Vla­di­mir Pet­ko­vic tes­tet neue Spie­ler. Wie gut sind sie?

Der Schwei­zer Na­tio­nal­trai­ner Vla­di­mir Pet­ko­vic tes­tet neue Spie­ler. Das Vor­ge­hen ist zu­kunfts­ge­rich­tet. Aber das Re­ser­voir des Schwei­zer Fuss­balls ist nicht un­er­schöpf­lich.

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Sport - Von Ben­ja­min Steffen, Brüs­sel

Die 87. Mi­nu­te, das nächs­te Ka­pi­tel die­ser Fuss­ball-tel­ler­wä­scher­ge­schich­te: Kurz vor Schluss des Na­ti­ons-le­agueSpiels der Schweiz und Bel­gi­en (1:2) wird Chris­ti­an Fass­nacht ein­ge­wech­selt, der ehe­ma­li­ge Ju­ni­or des FC Zü­rich, den die Zürcher einst fort­schick­ten, weil er zu klein war. Er kön­ne sich ja wie­der mel­den, wenn er grös­ser sei, soll es ge­heis­sen ha­ben. Und in die­ser 87. Mi­nu­te am Frei­tag­abend mel­de­te er sich in Brüs­sel als Na­tio­nal­spie­ler, Pre­mie­re.

Der Schwei­zer Na­tio­nal­trai­ner Vla­di­mir Pet­ko­vic setzt um, was er an­ge­kün­digt hat. Mit Fass­nacht liess er seit Sep­tem­ber den vier­ten Spie­ler de­bü­tie­ren; ge­gen Is­land vor gut ei­nem Mo­nat hat­ten schon Fass­nachts YBKol­le­gen Ke­vin Mba­bu und Dji­bril Sow so­wie der Bas­ler Al­bi­an Aje­ti den Ein­stand ge­ge­ben. Pet­ko­vic prö­belt in die­sem Herbst, per­so­nell und tak­tisch. Er führt et­was im Schil­de für erns­te­re Zei­ten, für die Em-qua­li­fi­ka­ti­on ab März 2019 zum Bei­spiel. Im Au­gust war be­kannt ge­wor­den, dass Pet­ko­vic in die­sem Herbst fünf Rou­ti­niers vor­erst kei­ne Prio­ri­tät ein­räumt. Ge­gen Bel­gi­en fehl­ten erst­mals al­le fünf, die zu­rück­ge­tre­te­nen Va­lon Beh­ra­mi und Gel­son Fer­nan­des, der zum zwei­ten Mal nicht mehr be­rück­sich­tig­te Ble­rim Dze­mai­li, aber auch der Cap­tain Ste­phan Licht­stei­ner und Jo­han Djou­rou, die für die Sep­tem­berLän­der­spie­le zwecks Be­wäl­ti­gung der Dop­pel­ad­ler-nach-wm-kri­se noch auf­ge­bo­ten wor­den wa­ren.

Kuhns Sich­tungs­ka­der

Pet­ko­vic will her­aus­fin­den, ob sich auf Dze­mai­li, Licht­stei­ner und Djou­rou ver­zich­ten lässt. Das Vor­ge­hen ist kon­se­quent und zu­kunfts­ge­rich­tet – und birgt die Ge­fahr, fal­sche Vor­stel­lun­gen zu we­cken. Al­lein mit neu­en Na­men wird die Brei­te des Schwei­zer Na­tio­nal­teams nicht grös­ser – und da­von träu­men doch so vie­le: von mehr Aus­wahl, von vie­len gu­ten Spie­lern, die sich auf ho­hem Ni­veau kon­kur­ren­zie­ren. Aber die­sem Träu­men liegt ein Miss­ver­ständ­nis zu­grun­de. Das Re­ser­voir des Schwei­zer Fuss­balls ist nicht un­er­schöpf­lich. Da­von zeu­gen Bei­spie­le aus der Ver­gan­gen­heit. Rund ei­nen Mo­nat vor der WM 2018 er­liess Pet­ko­vic ein 35-Mann-ka­der, das der Schwei­ze­ri­sche Fuss­ball­ver­band (SFV) nie öf­fent­lich mach­te. Ge­gen aus­sen er­weck­te es den An­schein ei­nes Kon­kur­renz­kampfs – den es in Wirk­lich­keit kaum gab. Denn Pet­ko­vic sag­te bald dar­auf, ab­ge­se­hen von «ein, zwei Po­si­tio­nen» ha­be er das 23er-ka­der im Kopf.

Oder der Sep­tem­ber 2015: Die Schwei­zer gas­tier­ten in der Wm-qua­li­fi­ka­ti­on in En­g­land, in Me­di­en hiess es, im Gros­sen und Gan- zen ha­be Pet­ko­vic je­de Po­si­ti­on dop­pelt be­setzt. Es folg­te das Spiel, En­g­land - Schweiz 2:0, Er­nüch­te­rung. Oder wei­ter zu­rück: der Auf­ga­lopp zur Heim-eu­ro 2008. Im Früh­ling 2007 gab der SFV be­kannt, fort­an mit ei­nem 40-Mann-sich­tungs­ka­der zu funk­tio­nie­ren. Auch in die­sem Fall: Es klang nach Kon­kur­renz­kampf und per­spek­ti­vi­schem Den­ken, Me­di­en zi­tier­ten den Coach Kö­bi Kuhn, wo­nach er zu «100 Pro­zent» hin­ter die­ser Neue­rung ste­he. Nach­dem die Schwei­zer in zwei Spie­len zwei­mal ver­lo­ren hat­ten und der Em­zau­ber ver­flo­gen war, sag­te der ab­tre­ten­de Kuhn zur «NZZ am Sonn­tag», für die Eu­ro und sein Schaf­fen ha­be die­se Lis­te «kei­ne Be­deu­tung» ge­habt – «ich wuss­te, dass ich nicht aus 40 Na­men aus­wäh­len kann».

Auf der Lis­te stan­den Spie­ler, die bis heu­te ma­xi­mal fünf Län­der­spie­le auf­wei­sen: Alain Nef, Bo­ris Smil­ja­nic, Alberto Re­gaz­zo­ni, Ger­ma­no Vai­la­ti oder Ju­li­an Es­te­ban. Und: Ivan Ra­ki­tic, der sich als­bald ent­schloss, für Kroa­ti­en zu spie­len (und es bis in den Wm-fi­nal 2018 schaff­te).

Se­fe­ro­vic vs. Lu­ka­ku

Die Men­ge be­ob­ach­te­ter Spie­ler sagt nichts aus über die Stär­ke des Kol­lek­tivs. Auf der Po­si­ti­on des rech­ten Aus­sen­ver­tei­di­gers hat Pet­ko­vic der­zeit fünf An­wär­ter, den ewi­gen Licht­stei­ner, des­sen bis­he­ri­gen Er­satz Michael Lang, zu­dem Mba­bu, Flo­rent Ha­derg­jo­nai und Sil­van Wid­mer. Laut «Blick» sag­te Lang, es be­ste­he «ein Lu­xus­pro­blem», al­le fünf hät­ten das Po­ten­zi­al, Stamm­spie­ler zu wer­den. Aber nicht al­le sind Licht­stei­ner schon eben­bür­tig. Lässt sich al­so wirk­lich auf ihn ver­zich­ten?

Lu­xus ist An­sichts­sa­che – und ei­ne Dop­pel­be­set­zung ist auch ei­ne Fra­ge der Qua­li­tät, nicht nur der Quan­ti­tät. Im Sturm gibt es Ha­ris Se­fe­ro­vic und Ma­rio Gav­ra­no­vic, zu­dem Aje­ti und in bes­se­ren Zei­ten Jo­sip Dr­mic. Gav­ra­no­vic (Di­n­a­mo Zagreb) und Aje­ti spie­len in klei­ne­ren Li­gen, Dr­mic star­te­te bei Mön­chen­glad­bach auf der Tri­bü­ne in die Sai­son. Die­se Mehr­fach­be­set­zung be­fin­det sich auf an­de­rem Ni­veau als bei den Bel­gi­ern, die mit Rome­lu Lu­ka­ku ei­nen Stür­mer von Welt­rang ha­ben; als ers­ter Er­satz gilt Mi­chy Bats­hu­ayi, heu­te Va­len­cia, zu­vor Dort­mund, Chel­sea, Mar­seil­le. Es scheint, im Ver­gleich mit den Bel­gi­ern dürf­ten Fass­nacht und sei­ne Kol­le­gen gar nie mehr auf­hö­ren, Tel­ler zu wa­schen.

Al­lein mit neu­en Na­men wird die Brei­te des Na­tio­nal­teams nicht grös­ser – und da­von träu­men doch so vie­le: von mehr Aus­wahl.

Chan­ce für die zwei­te Gar­de: El­ve­di, Gav­ra­no­vic, Lang (v. l. n. r.).

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