Kroa­ti­en lei­det un­ter Wm-ka­ter

Kein Sieg, kei­ne To­re: Dem Wm-fi­na­lis­ten droht in der Na­ti­ons Le­ague der Ab­stieg. Der Rück­tritt von Ma­rio Mand­zu­kic wiegt schwer.

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Sport - Tho­mas Ro­ser, Bel­grad

Erst drei Mo­na­te ist es her, dass Kroa­ti­en im Wm-fi­nal stand. 2:4 ver­lor Mit­te Ju­li das Über­ra­schungs­team des Tur­niers, das sich rausch­haft ins End­spiel ge­ar­bei­tet hat­te, ge­gen Frank­reich. Am Frei­tag tra­fen die Kroa­ten auf En­g­land, es war die Neu­auf­la­ge des Wm-halb­fi­nals, 2:1 hat­te Kroa­ti­en ge­won­nen, dank dem Tor von Ma­rio Mand­zu­kic in der Ver­län­ge­rung. Wer sich auf ei­nen ähn­lich in­ten­si­ven Fuss­ball­abend ge­freut hat­te, wur­de ent­täuscht: So trist wie die Ku­lis­se, so trost­los war das Spiel. Gera­de ein­mal 500 Of­fi­zi­el­le, Ord­ner und Jour­na­lis­ten ver­folg­ten in dem sonst so stim­mungs­vol­len Ru­je­vicaS­ta­di­on in Ri­je­ka die Par­tie. Selbst ein von den Ka­me­ras ein­ge­fan­ge­ner Be­treu­er der «Feu­ri­gen», wie die Kroa­ten ge­nannt wer­den, konn­te bei dem über wei­te Stre­cken sehr fa­den 0:0 das Gäh­nen nicht ver­heh­len.

Kroa­ti­ens ge­fei­er­te Wm-über­flie­ger hat der Fuss­ballall­tag ein­ge­holt. Über «die Idio­ten», die das ers­te Heim­spiel des Fi­na­lis­ten nach dem Traum­tur­nier in Russ­land zum Geis­ter­spiel ge­mach­ten hat­ten, klag­te nach Ab­pfiff ent­nervt der Ab­wehr­hü­ne De­jan Lo­v­ren vom Li­ver­pool FC. Tat­säch­lich hat­ten die ei­ge­nen An­hän­ger dem Team um den Cap­tain Lu­ka Mod­ric zum wie­der­hol­ten Mal ei­nen Auf­tritt oh­ne Pu­bli­kum ein­ge­brockt. Weil sich beim Geis­ter­spiel ge­gen Ita­li­en 2015 im Pol­jud-sta­di­on in Split auf dem mit Che­mi­ka­li­en prä­pa­rier­ten Ra­sen ein Ha­ken­kreuz ab­ge­zeich­net hat­te, wur­de Kroa­ti­en von der Ue­fa zu zwei Pflicht­spie­len vor lee­ren Tri­bü­nen ver­don­nert: Mit drei­jäh­ri­ger Ver­zö­ge­rung spiel­ten die Schütz­lin­ge von Er­folgs­coach Zlat­ko Da­lic nun die ver­blie­be­ne Rest­stra­fe in der Na­ti­ons Le­ague aus.

Kei­ne Sie­ge, kei­ne To­re – und der dro­hen­de Ab­stieg in die B-li­ga: Auch sport­lich nimmt sich die Bi­lanz der Kroa­ten nach zwei Spie­len im neu­en Wett­be­werb be­schei­den aus. Doch in der Not klam­mert sich auch ein Vi­ze­welt­meis­ter an die kar­gen po­si­ti­ven Aspek­te. Nach dem 0:6-Auf­takt­de­ba­kel ge­gen Spa­ni­en im Sep­tem­ber sei das Team wie­der kom­pakt ge­stan­den, sag­te Lo­v­ren. Ei­nen ein­zi­gen Tor­schuss hat­ten die Kroa­ten in der Par­tie ge­gen Spa­ni­en zu­stan­de ge­bracht. Wich­tig sei, dass sei­ne Schütz­lin­ge nach der Schlap­pe wie­der zu­rück­ge­kom­men sei­en, sag­te der Trai­ner Da­lic, dem die Er­leich­te­rung über das Aus­blei­ben ei­ner wei­te­ren Nie­der­la­ge deut­lich an­zu­mer­ken war. «Es war nicht schlecht», füg­te er an, «auch wenn wir noch Zeit be­nö­ti­gen, um wie­der in Form zu kom­men.» Die Mann­schaft sei mit dem 0:0 «gut weg­ge­kom­men», ur­teil­ten hin­ge­gen kroa­ti­sche Me­di­en.

Der mat­te Auf­tritt hat die Pro­ble­me der Kroa­ten er­neut klar auf­ge­zeigt. Die Er­war­tun­gen der Fans sind nach dem Wm-hö­hen­flug un­ver­min­dert hoch. Die Per­so­nal­de­cke im Team, das an der WM an sei­nem Ma­xi­mum spiel­te, ist aber noch dün­ner als zu­vor.

Über ei­nen ech­ten Go­al­get­ter ver­fügt die Mann­schaft nach dem Rück­tritt des 32-jäh­ri­gen Stür­mers Ma­rio Mand­zu­kic nicht mehr. «Wir müs­sen Mand­zu­kic ver­ges­sen, es ist vor­bei, er ist nicht mehr bei uns», sag­te der Trai­ner Da­lic. Er­wi­schen die Schlüs­sel­spie­ler wie Mod­ric und Ivan Ra­ki­tic, die in Ri­je­ka über­spielt und mü­de wirk­ten, ei­nen schwä­che­ren Tag, ge­rät das Spiel so­fort ins Stot­tern.

Das ho­he Fuss­bal­lal­ter des eben zum Welt­fuss­bal­ler ge­wähl­ten Mod­ric wirft zu­dem die Fra­ge auf, wie lan­ge sich die Kroa­ten noch auf das Spiel ih­res bril­lan­ten Re­gis­seurs ab­stüt­zen kön­nen. Dass sich die Ver­jün­gung sei­nes Teams trotz zahl­rei­chen Ta­len­ten müh­sa­mer als er­hofft gestal­ten könn­te, scheint nach dem ver­patz­ten Neu­be­ginn auch Zlat­ko Da­lic zu ah­nen. «Uns steht noch viel Ar­beit be­vor», sagt er nach der Par­tie.

Wie lan­ge noch? Lu­ka Mod­ric, 33, ist Kroa­ti­ens Schlüs­sel­spie­ler. (12. 10. 2018)

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