Wes­halb die Men­schen­rech­te in Ver­ruf ge­ra­ten sind

Ei­ne Initia­ti­ve der SVP zielt di­rekt auf die Eu­ro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on. Das Be­geh­ren führt zwar in die Ir­re, be­dient aber ein Un­be­ha­gen über Strass­bur­ger Ur­tei­le, das durch­aus re­al ist,

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Hintergrund Meinungen - Schreibt Tho­mas Is­ler

Ge­sund­heit ist ein Men­schen­recht, Can­na­bis ist ein Men­schen­recht, Was­ser so­wie­so, wahr­schein­lich auch Mo­bi­li­tät und kos­ten­lo­se Fuss­ball­spie­le am Fern­se­hen. Si­cher­heit ist ein Men­schen­recht, gleich­zei­tig aber auch Ri­si­ko – je­den­falls für Ex­trem­sport­ler. Wer ein An­lie­gen po­li­tisch un­an­tast­bar ma­chen möch­te, er­hebt es zum Men­schen­recht. Kaum ein ju­ris­ti­scher Be­griff mach­te in jüngs­ter Zeit er­folg­rei­cher Kar­rie­re aus­ser­halb der Rechts­wis­sen­schaft.

Auch in­ner­halb der Rechts­wis­sen­schaft. Im Staats­recht neh­men Men­schen­rech­te heu­te viel Raum ein, und un­ter Stu­die­ren­den gilt Men­schen­rechts­an­walt als be­lieb­ter Be­rufs­wunsch. Dar­an ha­ben die Eu­ro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on (EMRK) und ihr Ge­richts­hof in Strass­burg gros­sen An­teil. Die Mög­lich­keit für den ein­zel­nen Bür­ger, aus­ser­halb sei­nes Lan­des Be­schwer­de zu füh­ren, wenn der über­mäch­ti­ge Staat ihn ku­jo­ni­ert, war und ist re­vo­lu­tio­när. Sie hat gera­de auch das Schwei­zer Rechts­sys­tem in den sieb­zi­ger und acht­zi­ger Jah­ren ver­än­dert und zwei­fel­los ver­bes­sert.

Die EMRK wur­de vor al­lem für das Schwei­zer Straf­pro­zess­recht zum rechts­staat­li­chen Se­gen. Al­so dort, wo der Staat in sei­ner gan­zen Macht auf­tritt und das In­di­vi­du­um schutz­los ist wie sonst kaum ir­gend­wo. Nach­dem die Schweiz 1974 der EMRK bei­ge­tre­ten war, er­kann­ten Ju­ris­ten bald das Po­ten­zi­al der In­di­vi­du­al­be­schwer­de in Strass­burg: un­ab­hän­gi­ge Haft­über­prü­fung, Kos­ten­über­nah­me, Zu­gang zu ei­nem Ge­richt – der Schwei­zer Straf­pro­zess wur­de dank den Grund­rech­ten der EMRK mo­der­ni­siert, Be­schwer­de um Be­schwer­de.

Da­bei ist es aber nicht ge­blie­ben. Die Rich­ter in Strass­burg sa­hen sich nicht ein­fach als Ga­ran­ten ei­nes ab­so­lu­ten grund­recht­li­chen Kern­be­stan­des, son­dern eher als Schöp­fer ei­ner Art eu­ro­päi­schen Richt­er­rechts, das von Reyk­ja­vik bis Tif­lis, von Lissabon bis Wla­di­wos­tok gilt. Ih­re dy­na­mi­sche Recht­spre­chung führ­te im­mer öf­ter zu aus­ufern­den Ur­tei­len, die nicht nur in der Schweiz ir­ri­tier­ten. Mass und Selbst­be­schrän­kung blie­ben auf der Stre­cke – was letzt­lich das Ge­richt schwäch­te. Oder mit an­de­ren Wor­ten: Wenn al­les ein Men­schen­recht ist, ist nichts ein Men­schen­recht.

Tat­säch­lich führ­te die Ten­denz des Ge­richts zu Aus­brei­tung und Per­fek­ti­on in den neun­zi­ger und nul­ler Jah­ren zu ei­ner Rei­he von Ur­tei­len, die in man­chen Ver­trags­staa­ten (oder zu­min­dest in je­nen, die sich an die Recht­spre­chung aus Strass­burg hal­ten) für Miss­mut sorg­ten. Ver­letzt es wirk­lich ein Men­schen­recht, wenn fin­ni­sche Be­hör­den El­tern ver­bie­ten, ih­ren Sohn «Axl Mick» zu nen­nen? Ist es tat­säch­lich men­schen­rechts­wid­rig, wenn die Schweiz vor ei­ner ope­ra­ti­ven Ge­schlechts­um­wand­lung zu­las­ten der Kran­ken­kas­se ei­ne zwei­jäh­ri­ge War­te­frist vor­schreibt? Im Fall ei­ner Be­schwer­de ge­gen ei­ne stin­ken­de Ger­be­rei wie­der­um kre­ierten die Rich­ter ge­stützt auf Ar­ti­kel 8 EMRK (Recht auf Ach­tung des Pri­vat- und Fa­mi­li­en­le­bens) fak­tisch ein neu­es Recht auf Um­welt­schutz. Solch schöp­fe­ri­sche Ur­tei­le mö­gen Ju­ris­ten be­geis­tern, der po­li­ti­schen Ak­zep­tanz der Men­schen­rech­te hel­fen sie nicht.

Denn Men­schen­rech­te – ob ge­schrie­ben oder un­ge­schrie­ben – be­deu­ten al­lei­ne nichts. Sie er­hal­ten Au­s­prä­gung und Wert nur durch die Recht­spre­chung. Wenn Strass­burg aber nicht mehr nur ganz ele­men­tar Wür­de und Un­ver­sehrt­heit des Men­schen schüt­zen, son­dern ihn vor Unan­nehm­lich­kei­ten al­ler Art be­wah­ren will, ist das ei­ne Aus­wei­tung des Men­schen­rechts­be­griffs. Das führt zum Pro­blem je­der In­fla­ti­on: Es gibt no­mi­nell zwar mehr Men­schen­rech­te.

Das führt zum Pro­blem je­der In­fla­ti­on: Es gibt no­mi­nell zwar mehr Men­schen­rech­te. Re­al sind sie aber we­ni­ger wert.

Re­al sind sie aber we­ni­ger wert – auch weil die Rechts­sprü­che stär­ker in na­tio­na­le Ei­gen­hei­ten und po­li­ti­sche Kon­flik­te ein­grei­fen.

Die SVP ver­spricht da Ab­hil­fe mit un­taug­li­chen Mit­teln. Sie greift da­mit – wie oft – ein Un­be­ha­gen auf, oh­ne wirk­lich ei­ne Lö­sung zu lie­fern. Ih­re Selbst­be­stim­mungs­in­itia­ti­ve, die ge­ne­rell Lan­des­recht vor Völ­ker­recht stel­len will und da­mit für ein recht­li­ches To­hu­wa­bo­hu sor­gen wür­de, oh­ne ein Pro­blem zu lö­sen, hat ih­ren Ur­sprung bei ei­nem Ur­teil aus Strass­burg. Es ging um die Aus­schaf­fung ei­nes in der Schweiz auf­ge­wach­se­nen Ma­ze­do­ni­ers, die dort als nicht ver­hält­nis­mäs­sig er­ach­tet wur­de. Die Initia­ti­ve der SVP wür­de in letz­ter Kon­se­quenz in ei­ne Kün­di­gung der EMRK mün­den. Was bei al­ler Kri­tik an der zum Teil ex­zes­si­ven Recht­spre­chung in Strass­burg ein völ­lig über­ris­se­ner und ab­we­gi­ger Schritt wä­re.

Die Rück­be­sin­nung auf das We­sent­li­che muss am Ge­richts­hof in Strass­burg er­fol­gen. Und mög­li­cher­wei­se auch über den Eu­ro­pa­rat, in des­sen Schwei­zer De­le­ga­ti­on die SVP fünf Ver­tre­ter stellt. Zu­mal es in Strass­burg durch­aus Zei­chen für ein neu­es Be­wusst­sein gibt. So be­tont das – noch nicht in Kraft ge­tre­te­ne – 15. Zu­satz­pro­to­koll zur EMRK aus­drück­lich das Sub­si­dia­ri­täts­prin­zip des Ge­richts und den Er­mes­sens­spiel­raum der Ver­trags­staa­ten. Und in jün­ge­ren Ur­tei­len ist so et­was wie ei­ne Wen­de zu mehr po­li­ti­schem Prag­ma­tis­mus und we­ni­ger men­schen­recht­li­chem Per­fek­tio­nis­mus zu er­ken­nen: Das Auf­hän­gen des Kru­zi­fi­xes (Ita­li­en), das Ver­bot der Bur­ka (Frank­reich) oder die Pflicht des Schwimm­un­ter­richts auch für Mäd­chen (Schweiz) sind kei­ne un­zu­läs­si­gen Ein­grif­fe in die Re­li­gi­ons­frei­heit.

Mög­li­cher­wei­se setzt sich auch in Strass­burg die Er­kennt­nis durch, dass die Men­schen­rech­te durch­aus auch ge­fähr­det sein kön­nen – durch zu vie­le Men­schen­rech­te.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.