Po­pu­lis­ten wie Trump und Co. wol­len die Glaub­wür­dig­keit der Wis­sen­schaft zer­stö­ren

Einst gal­ten sie als Hel­den der Wis­sens­ge­sell­schaft, heu­te sind sie das Feind­bild der Po­pu­lis­ten: die Ex­per­ten. Sie müs­sen ihr Ver­hält­nis zur Po­li­tik neu den­ken, um ih­re Un­ab­hän­gig­keit zu wah­ren, schreibt Cas­par Hir­schi

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Hintergrund Meinungen -

Die mo­der­ne Ge­sell­schaft ist an­ge­wie­sen auf Ex­per­ten. Man kann heu­te so we­nig ge­gen Ex­per­ten sein, wie man ge­gen Ver­kehr, Geld oder Steu­ern sein kann. Oh­ne Ex­per­ten wür­den nicht nur die In­sti­tu­tio­nen des de­mo­kra­ti­schen Rechts­staa­tes lahm­ge­legt, das ge­sell­schaft­li­che Le­ben als gan­zes wür­de über kurz oder lang zu­sam­men­bre­chen.

Das wis­sen so­gar je­ne Po­li­ti­ker, die Stim­mung ma­chen ge­gen Ex­per­ten, um sich mit dem so­ge­nann­ten Volk ge­gen die so­ge­nann­ten Eli­ten zu ver­brü­dern. So­bald ei­ne Ent­schei­dung von ge­wis­ser Kom­ple­xi­tät an­steht, grei­fen auch Po­pu­lis­ten auf den Rat von Ex­per­ten zu­rück. Nur tun sie es dis­kre­ter. Do­nald Trump hat­te Ex­per­ten im Wahl­kampf als «schreck­lich» be­zeich­net, aber als es nach der Wahl an die Aus­ge­stal­tung sei­ner Steu­er­re­form ging, nahm er selbst­ver­ständ­lich die Un­ter­stüt­zung von Ex­per­ten in An­spruch.

Ähn­lich ging der obers­te Br­ex­it-be­für­wor­ter Michael Go­ve vor: Wäh­rend des Ab­stim­mungs­kamp­fes um den Eu-aus­tritt Gross­bri­tan­ni­ens hat­te er ver­kün­det, «die Men­schen in die­sem Land ha­ben die Na­se voll von Ex­per­ten». Aber als die bri­ti­sche Re­gie­rung nach der Ab­stim­mung Heer­scha­ren von Ex­per­ten für die Aus­tritts­ver­hand­lun­gen mit der EU bei­zog, hat­te Go­ve na­tür­lich nichts ein­zu­wen­den.

Hoch­ge­bil­de­ter Men­schen­schlag

Po­pu­lis­mus be­deu­tet nicht Po­li­tik oh­ne Ex­per­ten, son­dern Po­li­tik oh­ne die Ins­ze­nie­rung von Ex­per­ten. Statt­des­sen wird ei­ne Dar­bie­tung des star­ken Man­nes als sou­ve­rä­ner Ma­cher ge­bo­ten, ver­pflich­tet al­lein der Stim­me­des­vol­kes,die­aus­sei­nem­bauch­her­aus zu ihm spricht. Al­ler­dings be­deu­ten Dif­fe­ren­zen in der Darstel­lung in der Po­li­tik im­mer auch Dif­fe­ren­zen in der Pra­xis. Wer­den Ex­per­ten von der po­li­ti­schen Büh­ne hin­ter die Ku­lis­sen ge­scho­ben, kön­nen sie von den Ent­schei­dungs­trä­gern um­so frei­er se­lek­tio­niert, kon­sul­tiert und ma­ni­pu­liert wer­den.

Dass Ex­per­ten ei­ne der­art be­lieb­te Ziel­schei­be von Po­pu­lis­ten wer­den konn­ten, war nur mög­lich, weil sie zu­vor von Po­li­ti­kern staats­tra­gen­der Par­tei­en zu Ga­ran­ten ei­ner neu­en, wis­sens­ba­sier­ten Po­li­tik hoch­sti­li­siert wor­den wa­ren. Was der Rit­ter für die Feu­dal­ge­sell­schaft, der Ent­de­cker für die Ko­lo­ni­al­ge­sell­schaft und der Fa­b­ri­kant für die In­dus­trie­ge­sell­schaft war, soll­te der Ex­per­te für die Wis­sens­ge­sell­schaft sein: Vor­rei­ter ei­nes neu­en, hoch­ge­bil­de­ten Men­schen­schlags, der dank sei­ner Kom­pe­tenz in der Po­li­tik den Kon­sens her­bei­führt und in der Wirt­schaft die Ef­fi­zi­enz er­höht.

Ex­per­ten ha­ben da­durch ein sym­bo­li­sches Ge­wicht er­hal­ten, das zu­erst zu ei­ner re­prä­sen­ta­ti­ven Last und dann zu ei­nem Re­pu­ta­ti­ons­ri­si­ko ge­wor­den ist. Re­gie­run­gen und Par­la­men­te ha­ben wis­sen­schaft­li­che Be­ra­tungs­gre­mi­en ins me­dia­le Ram­pen­licht ge­rückt, um Ex­per­ten ei­ne öf­fent­li­che Le­gi­ti­mie­rungs­funk­ti­on auf­zu­bür­den und sich selbst von Ver­ant­wor­tung zu ent­las­ten. In ei­ner Zeit, in der es um das öf­fent­li­che Ver­trau­en in die Po­li­tik be­reits schlecht be­stellt war, soll­te das Ver­trau­en in die Wis­sen­schaft um­so mehr als po­li­ti­sche Res­sour­ce ge­nutzt wer­den. Dass da­durch auch die Wis­sen­schaft ei­nen Ver­trau­ens­ver­lust er­lei­den könn­te, wur­de nicht be­dacht.

Im Ex­trem­fall wur­den Emp­feh­lun­gen von Ex­per­ten zu ei­nem Mit­tel der po­li­ti­schen Pro­pa­gan­da. Es wa­ren gera­de Re­gie­run­gen, die im Ruf stan­den, be­son­ders wis­sen­schafts­freund­lich zu sein, die sich die­ses Mit­tels be­dien­ten. Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel nutz­te es für die Durch­set­zung des Atom­aus­stiegs nach der Re­ak­tor­ka­ta­stro­phe von Fu­kus­hi­ma, USPrä­si­dent Ba­rack Oba­ma für den Ab­schluss des Atom­ab­kom­mens mit Iran. Wie kal­ku­liert er da­bei vor­ging, zeigt ei­ne Re­por­ta­ge im Magazin der «New York Ti­mes», die we­ni­ge Mo­na­te vor der Wahl Do­nald Trumps er­schien. Oba­mas Si­cher­heits­be­ra­ter Ben Rho­des hat­te dem Jour­na­lis­ten an­ver­traut, wie sich die Re­gie­rung die Un­ter­stüt­zung für das Atom­ab­kom­men ge­si­chert hat­te. Die Aus­gangs­la­ge war schwie­rig ge­we­sen, weil ei­ne Mehr­heit der Be­völ­ke­rung wie des Kon­gres­ses das Ab­kom­men ab­ge­lehnt hat­te.

Rho­des er­zähl­te, wie die Re­gie­rung un­ter Ein­be­zug zwei­er Jour­na­lis­ten mit gu­tem Na­men und gros­ser Twit­ter-ge­folg­schaft ei­ne Ar­gu­men­ta­ti­ons­li­nie ent­wi­ckel­te, die die­se da­nach im In­ter­net ver­brei­te­ten. Gleich­zei­tig mo­bi­li­sier­ten Oba­mas Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gen «Le­gio­nen von Rüs­tungs­ex­per­ten» in Think-tanks und On­line-me­di­en, um die Ar­gu­men­te zu be­kräf­ti­gen. «Wir schu­fen ei­ne Echo­kam­mer», er­läu­ter­te Rho­des. Sie war ge­füllt mit hand­ver­le­se­nen Ex­per­ten, die ah­nungs­lo­sen Re­por­tern und leicht­gläu­bi­gen Po­li­ti­kern das sag­ten, «was wir ih­nen zu sa­gen ge­ge­ben hat­ten».

Im Früh­jahr 2016, als der Ma­ga­zin­be­richt er­schien, hat­te Trump schon sei­ne ver­ba­len Sal­ven auf Ex­per­ten der in­ter­na­tio­na­len Po­li­tik ab­ge­feu­ert. Rho­des leg­te die Stra­te­gie mit zy­ni­schen Be­mer­kun­gen zur Leicht­gläu­big­keit und Un­wis­sen­heit von Haupt­stadt­kor­re­spon­den­ten und mit sicht­li­chem Stolz über das er­reich­te Er­geb­nis of­fen. Das Bild von Ex­per­ten und Me­di­en, das er ver­trat, kam je­nem, das Trump ver­mit­tel­te, er­staun­lich na­he. In­so­fern ist es ei­ne stim­mi­ge, wenn auch trau­ri­ge Iro­nie, dass die Pro­pa­gan­da der ex­per­ten­ge­stütz­ten Po­li­tik, mit der Oba­ma um Zu­stim­mung für das Iran-ab­kom­men warb, ge­nau je­nem Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten in die Hän­de spiel­te, der das Iran-ab­kom­men nur zwei Jah­re spä­ter mit ei­nem Fe­der­strich wie­der zu­nich­te­ma­chen wür­de.

Wahr­heits­an­spruch ver­lo­ren

An­ge­sichts der Ver­wer­fun­gen, die das Br­ex­it­vo­tum und die Trump-wahl im Ver­hält­nis von Wis­sen­schaft und Po­li­tik aus­ge­löst ha­ben, könn­te man die An­grif­fe auf Ex­per­ten als Zei­chen ei­nes nicht mehr auf­zu­hal­ten­den Ver­häng­nis­ses se­hen. An des­sen En­de wür­den po­pu­lis­ti­sche Macht­ha­ber der Wis­sen­schaft je­den pri­vi­le­gier­ten Wahr­heits­an­spruch ab­er­ken­nen. Ge­gen ein sol­ches Sze­na­rio, das der Har­vard-pro­fes­sor Tom Ni­chols im Best­sel­ler «The De­ath of Ex­per­ti­se» ent­wirft, spricht je­doch die Un­ent­behr­lich­keit der wis­sen­schaft­li­chen For­schung für Po­li­tik und Ge­sell­schaft.

Die Ge­fahr, die der Wis­sen­schaft bei ei­nem fort­schrei­ten­den Glaub­wür­dig­keits­ver­lust von Ex­per­ten eher droht, ist ein Da­sein als Die­ne­rin der Po­li­tik und der Wirt­schaft oh­ne je­den An­spruch auf Un­ab­hän­gig­keit. Da­durch wä­ren For­sche­rin­nen und For­scher noch we­ni­ger in der La­ge, auf po­li­ti­sche Pro­zes­se aus ei­ner Po­si­ti­on der Au­to­no­mie her­aus Ein­fluss aus­zu­üben. Sie wür­den noch mehr zum Spiel­ball von Kräf­ten, die sie nicht kon­trol­lie­ren kön­nen.

In­stanz der öf­fent­li­chen Kri­tik

Die Be­dro­hung ist um­so grös­ser, als die Wis­sen­schaft ih­re öf­fent­li­che Au­to­ri­tät wäh­rend der ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te wie nie zu­vor auf die Ex­per­ten­rol­le ab­ge­stützt hat. Da­durch hat sie ei­ne an­de­re Rol­le ver­nach­läs­sigt und letzt­lich den Po­pu­lis­ten über­las­sen: näm­lich die Rol­le als öf­fent­li­cher Kri­ti­ker, die es For­schen­den lan­ge er­mög­licht hat, aus Dis­tanz zur Po­li­tik in öf­fent­li­che Dis­kus­sio­nen zu in­ter­ve­nie­ren oder sel­ber De­bat­ten zu lan­cie­ren.

Die Rol­le des öf­fent­li­chen Kri­ti­kers ist wie je­ne des Ex­per­ten im Zu­ge der Auf­klä­rung ent­stan­den, war ihr lan­ge ein kom­ple­men­tä­rer Ge­gen­part und hat die Ge­schich­te von mo­der­ner Po­li­tik und Wis­sen­schaft eben­so stark ge­prägt. Für po­li­ti­sche Eli­ten wa­ren Kri­ti­ker stets schlech­ter kon­trol­lier­bar, meist un­an­ge­neh­mer und manch­mal auch ge­fähr­lich, wes­halb die Ab­wer­tung der Kri­ti­ker­rol­le der Wis­sen­schaft durch­aus in ih­rem Sin­ne war.

Will die Wis­sen­schaft dem Schick­sal ei­ner Die­ne­rin von Po­li­tik und Wirt­schaft ent­ge­hen, muss sie wie­der viel stär­ker zu ei­ner In­stanz der öf­fent­li­chen Kri­tik wer­den.

Die Ge­fahr, die der Wis­sen­schaft droht, ist ein Da­sein als Die­ne­rin der Po­li­tik oh­ne An­spruch auf Un­ab­hän­gig­keit.

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