sind vom Ver­dacht nicht frei, letzt- lich doch Son­der­lin­ge zu sein: Wie kann man sein Herz so an Ob­jek­te hän­gen?

Und wie erst, wenn es sich um Ge­schmack­lo­sig­kei­ten han­delt? Der Bri­te Vik­tor Wynd et­wa ist be­kannt für sei­ne Lust am Ab­sei­ti­gen, Kit­schi­gen, Mon­s­trö­sen. Wynd fällt ei­nem ein, weil sei­ne schrä­ge Samm­lung ne­ben Plüsch­tie­ren auch Schrumpf­köp­fe birgt. Bei so ei­nem Schrumpf­kopf reicht der blos­se An­blick für Gru­se­lef­fek­te. Bei Gö­rings Un­ter­ho­se ist das nicht der Fall. Aber weiss man von den Ver­bre­chen des NSRe­gimes, denkt an die Lei­chen­ber­ge, dann kann die Ver­ge­gen­wär­ti­gung die­ses his­to­ri­schen Kon­tex­tes ei­nen Ekel vor NS-De­vo­tio­na­li­en er­zeu­gen.

Im Di­enst der Auf­klä­rung?

Über­spitzt ge­sagt: All das Zeug, was Her­mann His­to­ri­ca die­ser Ta­ge ver­stei­gert, un­ter­schei­det sich nur phä­no­me­no­lo­gisch von Schrumpf­köp­fen. Es schau­der­haft zu fin­den, ist ei­ne Fra­ge der Vor­stel­lungs­kraft, des Aus­blen­dens oder Mit­den­kens. Al­bern wird es, wenn Auk­tio­nen mit NS-De­vo­tio­na­li­en mit dem Ar­gu­ment ver­tei­digt wer­den, die Zir­ku­la­ti­on der Ob­jek­te die­ne der Auf­klä­rung und dem Ge­schichts­be­wusst­sein. Wer Gö­rings Leib­wä­sche er­stei­gert, wird ge­wiss nicht klü­ger. Er frönt ei­ner Pas­si­on, die mit Kult und Au­ra zu tun hat, mit dem Ver­lan­gen, et­was ganz Be­son­de­res zu be­sit­zen. Man kann auch von Mas­sen­mör­dern fas­zi­niert sein, um­so mehr, wenn sie be­rühmt sind.

Sam­meln für sich ge­nom­men ist harm­los, kein Fall für Straf­ver­fol­gung. Kri­tik an der Münch­ner Auk­ti­on und der­glei­chen ar­gu­men­tiert meist so­zi­al­psy­cho­lo­gisch und mo­ra­lisch. Be­an­stan­det wird et­wa, sol­che Ver­stei­ge­run­gen wür­den der Öf­fent­lich­keit den Ein­druck ver­mit­teln, Na­zi-Re­lik­te sei­en be­geh­rens­wert, und das lau­fe auf ih­re No­bi­li­tie­rung hin­aus. Ver­lan­gen lies­se sich auch mehr Fein­ge­fühl ge­gen­über den Op­fern des NS-Völ­ker­mords, die der­lei als ver­let­zend emp­fin­den müss­ten.

Auf his­to­ri­sche Scham zu po­chen, ver­fängt aber bei ein­ge­fleisch­ten Samm­lern so we­nig wie bei ge­schäfts­tüch­ti­gen Auk­ti­ons­häu­sern. Ih­ren Geg­nern und Ve­räch­tern bleibt, wo po­li­ti­sche Vor­be­hal­te und Rechts­nor­men nicht zie­hen, nur die af­fek­ti­ve, ins Grund­sätz­li­che zie­len­de Ab­wehr: «Was habt ihr für ei­nen grau­en­haf­ten Ge­schmack?» oder «Das ist un­an­stän­dig, was ihr tut». War­um so ri­go­ro­se Tö­ne? Weil es ans Ein­ge­mach­te geht. Ge­schmacks­fra­gen sind Cha­rak­ter­fra­gen, Äs­t­he­tik und Ethik sind ver­klam­mert. Le style c’est l’hom­me me­meˆ – das gilt auch für die Sti­le des Sam­melns.

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