Lü­gen und le­ben – vom Um­gang mit Men­schen und Mi­nu­ten

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Im Fokus - Von Ben­ja­min Steffen

Am vor­letz­ten Sams­tag rutsch­te der VFB Stutt­gart in der deut­schen Bun­des­li­ga auf den letz­ten Platz ab. Der Sport­vor­stand Michael Reschke sag­te, die Trai­ner­fra­ge stel­le sich nicht. Am nächs­ten Tag ent­liess Stutt­gart den Trai­ner Tay­fun Kor­kut. Und am Mitt­woch sag­te Reschke im Magazin «Sport-bild», er ge­be «of­fen zu, dass ich in der Fra­ge nicht ganz ehr­lich war, und re­spek­tie­re, wenn das nun in der Öf­fent­lich­keit an­ders in­ter­pre­tiert und miss­ver­stan­den wird. Da­mit kann und muss ich le­ben.» Lü­gen, le­ben und le­ben las­sen.

Der Cvp-prä­si­dent Gerhard Pfis­ter sag­te letzt­hin in der NZZ: «In der Po­li­tik gibt es kei­ne Wahr­heit. Po­li­tik be­wer­tet Fak­ten ein­fach un­ter­schied­lich.» Gibt es in der Lie­be ei­ne Wahr­heit? Lie­be be­wer­tet Ge­füh­le ein­fach un­ter­schied­lich. Wie man­che Wahr­heit gibt es im Sport? Ei­ne Wahr­heit ist doch auch: Hät­te Reschke nicht ge­lo­gen, son­dern ge­sagt: «Ja, die Trai­ner­fra­ge stellt sich», wär’s auch nicht recht ge­we­sen. Was wol­len wir uns ge­gen­sei­tig um die Oh­ren schla­gen? Wie ernst ist es uns Men­schen ge­ne­rell? Wie ernst ist es GC mit Thors­ten Fink? Wie ernst ist es GC mit den Trai­nern ge­ne­rell? Am

11. März 2017 sag­te der Prä­si­dent Ste­fan An­li­ker in der NZZ, für GC ge­be «es jetzt nur Ta­mi, und mit ihm wol­len wir die Sa­che durch­zie­hen». Am 12. März 2017 gab GC die Tren­nung von Pier­lu­i­gi Ta­mi be­kannt. Wie lan­ge ist «jetzt»? Stutt­gart ist über­all. Wie ernst ist es mir da­mit, Zla­tan Ibra­hi­mo­vic wie­der­holt als den einst welt­bes­ten Fuss­bal­ler zu be­zeich­nen? Ich re­spek­tie­re, wenn das in der Öf­fent­lich­keit an­ders in­ter­pre­tiert wird. Aber im­mer­hin dau­ert mein Jetzt län­ger als ei­ne Nacht. Und schaf­fen wir uns nicht al­le un­se­re ei­ge­ne Welt?

In mei­ner Welt er­seh­ne ich seit län­ge­rem eben­bür­ti­gen Er­satz für Ibra­hi­mo­vic. Am wei­tes­ten kam ich auf mei­ner ab­grund­tief ehr­li­chen Su­che 2014, in der «Sport­wo­che» vom 13. April stand: «Pa­co Al­cá­cer, Stür­mer von Va­len­cia, ein wun­der­sa­mer Fuss­bal­ler.»

Ach, Al­cá­cer! En­de Au­gust wech­sel­te er zu Dort­mund, in der Meis­ter­schaft spiel­te er laut «Sport-bild» erst 81, laut «Ki­cker»-sta­tis­tik 84 Mi­nu­ten (un­ter­schied­li­che Be­wer­tung von Fak­ten), da­bei traf er sechs­mal. Nach­dem er jüngst ge­gen Augs­burg drei To­re er­zielt hat­te, sag­te Al­cá­cer, er kön­ne sich vor­stel­len, über die­se Sai­son hin­aus in Dort­mund zu blei­ben. Reschke hät­te wohl ge­sagt, die Wech­sel­fra­ge stel­le sich nicht.

Am nächs­ten Sams­tag spielt Dort­mund ge­gen Stutt­gart und Al­cá­cer ge­gen den neu­en Stutt­gart-trai­ner Mar­kus Wein­zierl, der mit Reschke le­ben kann und le­ben muss.

Trifft Al­cá­cer wei­ter­hin in die­sem Rhyth­mus, kommt er bis En­de Sai­son laut «Sport­bild»-hoch­rech­nung auf 186 Go­als. Ich kann mir vor­stel­len, ihn in die­sem Fall zum neu welt­bes­ten Fuss­bal­ler zu kü­ren. Mit ihm will ich die Sa­che durch­zie­hen.

Pa­co Al­cá­cer, Stür­mer von Dort­mund: Was für ein wun­der­sa­mer Fuss­bal­ler! (Dort­mund,14. Sep­tem­ber 2018)

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