Ei­ne neue Stu­die zeigt, dass die Schweiz pl­an­los in die avia­ti­sche Zu­kunft fliegt.

Beim The­ma Flu­gin­fra­struk­tur herrscht völ­li­ge Blo­cka­de. Ei­ne Stu­die for­dert jetzt drin­gend ei­nen Plan, wie es ab 2030 wei­ter­ge­hen soll. Sonst ste­he der Wohl­stand der Schweiz auf dem Spiel.

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Leserbriefe - Von Bir­git Voigt

Als 2001 die Swis­sair plei­te ging, war die Schweiz scho­ckiert. Es dau­er­te aber nicht lan­ge, bis sich Po­li­tik und Wirt­schaft zu ei­nem kol­lek­ti­ven Ak­ti­ons­plan zu­sam­men­fan­den, der nur ein Ziel hat­te. Dem Land soll­te un­ter al­len Um­stän­den ei­ne lo­kal ba­sier­te, auf die In­ter­es­sen der ex­port­ori­en­tier­ten Wirt­schaft ab­ge­stimm­te Flug­ge­sell­schaft er­hal­ten blei­ben. Mit dem Mut der Ver­zweif­lung und ei­ner ge­hö­ri­gen Ka­pi­tal­sprit­ze stemm­ten die da­ma­li­gen Ak­teu­re ei­ne neue Flug­ge­sell­schaft auf die Start­pis­te.

Ei­ne heu­te pu­bli­zier­te Stu­die des Be­ra­tungs­un­ter­neh­mens Bos­ton Con­sul­ting Group (BCG) ruft die Be­deu­tung ei­ner wett­be­werbs­fä­hi­gen Flu­gin­fra­struk­tur in Er­in­ne­rung und schlägt gleich­zei­tig Alarm. Denn die Schweiz hat kei­ner­lei Plä­ne, wie die schon weit­ge­hend aus­ge­reiz­ten Ka­pa­zi­tä­ten über das Jahr 2030 hin­aus ent­wi­ckelt wer­den sol­len.

Ge­mäss «The Swiss Avia­ti­on Eco­sys­tem – Fly­ing blind after 2030» zählt die Schweiz zu den am bes­ten er­reich­ba­ren Des­ti­na­tio­nen welt­weit. Das ist ei­ne wich­ti­ge Kom­po­nen­te für die rund 10 000 mul­ti­na­tio­na­len Fir­men und die 49 in­ter­na­tio­na­len Or­ga­ni­sa­tio­nen – von der Uno über die Fi­fa –, die hier an­ge­sie­delt sind. Sie er­laubt der Bas­ler Art, die glo­ba­le Füh­rung bei den Kunst­mes­sen zu be­an­spru­chen und der Hoch­schu­le ETH, 20 000 Stu­die­ren­de aus al­ler Welt zu be­grüs­sen. Sie ist ei­ne Vor­aus­set­zung für den Tou­ris­mus­sek­tor.

Den di­rekt mess­ba­ren Nut­zen, den der avia­ti­sche Sek­tor er­mög­licht, schät­zen die Stu­di­en­au­to­ren auf rund 16,5 Mrd. Fr: «Doch der Nut­zen für die Ge­samt­wirt­schaft ist um ein Viel­fa­ches hö­her. Über den da­mit ver­bun­de­nen Wert für Ge­sell­schaft und Wirt­schaft sind sich vie­le nicht im Kla­ren», sagt Da­ni­el Kess­ler, Lead-au­tor der Stu­die und Chef von BCG Schweiz. Ähn­lich ei­ner Gr­und­dienst­leis­tung wie bei­spiels­wei­se stets ver­füg­ba­rer Elek­tri­zi­tät oder schnel­ler Da­ten­über­tra­gung macht sich Ver­kehrs­in­fra­struk­tur eben nur dann be­merk­bar, wenn sie fehlt.

Blo­cka­de­po­li­tik

Grund­sätz­lich stel­len zwar selbst ra­di­ka­le Flug­lärm­geg­ner den Be­darf an Flug­ver­bin­dun­gen nicht in­fra­ge. Doch der Te­nor nicht nur die­ser laut­star­ken Grup­pe ist in­zwi­schen: «Mehr Flug­ver­kehr braucht es nicht.» In Trip­pel­schrit­ten sol­len bis 2030 an den drei Lan­des­flug­hä­fen Zü­rich, Genf und Ba­sel Ka­pa­zi­tä­ten op­ti­miert wer­den. Was da­nach kommt, scheint nie­man­den zu in­ter­es­sie­ren.

Ganz an­ders ist da doch die Ein­stel­lung von Po­li­tik und Öf­fent­lich­keit zur Bahn. Letz­tes Jahr be­schloss der Bun­des­rat, bis 2035 Aus­bau­plä­ne für 11,5 Mrd. Fr. zu rea­li­sie­ren. 200 Pro­jek­te sind schon kon­kre­ti­siert und in den po­li­ti­schen Pro­zess ein­ge­speist. Die Be­grün­dung ist so ba­nal wie ein­leuch­tend. «Die Nach­fra­ge wächst stark.»

Wann hat man das letz­te Mal die glei­che Lo­gik auf die Schwei­zer Flu­gin­fra­struk­tur an­ge­wandt? Auch hier ha­ben sich die Pas­sa­gier­zah­len seit 2000 – dem da­ma­li­gen Ze­nit der Swis­sair – von 22,7 Mio. Pas­sa­gie­ren auf rund 30 Mio. in 2018 hoch­ge­schraubt.

Die Schwei­zer flie­gen im Durch­schnitt drei­mal häu­fi­ger als Be­woh­ner be­nach­bar­ter Län­der. Selbst wenn – wie zu Recht ge­for­dert – der Flug­ver­kehr bald sei­ne wah­ren Um­welt­kos­ten über zu­sätz­li­che Ti­cket­ge­büh­ren be­zah­len muss, wird sich das Wachs­tum nur ver­lang­sa­men.

Da­bei geht es den Au­to­ren, die die Stu­die in Zu­sam­men­ar­beit mit der Schwei­ze­risch-ame­ri­ka­ni­schen Han­dels­kam­mer er­ar­bei­tet ha­ben, nicht um die Dis­kus­si­on kurz­fris­ti­ger Ein­zel­mass­nah­men. «Ob­wohl die avia­ti­sche In­fra­struk­tur für un­ser Land zen­tral ist, gibt es über die un­mit­tel­ba­re Pla­nung für die nächs­ten zwölf Jah­re kei­ner­lei po­li­ti­sche Vi­si­on, wie die­ser Be­reich sich wei­ter­ent­wi­ckeln soll», hält Kess­ler fest. «Wir ver­mis­sen über den Zei­t­raum 2030 hin­aus ei­nen An­satz, der sich nicht dar­auf be­schränkt, ein­zel­ne Flug­hä­fen zu op­ti­mie­ren, son­dern das Ge­samt­sys­tem.»

An­ge­sichts der lan­gen Zei­t­räu­me, die Ve­rän­de­run­gen in der Schweiz be­nö­ti­gen, müss­ten sich die Ver­ant­wort­li­chen beim Bund, den Kan­to­nen und der Wirt­schaft jetzt en­ga­gie­ren: «Wenn wir bei der avia­ti­schen In­fra­struk­tur nicht den An­schluss ver­lie­ren wol­len, müs­sen wir nun dar­über nach­den­ken, wie wir die Zu­kunft gestal­ten», so Kess­ler.

An­de­re Län­der schaf­fen die­se Her­aus­for­de­rung bes­ser. Die Stu­die nennt als Bei­spiel die Nie­der­lan­de. Das ähn­lich in­ter­na­tio­nal aus­ge­rich­te­te Land in ver­gleich­ba­rer Di­men­si­on hat sich vor neun Jah­ren ei­ne lang­fris­ti­ge Luft­fahrt­stra­te­gie er­ar­bei­tet, die weit in die Zu­kunft reicht. Die Nie­der­län­der adres­sie­ren auch Ziel­kon­flik­te zwi­schen öko­lo­gi­schen und öko­no­mi­schen In­ter­es­sen, die sie über ei­nen Sch­lich­tungs­pfad lö­sen wol­len.

Das Bun­des­amt für Zi­vil­luft­fahrt be­stä­tigt, dass es über den luft­fahrts­po­li­ti­schen Be­richt (Lu­po) aus dem Jahr 2016 hin­aus kei­ne An­sät­ze ge­be, die über 2030 den Weg der Schwei­zer Luft­fahrt skiz­zier­ten. Der Spre­cher er­klärt, man «dis­ku­tie­re in­tern, ob ei­ne Stu­die für den Zeit­ho­ri­zont 2050 in An­griff ge­nom­men wer­den soll».

Für Mar­tin Na­vil­le, CEO der Schwei­ze­risch-ame­ri­ka­ni­schen Han­dels­kam­mer, ist das kei­ne Fra­ge. «Hier fehlt völ­lig der Mut.» Der­zeit mach­ten al­le po­li­ti­schen Ver­ant­wort­li­chen ei­nen gros­sen Bo­gen um die Fra­ge, wie man mit der stei­gen­den Nach­fra­ge um­ge­hen wol­le. Das Wort Ka­pa­zi­täts­aus­bau wer­de tun­lichst ver­mie­den. Doch man müs­se zu­min­dest of­fen al­le An­sät­ze und Kon­se­quen­zen an­spre­chen.

Auch wenn Na­vil­le die für das Dos­sier zu­stän­di­ge Bun­des­rä­tin Do­ris Leuthard nicht ganz di­rekt kri­ti­sie­ren will, weist er Ver­ant­wor­tung zu. «Der Bund muss hier die Füh­rung über­neh­men und den Dis­kus­si­ons­pro­zess ko­or­di­nie­ren.» Da­nach brau­che es kla­re, durch­setz­ba­re Vor­ga­ben an die Flug­hä­fen. «Wir kön­nen nicht ein­fach blind in die Zu­kunft flie­gen. Die Zag­haf­tig­keit in die­sem Be­reich ist dra­ma­tisch.»

Vie­le Geg­ner jeg­li­chen Aus­baus von Flu­gin­fra­struk­tur wer­den aber wei­ter dar­auf set­zen, den Sta­tus quo ein­frie­ren zu kön- nen. Doch Still­stand über­setzt sich in der Re­gel in Rück­schritt in ei­nem Um­feld, in dem Wett­be­wer­ber sich ver­bes­sern. Die Bcg­ex­per­ten war­ten mit Sze­na­ri­en auf, die zei­gen, wie schnell ei­ne Ver­schlech­te­rung der in­ter­na­tio­na­len An­bin­dung ein­tre­ten könn­te.

Hub-sta­tus in Ge­fahr

So sind die für die Wirt­schaft zen­tra­len Langstre­cken­an­ge­bo­te ab Zü­rich, die die Swiss dank ei­nem Um­stei­ge-sys­tem (Hub) auf­ge­baut hat, nach An­sicht der Au­to­ren nicht für Ge­ne­ra­tio­nen in St­ein ge­meis­selt. Sie wei­sen auf den Ka­pa­zi­täts­aus­bau an an­de­ren Luft­han­sa-dreh­schei­ben hin (Mün­chen, Frank­furt, Wien).

Da in Zü­rich prak­tisch kein Wachs­tum mehr mög­lich sei, ris­kie­re der Stand­ort ei­ne Be­deu­tungs­e­ro­si­on in den Plä­nen der Flug­grup­pe: «Wenn Zü­rich das Ka­pa­zi­täts­the­ma nicht an­packt, ris­kiert der Flug­ha­fen den Hub­sta­tus. Und da­mit ei­ne Si­tua­ti­on, die sich nur noch ver­schlech­tert», heisst es recht dra­ma­tisch in der Stu­die. Dem kann man kri­tisch ent­ge­gen­hal­ten, dass der­zeit die Swiss an ih­rem Hei­mat­flug­ha­fen bei wei­tem das meis­te Geld in der gan­zen Grup­pe ver­dient.

Aber auch Flug­ha­fen-zü­rich­chef Ste­phan Wid­rig warnt vor zu viel Selbst­si­cher­heit: «Nie­mand zwei­felt dar­an, dass un­se­re Welt in­ter­na­tio­nal im­mer ver­netz­ter wird. Auch der Stand­ort­wett­be­werb wird in ei­ner glo­ba­len Welt wei­ter zu­neh­men. Air­lines steu­ern ih­re Netz­wer­ke zu­neh­mend über die Grup­pe und kön­nen schnell um­dis­po­nie­ren, wenn die Rah­men­be­din­gun­gen nicht mehr stim­men.» Auch er ruft ins Ge­dächt­nis, dass we­gen der lan­gen Ver­fah­rens­dau­er heu­te die Wei­chen ge­stellt wür­den für die An­bin­dung der Schweiz in zehn Jah­ren. «Fin­det kei­ne An­pas­sung der heu­ti­gen Grund­la­gen statt, wird die Schweiz in Zu­kunft an in­ter­na­tio­na­ler Wett­be­werbs­fä­hig­keit ver­lie­ren.»

«Wenn Zü­rich das Ka­pa­zi­täts­the­ma nicht an­packt, ris­kiert es den Hub-sta­tus.»

Ab­bild der all­ge­mein aus­ge­las­te­ten Schwei­zer Flu­gin­fra­struk­tur: An­sturm von Flug­gäs­ten zum Fe­ri­en­be­ginn an den Check-in-schal­tern am Flug­ha­fen Zü­rich. (Klo­ten, 2018)

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