Stu­den­ten­fut­ter für die Spit­zen­gas­tro­no­mie

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Schweiz - Claudia Mäder

Slo­we­ni­en sei die Schweiz des Os­tens. Das sag­ten mir di­ver­se Ken­ner, de­nen ich von mei­nen Herbst­fe­ri­en­plä­nen er­zähl­te. Ich war skep­tisch – den­sel­ben Satz mein­te ich auch schon über Kir­gis­tan ge­hört zu ha­ben, und über­haupt: Will man im Ur­laub nicht end­lich ein­mal auf­re­gen­de Aben­teu­er er­le­ben, statt dem hel­ve­ti­schen Takt­fahr­plan zu fol­gen? In die­ser Hin­sicht wur­de ich an­ge­nehm über­rascht. Zwei­mal sind un­se­re slo­we­ni­schen Bus­se mit drei Mi­nu­ten Ver­spä­tung ab­ge­fah­ren (wo­bei ei­ner der bei­den aus Ita­li­en ge­kom­men war). Ist man zu Fuss un­ter­wegs, hält man sich auch im Os­ten an weiss-ro­te Wan­der­weg­zei­chen, doch die sind, wie die Ber­ge, ei­ne Num­mer klei­ner als bei uns und al­so – Ach­tung Aben­teu­er! – ver­hält­nis­mäs­sig leicht zu über­se­hen.

Am frap­pan­tes­ten aber wa­ren die Un­ter­schie­de in der Ku­li­na­rik. Un­ter­wegs er­näh­ren sich die Slo­we­nen tat­säch­lich noch von «Stu­den­ten­fut­ter»! Die Nuss­mi­schung mit Cr­an­ber­ries, die in den lo­ka­len Su­per­märk­ten un­ter die­sem Na­men ver­kauft wird, ist in der Mi­gros schon vor Jah­ren zum «Pro­fes­so­ren­fut­ter» auf­ge­stie­gen. Über­haupt hinkt die gan­ze Gas­tro­no­mie den Ent­wick­lun­gen in un­se­ren Brei­ten hin­ter­her. Mar­ro­ni et­wa wer­den in Slo­we­ni­en völ­lig un­re­gu­liert jen­seits nor­mier­ter Häu­schen feil­ge­bo­ten. Und das bes­te Haus mit ge­koch­tem Es­sen fi­gu­riert gera­de ein­mal auf Rang 48 der welt­wei­ten Re­stau­rant-hit­lis­te (die Schweiz hält Platz 47) und hat ma­ge­re 17 Gault-mil­lauPunk­te vor­zu­wei­sen – wo bei uns doch nun 19 das Mass al­ler Din­ge sind.

«End­lich wie­der rich­tig es­sen!», dach­te ich froh, als ich da­heim ver­nahm, dass der neue Koch des Jah­res aus Zü­rich kommt. So­fort woll­te ich mei­nen stra­pa­zier­ten Ma­gen mit ei­nem Vor­ge­schmack auf die «in­tel­li­gen­te und kon­se­quen­te Kü­che» des aus­ge­zeich­ne­ten Dol­der-kochs be­sänf­ti­gen. Doch statt­des­sen wur­de mir übel von all den gram­ma­ti­ka­li­schen Va­ria­tio­nen an «Amu­se Bou­che Me­nus» und «Amu­se-bou­che-me­nüs», die mir «The Re­stau­rant» auf sei­ner Web­site auf­tisch­te, und die In­tel­li­genz des «10 Gang Me­nus» mit «Som­mer Trüf­fel» blieb mir genau­so ver­bor­gen wie die Kon­se­quenz des «6-Gang-me­nus» oh­ne «Som­mer­trüf­fel». Vi­el­leicht soll­te man’s im Dol­der mit Stu­den­ten­fut­ter pro­bie­ren: Soll gut sein fürs Ge­hirn.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.