Bun­des­rat plant Aus­stieg aus Prä­mi­en­ver­bil­li­gung

Der Bund möch­te die Fi­nan­zie­rung der ver­bil­lig­ten Kran­ken­kas­sen­prä­mi­en al­lein den Kan­to­nen über­las­sen. So­zi­al­po­li­ti­ker war­nen vor ei­nem Kahl­schlag.

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Schweiz - Da­ni­el Fried­li

Der Plan ist am­bi­ti­ös, die Kom­mu­ni­ka­ti­on bis­her eher zu­rück­hal­tend. Der Bund möch­te die Fi­nan­zie­rung der Prä­mi­en­ver­bil­li­gung neu or­ga­ni­sie­ren, und zwar am liebs­ten so, dass er da­mit nichts mehr zu tun hat. Es soll­te, so schrieb der Bun­des­rat im Sep­tem­ber in ei­nem Be­richt, «ei­ne Kan­to­na­li­sie­rung die­ser Auf­ga­be ge­prüft wer­den». Da­mit wä­ren künf­tig die Kan­to­ne al­lei­ne für die Fi­nan­zie­rung zu­stän­dig. Im Ge­gen­zug wür­de der Bund ih­nen ge­wis­se an­de­re Auf­ga­ben ab­neh­men, zum Bei­spiel im Be­reich der Er­gän­zungs­leis­tun­gen.

Der Plan ist bri­sant, denn er be­trifft ers­tens ei­nen der gröss­ten Bud­get­pos­ten des Bun­des und zwei­tens das wich­tigs­te so­zi­al­po­li­ti­sche Kor­rek­tiv zur Kopf­prä­mie in der Kran­ken­ver­si­che­rung. 2,6 Mil­li­ar­den Fran­ken hat al­lein der Bund letz­tes Jahr für die in­di­vi­du­el­le Prä­mi­en­ver­bil­li­gung auf­ge­wen­det. Die Kan­to­ne leg­ten noch 1,9 Mil­li­ar­den drauf, so dass das To­tal der Be­trä­ge nun erst­mals fast 4,5 Mil­li­ar­den Fran­ken er­reicht hat. Ins­ge­samt pro­fi­tier­ten 2,2 Mil­lio­nen Men­schen da­von, al­so mehr als ein Vier­tel der Be­völ­ke­rung.

Hin­ter die­sen Zah­len schwelt in­des schon län­ger ein Streit um die Fi­nan­zen, der pri­mär ei­nen Grund hat: Der Bund zahlt pro­por­tio­nal im­mer mehr an die Prä­mi­en­ver­bil­li­gung, die Kan­to­ne im­mer we­ni­ger. Der Grund da­für ist sys­te­misch. Der Bund muss per Ge­setz jähr­lich ei­nen Bei­trag zah­len, der 7,5 Pro­zent der Kos­ten der Gr­und­ver­si­che­rung ent­spricht. Und weil die­se Kos­ten lau­fend stei­gen, nimmt auch sein Bei­trag je­des Jahr zu. Um­ge­kehrt sind die Kan­to­ne beim Fest­le­gen ih­rer Mit­tel weit­ge­hend frei – und ha­ben die­se in den letz­ten Jah­ren teil­wei­se stark re­du­ziert. Al­lein 2017 gin­gen ih­re Bei­trä­ge noch­mals um rund 150 Mil­lio­nen Fran­ken zu­rück. Als Fol­ge da­von kom­men die Kan­to­ne ak­tu­ell nur noch für 41,7 Pro­zent al­ler Prä­mi­en­ver- bil­li­gun­gen auf, vor acht Jah­ren war die Ver­tei­lung noch hälf­tig.

Die­se Ver­schie­bung ist ei­ner der Grün­de, wie­so der Bun­des­rat nun ei­ne «Ent­flech­tung» an­strebt. In sei­nem Ur­teil wi­der­spricht es ei­nem Grund­prin­zip der Auf­ga­ben­tei­lung, wenn die Kan­to­ne die meis­ten Re­geln für die Prä­mi­en­ver­bil­li­gung fest­le­gen, der Bund aber pro­zen­tu­al im­mer mehr be­zahlt. Dar­um strebt er mit ei­ner Kan­to­na­li­sie­rung ei­ne «Über­ein­stim­mung von Ent­scheid- und Kos­ten­trä­gern» an. Auch die Kan­to­ne wün­schen sich ei­ne neue Auf­tei­lung, wenn auch aus an­de­ren Grün­den. Sie se­hen pri­mär die Ge­fahr, «dass der Bund den Kan­to­nen im­mer stär­ker in die Fest­le­gung der Bei­trä­ge der Prä­mi­en­ver­bil­li­gung rein­re­det». Ein Bei­spiel da­für ist der jüngs­te Ent­scheid des Par­la­ments, be­dürf­ti­gen Fa­mi­li­en mit Kin­dern mehr Prä­mi­en­ver­bil­li­gung zu ge­wäh­ren.

Trotz die­ser Ei­nig­keit: Der Plan von Bund und Kan­to­nen ist po­li­tisch ein Hoch­ri­si­ko­pro­jekt, das schon jetzt auf Wi­der­stand stösst. «Ei­ne Kan­to­na­li­sie­rung birgt die gros­se Ge­fahr, dass die Gel­der für Prä­mi­en­ver­bil­li­gun­gen wei­ter zu­sam­men­ge­stri­chen wer­den», sagt et­wa Sp-vi­ze­prä­si­den­tin Bar­ba­ra Gy­si. Denn die Kan­to­ne stün­den un­ter stär­ke­rem Spar­druck als der Bund, und hät­ten in die­sem Be­reich schon in den letz­ten Jah­ren den Rot­stift an­ge­setzt. Das­sel­be Ri­si­ko sieht Cvp-na­tio­nal­rä­tin Ruth Hum­bel und ta­xiert das Vor­ha­ben da­her als «schwie­rig». Sie fürch­tet et­wa, dass die oh­ne­hin schon gros­sen Leis­tungs­un­ter­schie­de in den Kan­to­nen noch­mals zu­neh­men wür­den. Hum­bel will das Pro­blem dar­um an­ders lö­sen: Der Bund soll sei­ne Bei­trä­ge wie­der wie frü­her an das En­ga­ge­ment der Kan­to­ne knüp­fen. «Da­mit wä­re ein Gleich­ge­wicht der Kos­ten­trä­ger si­cher­ge­stellt», sagt sie.

Dies wie­der­um lehnt der Bun­des­rat de­zi­diert ab. Er warnt, dass es auf die­se Wei­se noch mehr un­er­wünsch­te Ver­flech­tun­gen gä­be. Statt­des­sen hat er nun Fi­nanz­mi­nis­ter Ue­li Mau­rer da­mit be­auf­tragt, mit den Kan­to­nen ei­ne Auf­ga­ben­ent­flech­tung in die­sem Be­reich zu prü­fen.

Was da­bei her­aus­kommt, ist noch weit­ge­hend of­fen. Klar ist in­des dies: Die Prä­mi­en­ver­bil­li­gung wird auch im Wahljahr zu ei­nem gros­sen Zank­ap­fel wer­den. Die SP hat da­zu be­reits ei­ne Volks­in­itia­ti­ve im Kö­cher. Sie ver­langt, dass kein Haus­halt mehr als zehn Pro­zent sei­nes Ein­kom­mens für die Prä­mi­en auf­wen­den muss – und dass der Bund fix zwei Drit­tel der Kos­ten über­nimmt. «Auch die Plä­ne des Bun­des­ra­tes zei­gen nun, wie wich­tig die­se Initia­ti­ve ist», sagt Vi­ze­prä­si­den­tin Gy­si.

Fi­nanz­mi­nis­ter Ue­li Mau­rer.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.