Je­der drit­te Zug fährt hin­ter­her

Die SBB kämp­fen zur­zeit mit Pro­ble­men auf der Pa­ra­de­stre­cke Zü­rich–bern. Ge­naue Grün­de da­für gibt es nicht.

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Schweiz - Von Da­ni­el Fried­li

«Es dau­ert ei­ne Wei­le, bis der Be­trieb wie­der rei­bungs­los funk­tio­niert – un­ter an­de­rem be­fin­den sich di­ver­se Zü­ge nun am fal­schen Ort.» Nur schon die­ser Satz aus ei­nem of­fi­zi­el­len Tweet vom Don­ners­tag zeigt: Die SBB bli­cken ein­mal mehr auf ei­ne schwie­ri­ge Wo­che zu­rück. Am Frei­tag­abend sprang in Bern ei­ne Ran­gier­lok aus den Schie­nen und riss die Fahr­lei­tung mit. Am Don­ners­tag war der Bahn­hof Bern we­gen ei­ner Stell­werk­stö­rung an­dert­halb St­un­den lang kom­plett blo­ckiert. Und am Di­ens­tag war die Neu­bau­stre­cke zwi­schen Bern und Ol­ten den gan­zen Tag aus­ser Be­trieb; die Pas­sa­gie­re wur­den über die al­te Stre­cke um­ge­lei­tet.

Die Kon­se­quenz war über­all die­sel­be. Vie­le Pas­sa­gie­re ka­men zu spät und re­agier­ten dem­ent­spre­chend ver­är­gert: «Wie im­mer», kom­men­tier­te ein Rei­sen­der den er­wähn­ten Tweet.

Wack­li­ge Zu­ver­läs­sig­keit

Im­mer zu spät? Die­sen Vor­wurf wei­sen die SBB zu­rück. Es ge­be kei­ne si­gni­fi­kan­te Zu­nah­me an Stö­run­gen, we­der auf dem ge­sam­ten Netz noch zwi­schen Zü­rich und Bern, ent­geg­net die Bahn und stützt sich da­bei auf ih­re Sta­tis­tik zur Kun­den­pünkt­lich­keit. Die­se lag im ers­ten Halb­jahr bei sta­bi­len 90,7 Pro­zent; so vie­le Pas­sa­gie­re ka­men ma­xi­mal drei Mi­nu­ten spä­ter als ge­plant am Ziel an.

Ein an­de­rer Blick auf die Da­ten zeigt al­ler­dings, dass die SBB in jüngs­ter Zeit sehr wohl mit Schwie­rig­kei­ten zu kämp­fen ha­ben, gera­de auch zwi­schen Zü­rich und Bern: In den letz­ten vier Wo­chen war auf die­ser Stre­cke je­der drit­te In­ter­ci­ty zu spät. In Fahrt­rich­tung Bern lag die Pünkt­lich­keit der Zü­ge nur bei 61,3 Pro­zent, in Fahrt­rich­tung Zü­rich noch bei 74,2 Pro­zent. Da­mit ist die Zu­ver­läs­sig­keit auf die­ser teu­ren Pa­ra­de­stre­cke der­zeit deut­lich tie­fer als ge­wohnt. Blickt man et­wa auf die ver­gan­ge­nen 365 Ta­ge zu­rück, wa­ren zwi­schen den bei­den Städ­ten gut 80 Pro­zent al­ler Ic-ver­bin­dun­gen pünkt­lich. Zu­gu­te­zu­hal­ten ist den SBB, dass die Ver­spä­tun­gen meist nur ei­ni­ge Mi­nu­ten be­tra­gen. Die Zahl der Zü­ge et­wa, die mehr als zehn Mi­nu­ten zu spät ein­tref­fen, liegt seit län­ge­rer Zeit sta­bil um die 4 Pro­zent. Und auch von Zu­stän­den wie et­wa zwi­schen Brig und Sit­ten ist man im Mit­tel­land weit ent­fernt. Dort kam in den letz­ten 365 Ta­gen gera­de ei­ner von vier In­ter­ci­ty­Zü­gen pünkt­lich an.

Aus­ge­wer­tet wer­den die­se Da­ten vom It-fach­mann Andre­as Gut­we­ni­ger, die Re­sul­ta­te sind auf des­sen In­ter­net­sei­te pünkt­lich­keit.ch pu­bli­ziert. Als Ba­sis die­nen Gut­we­ni­ger da­bei die of­fi­zi­el­len Roh­da­ten der Bah­nen. An­ders als die Pünkt­lich­keits­sta­tis­tik der SBB ge­ben sei­ne Zah­len aber kei­ne Aus­kunft dar­über, wie vie­le Pas­sa­gie­re zu spät an­kom­men. Er­fasst wird nur die An­zahl der be­trof­fe­nen Zü­ge.

Auch dar­um möch­ten die SBB die­sen Zah­len nicht zu viel Aus­sa­ge­kraft bei­mes­sen. Spre­cher Oli Di­schoe wen­det zu­dem ein, man müs­se die Zu­ver­läs­sig­keit über grös­se­re Zei­t­räu­me an­schau­en, in ein­zel­nen Wo­chen kön­ne es im­mer Aus­reis­ser ge­ben. Und über al­le Fahr­ten ge­se­hen, so Di­schoe, lie­ge die Zahl der Stö­run­gen im Pro­mil­le­be­reich. Na­tür­lich wür­den sich aber ein­zel­ne Pan­nen auf stark be­fah­re­nen Stre­cken so­fort auf vie­le Rei­sen­de aus­wir­ken, was die SBB be­dau­er­ten. Klar ver­neint wird von den Bun­des­bah­nen so­dann die Fra­ge, ob die Neu­bau­stre­cke mit dem elek­tro­ni­schen Zug­si­che­rungs­sys­tem ETCS be­son­ders pan­nen­an­fäl­lig sei. Die Stö­run­gen hät­ten un­ter­schied­lichs­te Grün­de.

Fra­gen in der Po­li­tik

Trotz­dem sorgt die Leis­tung der Bun­des­bahn der­zeit für Fra­ge­zei­chen, bis hin­ein in die Po­li­tik. Sp-na­tio­nal­rat Philipp Ha­dorn kri­ti­sier­te die­se Wo­che in den Tamedia-zei­tun­gen, dass die SBB sehr wohl häu­fi­ger un­ter Pro­ble­men lit­ten. Und er glaubt auch, die Grün­de da­für zu ken­nen: Ne­ben dem dich­te­ren Fahr­plan macht er vor al­lem die vie­len Re­or­ga­ni­sa­tio­nen und Spar­pro­gram­me so­wie ei­ne fal­sche Prio­ri­tä­ten­set­zung der Kon­zern­lei­tung da­für ver­ant­wort­lich. «Die­se un­güns­ti­ge Mi­schung scha­det der Zu­ver­läs­sig­keit der Bahn», sagt Ha­dorn, der für die Ge­werk­schaft des Ver­kehrs­per­so­nals ar­bei­tet. So sei et­wa die Ab­tei­lung In­fra­struk­tur so über­las­tet, dass sie mit dem Un­ter­halt nicht mehr nach­kom­me. Die­sen Vor­wurf wei­sen die Bah­nen in­des de­zi­diert zu­rück. Man in­ves­tie­re lau­fend mehr in den Un­ter­halt.

Dif­fe­ren­ziert äus­sert sich Pro Bahn, die In­ter­es­sen­ver­tre­tung der Kun­den, zu den Pro­ble­men. Prä­si­den­tin Ka­rin Blätt­ler schreibt, die sub­jek­ti­ve Wahr­neh­mung be­trof­fe­ner Pas­sa­gie­re stim­me häu­fig nicht mit der ge­mes­se­nen Rea­li­tät über­ein. Nichts­des­to­trotz sei­en Vor­fäl­le wie je­ne von die­ser Wo­che är­ger­lich und zö­gen den gu­ten Ruf der Bahn arg in Mit­lei­den­schaft. «Wir for­dern da­her die SBB auf, al­le mög­li­chen Vor­keh­run­gen zu tref­fen, da­mit Stö­run­gen aus­blei­ben be­zie­hungs­wei­se auf ein ab­so­lu­tes Mi­ni­mum re­du­ziert wer­den.» Vor die­sem Hin­ter­grund, so Blätt­ler, soll­ten die SBB auf ih­re Plä­ne ver­zich­ten, den Un­ter­halt ver­mehrt an Drit­te aus­zu­la­gern.

War­ten statt fah­ren: Pas­sa­gie­re im Haupt­bahn­hof Bern, der am Don­ners­tag vor­über­ge­hend blo­ckiert war. (11. Ok­to­ber 2018)Zwi­schen Brig und Sit­ten kam gera­de ei­ner von vier In­ter­ci­ty-zü­gen pünkt­lich an.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.