Chi­nas Zu­kunft ver­düs­tert sich

Ver­ab­schie­det sich Pe­king aus dem in­ter­na­tio­na­len Kli­ma­schutz? Auf Sa­tel­li­ten­bil­dern sind un­zäh­li­ge neue Koh­le­kraft­wer­ke er­kenn­bar. Die Koh­le­ver­stro­mung droht in kur­zer Zeit um 25 Pro­zent zu­zu­neh­men

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Wirtschaft Klimapolitik - Michael Ra­dun­ski, Pe­king

Star­ker Re­gen und me­ter­ho­he Über­schwem­mun­gen, dann wo­chen­lan­ge Hit­ze­wel­len und Tem­pe­ra­tur­re­kor­de, da­zwi­schen Wir­bel­stür­me und Or­ka­ne – der­ar­ti­ge Ex­trem­wet­ter­er­eig­nis­se ha­ben in­zwi­schen auch die eu­ro­päi­schen Brei­ten­gra­de er­reicht. Die Kli­ma­ka­ta­stro­phe scheint im­mer wahr­schein­li­cher.

Ent­spre­chend ein­deu­tig fiel denn auch zu Wo­chen­be­ginn die Ana­ly­se des Welt­kli­ma­rats IPCC aus: Will die Mensch­heit die dro­hen­de Ka­ta­stro­phe noch ver­hin­dern, müss­ten um­ge­hend «schnel­le, weit­rei­chen­de und bei­spiel­lo­se Ve­rän­de­run­gen» vor­ge­nom­men wer­den, heisst es im jüngs­ten Ipcc-be­richt über die glo­ba­le Er­der­wär­mung und ih­re Fol­gen. Vor al­lem der Ab­bau der welt­wei­ten Co2­emis­sio­nen sei im Kampf um das Kli­ma ent­schei­dend. Der welt­wei­te Koh­len­di­oxid­aus­stoss müs­se 2020 sei­nen Hö­he­punkt er­reicht und da­nach er­heb­lich re­du­ziert wer­den, der Koh­le­an­teil müss­te laut den For­schern gar auf null re­du­ziert wer­den. An­dern­falls sei­en die Fol­gen für das Kli­ma un­kal­ku­lier­bar (vgl. da­zu auch den Be­richt auf Sei­te 49).

Kehrt­wen­de nicht in Sicht

Ei­ne der­ar­ti­ge Kehrt­wen­de ist je­doch nicht in Sicht. 2017 stieg der welt­wei­te Koh­len­di­oxid­aus­stoss um 1,7%. Die In­ter­na­tio­na­le Ener­gie­be­hör­de IEA er­war­tet auch für die­ses Jahr ei­nen wei­te­ren Zu­wachs – mit den welt­weit gröss­ten Kli­ma­sün­dern Chi­na und USA (s. Grafik) un­be­streit­bar an der Spit­ze. Al­lein 2016 hat Chi­na durch Koh­le fast so viel CO2 in die Luft ge­feu­ert wie der Rest der Welt zu­sam­men. Und weil sich die USA un­ter Do­nald Trump aus dem Pa­ri­ser Kli­ma­schutz­ab­kom­men zu­rück­ge­zo­gen ha­ben, hängt nun al­les von der Volks­re­pu­blik ab. Klar ist: Wür­de Pe­king eben­falls aus dem Kli­ma­ver­trag aus­stei­gen, wä­re das Pa­ri­ser Ab­kom­men end­gül­tig am En­de.

Ent­spre­chend be­sorg­nis­er­re­gend sind Mel­dun­gen, dass Chi­na sei­ne Koh­le­ka­pa­zi­tä­ten zu­letzt aus­ge­baut ha­ben soll. Laut ei­nem Be­richt der Us-um­welt­or­ga­ni­sa­ti­on Co­al Swarm sei­en auf Sa­tel­li­ten­bil­dern un­zäh­li­ge neue chi­ne­si­sche Koh­le­kraft­wer­ke zu er­ken­nen. De­ren Ge­samt­leis­tung soll ins­ge­samt rund 259 Gi­ga­watt be­tra­gen – so viel wie fast al­le ame­ri­ka­ni­schen Koh­le­kraft­wer­ke zu­sam­men (266 GW). Co­al Swarm spricht denn auch von ei­ner «un­kon­trol­lier­ba­ren Ex­pan­si­on», die das welt­wei­te Kli­ma be­dro­he. Ei­ni­ge der neu ent­deck­ten Kraft­wer­ke wür­den be­reits Strom er­zeu­gen, an­de­re dem­nächst ih­ren Be­trieb auf­neh­men. Ins­ge­samt wür­de Chi­nas Koh­le­ver­stro­mung da­durch um sat­te 25% zu­neh­men und auf ei­nen Re­kord­wert von 993 Gi­ga­watt stei­gen.

Hu Min von der Ener­gy Foun­da­ti­on Chi­na er­klärt den Koh­leBoom vor al­lem mit zwei Grün­den: Die lang­fris­ti­ge Ur­sa­che sei Chi­nas wach­sen­der Ener­gie­be­darf. Der Le­bens­stan­dard stei­ge, Chi­nas Bür­ger hät­ten im­mer mehr Elek­tro­ge­rä­te und neu­er­dings auch im­mer mehr Elek­tro­au­tos. Al­ler­dings wol­le sich die Re­gie­rung in Pe­king von der schmut­zi­gen Koh­le ver­ab­schie­den und auf al­ter­na­ti­ve Ener­gie­quel­len set­zen, wes­halb man der­zeit sehr viel Gas aus dem Aus­land ein­kau­fe. «Doch Chi­nas Ener­gie­hun­ger ist schlicht zu gross, um ihn aus­schliess­lich mit Gas und er­neu­er­ba­ren Ener­gi­en ab­de­cken zu kön­nen», be­grün­det Hu den kurz­fris­ti­gen Grund für den Koh­le­boom. Zu­dem er­wähnt die Ener­gie­ex­per­tin ge­stie­ge­ne Gas­prei­se, wes­halb Pe­king doch wie­der ver­mehrt auf Koh­le set­ze. Schliess­lich ha­be Chi­na in den Jahr­zehn­ten des atem­be­rau­ben­den Wirt­schafts­wachs­tums ei­ne rie­si­ge An­zahl an Koh­le­kraft­wer­ken ge­baut. «Die­se Ent­wick­lung hält uns in Sa­chen Kli­ma­schutz nun ge­fan­gen», ur­teilt Hu.

Zhang Jun­jie, Di­rek­tor des Um­welt­zen­trums an der Du­keKuns­han­uni­ver­si­tät in Suz­hou, nennt zwei wei­te­re Ur­sa­chen: «In vie­len Pro­vin­zen schüt­zen die lo­ka­len Re­gie­run­gen den Koh­le­sek­tor, denn Koh­le ist zum ei­nen bil­lig. Zum an­de­ren ar­bei­ten in die­sem Be­reich Mil­lio­nen Chi­ne­sen, de­ren Ar­beits­plät­ze die Ver­

Das Ziel Chi­nas war ur­sprüng­lich, die Ab­hän­gig­keit von der schmut­zi­gen Koh­le ab­zu­bau­en.

ant­wort­li­chen er­hal­ten wol­len.» Den­noch sind so­wohl Zhang wie auch Hu über­zeugt, dass Pe­king sei­ne Zu­sa­gen aus dem Pa­ri­ser Kli­ma­ab­kom­men ein­hal­ten wird.

Al­ler­dings sind die­se Zu­sa­gen auch nicht son­der­lich am­bi­tio­niert: Im Ab­kom­men von 2015 si­chert Chi­na zu, dass sei­ne CO2E­mis­sio­nen im Jahr 2030 ih­ren Hö­he­punkt er­rei­chen und erst da­nach ab­neh­men müs­sen. Da Chi­nas Wirt­schaft mit der­zeit 6,9% in­zwi­schen deut­lich lang­sa­mer wächst als in den Jahr­zehn­ten da­vor, sind Ex­per­ten über­zeugt, dass Chi­nas Koh­len­di­oxid­aus­stoss oh­ne­hin ab­neh­men wer­de. Zu­dem ist Um­welt­schutz auch in Chi­na in­zwi­schen ein gros­ses The­ma. Die zwei­stel­li­gen Wachs­tums­ra­ten der ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te gin­gen ein­her mit ei­nem Raub­bau an der Na­tur: Die Luft­qua­li­tät ist trotz gros­sen Fort­schrit­ten noch im­mer mi­se­ra­bel. Laut der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on WHO ist die Kon­zen­tra­ti­on der ge­sund­heits­schäd­li­chen Pm2,5-par­ti­kel in Chi­nas Städ­ten mehr als dop­pelt so hoch wie der welt­wei­te Durch­schnitt.

Ver­schmutz­tes Was­ser

80% des chi­ne­si­schen Grund­was­sers gel­ten als ver­schmutzt. Rund ein Fünf­tel der land­wirt­schaft­li­chen Nutz­flä­che sind laut den Ex­per­ten der Ver­ein­ten Na­tio­nen ver­seucht. All das hat ernst­haf­te Kon­se­quen­zen – für Chi­na und sei­ne Ein­woh­ner: For­scher der Uni­ver­si­tät Hong­kong ha­ben er­rech­net, dass Chi­nas Wirt­schaft al­lein durch die star­ke Luft­ver­schmut­zung je­des Jahr rund 38 Mrd. $ ver­lie­re. Der­weil at­men 1,3 Mrd. Chi­ne­sen dre­cki­ge Luft, trin­ken schmut­zi­ges Was­ser und kau­fen ver­seuch­te Nah­rungs­mit­tel. Der Un­mut in der Ge­sell­schaft wird im­mer grös­ser.

Doch die Mel­dung vom Koh­leBoom zeigt, wie schwie­rig der Spa­gat zwi­schen Wirt­schafts­wachs­tum und Um­welt­schutz in Chi­na ist. Par­tei­ und Staats­chef Xi Jin­ping weiss um die­ses Pro­blem. Er muss sei­nen Lands­leu­ten in den Mil­lio­nen­städ­ten drin­gend bes­se­re Um­welt­be­din­gun­gen bie­ten und darf da­bei die Be­völ­ke­rung ab­seits der Bal­lungs­ge­bie­te nicht in die Ar­beits­lo­sig­keit schi­cken. Kein an­de­res Land der Welt in­ves­tiert der­art viel in den Aus­bau er­neu­er­ba­rer Ener­gi­en, sei es So­lar­, Wind­ oder Was­ser­kraft. Denn soll­te der nach­hal­ti­ge Um­bau der chi­ne­si­schen Wirt­schaft nicht ge­lin­gen, droht zwei­er­lei: Der Un­mut der chi­ne­si­schen Ge­sell­schaft könn­te zum Pro­blem für die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei wer­den – und die fort­schrei­ten­de Um­welt­ver­schmut­zung zur Ge­fahr für das welt­wei­te Kli­ma.

Ein Koh­le­berg­werk in der chi­ne­si­schen Stadt Fus­hun. Der Ener­gie­trä­ger Koh­le ist zwar um­welt­schäd­lich, aber ver­hält­nis­mäs­sig bil­lig. Zu­dem schafft er Ar­beits­plät­ze.

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