Deutsch­land im Di­lem­ma

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Sport - Na­ti­ons Le­ague Ste­fan Os­ter­haus, Ams­ter­dam

Was ge­schieht, wenn zwei Teams in mehr­fa­cher Hin­sicht die glei­chen Zie­le ver­fol­gen – so wie die Nie­der­län­der und die Deut­schen? Um den Sieg ging es na­tür­lich für bei­de Mann­schaf­ten, aber auch um et­was, das über den den blos­sen Spiel­tag hin­aus­weist: Re­ha­bi­li­ta­ti­on und Er­neue­rung, ei­ne Ver­heis­sung für die Zu­kunft.

Die Art und Wei­se aber, wie sie ih­re Zie­le ver­fol­gen, die ist voll­kom­men un­ter­schied­lich, wie sich beim Match in Ams­ter­dam zeig­te. Da­bei be­kräf­tig­ten die Nie­der­län­der mit dem über­ra­schend deut­li­chen 3:0-Sieg je­nen Auf­schwung, der sich jüngst an­ge­deu­tet hat­te: Vir­gil van Di­jk, der In­nen­ver­tei­di­ger des FC Li­ver­pool, traf nach ei­ner hal­ben St­un­de per Kopf­ball für das Platz­team; Mem­phis De­pay voll­ende­te in der 87. Mi­nu­te ei­nen Kon­ter, Ge­or­gi­nio Wi­j­nal­d­um tat es ihm in der Nach­spiel­zeit gleich und sorg­te da­für, das die Dis­kus­sio­nen um Coach Joa­chim Löw nun von Neu­em be­gin­nen wer­den.

Aus deut­scher Per­spek­ti­ve bot der Match reich­lich An­schau­ungs­un­ter­richt: Wie schwer es ist, mit al­ten Ge­wohn­hei­ten zu bre­chen und Neu­es zu wa­gen. Denn al­les er­schien wie frü­her. Auf dem Spiel­feld woll­ten sie do­mi­nie­ren, den Ball be­haup­ten und nach ge­lun­ge­nen Spiel­zü­gen voll­enden. Das Per­so­nal, mit dem die Wie­der­gut­ma­chung für das Aus­schei­den an der WM ge­lin­gen soll, ist weit­ge­hend iden­tisch – an­ders als bei den Nie­der­län­dern, die wie­der an ei­nen Gross­an­lass rei­sen wol­len, nach­dem sie zu­letzt EM wie WM ver­säum­ten. Coach Ro­nald Koeman ver­trau­te ei­nem jun­gen Team, ei­ne tra­gen­de Rol­le hat­te Fren­kie de Jong von Ajax. Der 21-Jäh­ri­ge ist ein Viel­sei­tig­keit­scham­pi­on, der im Mit­tel­feld auf je­der Po­si­ti­on spie­len kann und so­gar schon in der Ab­wehr ein­ge­setzt wur­de.

Löw ver­zich­te­te da­ge­gen auf Ex­pe­ri­men­te, wenn man ein­mal von der No­mi­nie­rung des seit Sai­son­be­ginn no­to­risch tor­lo­sen Schal­ker Stür­mers Mark Uth für die Start­for­ma­ti­on ab­sieht. Und doch war es im Grun­de ein Auf­tritt je­ner Ka­te­go­rie, wie man ihn aus den bes­se­ren Ta­gen des deut­sche Teams kennt. Im ge­die­ge­nen Auf­bau­spiel ist To­ni Kroos un­er­setz­lich; Jos­hua Kim­mich hält ihm den Rü­ckend frei. Ei­ne hal­be St­un­de lang zeig­te das Team je­ne Va­ria­bi­li­tät, die nö­tig ist, um ei­ne gut or­ga­ni­sier­te Mann­schaft wie die Nie­der­län­der vor Pro­ble­me zu stel­len.

Ti­mo Wer­ner, der über den Flü­gel im­mer wie­der vor­stiess, hät­te eben­so wie Tho­mas Mül­ler die Füh­rung für den Welt­meis­ter des Jah­res 2014 er­zie­len müs­sen, doch es war die Koeman-equi­pe, die zur Füh­rung traf. Nach ei­nem Eck­ball ver­lor Mats Hum­mels ein Kopf­ball­du­ell ge­gen den klei­ne­ren Ryan Ba­bel, Go­a­lie Ma­nu­el Neu­er hat­te sich im Be­mü­hen zur Klä­rung an die Gren­ze des Fünf­me­ter­rau­mes be­ge­ben, doch er hat­te sich ver­schätzt, so dass van Di­jk im zwei­ten Ver­such we­nig Mü­he hat­te, ein­zu­köp­feln.

Es war ei­ne Si­tua­ti­on, die das deut­sche Di­lem­ma na­he­zu per­fekt um­riss. Im DFB wird man sich mit dem Ge­dan­ken ver­traut ma­chen müs­sen, dass ein paar Spie­ler, die noch vor kur­zem Welt­klas­se wa­ren, nicht mehr im Ze­nit ste­hen. Erst in den letz­ten zwan­zig Mi­nu­ten mach­te Löw Ge­brauch von Op­tio­nen wie Ju­li­an Drax­ler und Le­roy Sa­né, der den Aus­gleich hät­te er­zie­len müs­sen. Die Nie­der­län­der aber ver­stan­den es, ih­re Füh­rung ge­schickt zu ver­tei­di­gen, ehe spä­te To­re zum kla­ren Sieg führ­ten. So zeig­te Koem­ans Team, mag es auch nicht über die Klas­se des Geg­ners vom Sams­tag ver­fü­gen, dass es auf dem Weg zur Er­neue­rung den Deut­schen um ei­nen Schritt vor­aus ist.

Wie­der ist Go­a­lie Neu­er ge­schla­gen: De­pay (rechts) er­zielt das 2:0 für die Nie­der­län­der.

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