Schmer­zen über­all

La­dy Ga­ga, Mu­si­ke­rin und Schau­spie­le­rin, ruft zum En­ga­ge­ment ge­gen psy­chi­sche Krank­hei­ten und Selbst­mord­ge­dan­ken auf. Das The­ma hat viel mit ihr selbst zu tun.

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Hintergrund Meinungen - Von Michael Fur­ger

Schrei­ben kann sie al­so auch noch. Erst gera­de hat ei­nen Ste­fa­ni Ger­ma­not­ta aus dem Ki­no­ses­sel ge­ris­sen mit ih­rer über­ra­gen­den Darstel­lung im Film «A Star Is Born». Und nun ruft sie die­se Wo­che mit ei­nem Ar­ti­kel in der eng­li­schen Ta­ges­zei­tung «The Guar­di­an» zum Kampf ge­gen psy­chi­sche Krank­hei­ten und für die Sui­zid­prä­ven­ti­on auf. «Wenn Sie die­sen Ar­ti­kel ge­le­sen ha­ben», rech­net sie vor, «ha­ben sich sechs Men­schen das Le­ben ge­nom­men.» Psy­chi­sche Kri­sen wür­den im­mer noch als Schwä­che stig­ma­ti­siert, ob­wohl sie welt­weit Kos­ten von jähr­lich 2,4 Bil­lio­nen Dol­lar ver­ur­sach­ten. «Geht es um psy­chi­sche Krank­hei­ten, ist je­des Land der Er­de ein Ent­wick­lungs­land», schreibt sie zu­sam­men mit dem Who-ge­ne­ral­di­rek­tor.

Ste­fa­ni Ger­ma­not­ta kennt man bes­ser un­ter dem Na­men La­dy Ga­ga, sie ist ei­ne der er­folg­reichs­ten Künst­le­rin­nen un­se­rer Zeit: 150 Mil­lio­nen ver­kauf­te Ton­trä­ger, ein hal­bes Dut­zend Num­mer-eins-hits, sechs­fa­che Gram­my-ge­win­ne­rin und Gol­denG­lo­be-preis­trä­ge­rin. Bio­lo­gen ha­ben un­längst ei­ne neu ent­deck­te Farn­pflan­ze nach ihr be­nannt. Mehr Ruhm ist kaum mög­lich – aus­ser vi­el­leicht ein Os­car. Die Film­kri­ti­ker se­hen sie be­reits als An­wär­te­rin für ih­re Rol­le in «A Star Is Born».

Dass La­dy Ga­ga, 32 Jah­re alt, den Fin­ger auf das Pro­blem der jähr­lich 800 000 Sui­zi­de legt, kommt na­tür­lich nicht von un­ge­fähr. Ei­ner­seits hat es mit dem In­halt ih­res jüngs­ten Films zu tun. An­der­seits sind ihr selbst psy­chi­sche Kri­sen nicht un­be­kannt. De­pres­sio­nen, Ess­stö­run­gen, Dro­gen und Al­ko­hol­sucht – Ger­ma­not­ta hat aus ih­ren Pro­ble­men nie ein Ge­heim­nis ge­macht. In ei­nem in­ti­men Net­flix-do­ku­men­tar­film vor zwei Jah­ren er­scheint sie mehr­mals als heu­len­des Elend vor der Ka­me­ra: ein­sam nach drei ge­schei­ter­ten Be­zie­hun­gen und ge­plagt von Fi­bro­my­al­gie, ei­ner chro­ni­schen Stö­rung, die

«Um Songs zu schrei­ben», sagt sie, «muss man sein ge­bro­che­nes Herz fin­den.»

Schmer­zen am gan­zen Kör­per ver­ur­sacht und häu­fig De­pres­sio­nen mit sich bringt. Vor ein paar Jah­ren brach sie hin­ter der Büh­ne aus Er­schöp­fung zu­sam­men.

Das Show­ge­schäft ist lei­der nicht als Ort be­kannt, an dem fra­gi­le Frau­en wie sie auf be­son­ders vie­le fein­füh­li­ge Mit­men­schen tref­fen, spe­zi­ell nicht auf sol­che des an­de­ren Ge­schlechts. «So vie­le Män­ner, mit de­nen ich be­ruf­lich und pri­vat zu tun hat­te, ga­ben mir das Ge­fühl, ich sei nicht hübsch, klug oder als Mu­si­ke­rin gut ge­nug», sagt sie im Dok­film. Dass sie ih­ren 28. Ge­burts­tag er­lebt ha­be, sei nicht selbst­ver­ständ­lich ge­we­sen.

Ger­ma­not­ta wur­de 1986 in New York ge­bo­ren. Die Mut­ter stammt aus Ka­na­da, der Va­ter mit ita­lie­ni­schen Wur­zeln hat sich als In­ter­net­un­ter­neh­mer aus ein­fa­chen Ver­hält­nis­sen hoch­ge­ar­bei­tet. Mit vier be­gann Ger­ma­not­ta Kla­vier zu spie­len, spä­ter be­such­te sie die re­nom­mier­te Schau­spiel­schu­le Lee Stras­berg und lern­te Kom­po­nie­ren an der Mu­sik­schu­le der New York Uni­ver­si­ty. Bald tour­te sie mit ei­ner Band und mit ei­ner Bur­les­que-show durch die Klub­sze­ne New Yorks. Pro­du­zen­ten wur­den auf sie auf­merk­sam. Ei­ner von ih­nen ver­ge­wal­tig­te sie. Sie war 19 Jah­re alt.

An­de­re mach­ten sie be­rühmt. Vor zehn Jah­ren wur­de sie als La­dy Ga­ga aus dem Nichts zu ei­nem der ers­ten Welt­stars des di­gi­ta­len Zeit­al­ters. Prä­sent auf al­len Ka­nä­len und so­zia­len Me­di­en, pro­vo­ka­tiv und frei­zü­gig mit den in­tims­ten De­tails aus ih­rem Le­ben. Ih­re Ko­s­tü­me os­zil­lier­ten zwi­schen Kunst und Kar­ne­val. Gol­de­ne Hör­ner, Büs­ten­hal­ter mit auf­ge­setz­ten Ma­schi­nen­pis­to­len, Te­le­fon­hut oder manch­mal auch nur ein trans­pa­ren­ter Stoff oder ein Plas­tik­band um den Kör­per. Vor acht Jah­ren nahm sie in ei­nem Kleid aus ech­tem Rind­fleisch ei­nen Mu­sik­preis ent­ge­gen. Ein Jahr zu­vor liess sie bei ei­nem Auf­tritt an der­sel­ben Show ei­nen Kunst­blut­beu­tel in ih­rem Kleid plat­zen.

Hin­ter sol­chen Pro­vo­ka­tio­nen ste­cke ein Sys­tem, ver­riet sie einst. «Im­mer wenn mich die Män­ner da­zu zwin­gen woll­ten, se­xy oder pop­pig zu sein, ha­be ich dem ei­nen ab­sur­den Dreh ge­ge­ben, der mir das Ge­fühl gab, die Kon­trol­le über mich zu be­hal­ten.»

Mitt­ler­wei­le kon­trol­liert La­dy Ga­ga ih­re Kar­rie­re sou­ve­rän. Ihr Auf­tritt 2017 in der Halb­zeit­pau­se der Su­per Bowl – des Ame­ri­can-foot­ball-fi­nals – gilt als bes­te Su­per­Bowl-show über­haupt. Den Sound­track zum neu­en Ki­no­film hat sie selbst ge­schrie­ben. Der Ti­tel­song klet­tert be­reits die Hit­pa­ra­de em­por. Er er­zählt auch ein we­nig ih­re Ge­schich­te von den Schmer­zen und Qua­len.

«Um Songs zu schrei­ben», sag­te sie einst, «muss man sein ge­bro­che­nes Herz fin­den.»

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