Der Vor­den­ker der AFD

Götz Ku­bit­schek ist der ein­fluss­reichs­te In­tel­lek­tu­el­le der rechts­po­pu­lis­ti­schen Be­we­gung in Deutsch­land. Ein Be­such in der ost­deut­schen Pro­vinz. Sil­ke Mer­t­ins, Schnell­ro­da

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - International Europas Rechte -

Die Gän­se re­gen sich so­fort furcht­bar auf. Sie mö­gen kei­ne Frem­den und pro­tes­tie­ren laut und an­griffs­lus­tig. Es ist ein war­mer, strah­len­der Herbst­nach­mit­tag, und Götz Ku­bit­schek reicht zur Be­grüs­sung nur den klei­nen Fin­ger, die üb­ri­ge Hand ist öl­ver­schmiert. «Ich muss­te noch schnell ein Fahr­rad re­pa­rie­ren», sagt er. Zwei sei­ner sie­ben Kin­der, sechs Mäd­chen und ein Kn­a­be, kur­ven auf dem Hof her­um. Di­rekt von der Kü­che führt ei­ne Rut­sche in den halb­ver­wil­der­ten Gar­ten mit Obst­bäu­men, Kom­post und her­um­streu­nen­den Kat­zen. Ku­bit­scheks Frau, die Schrift­stel­le­rin El­len Ko­sitza – Je­ans­latz­ho­se, lan­ges blon­des Haar –, gibt ih­ren Töch­tern Tipps für den Um­gang mit den im­mer noch ver­är­ger­ten Gän­sen. «Ihr müsst euch ganz gross ma­chen», sagt sie. Dann bre­chen sie zu ei­ner Rad­tour auf.

Wenn man es nicht bes­ser wüss­te, könn­te man die Ku­bit­scheks für links­al­ter­na­ti­ve ÖkoAus­stei­ger hal­ten, die sich ein her­un­ter­ge­kom­me­nes Rit­ter­gut ge­kauft und es lie­be­voll re­stau­riert ha­ben. Doch das zwei­stö­cki­ge, gel­be Ge­bäu­de in dem 200-See­len-dorf Schnell­ro­da in der tiefs­ten Pro­vinz von Sach­senAn­halt ist al­les an­de­re als ei­ne Heim­stät­te lin­ken Ge­dan­ken­guts. Götz Ku­bit­schek ist der ein­fluss­reichs­te In­tel­lek­tu­el­le der neu­en Rech­ten – ei­ner Be­we­gung, die ins­be­son­de­re seit dem Ein­zug der rechts­po­pu­lis­ti­schen AFD in den Bun­des­tag so schnell wächst wie kei­ne an­de­re in Deutsch­land.

Der Os­si ist viel wei­ter

Schnell­ro­da ist zu ei­nem Pil­ger­ort für Rech­te ge­wor­den, denn Ku­bit­schek wohnt hier nicht nur seit fast zwei Jahr­zehn­ten. Er hat in dem Rit­ter­gut auch sei­nen Ver­lag An­tai­os und das Ma­ga­zin «Se­zes- si­on» auf­ge­baut. Im Ne­ben­ge­bäu­de ist das «Institut für Staats­kun­de» un­ter­ge­bracht, ei­ne Art Ka­der­schmie­de der neu­en Rech­ten. Hier dis­ku­tie­ren sie ih­re Zie­le, ihr Vor­ge­hen und schär­fen ih­re Ar­gu­men­te. Lan­ge Zeit ge­schah das na­he­zu un­be­ach­tet. Doch heu­te ist Schnell­ro­da zum Syn­onym für die­ses Mi­lieu ge­wor­den. Das Nach­rich­ten­ma­ga­zin «Der Spie­gel» nann­te Ku­bit­schek ein­mal den «dunk­len Rit­ter» der Sze­ne, und für die «New York Ti­mes» ist er «der Pro­phet der neu­en Rech­ten». Bei ihm lau­fen die Fä­den zu­sam­men, die meis­ten Ak­teu­re des rechts­na­tio­na­len La­gers kennt er seit Jah­ren.

Ku­bit­schek ist ge­nervt, dass über ihn in den Me­di­en im­mer nur be­rich­tet wird, dass er Zie­gen hal­te, sei­ne Ehe­frau sie­ze und die Fa­mi­lie vor dem Es­sen ein Tisch­ge­bet spre­che. Des­halb macht er in­zwi­schen zur Be­din­gung, dass man sei­ne Tex­te ge­le­sen hat, be­vor man ihn in Schnell­ro­da per­sön­lich tref­fen darf. Er schlägt vor, sich für das Ge­spräch in den Gar­ten zu set­zen, auf ei­ne et­was ver­wit­ter­te Holz­bank und ei­nen eben­sol­chen Stuhl. Kaf­fee wird aus St­ein­gut­tas­sen ge­trun­ken. Die Son­ne scheint, die Gän­se wa­ckeln hin­ter­her. «Sie mö­gen mich und wol­len im­mer in mei­ner Nä­he sein», sagt er. Sie mö­gen al­ler­dings nicht den Be­such und ver­fol­gen arg­wöh­nisch je­de Be­we­gung, fau­chen und schnat­tern un­ge­hal­ten. «Freun­de, es geht hier nicht um euch», lässt Ku­bit­schek die Gän­se wis­sen.

Der 48-jäh­ri­ge Ku­bit­schek stammt ei­gent­lich aus Ra­vens­burg in Ober­schwa­ben. Doch im Wes­ten, sagt er, ha­be er es nicht mehr aus­ge­hal­ten. «Bei mir ist es ein be­wuss­ter Wi­der­stands­akt ge­we­sen, die­ses rei­che, sat­te, über­lieb­li­che Ober­schwa­ben zu ver­las­sen und ir­gend­wo hin­zu­ge­hen, wo es et­was rau­er ist», er­klärt er. Ihn ha­be auch die Ar­ro­ganz ge­stört, mit der man dort der Wen­de be­geg­net sei­en. Der Os­si sei für sie ein ko­mi­scher Typ, der noch nicht so weit sei wie der Wes­ten. «Ich stel­le jetzt et­was ganz an­de­res fest: Der Os­si ist viel wei­ter als wir. Er weiss viel ge­nau­er, was De­mo­kra­tie ist, weil er er­lebt hat, wie es ist, wenn man be­lo­gen wird. Er hat ei­ne Wit­te­rung da­für, wenn man ihm et­was ver­kau­fen will, was von der Rea­li­tät nicht ge­deckt ist. Und er hat auch den Mut, sich da­ge­gen auf­zu­leh­nen.»

Schon in die­ser ei­nen Ant­wort steckt ein we­sent­li­cher Teil der Stra­te­gie Ku­bit­scheks: Er setzt auf den Os­ten als Kern­land der neu­en Rech­ten. In den fünf Bun­des­län­dern, die ehe­mals die DDR wa­ren, ist die AFD be­son­ders stark, nicht sel­ten zweit­stärks­te Kraft im Par­la­ment. Schon in na­her Zu­kunft wird es viel­leicht kaum noch mög­lich sein, oh­ne die in­zwi­schen weit an den rech-

Götz Ku­bit­schek lebt mit sei­ner Fa­mi­lie so­wie Gän­sen und Zie­gen auf ei­nem Rit­ter­gut. (Schnell­ro­da, Sep­tem­ber 2018)

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