Zwei Au­to­kra­ten im Streit um ei­nen ver­schwun­de­nen Jour­na­lis­ten

Die Fall Khas­hog­gi hat den tür­ki­schen Prä­si­den­ten und den sau­di­schen Kron­prin­zen auf Kol­li­si­ons­kurs ge­bracht. Doch die Ri­va­li­tät der bei­den Macht­ha­ber geht viel tie­fer.

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - International Türkei - Von Inga Rogg, Istan­bul

Zwei Män­ner, die auf den ers­ten Blick ver­schie­de­ner nicht sein könn­ten. Der ei­ne, jung und den schö­nen Sei­ten des Le­bens zu­ge­tan, lä­chelt ger­ne und ver­steht es, mit Charme west­li­che Gast­ge­ber für sich ein­zu­neh­men. Der an­de­re, be­reits im Herbst sei­nes Le­bens, gibt sich as­ke­tisch, auch wenn er in ei­nem sünd­haft teu­ren, über­di­men­sio­nier­ten Pa­last lebt, blickt meist sau­er­töp­fisch in die Ka­me­ras und scheut nicht da­vor zu­rück, sei­nen Gast­ge­bern Lek­tio­nen zu er­tei­len. Der ei­ne will sei­nen Un­ter­ta­nen zu ei­nem fri­vo­le­ren Le­ben ver­hel­fen, der an­de­re will es sei­nen Bür­gern lie­ber aus­trei­ben. Rein al­ter­mäs­sig könn­te der ei­ne, der sau­di­sche Kron­prinz Mo­ham­med bin Sal­man, der Sohn des an­de­ren, des tür­ki­schen Prä­si­den­ten Re­cep Tay­yip Er­do­gan sein.

Doch so­wohl Er­do­gan als auch der sau­di­sche Kron­prinz sind von ei­ner Vi­si­on ge­trie­ben: Sie wol­len nicht nur ih­re Län­der, son­dern die ge­sam­te Re­gi­on um­krem­peln. Da­bei sind bei­de we­nig zim­per­lich ge­gen­über Kri­ti­kern. Die Tür­kei steht im zwei­fel­haf­ten Ruf, der welt­weit gröss­te Ge­fäng­nis­wär­ter von Jour­na­lis­ten zu sein. Sau­di­ara­bi­en hat Hun­der­te von Ak­ti­vis­ten, Frau­en­recht­le­rin­nen, kri­ti­schen Geist­li­chen und Ge­schäfts­leu­ten in­haf­tiert. Bei­de Län­der ha­ben Kri­ti­ker im Aus­land ver­schleppt. Doch nun steht Sau­di­ara­bi­en im Ver­dacht, ei­ne ro­te Li­nie über­schrit­ten zu ha­ben. An­ka­ra be­schul­digt Ri­ad, den Jour­na­lis­ten Ja­mal Khas­hog­gi im kö­nig­li­chen Kon­su­lat in Istan­bul er­mor­det zu ha­ben.

Der ei­ne will sei­nen Un­ter­ta­nen zu ei­nem fri­vo­le­ren Le­ben ver­hel­fen, der an­de­re will es sei­nen Bür­gern lie­ber aus­trei­ben.

Ri­va­li­sie­ren­de Sun­ni­ten

Was tür­ki­sche Re­gie­rungs­ver­tre­ter und Er­mitt­ler bis­her an die Öf­fent­lich­keit ha­ben durch­si­ckern las­sen, klingt wie das Dreh­buch zu ei­nem Ta­ran­ti­no­film: Ein 15­köp­fi­ges Kom­man­do fliegt mit ei­nem Spe­zia­lis­ten für Spu­ren­ und Lei­chen­be­sei­ti­gung in Pri­vat­ma­schi­nen in die Tür­kei, lau­ert Khas­hog­gi im Kon­su­lat auf, ver­hört und fol­tert ihn, bringt ihn schliess­lich um, zer­stü­ckelt sei­ne Lei­che und be­sei­tigt die­se. Das al­les wis­sen die Er­mitt­ler an­geb­lich so ge­nau, weil Khas­hog­gi sei­ne ei­ge­ne Er­mor­dung auf­ge­zeich­net ha­ben soll – mit der App­le Watch, die er an­geb­lich trug. Das sau­di­sche Kö­nigs­haus be­strei­tet hef­tig, et­was mit dem Ver­schwin­den des pro­mi­ nen­ten Kri­ti­kers zu tun zu ha­ben. Die Be­rich­te, das Kö­nigs­haus ha­be die Er­mor­dung von Khas­hog­gi an­ge­ord­net, sei­en «Lü­gen» und «halt­lo­se An­schul­di­gun­gen», er­klär­te In­nen­mi­nis­ter Ab­du­la­ziz bin Saud bin Naif bin Ab­du­la­ziz am Frei­tag­abend. Fest steht: Seit­dem der Jour­na­list am 2. Ok­to­ber kurz vor 13 Uhr 15 das Kon­su­lat be­trat, gibt es von ihm kein Le­bens­zei­chen mehr.

Was im­mer an je­nem Di­ens­tag in dem Ge­bäu­de im Istan­bu­ler Be­zirk Levent ge­schah, könn­te Fol­gen ha­ben für die ge­sam­te Re­gi­on. In die­ser spielt sich ne­ben der Ri­va­li­tät zwi­schen dem schii­ti­schen Iran und dem sun­ni­ti­schen Sau­di­ara­bi­en ein er­bit­ter­ter Rich­tungs­streit in­ner­halb des sun­ni­ti­schen La­gers ab, wo­bei der ehr­gei­zi­ge Kron­prinz auf der ei­nen und der nicht min­der ehr­gei­zi­ge tür­ki­sche Prä­si­dent auf der an­de­ren Sei­te steht.

Dass sich Er­do­gan im Fall Khas­hog­gi bis­her mit di­rek­ten An­schul­di­gun­gen an das Kö­nigs­haus zu­rück­ge­hal­ten hat, füh­ren Be­ob­ach­ter dar­auf zu­rück, dass er die Rü­cken­de­ckung des ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten Do­nald Trump sucht. «An­ka­ra zieht es vor, dass Wa­shing­ton ge­gen­über Sau­di­ara­bi­en die Füh­rung über­nimmt», sagt Öz­gür Ün­lüh­isar­cik­li vom «Ger­man Mar­shall Fund of the Uni­ted Sta­tes» in An­ka­ra. «Prä­si­dent Trump mag zö­gern, Sau­di­ara­bi­en zu sank­tio­nie­ren, aber im Kon­gress zeich­net sich ein par­tei­über­grei­fen­der Kon­sens ab, das Kö­nigs­haus zu be­stra­fen.» Die In­for­ma­tio­nen der Tür­kei wür­den die Wahr­schein­lich­keit er­hö­hen, dass der ame­ri­ka­ni­sche Kon­gress Schrit­te er­greift, so Ün­lüh­isar­cik­li ge­gen­über die­ser Zei­tung.

Un­ge­ach­tet ih­rer Dif­fe­ren­zen ha­ben sich Er­do­gan und der Kron­prinz, von vie­len nur MBS ge­nannt, um ein ei­ni­ger­mas­sen ein­ver­nehm­li­ches Ver­hält­nis be­müht. Tra­ten die­se doch ein­mal of­fen zu­ta­ge, be­müh­ten sich bei­de ei­ligst, die Wo­gen zu glät­ten. Das kann nicht dar­über hin­weg­täu­schen, wie tief die­se sind. Als vor acht Jah­ren die Auf­stän­de in der ara­bi­schen Welt aus­bra­chen, stell­te sich Er­do­gan nach an­fäng­li­chem Zö­gern mit al­ler Wucht hin­ter die Re­bel­lio­nen, vor al­lem sei­ne Ver­bün­de­ten im Geis­te – die Mus­lim­brü­der. Schon da­mals stemm­te sich Ri­ad, das dar­in ei­ne Be­dro­hung der be­ste­hen­den Ord­nung sah, mit al­len Mit­teln ge­gen die Um­wäl­zun­gen. Die St­un­de der Sau­dis schlug schliess­lich, als die ägyp­ti­sche Ar­mee im Som­mer 2013 den ge­wähl­ten, aber höchst um­strit­te­nen Prä­si­den­ten Mo­ham­med Mur­si, ei­nen Mus­lim­bru­der, stürz­te. Mo­na­te­lang zog Er­do­gan ge­gen den neu­en Macht­ha­ber Ab­del­f­a­tah Si­si und sei­ne Un­ter­stüt­zer vom Le­der. Ob­wohl er sich heu­te mit öf­fent­li­chen An­wür­fen zu­rück­hält, macht er kein Hehl aus sei­nem Groll. Ein Zei­chen da­für ist der Vier­fin­ger­gruss in Er­in­ne­rung an das Mas­sa­ker an den Mus­lim­brü­dern auf Ägyp­tens Ra­baa­platz im Au­gust 2013, den er in­zwi­schen zum Mar­ken­zei­chen sei­ner Par­tei­gän­ger ge­macht hat.

Dis­put scha­det fried­li­cher Lö­sung

Als MBS im ver­gan­ge­nen Jahr ge­mein­sam mit sei­nen Ver­bün­de­ten, den Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­ten (VAE), den klei­nen Nach­barn Ka­tar mit ei­ner Blo­cka­de be­leg­te, war Er­do­gan der Ers­te, der dem Golf­staat zur Sei­te sprang. An­ka­ra schick­te Trup­pen und lie­fer­te über ei­ne Luft­brü­cke Le­bens­mit­tel und Me­di­ka­men­te. Wie die Tür­kei ge­hört Ka­tar zu den wich­tigs­ten Un­ter­stüt­zern der Mus­lim­brü­der. Für MBS und die Emi­ra­ti nicht nur ein ro­tes Tuch, aus ih­rer Sicht sind sie «Ter­ro­ris­ten». Dass Khas­hog­gi, der vor ei­nem Jahr aus Furcht vor dem Kron­prin­zen ins Us-exil floh, of­fen für sie Par­tei er­griff, mach­te ihn in den Au­gen der sau­di­schen Hof­pres­se zum Ver­rä­ter. Von Er­do­gan wur­de er da­ge­gen ge­nau des­we­gen mit of­fe­nen Ar­men emp­fan­gen.

Soll­ten die Sau­di den pro­mi­nen­ten Kri­ti­ker tat­säch­lich in der Tür­kei um­ge­bracht ha­ben, hät­ten sie da­mit mit­ten ins Hor­nis­sen­nest des Macht­kampfs zwi­schen den bei­den Re­gio­nal­mäch­ten ge­sto­chen. Soll­ten die Span­nun­gen zwi­schen Sau­di­ara­bi­en und der Tür­kei zu­neh­men, wür­de dies auch den Kon­flikt mit Ka­tar, als des­sen Stell­ver­tre­ter An­ka­ra auf­tritt, ver­tie­fen, sagt Joost Hil­ter­mann, Lei­ter der Nah­ost­ab­tei­lung der Denk­fa­brik «In­ter­na­tio­nal Cri­sis Group». «Die­ser Dis­put in­fi­ziert die po­li­ti­schen Kon­flik­te in der ge­sam­ten Re­gi­on», so Hil­ter­mann ge­gen­über die­ser Zei­tung. «Er ist sehr zer­stö­re­risch, weil er die Chan­cen un­ter­gräbt, fried­li­che Lö­sun­gen für die­se Kon­flik­te zu fin­den.»

Be­müh­ten sich oft um ein Ein­ver­neh­men: Mo­ham­med bin Sal­man und Re­cep Tay­yip Er­do­gan. (Jed­dah, 23. Ju­li 2017)

Ak­ti­vis­ten vor dem sau­di­schen Kon­su­lat. (Istan­bul, 9. Ok­to­ber 2018)

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