We­ni­ger Geld ver­schwen­den – ei­ne An­lei­tung

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Invest - Jürg Mei­er

Spa­ren gilt als ei­ne ty­pi­sche Schwei­zer Tu­gend. Im Jahr 2015 leg­ten wir 23,2% un­se­res ver­füg­ba­ren Brut­to­haus­halts­ein­kom­mens für schlech­te Zei­ten zu­rück. Un­se­re Spar­quo­te ist da­mit viel hö­her als in den deutsch­spra­chi­gen Nach­bar­län­dern. In Deutsch­land lag der Wert bei 9,7%, in Ös­ter­reich bei 7,3%.

Wir Schwei­zer spa­ren nicht nur im Gros­sen, son­dern auch im Klei­nen. Nir­gends in Eu­ro­pa sind Kun­den­kar­ten so stark in der Be­völ­ke­rung ver­an­kert. Ob Su­per­card oder Cu­mu­lus: Ner­vös fuch­teln wir mit den Kar­ten her­um, da­mit wir auch noch für den letz­ten Ta­ke-away-kaf­fee un­se­re Punk­te er­hal­ten. Und das, ob­wohl es prak­tisch nichts bringt. Laut ei­ner Aus­wer­tung des Ver­gleichs­diens­tes Ve­ri­vox spart man bei Mi­gros, Co­op und Co. mit den «Kärt­li» gera­de ein­mal 1 Pro­zent ein.

Er­staun­lich ist aber vor al­lem ei­nes: Wäh­rend wir in vie­len Be­rei­chen auf je­den Rap­pen schau­en, wer­fen wir in an­de­ren das Geld zum Fens­ter hin­aus. Et­wa bei den Hy­po­the­ken. Ein Vier­tel der Haus­be­sit­zer ho­len laut dem Ver­gleichs­dienst Com­pa­ris nicht ein­mal ei­ne Ver­gleichs­of­fer­te ein, wenn sie ihr Haus fi­nan­zie­ren. Der Be­ra­ter Mo­ney­park schätzt, dass die Ban­ken we­gen der Ver­gleichs­faul­heit der Schwei­zer Jahr für Jahr 1,5 bis 2 Mrd. Fr. zu­sätz­lich kas­sie­ren.

Ähn­lich sieht es bei den Kran­ken­kas­sen aus. Ge­mäss Com­pa­ris kön­nen Ver­si­cher­te in der Stadt Zü­rich bei ei­nem Wech­sel vom teu­ers­ten zum güns­tigs­ten An­bie­ter Fr. 182.60 spa­ren – pro Mo­nat. Und doch blei­ben vie­le Schwei­zer ih­rer teu­ren Kran­ken­kas­se treu oder ih­rem teu­ren Te­le­kom­an­bie­ter oder ih­rer teu­ren Bank.

Was kann man da­ge­gen tun? Es hel­fe, das Pro­blem über­haupt zu er­ken­nen, sagt Ra­fa­el Hu­ber, Wirt­schafts­psy­cho­lo­ge am In­sti­tut für An­ge­wand­te Psy­cho­lo­gie an der ZHAW. Fast wich­ti­ger sei aber et­was an­de­res: die psy­cho­lo­gi­schen Mecha­nis­men da­hin­ter zu ver­ste­hen. «So wol­len Sie sich vi­el­leicht ge­gen­über Ih­rem net­ten Bank­be­ra­ter nicht il­loy­al ver­hal­ten, oder Sie schät­zen das Ge­fühl der Si­cher­heit, das Ih­nen be­kann­te Pro­zes­se ge­ben.»

Laut Hu­ber kann be­reits ei­ne klei­ne Mass­nah­me hel­fen: Setzt man im elek­tro­ni­schen Ka­len­der ei­ne Er­in­ne­rung, las­sen sich Ge­wohn­hei­ten durch­bre­chen. So ver­passt man die Fris­ten für den An­bie­ter­wech­sel nicht er­neut.

Der Psy­cho­lo­ge weiss aber auch Trost für all je­ne, die das nicht schaf­fen. Wenn wir al­le im­mer nur kühl kal­ku­lie­rend ent­schei­den wür­den, dann wür­den wir vi­el­leicht auch öf­ter un­se­re Freund­schaf­ten, un­se­re Jobs und un­se­re Lie­bes­be­zie­hun­gen wech­seln. «Rein ra­tio­na­les, ge­fühl­lo­ses Ver­hal­ten ist aber eher ei­ne Ei­gen­schaft, die man in der Psy­cho­lo­gie mit dunk­len Per­sön­lich­kei­ten in Ver­bin­dung bringt.»

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