ETH Lau­sanne: Pro­fes­so­ren zei­gen Whist­leb­lo­wer an

An der wel­schen Hoch­schu­le häu­fen sich An­schul­di­gun­gen und Ver­fah­ren ge­gen Pro­fes­so­ren. Nun weh­ren die­se sich mit ei­ner Straf­an­zei­ge.

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Schweiz - Re­né Don­zé

Kürz­lich er­hielt die ETH Lau­sanne (EPFL) Be­such oder Post von der Staats­an­walt­schaft. Die Er­mitt­ler ver­lang­ten von der Hoch­schu­le die Her­aus­ga­be von Ak­ten über ei­nen Pro­fes­sor und über Vor­wür­fe, die ge­gen die­sen er­ho­ben wur­den. Die Er­mitt­lun­gen lau­fen aber nicht et­wa ge­gen den Wis­sen­schaf­ter, son­dern ge­gen den Whist­leb­lo­wer, der ihn an­ge­schwärzt hat­te. Über De­tails schwei­gen sich al­le aus.

Nur so viel be­stä­tigt EPFLSpre­che­rin Co­rin­ne Feuz: «Wir wis­sen von ei­ner An­zei­ge we­gen Ver­leum­dung. Sie wur­de von ei­nem Mit­glied der Pro­fes­so­ren- schaft ge­gen ei­ne Per­son ein­ge­reicht, die ihn an­ge­schul­digt hat.» Es dürf­te nicht der ein­zi­ge Fall sein. Mar­co Pi­cas­so, Prä­si­dent der Pro­fes­so­ren­ver­ei­ni­gung spricht von «un­be­grün­de­ten und ver­leum­de­ri­schen Vor­wür­fen», die in letz­ter Zeit ge­gen Pro­fes­so­ren er­ho­ben wür­den. «Ei­ni­ge der Whist­leb­lo­wer wer­den nun we­gen Ver­leum­dung ver­folgt.»

Die­se Äus­se­run­gen las­sen auf ein auf­ge­heiz­tes Kli­ma an der ETH Lau­sanne schlies­sen. Tat­säch­lich ist die Zahl der An­schul­di­gun­gen ge­gen Pro­fes­so­ren in letz­ter Zeit stark ge­stie­gen. «Ich be­ob­ach­te ei­ne Zu­nah­me der Be­schwer­den seit En­de letz­ten Jah­res», sagt Isa­bel­le Sa­lo­mé Daï­na, seit 2017 Om­buds­frau der EPFL. Die An­wäl­tin spricht von ver­schie­de­nen Über­grif­fen, die vi­el­leicht als Mob­bing qua­li­fi­ziert wer­den könn­ten. Für Be­schul­di­gun­gen we­gen wis­sen­schaft­zeigt li­chen Fehl­ver­hal­tens ist ei­ne an­de­re Om­buds­stel­le zu­stän­dig.

Die Be­schwer­den sind das ei­ne, die Zahl der Mass­nah­men, die die Hoch­schu­le ein­ge­lei­tet hat, das an­de­re. Und auch die­se nach oben. Al­lein in den letz­ten zwei Jah­ren hat die EPFL acht­mal Ad­mi­nis­tra­ti­v­un­ter­su­chun­gen ein­ge­lei­tet. Da­bei ging es in zwei Fäl­len um Über­grif­fe, in ei­nem Fall um ein Di­plom und in fünf Fäl­len um wis­sen­schaft­li­ches Fehl­ver­hal­ten.

Be­reits in den zehn Jah­ren zu­vor gab es neun sol­che Un­ter­su­chun­gen. Das ist viel, ver­gli­chen mit der ETH Zü­rich, die zur­zeit vier Un­ter­su­chun­gen führt – die pro­mi­nen­tes­te da­von be­trifft den Mob­bing­fall am In­sti­tut für As­tro­no­mie, den die «NZZ am Sonn­tag» vor ei­nem Jahr pu­blik ge­macht hat­te.

Der Zürcher Fall sei mit ein Aus­lö­ser für die Be­schwer­de­wel­le in Lau­sanne ge­we­sen, sagt Epfl­prä­si­dent Mar­tin Vet­ter­li: «Das hat ei­ner­seits mit der star­ken Me­dia­li­sie­rung ei­nes Mob­bing-fal­les an der ETH Zü­rich zu tun.» Zum an­de­ren hat die EPFL seit An­fang 2017 ih­re Mit­ar­bei­ter ak­tiv für das The­ma sen­si­bi­li­siert. Sie ver­teil­te Ver­hal­tens­richt­li­ni­en und rich­te­te ei­ne Om­buds­stel­le ein. Die Si­tua­ti­on ist aus Sicht von Vet­ter­li nicht be­un­ru­hi­gend. Er ver­weist auch dar­auf, dass von den 17 Un­ter­su­chun­gen seit 2008 le­dig­lich 6 in Sank­tio­nen mün­de­ten. 4 be­tra­fen Über­grif­fe, je ei­ner In­ter­es­sens­kon­flik­te und wis­sen­schaft­li­ches Fehl­ver­hal­ten. An­ge­sichts von gut 340 Pro­fes­so­ren und über 2100 Dok­to­ran­den sei das nicht viel.

Die Pro­fes­so­ren­ver­ei­ni­gung an der EPFL sieht das et­was an­ders. «Wis­sen­schaft ist sehr kom­pe­ti­tiv ge­wor­den», sagt Pi­cas­so. Das set­ze al­le Be­tei­lig­ten un­ter Druck, vom Dok­to­ran­den bis zum Pro­fes­sor. «Wir be­dau­ern sehr, dass nor­ma­le Span­nun­gen, wie sie un­ter Mit­glie­dern ei­nes In­sti­tuts vor­kom­men kön­nen, zu leicht in recht­li­che Schrit­te mün­de­ten.» Dar­um wehr­ten sich un­be­grün­det An­ge­schul­dig­te mit An­zei­gen. Die EPFL sagt, sie ha­be nur Kennt­nis von ei­ner sol­chen An­zei­ge.

Die­ser Fall ist auf­se­hen­er­re­gend, weil Whist­leb­lo­wer den Schutz der An­ony­mi­tät ge­nies­sen soll­ten. Das sieht auch Vet­ter­li so. «Die An­ony­mi­tät soll es er­lau­ben, dass man sich ge­traut, feh­ler­haf­tes Ver­hal­ten zu mel­den», sagt er. «Aber je­ne, die sie miss­brau­chen, um bös­wil­li­ge An­schul­di­gun­gen zu ver­brei­ten, müs­sen die Kon­se­quen­zen tra­gen.» Ein Mit­glied der Pro­fes­so­ren­schaft, das sich sol­chen Vor­wür­fen aus­ge­setzt se­he, ha­be die­sel­ben Rech­te, sei­nen Ruf zu ver­tei­di­gen, wie je­der an­de­re auch, sagt er.

Im nun von der Staats­an­walt­schaft in Lau­sanne ver­folg­ten Fall hat die Ad­mi­nis­tra­ti­v­un­ter­su­chung er­ge­ben, dass die Vor­wür­fe ge­gen den Pro­fes­sor un­be­grün­det wa­ren.

Ge­bäu­de der ETH Lau­sanne.

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