«Trump ist ein un­er­war­te­ter Se­gen»

Sei es sei­ne Rich­ter­wahl, der Han­dels­krieg oder sei­ne Hal­tung zur Kli­ma­er­wär­mung: Der Us-prä­si­dent po­la­ri­siert die USA. Wir ha­ben mit Ge­win­nern und Ver­lie­rern sei­ner Po­li­tik ge­spro­chen.

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - International Usa - Von Andre­as Mink

Die Kon­gress­wah­len in den USA wer­den do­mi­niert von ei­nem The­ma: Do­nald Trump. Der Usprä­si­dent pro­fi­tiert der­zeit von der star­ken Kon­junk­tur mit his­to­risch nied­ri­ger Ar­beits­lo­sig­keit. Die­se brach­te so­gar erst­mals seit den acht­zi­ger Jah­ren ei­nen deut­li­chen An­stieg der Durch­schnitts­löh­ne. Mit sei­ner Po­li­tik po­la­ri­siert Trump al­ler­dings das Land: Die von ihm und den Re­pu­bli­ka­nern in Wa­shing­ton durch­ge­setz­ten Steu­er­sen­kun­gen ha­ben die Un­ter­neh­men und die Bör­se be­flü­gelt und nüt­zen den Wohl­ha­ben­den; sie schwä­chen je­doch die öf­fent­li­chen Haus­hal­te wei­ter. Vom Trump­schen Han­dels­krieg pro­fi­tie­ren die Koh­le- und die Stahl­in­dus­trie, doch vie­le Bau­ern lei­den dar­un­ter. Sei­ne No­mi­nie­rung von kon­ser­va­ti­ven Rich­tern ver­zückt die streng­gläu­bi­gen Chris­ten im Land, em­pört je­doch vie­le li­be­ral den­ken­de Frau­en.

Sechs Men­schen in Ame­ri­ka er­zäh­len uns, wie ihr Le­ben von Trumps Po­li­tik ge­prägt wird:

Ge­win­ner De­nis O’bri­en, 61, An­la­ge­be­ra­ter aus Mys­tic, Con­nec­ti­cut:

Ich füh­re ei­ne selb­stän­di­ge An­la­ge­be­ra­tung. Nach dem Wahl­sieg von Do­nald Trump vor zwei Jah­ren ha­be ich sämt­li­che Kli­en­ten an­ge­ru­fen und ih­nen ge­ra­ten, mehr Ri­si­ken ein­zu­ge­hen, mehr zu wa­gen in den Märk­ten. Es war für mich völ­lig klar, dass Trump Steu­ern sen­ken und staat­li­che Auf­la­gen ab­bau­en und dass er ei­ne äus­serst wachs­tums­freund­li­che Po­li­tik ein­schla­gen wür­de. Ich ha­be das be­reits un­ter Prä­si­dent Ro­nald Rea­gan er­lebt, und ich wuss­te: Die Bör­sen wer­den ab­he­ben. Und so ist es dann auch ge­kom­men. Ich darf aus recht­li­chen Grün­den kei­ne An­ga­ben über die Ge­win­ne un­se­rer Kli­en­ten ma­chen, aber wir ha­ben ei­ne über­aus glück­li­che Ent­wick­lung er­lebt. Seit En­de 2016 hat sich auch die Zahl mei­ner Kli­en­ten ver­dop­pelt. Wenn die Kur­se stei­gen, kom­men Men­schen zu uns und wol­len an der gu­ten Ent­wick­lung teil­ha­ben. Es ist ei­ne neue Ener­gie spür­bar. Seit Trump Prä­si­dent ist, sind 500 neue Fir­men an der Bör­se ko­tiert. Ich rech­ne mit ei­ner neu­en, lan­ge an­hal­ten­den Boom-pe­ri­ode. Der Kurs­sturz die­se Wo­che wird dar­an nichts än­dern. Die Bör­sen war­nen da­mit die No­ten­bank vor über­eil­ten Zins­er­hö­hun­gen.

Kim­ber­ly Flet­cher, 52, von Moms for Ame­ri­ca aus Day­ton, Ohio:

Wir ha­ben 2004 die Or­ga­ni­sa­ti­on Müt­ter für Ame­ri­ka ge­grün­det, weil wir tief be­sorgt wa­ren über die Zu­kunft Ame­ri­kas. Wir glau­ben, dass die Stär­ke un­se­rer Na­ti­on in der Fa­mi­lie be­grün­det ist und Müt­ter die Grund­la­ge die­ser Fa­mi­lie sind. Die meis­ten Frau­en in Ame­ri­ka ha­ben star­ke kon­ser­va­ti­ve Wer­te: Sie glau­ben an Gott, die Fa­mi­lie und die Frei­heit. Seit der Wahl von Prä­si­dent Do­nald Trump ha­ben wir ei­nen dra­ma­ti­schen Zustrom von Frau­en, die ver­su­chen, die Kul­tur im Land zu­rück­zu­er­obern. Denn die Lin­ken sä­en seit­her nur Ge­walt, Wut und Cha­os. Prä­si­dent Trump ist ein un­er­war­te­ter Se­gen für die gläu­bi­gen Müt­ter Ame­ri­kas. Ihm ist zu dan­ken, dass wir ei­ne Stim­me in der Öf­fent­lich­keit ha­ben.

Er hat ei­ne gros­se Zahl von Rich­tern er­nannt, die be­reits phä­no­me­na­le Bei­trä­ge zur Stär­kung un­se­rer Ver­fas­sung ge­leis­tet ha­ben. Ich freue mich schon von Her­zen dar­auf, 2020 für Do­nald Trump zu stim­men. Und ich weiss, dass un­zäh­li­ge Müt­ter dar­in mit mir über­ein­stim­men.

Ran­dy John­son, 71, In­dus­tri­el­ler, Bes­se­mer, Ala­ba­ma:

Ich bin mein gan­zes Le­ben lang in der Koh­le­indus­trie tä­tig ge­we­sen. En­de der acht­zi­ger Jah­re ha­be ich mich selb­stän­dig ge­macht und mit an­de­ren, klei­nen Pro­du­zen­ten hier die Ala­ba­ma Co­al Co­ope­ra­ti­ve ge­grün­det. Koh­le wird hier im Ta­ge­bau ge­för­dert. Die Li­zen­zie­rung für die Er­öff­nung ei­ner neu­en Gru­be war im­mer schon um­ständ­lich und teu­er. Vor 2008 hat dies et­wa drei Mo­na­te in An­spruch ge­nom­men und 50 000 Dol­lar ge­kos­tet. Nach­dem Ba­rack Oba­ma Prä­si­dent ge­wor­den war, stie­gen die Kos­ten auf 270 000 Dol­lar und die Be­ar­bei­tungs­zeit auf zwei Jah­re. Das war ein De­sas­ter für un­se­re Bran­che. Ich warf des­halb 2014 das Hand­tuch, ver­kauf­te mei­ne Gru­ben.

Doch dann kam Do­nald Trump und riss das Ru­der her­um! Er strich Auf­la­gen, setzt sich für die Koh­le ein. Als die­ses Früh­jahr ei­ne Gru­be zum Ver­kauf stand, ha­be ich mich mit zwei Kol­le­gen zu­sam­men­ge­tan und bin wie­der in das Ge­schäft ein­ge­stie­gen. Wir kön­nen lang­fris­tig ei­ne Mil­li­on Ton­nen jähr­lich för­dern.

Ver­lie­rer

Ben­ja­min Schmidt, 45, So­ja­bau­er, Io­wa Ci­ty, Io­wa: Mei­ne Fa­mi­lie ist seit 150 Jah­ren in der Land­wirt­schaft im Os­ten von Io­wa tä­tig. Wir bau­en auf 1100 Hekt­aren haupt­säch­lich So­ja­boh­nen an. Chi­na ist seit Jah­ren der wich­tigs­te Ab­neh­mer. Des­halb schlägt der Han­dels­krieg mit Chi­na di­rekt auf uns durch. Er drückt ex­trem auf die So­ja­prei­se. Wir müs­sen des­we­gen ei­nen Rück­gang von 20 Pro­zent bei un­se­ren Ein­nah­men hin­neh­men. So­ja­prei­se hän­gen auch von Er­war­tun­gen an den Märk­ten ab. Für uns Bau­ern sind Hoff­nung und Zu­ver­sicht zwar das Le­bens­prin­zip, aber sie schwin­den im­mer mehr. Die Re­gie­run­gen in Pe­king und Wa­shing­ton ma­chen kei­ne An­stal­ten, ei­ne Lö­sung zu fin­den. Der Han­dels­krieg es­ka­liert eher noch. Da­bei ha­ben wir auf lo­ka­ler Ebe­ne hier gu­te Kon­tak­te zu Chi­na ent­wi­ckelt, und die­se be­ste­hen auch fort.

Ma­lik Na­veed bin Reh­man, 49, Im­mi­grant, Old Ly­me, Con­nec­ti­cut:

Ich und mei­ne Frau Zahi­da Al­taf sind vor 18 Jah­ren in die USA ge­flüch­tet und ha­ben hier Asyl be­an­tragt. Da­mals hat­ten wir uns An­wäl­te be­sorgt für den An­trag. Doch die­se nah­men uns 16 000 Dol­lar ab und mach­ten sich aus dem Staub. Spä­ter wur­den sie ge­fasst und ver­ur­teilt. Das al­les half aber nichts, im Jahr 2010 wur­de un­ser An­trag ab­ge­lehnt. Wir blie­ben im Land. 2015 wur­de das Ab­schie­bungs­ver­fah­ren ge­gen uns ein­ge­stellt. Prä­si­dent Ba­rack Oba­ma hat­te un­be­schol­te­ne Im­mi­gran­ten oh­ne Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung von Aus­schaf­fun­gen aus­ge­nom­men.

In all den Jah­ren ha­be ich 80 St­un­den die Wo­che als Fah­rer für ei­nen Piz­za-ser­vice ge­ar­bei­tet. 2017 steck­ten wir un­se­re Er­spar­nis­se in ei­ne ei­ge­ne Piz­ze­ria. Zwei Mo­na­te spä­ter wur­de uns mit­ge­teilt, dass wir das Land ver­las­sen müss­ten. Prä­si­dent Do­nald Trump hat­te Oba­mas Aus­nah­me­re­ge­lung rück­gän­gig ge­macht. Seit­her le­ben wir in ei­ner Kam­mer in ei­ner Kir­che in Old Ly­me, die uns Zuflucht ge­währt. Mei­ne Frau und ich ha­ben das Zim­mer seit dem 19. März nicht mehr ver­las­sen. Un­se­re Toch­ter Ro­niya, die hier ge­bo­ren ist, geht zur Schu­le. Ich tra­ge wei­ter­hin das elek­tro­ni­sche Arm­band, das mir die Im­mi­gra­ti­ons­be­hör­de ICE an­ge­legt hat. Agen­ten ru­fen mich oft um 3 Uhr früh auf dem Han­dy an. Sie fra­gen: «Ma­lik, bist du da?»

Jo­an­na Da­ly, 31, Au­gen­ärz­tin in Mon­tro­se, Co­lo­ra­do:

Im Herbst 2012 ha­be ich ein Dok­tor­stu­di­um in Op­to­me­trie ab­ge­schlos­sen. Bis da­hin hat­te ich Stu­di­en­dar­le­hen von 250 000 Dol­lar an­ge­häuft. Nun muss ich je­den Mo­nat 3000 Dol­lar ab­zah­len. Und das ma­che ich auch ei­sern. Der­zeit ha­be ich noch 100 000 Dol­lar Schul­den.

Mir lief es gut: Nach dem Stu­di­um fand ich so­fort ei­ne An­stel­lung und zog von der Ost­küs­te nach Co­lo­ra­do. Letz­ten März er­öff­ne­te ich so­gar mei­ne ers­te ei­ge­ne Pra­xis in ei­nem Wal­mart. Da­mit die Fir­ma schul­den­frei bleibt, hat mein Mann sei­nen La­den für Golf-carts ver­kauft, den er auf­ge­baut hat­te. Ei­ni­ge Wo­chen da­nach ad­op­tier­ten wir un­se­re 13-jäh­ri­ge Toch­ter, die zu­vor un­ser Pfle­ge­kind war.

Die Oba­ma-re­gie­rung hat­te zwar noch über Ab­hil­fe für die Mil­lio­nen von hoch­ver­schul­de­ten Stu­den­ten dis­ku­tiert, auch sie un­ter­nahm je­doch nichts ge­gen die ho­hen Schuld­zin­sen. Die Re­gie­rung von Trump schenkt dem Pro­blem kei­ner­lei Be­ach­tung. Al­ler­dings hilft mir die gut lau­fen­de Wirt­schaft.

Ran­dy John­son, Be­trei­ber ei­ner Koh­le­gru­be in Ala­ba­ma, hat nach al­tem Brauch sei­nem Bag­ger ei­nen Na­men ge­ge­ben.

Ver­steckt sich vor der Im­mi­gra­ti­ons­be­hör­de: die Fa­mi­lie bin Reh­man.

Jo­an­na Da­ly (mit Toch­ter und Mann) stot­tert ho­he Schul­den ab.

Kim­ber­ly Flet­cher ist ein gros­ser Fan von Do­nald Trump, weil er, wie sie sagt, kon­ser­va­ti­ve Wer­te hoch­hal­te.

Der Bau­er Schmidt lei­det un­ter dem Han­dels­krieg.

An­la­ge­be­ra­ter De­nis O’bri­en wuss­te nach Trumps Wahl: Jetzt kön­nen wir an der Bör­se Geld ver­die­nen.

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