Der Rhein­fall wird zum Rinn­sal

Am gröss­ten Was­ser­fall Eu­ro­pas fliesst nur die Hälf­te der üb­li­chen Was­ser­men­ge

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Schweiz - Re­né Don­zé Vi­deo: So schön ist der Rhein­fall bei Nied­rig­was­ser. nzz.as/rhein­fall

Die asia­ti­schen Tou­ris­ten jauch­zen. Nun spritzt ih­nen doch noch et­was Was­ser ins Ge­sicht. Sie ste­hen vor­ne im Boot, das sie zum Rhein­fall­fel­sen fährt, und ma­chen Sel­fies. Ganz nah kann Boots­füh­rer Tho­mas Mänd­li an die Stel­le fah­ren, wo sonst mäch­ti­ge Was­ser­mas­sen don­nern. Nun rinnt der Rhein ver­gleichs­wei­se zahm über die St­ein­stu­fen. Bei­na­he nackt er­he­ben sich die zwei Fel­stür­me in der Fluss­mit­te

«So we­nig Was­ser ha­be ich um die­se Jah­res­zeit in den letz­ten 27 Jah­ren noch nie er­lebt», sagt Mänd­li. Nicht trau­rig, son­dern be­geis­tert tönt er, wenn er er­zählt, dass er jetzt Din­ge se­he, die sonst ver­bor­gen sei­en. Er zeigt auf Pflan­zen, die an Stel­len wach­sen, die meist un­ter Was­ser lie­gen. Und auf Fel­sen, die grün, braun und bei­ge in der Son­ne schim­mern.

Die Schiff­fahrt lei­det

Der Rhein be­fin­det sich der­zeit im Aus­nah­me­zu­stand: Er führt nur gera­de halb so viel Was­ser wie durch­schnitt­lich um die­se Jah­res­zeit. Da­für floss im Ja­nu­ar viel mehr als sonst, weil die Schnee­schmel­ze früh ein­ge­setzt hat­te (Grafik). Ober­halb des Was­ser­falls muss­te die Schiff­fahrts­ge­sell­schaft den Be­trieb zwi­schen St­ein am Rhein und Dies­sen­ho­fen schon am 23. Ju­li ein­stel­len. Heu­te Sonn­tag ist Sai­son­schluss: «Das Was­ser steht so tief, dass wir un­se­re Schif­fe nicht ein­mal in die Werft bei Lang­wie­sen fah­ren kön­nen», sagt Andrea Frie­se, Fi­nanz­che­fin der Ge­sell­schaft. Über die gan­ze Sai­son rech­net sie mit zehn Pro­zent we­ni­ger Pas­sa­gie­ren.

Der Rhein ist Sinn­bild für die hy­dro­lo­gi­sche Si­tua­ti­on in der Schweiz. Wie an­ge­spannt die­se ist, zeigt die Platt­form drought.ch: Noch im­mer herrscht in wei­ten Tei­len des Lan­des mitt­le­re bis gros­se Tro­cken­heit. Am gröss­ten ist das De­fi­zit in der West­schweiz, im Ju­ra und im Nor­den, von Ba­sel bis Schaff­hau­sen.

Boots­fah­rer Mänd­li hat Glück. Der Pe­gel im Be­cken un­ter­halb des Was­ser­falls, wo er fährt, ist kon­stant, weil der Fluss wei­ter un­ten beim Kraft­werk Rhein­au ge­staut wird. Und die Tou­ris­ten schei­nen sich nicht dar­an zu stö­ren, dass we­nig Was­ser über die Fel­sen fliesst. «Die meis­ten ha­ben oh­ne­hin kei­ne Ver­gleichs­wer­te», sag Mänd­li. Vie­le ha­ben den gröss­ten Was­ser­fall Eu­ro­pas als fi­xen Pro­gramm­punkt in ih­rer Rund­rei­se. Die Hö­he des Was­ser- stan­des in­ter­es­siert vor al­lem Be­su­cher aus der Re­gi­on. Bei Re­kord­was­ser­men­gen kom­men sie je­weils in Strö­men. Ei­ni­ge aber auch jetzt, weil sich ein un­ge­wohn­tes Bild bie­tet. Et­wa ein Mann aus Süd­deutsch­land, der sei­nen Kin­dern er­zählt, dass einst der Rhein so hoch kam, dass die We­ge am Ufer über­flu­tet wa­ren. Jetzt düm­pelt er zwi­schen Fel­sen, und es ba­den En­ten in Was­ser­lö­chern. «Span­nend und in­ter­es­sant» sei das, sagt der Mann.

Wirt­schaft­li­che Fol­gen hat die Tro­cken­heit bei den Rhein­hä­fen in Ba­sel. Dort liegt der Pe­gel statt bei sechs bis sie­ben Me­tern nur gera­de bei fünf Me­tern. Et­wa ei­nen Drit­tel we­ni­ger müs­sen die Schif­fe la­den, da­mit sie nicht auf Grund lau­fen, sagt Spre­che­rin Je­le­na Do­bric. Die Rhein­hä­fen rech­nen da­mit, dass sol­che Si­tua­tio­nen sich häu­fen. «Wir müs­sen uns auf län­ge­re Tro­cken­pe­ri­oden ein­stel­len», sagt Do­bric. Auch des­we­gen wird die Schiff­fahrts­rin­ne aus­ge­bag­gert. «So kön­nen die Schif­fe künf­tig bei Nied­rig­was­ser stär­ker be­la­den wer­den.»

Nur halb so viel Strom

Auch die Fluss­kraft­wer­ke sind bei­na­he auf dem Tro­cke­nen. Lag die Strom­pro­duk­ti­on An­fang Jahr noch über dem Schnitt, ist sie im Som­mer ein­ge­bro­chen. Sta­tis­ti­ken für die zwei­te Jah­res­hälf­te lie­gen zwar noch nicht vor. Doch im Kraft­werk Eg­li­sau bei­spiels­wei­se lag die Strom­pro­duk­ti­on im Sep­tem­ber nur bei gut der Hälf­te ge­gen­über dem Vor­jahr. Da­für sind die Stau­se­en in den Ber­gen rand­voll mit Schmelz­was­ser. Lang­fris­ti­ge Pro­gno­sen über die Ab­fluss­men­gen sei­en schwie­rig zu ma­chen, sagt Mar­kus Ae­schli­mann vom Bun­des­amt für Um­welt. Es sei gut mög­lich, dass in den nächs­ten Mo­na­ten vie­ler­orts der Pe­gel noch wei­ter sin­ke.

«Ab­flüs­se und Was­ser­stän­de sind oft im Win­ter am tiefs­ten, da dann meist we­ni­ger Nie­der­schlag fällt, und wenn, dann fällt er zum Teil als Schnee und wird zwi­schen­ge­spei­chert», sagt er. Blei­be auch der Win­ter tro­cken, könn­te der bis­he­ri­ge Mi­nus­re­kord am Rhein un­ter­bo­ten wer­den. Am Sams­tag flos­sen 185 Ku­bik­me­ter pro Se­kun­de den Rhein­fall hin­un­ter, 1963 lag der tiefs­te je ge­mes­se­ne Wert bei 115 Ku­bik­me­tern.

Die Fel­sen lie­gen blank am Rhein­fall bei Neu­hau­sen, et­was mehr Was­ser hat es auf der Zürcher Sei­te beim Schloss Lau­fen. (12. Ok­to­ber 2018)

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