Las­sen wir uns von der EU nicht in die En­ge trei­ben

Es pres­sie­re mit dem Ab­kom­men zwi­schen der Schweiz und der EU, heisst es. Das gilt für Je­an-clau­de Juncker. Die Schweiz hat Zeit

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Meinungen - Paul Wid­mer a pain in the Paul Wid­mer ist Alt-bot­schaf­ter und lehrt heu­te an der Uni­ver­si­tät St. Gal­len.

Es heisst, Eu-kom­mis­si­ons­prä­si­dent Je­an-clau­de Juncker sei ein Freund der Schweiz. Mag sein. Kla­rer ist et­was an­de­res. Er möch­te sei­ne eher glanz­lo­se Amts­zeit noch mit ei­nem Er­folg krö­nen. Da bie­tet sich in­des we­nig an – aus­ser ei­nem Rah­men­ver­trag, der die Schweiz stär­ker in die EU ein­bin­det. Des­halb wohl for­der­te er den Bun­des­rat auf, end­lich vor­wärts­zu­ma­chen. Er mein­te, die Un­ter­zeich­nung müs­se noch die­sen Herbst er­fol­gen, sonst sei es zu spät; sei­ne Zeit in Brüs­sel lau­fe ab – und dann kön­ne die Schweiz se­hen, wie sie oh­ne ihn wei­ter­kom­me.

Ist al­so Ei­le ge­bo­ten?

Steht je­mand un­ter Zeit­druck, ist es der schei­den­de Kom­mis­si­ons­prä­si­dent, nicht wir. Die Schweiz kann mit ih­rem der­zei­ti­gen Sta­tus ei­ni­ger­mas­sen zu­frie­den sein. Die­ser ist im­mer­hin so gut, dass sich Bri­ten schon frag­ten, ob Gross­bri­tan­ni­en nach dem Br­ex­it nicht ei­nen ähn­li­chen Weg ein­schla­gen könn­te. Ein Jour­na­list des Magazin «The Eco­no­mist» sag­te mir jüngst, er ha­be Mar­tin Sel­mayr, der Jun­kers rech­te Hand sein soll, die­se Fra­ge ge­stellt. Die­ser ha­be ge­sagt: Auf kei­nen Fall. Die Schweiz sei neck, ei­ne äus­serst müh­sa­me Sa­che. Dar­auf las­se sich Brüs­sel kein zwei­tes Mal ein.

Im Ge­gen­satz zu Gross­bri­tan­ni­en müs­sen wir nicht un­ter Zeit­druck ver­han­deln. Uns droht kein ver­trags­lo­ser Zu­stand. Das Wich­tigs­te ha­ben wir in jah­re­lan­gen bi­la­te­ra­len Ver­hand­lun­gen ge­re­gelt. Ge­wiss wä­re es schön, noch das ei­ne oder an­de­re un­ter Dach und Fach zu brin­gen, et­wa ein Strom­ab­kom­men oder ein Di­enst­leis­tungs­ab­kom­men. Aber le­bens­not­wen­dig ist das nicht.

Es gibt kurz­fris­tig nur ei­ne wun­de Stel­le, wo die EU Druck auf­set­zen kann: die Bör­sen­äqui­va­lenz. Die­se läuft En­de Jahr aus. Eu­kom­mis­sar Jo­han­nes Hahn droh­te un­ver­hoh­len da­mit, oh­ne Rah­men­ab­kom­men die Äqui­va­lenz nicht mehr zu ver­län­gern. So un­di­plo­ma­tisch grob äus­sert man sich ei­gent­lich un­ter Freun­den nicht. Der Bun­des­rat muss sich des­halb ernst­haft über­le­gen, wie man ei­ne neue Schi­ka­ne pa­rie­ren könn­te. Wahr­schein­lich soll­te er auch un­kon­ven­tio­nel­le We­ge prü­fen. Wie wä­re es et­wa, wenn die Schwei­zer Bör­se, die SIX, ei­ne Nie­der­las­sung in Va­duz grün­de­te und die Bör­sen­ge­schäf­te aus dem EWR-RAUM dort ab­wi­ckel­te? Das wä­re frei­lich nur ei­ne Not­lö­sung nach dem Sprich­wort: Auf ei­nen gro­ben Klotz ge­hört ein gro­ber Keil. Ver­trau­en schafft man mit sol­chen Mätz­chen nicht.

Wich­ti­ger ist, ei­ne lang­fris­ti­ge Stra­te­gie zu ent­wi­ckeln, um aus der Sack­gas­se, in die wir uns auf dem Weg zu ei­nem Rah­men­ab­kom­men ver­rannt ha­ben, her­aus­zu­kom­men. Das heisst:

Ers­tens müs­sen wir die Rhe­to­rik än­dern. Hö­ren wir auf, von ro­ten Li­ni­en für die flan­kie­ren­den Mass­nah­men zu spre­chen. Der Lohn­schutz ist wirk­lich kein un­lös­ba­res Pro­blem. Er be­trifft nur ei­nen klei­nen Teil un­se­rer Volks­wirt­schaft, vor al­lem das Bau­ge­wer­be und dort ins­be­son­de­re die Ach­tTa­ge-re­ge­lung. Aber er wur­de von der EU und un­se­ren Ge­werk­schaf­ten un­sin­ni­ger­wei­se zu ei­ner Exis­tenz­fra­ge hoch­ge­re­det. Nüch­tern be­trach­tet, soll­te ein Kom­pro­miss je­der­zeit mög­lich sein.

Zwei­tens müs­sen wir end­lich über das Haupt­pro­blem des Rah­men­ab­kom­mens spre­chen, näm­lich die dy­na­mi­sche und qua­si­au­to­ma­ti­sche Rechts­über­nah­me. In den vom Ab­kom­men be­trof­fe­nen Be­rei­chen wä­ren wir ver­pflich­tet, je­de neue Eu-re­ge­lung zu über­neh­men. Und falls die Schweiz da­von ab­wi­che, müss­te sie ih­ren Ent­scheid dem Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof zur In­ter­pre­ta­ti­on vor­le­gen. Das geht zu weit. Es führ­te zwangs­läu­fig zu Kon­flik­ten mit un­se­rer di­rek­ten De­mo­kra­tie und zu ei­nem ir­re­pa­ra­blen Sou­ve­rä­ni­täts­ver­lust. Wir brau­chen mehr Re­spekt für un­se­re Rechts­ord­nung. Sonst las­sen wir das Rah­men­ab­kom­men bes­ser sein.

Drit­tens soll­ten wir in un­se­ren Er­wä­gun­gen die neus­ten Ent­wick­lun­gen be­rück­sich­ti­gen. Die EU hat ih­ren Ze­nit über­schrit­ten. Nach dem Br­ex­it wird sie nicht mehr sein, was sie vor­her war. Brüs­sel ver­liert an Ge­wicht, die Haupt­städ­te le­gen zu. Statt ei­ner im­mer en­ge­ren Uni­on wer­den in Eu­ro­pa lo­cke­re Ar­ran­ge­ments zu­neh­men. Des­halb muss die Schweiz ih­re Di­plo­ma­tie ver­mehrt auf die Na­tio­nal­staa­ten aus­rich­ten und dort stär­ker für ih­re In­ter­es­sen wer­ben.

Und vier­tens soll­ten wir al­len Übe­rei­fer ver­mei­den: nichts über­stür­zen, nicht aus den Ver­hand­lun­gen aus­stei­gen, al­les auf Spar­flam­me wei­ter­kö­cheln las­sen. War­ten wir ge­las­sen den Aus­gang der Br­ex­itver­hand­lun­gen ab. Wir ha­ben Zeit. Hal­ten wir es da doch mit François Mit­ter­rand, der mein­te, man müs­se auch der Zeit ih­re Zeit ge­ben.

Wie wä­re es et­wa, wenn die Schwei­zer Bör­se, die SIX, ei­ne Nie­der­las­sung in Va­duz grün­de­te und die Bör­sen­ge­schäf­te aus dem EWRRAUM dort ab­wi­ckel­te?

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