Bay­ern­wahl lässt Berlin er­zit­tern

Die er­war­te­te Wahl­schlap­pe der CSU schwächt auch die Kanz­le­rin

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Aktuell - Sil­ke Mer­t­ins, Berlin

Bei der Land­tags­wahl heu­te Sonn­tag in Bay­ern muss die CSU mit ei­ner his­to­ri­schen Wahl­nie­der­la­ge rech­nen. Al­le Um­fra­gen sa­gen den Christ­so­zia­len mit Mi­nis­ter­prä­si­dent Mar­kus Sö­der als Spit­zen­kan­di­dat vor­aus, dass sie die ab­so­lu­te Mehr­heit ver­lie­ren wer­den. Zwar muss­te die CSU 2008 schon ein­mal ei­ne Ko­ali­ti­on ein­ge­hen. Doch da­mals er­reich­te sie noch über 43 Pro­zent, wäh­rend sich die­ses Mal laut den De­mo­sko­pen höchs­tens noch 34 Pro­zent der Wäh­ler für sie ent­schei­den wer­den.

Gleich­zei­tig muss sich auch die SPD auf ein dra­ma­ti­sches Wah­l­er­geb­nis ein­stel­len. Das Zdfpo­lit­ba­ro­me­ter von die­ser Wo­che sieht die tra­di­ti­ons­rei­che Volks­par­tei bei 12 Pro­zent. Sie wird wohl nur noch dritt­stärks­te Par­tei nach den Grü­nen, die mit 19 Pro­zent in Bay­ern ei­nen Hö­hen­flug er­le­ben. Als si­cher gilt aus­ser­dem, dass die rechts­po­pu­lis­ti­sche AFD mit rund 10 Pro­zent in den bay­ri­schen Land­tag ein­zieht.

Das vor­aus­sicht­li­che Wahl­de­ba­kel lässt Berlin schon jetzt schlimms­te Tur­bu­len­zen auch für die gros­se Ko­ali­ti­on be­fürch­ten. Die Er­geb­nis­se könn­ten «Er­schüt­te­run­gen mit sich brin­gen», sag­te Bun­des­tags­prä­si­dent Wolf­gang Schäu­b­le, ein lang­jäh­ri­ger Ver­trau­ter von Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel, in ei­nem am Sams­tag ge­sen­de­ten In­ter­view mit dem Sen­der SWR. Sie könn­ten da­mit «ein Stück weit auch Aus­wir­kun­gen auf die Bun­des­po­li­tik und da­mit auf das An­se­hen der Kanz­le­rin» ha­ben. Mer­kel sei nicht mehr so «un­be­strit­ten, wie sie über drei Le­gis­la­tur­pe­ri­oden oder über zwei­ein­halb Le­gis­la­tur­pe­ri­oden ge­we­sen ist». Sie ver­fü­ge aber im­mer noch über ho­he Zu­stim­mungs­wer­te, um die sie die meis­ten eu­ro­päi­schen Re­gie­rungs­chefs be­nei­de­ten.

Die CSU hat mit Blick auf die Bay­ern­wahl und dem Wunsch, sich am rech­ten Rand zu pro­fi­lie­ren, die Ko­ali­ti­on in Berlin be­reits seit Mo­na­ten in Atem ge­hal­ten. Sie schlit­tert von ei­ner Re­gie­rungs­kri­se in die nächs­te und macht vor al­lem we­gen Rei­be­rei­en zwi­schen Mer­kel und In­nen­mi­nis­ter Horst See­ho­fer (CSU) Schlag­zei­len. Soll­te die CSU noch schlech­ter ab­schnei­den als er­war­tet, müss­te er als Par­tei­chef wohl ge­hen. Die CSU wür­de Mer­kel für das schlech­te Ab­schnei­den mit­ver­ant­wort­lich ma­chen und für neu­en Streit sor­gen.

Ähn­lich ge­fähr­lich könn­te sich das Wah­l­er­geb­nis der SPD aus­wir­ken. Der lin­ke Flü­gel der Par­tei hat sich oh­ne­hin nur wi­der­wil­lig auf ei­ne gros­se Ko­ali­ti­on ein­ge­las­sen. Par­tei­che­fin Andrea Nah­les hat im Früh­jahr nur mit Müh und Not den Par­tei­tag hin­ter sich brin­gen kön­nen. Das Haupt­ar­gu­ment ih­rer Geg­ner: Ei­ne Neu­auf­la­ge der gros­sen Ko­ali­ti­on ist po­li­ti­scher Selbst­mord. Ein wei­te­rer Ab­sturz der So­zi­al­de­mo­kra­ten könn­te ih­nen recht ge­ben und auch die Par­tei­füh­rung da­zu brin­gen, aus dem Re­gie­rungs­bünd­nis aus­stei­gen zu wol­len.

So­wohl SPD als auch Uni­on wür­den mit dem gros­sen Stüh­le­rü­cken al­ler­dings wohl bis nach den Land­tags­wah­len in Hes­sen En­de Ok­to­ber war­ten, wo der­zeit ei­ne schwarz­grü­ne Ko­ali­ti­on re­giert. Laut den Um­fra­gen sieht es auch dort nach her­ben Ver­lus­ten für die bei­den Volks­par­tei­en aus, von de­nen vor al­lem die Grü­nen und die AFD pro­fi­tie­ren.

Doch wäh­rend Schwar­zg­rün in Hes­sen mit et­was Glück wei­ter­re­gie­ren kann, ist die La­ge in Bay­ern völ­lig an­ders. Im Frei­staat könn­te ei­ne neue Ära an­bre­chen. Die CSU müss­te nicht nur ei­nen Be­deu­tungs­ver­lust in Berlin ver­kraf­ten, son­dern sich mit dem Ge­dan­ken ver­traut ma­chen, dass auch in Bay­ern Ko­ali­tio­nen die Re­gel wer­den. Für ei­ne Par­tei wie die CSU, die bis auf ei­ne Aus­nah­me, über Jahr­zehn­te al­lein re­gier­te, wird das schwie­rig.

Zu al­lem Über­fluss kä­men für ei­ne Zwei­er­ko­ali­ti­on nach der­zei­ti­ger La­ge nur die Grü­nen in­fra­ge. Laut dem Zdf-po­lit­ba­ro­me­ter wünscht sich ei­ne Mehr­heit ei­ne sol­che Ko­ali­ti­on. Sö­der be­klag­te sich dar­auf­hin in ei­nem Tv-in­ter­view, dass ihn noch nie ein Um­fra­ge­insti­tut an­ge­ru­fen ha­be. Er hal­te die Grü­nen für «nicht ko­ali­ti­ons­fä­hig». Al­ter­na­tiv bleibt Sö­der nur ein Drei­er­bünd­nis mit den kon­ser­va­ti­ven Frei­en Wäh­lern und der FDP. Doch die FDP muss ein­mal mehr um den Ein­zug in den Land­tag zit­tern.

Noch herr­schen sie: Sö­der (links), See­ho­fer. (Mün­chen, 12. 10. 2018)

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.