Das gott­ver­damm­te Teil­chen

Le­on Le­der­man, ame­ri­ka­ni­scher No­bel­preis­trä­ger, der das Higgs-teil­chen nicht fand, ihm aber ei­nen Spitz­na­men gab, ist 96-jäh­rig ge­stor­ben.

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Hintergrund - Von Da­ni­el Mei­er

Sie jogg­ten im­mer in je­ne Rich­tung, in der sich die An­ti­pro­to­nen be­weg­ten. Je­des Jahr am 1. Ju­ni lud Le­on Le­der­man, Di­rek­tor von Fer­mi­l­ab in der Nä­he von Chi­ca­go, al­le Mit­ar­bei­ter da­zu ein, mit ihm ei­ne Run­de zu dre­hen. Auf dem rie­si­gen Ge­län­de folg­ten sie ei­ner kreis­för­mi­gen Stras­se, die über dem un­ter­ir­di­schen Ring des Be­schleu­ni­gers ver­lief. Sol­che An­la­gen die­nen in der Kern­for­schung da­zu, Teil­chen in ho­hem Tem­po auf­ein­an­der­pral­len zu las­sen. Um die 6,5 Ki­lo­me­ter des Rings am Fer­mi­l­ab zu um­run­den, be­nö­tig­te Le­der­man 38 Mi­nu­ten. Da­bei stell­te er sich die An­ti­pro­to­nen vor, die un­ter ihm durch­ras­ten. «Je­des über­run­det mich et­wa 100 Mil­lio­nen Mal.»

Ge­bo­ren wur­de Le­on Le­der­man 1922 in New York in ei­ne jü­di­sche Fa­mi­lie. Die El­tern stamm­ten aus Russ­land, in Man­hat­tan führ­ten sie ei­ne Wä­sche­rei. Oft zog Le­on mit dem äl­te­ren Bru­der Paul, ei­nem Tüft­ler, los. Als Le­on mit 16 Jah­ren krank im Bett lag, schenk­te ihm der Va­ter «Phy­sik als Aben­teu­er der Er­kennt­nis» von Al­bert Ein­stein. Das Buch las sich wie ei­ne De­tek­tiv­ge­schich­te.

Zu­nächst stu­dier­te er Che­mie, doch ei­nes Abends schwärm­te ihm ein Freund von der Phy­sik vor. Mit je­dem Bier ver­stand Le­der­man bes­ser. Sein Ent­schluss stand fest, aber da kam der Krieg, er muss­te nach Frank­reich. In New York be­gann er 1946 an der Co­lum­bia mit Phy­sik, spä­ter wur­de er dort Pro­fes­sor.

Sei­ne ers­te Ent­de­ckung macht er 1957. An ei­nem Frei­tag­mit­tag hört er das Ge­rücht, ei­ner Phy­si­ke­rin sei es ge­lun­gen, die Pa­ri­tät zu ver­let­zen. Die­se be­sagt, die Na­tur un­ter­schei­de nicht zwi­schen links und rechts, folg­lich soll­ten al­le Pro­zes­se in ei­ner ex­akt spie­gel­ver­kehr­ten An­ord­nung gleich ab­lau­fen. Der Ge­dan­ke lässt Le­der­man nicht mehr los, am glei­chen Abend er­sinnt er ein ei­ge­nes Ex­pe­ri­ment. Mit ei­nem Team ar­bei­tet er meh­re­re Ta­ge und Näch­te durch. Am Di­ens­tag um 6 Uhr ruft er ei­nen Kol­le­gen an: «Das Pa­ri­täts­ge­setz ist tot.» Er und die Ri­va­lin pu­bli­zie­ren die Re­sul­ta­te kurz nach­ein­an­der.

Wenn Le­der­man je­weils spürt, dass er vor ei­nem Durch­bruch steht, at­met er schnel­ler, er schwitzt. Über die­ses Ge­fühl schreibt er spä­ter. «Da hat man ei­ne bis­her un­be­kann­te Tat­sa­che über das Uni­ver­sum ent­deckt, und es wird ei­nem be­wusst, dass von den Mil­li­ar­den Men­schen auf der Er­de kei­ner das weiss, was man in die­sem Au­gen­blick er­kannt hat.»

Nach Genf kommt er erst­mals 1958. Er will Ski­fah­ren ler­nen und na­tür­lich das Cern be­su­chen. Das Kern­for­schungs­zen­trum und der Teil­chen­be­schleu­ni­ger be­geis­tern ihn. Ins­ge­samt wird er bis 1978 wäh­rend vier Jah­ren in Genf ar­bei­ten. In je­nem Jahr tritt er als Di­rek­tor von Fer­mi­l­ab an, der Kon­kur­renz in den USA. Ein­mal be­merkt er: «Das Cern ist ku­li­na­risch spit­ze und ar­chi­tek­to­nisch ei­ne Ka­ta­stro­phe. Bei Fer­mi­l­ab ist es um­ge­kehrt.»

Die Su­che nach den kleins­ten Bau­tei­len der Ma­te­rie treibt ihn an. Dort, im In­nern der Ato­me, hofft er, das Rät­sel lö­sen zu kön­nen, den Ur­sprung des Da­seins zu fin­den. Sei­ne Spe­zia­li­tät sind Neu­tri­nos – be­son­ders schwer fass­ba­re Ele­men­tar­teil­chen, die fast kei­ne Mas­se und kei­ne elek­tri­sche La­dung ha­ben. 1988 er­hal­ten Le­der­man und zwei Kol­le­gen den No­bel­preis da­für, dass sie 27 Jah­re da­vor ei­ne zwei­te Neu­tri­no-art ent­deckt hat­ten. An der Preis­ver­lei­hung sagt Le­der­man, der stets ei­nen Spruch pa­rat hat: «Die zwei Neu­tri­nos – das klingt wie ein ita­lie­ni­sches Tanz­duo.»

Das be­rüch­tig­te Higgs-teil­chen fin­det auch er nicht. Für ihn steht fest, dass es das wich­tigs­te Puz­zle­teil wä­re. Für sein Buch über die ver­geb­li­che Su­che schwebt ihm als Ti­tel «Das gott­ver­damm­te Teil­chen» vor. Der Ver­lag lehnt ab, man ei­nigt sich auf «Das gött­li­che Teil­chen». Die­ser Spitz­na­me setzt sich rasch durch. Das wie­der­um stört Pe­ter Higgs, den Be­grün­der der Theo­rie. Der Na­me füh­re in ei­ne fal­sche Rich­tung, fin­det der At­he­ist Higgs. Le­der­man, eben­falls At­he­ist, be­zieht sich da­ge­gen oft auf Gott. Mit Blick auf die vie­len Rück­schlä­ge fragt er: «Denkt sich Gott das al­les nach und nach aus?»

Sei­ne Hoff­nung, das Higgs-teil­chen zu fin­den, zer­schlägt sich 1993. Der Us-kon­gress stoppt den Bau ei­nes noch grös­se­ren Be­schleu­ni­gers. Zwei Mil­li­ar­den Dol­lar sind zu die­sem Zeit­punkt be­reits in­ves­tiert. Das Geld lie­ge nun in ei­nem Loch in Te­xas, das sich mit Was­ser fül­le, schimpft Le­der­man. Der Higgs-nach­weis ge­lingt 2012 am Cern.

Im Al­ter en­ga­giert er sich da­für, Wis­sen­schaft an den Schu­len po­pu­lär zu ma­chen. Mit fast 90 zieht Le­der­man, der aus ers­ter Ehe drei Kin­der hat, mit sei­ner zwei­ten Frau nach Ida­ho. Er er­krankt an De­menz, 2015 ver­stei­gert er für 765 002 Dol­lar sei­ne No­belMe­dail­le, um Arzt­rech­nun­gen be­zah­len zu kön­nen. Wo­für er sie ge­won­nen hat­te, weiss er da schon nicht mehr, er sagt: «Ich sit­ze auf mei­ner Ter­ras­se und be­trach­te die Ber­ge.»

Im­mer wie­der wur­de er ge­fragt, ob er je ein Atom ge­se­hen ha­be. Ir­gend­wann gab er zu­rück: «Ha­ben Sie je den Papst ge­se­hen?» Klar, im Fern­se­hen, hiess es dann, wor­auf Le­der­man er­klär­te, das sei nicht der Papst ge­we­sen, son­dern le­dig­lich ein Elek­tro­nen­strahl, der auf ei­nen Glas­bild­schirm mit ei­ner Phos­phor­schicht ge­trof­fen sei: «Mein Be­weis für das Atom ist min­des­tens genau­so gut.»

Teil­chen­phy­si­ker Le­on Le­der­man mit ei­ner Pup­pe von Al­bert Ein­stein am Fer­mi­l­ab. (Ba­ta­via, Il­li­nois, 1988)

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