Ein Kli­ma­be­richt für das Ge­müt

Die Mensch­heit hat mehr Zeit, die glo­ba­le Er­wär­mung zu brem­sen, so­gar ei­ne Be­schrän­kung auf 1,5 Grad ist noch mög­lich. Mit die­ser neu­en Bot­schaft schürt der Welt­kli­ma­rat un­rea­lis­ti­sche Er­war­tun­gen und lie­fert der Po­li­tik Aus­re­den für ihr Nichts­tun.

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Wissen - Von Oli­ver Ge­den

Als die Re­gie­run­gen die­ser Welt beim Kli­ma­gip­fel in Pa­ris 2015 über­ra­schend nicht nur ei­ne Be­gren­zung der Er­der­wär­mung auf 2 Grad Cel­si­us, son­dern nach Mög­lich­keit gar auf 1,5 Grad in Aus­sicht stell­ten, lös­te dies bei vie­len For­schern Kopf­schüt­teln aus. Schon das seit lan­gem eta­blier­te 2-Grad­ziel galt kaum noch als er­reich­bar. Bei den glo­ba­len Emis­sio­nen war kein Ab­wärts­trend zu er­ken­nen. Und die frei­wil­li­gen Selbst­ver­pflich­tun­gen der Uno-mit­glied­staa­ten lie­fen eher auf ei­ne Er­wär­mung auf 3 bis 3,5 Grad hin­aus.

Wür­de das 1,5-Grad-ziel nicht ge­ra­de­wegs da­zu füh­ren, dass man die in­ter­na­tio­na­le Kli­ma­po­li­tik für ge­schei­tert er­klä­ren müss­te? Oder wür­den die Be­schlüs­se von Pa­ris schnell in ei­ne pro­ble­ma­ti­sche Geo­en­gi­nee­ring-de­bat­te mün­den, et­wa über das künst­li­che Her­un­ter­dim­men der Son­nen­ein­strah­lung durch das Aus­brin­gen von Schwe­fel­ae­ro­so­len in die Stra­to­sphä­re?

Die For­schung ge­fähr­det ih­ren Ruf

Der vom Uno-kli­ma­gip­fel in Pa­ris be­stell­te und zu Be­ginn die­ser Wo­che ge­lie­fer­te 1,5-Grad-be­richt des Welt­kli­ma­rats IPCC zeigt, dass die­se Be­fürch­tun­gen wohl ver­früht wa­ren. Aber nicht, weil die Kli­ma­po­li­tik seit 2015 dra­ma­tisch ehr­gei­zi­ger ge­wor­den wä­re, son­dern viel­mehr, weil sich die wis­sen­schaft­li­chen Po­li­tik­be­ra­ter wei­ter­hin an die un­ge­schrie­be­ne Re­gel hal­ten, ein po­li­tisch be­schlos­se­nes Ziel nicht für aus­sichts­los zu er­klä­ren. Der Co-vor­sit­zen­de der Ipcc-ar­beits­grup­pe zum Kli­ma­schutz, Jim Skea, be­wäl­tig­te die­se Grat­wan­de­rung bei der Prä­sen­ta­ti­on des Be­richts mit fei­ner bri­ti­scher Iro­nie: «Ei­ne Be­gren­zung der Er­der­wär­mung auf 1,5 Grad ist mög­lich – sie wür­de nicht ge­gen die Ge­set­ze der Phy­sik und der Che­mie ver­stos­sen.»

Die Kli­ma­for­schung hat der Kli­ma­po­li­tik al­so ein wei­te­res Mal ei­nen Aus­weg ge­wie­sen, und das so­gar bei strik­ter Ab­leh­nung von Geo­en­gi­nee­ring. Aber sie ist im Be­griff, ih­re ei­ge­ne Re­pu­ta­ti­on zu ge­fähr­den, weil sie an­ge­sichts ei­nes im­mer grös­se­ren Aus­ein­an­der­klaf­fens von ehr­gei­zi­ge­ren Tem­pe­ra­turzie­len und un­ge­nü­gen­den Mass­nah­men tap­fer dar­an fest­hält, dass es im­mer noch «fünf vor zwölf» sei. Wir steu­ern auf ei­ne Ka­ta­stro­phe zu, die Zeit läuft uns da­von, aber wir kön­nen es im­mer noch schaf­fen, wenn wir jetzt sehr schnell han­deln, denn die nächs­ten Jah­re sind ent­schei­dend. Das ist die do­mi­nan­te Kli­maEr­zäh­lung – seit nun­mehr gut 30 Jah­ren. Und vie­len eu­ro­päi­schen Um­welt­mi­nis­tern, NGO und Me­di­en ist auch nach Ver­öf­fent­li­chung des 1,5-Grad-be­richts nichts an­de­res ein­ge­fal­len.

Das Pro­blem da­bei ist nicht nur, dass ei­ne sol­che Er­zäh­lung sich ir­gend­wann ab­nutzt und sich ins­be­son­de­re die Po­li­tik dar­an ge­wöhnt hat, dass es of­fen­sicht­lich im­mer «fünf vor zwölf» ist, egal was sie tut be­zie­hungs­wei­se nicht tut. Eben­so schwer­wie­gend ist, dass Na­tur­wis­sen­schaf­ten und Kli­ma­öko­no­mik die­ses Nar­ra­tiv mit auf­wen­di­gen Mo­dell­kal­ku­la­tio­nen stüt­zen. Denn wenn der Welt nur ein be­grenz­tes Koh­len­di­oxid-bud­get zur Ver­fü­gung steht, um be­sag­te Tem­pe­ra­turzie­le nicht zu über­schrei­ten, und wenn die glo­ba­len Emis­sio­nen eben nicht dras­tisch sin­ken, son­dern auf sehr ho­hem Ni­veau wei­ter leicht an­stei­gen, dann geht die Rech­nung nur dann noch auf, wenn die Mo­del­l­an­nah­men per­ma­nent an­ge­passt wer­den.

Das Co2-bud­get reicht nicht aus

Ge­nau das lässt sich auch im 1,5-Grad-be­richt des IPCC wie­der be­ob­ach­ten. Weil schon lan­ge klar ist, dass das noch ver­blei­ben­de Co2-bud­get rea­lis­ti­scher­wei­se nicht aus­rei­chen wird, hat man schon vor zehn Jah­ren ei­ne Art «Ver­schul­dungs­me­cha­nis­mus» ein­ge­führt, bei dem kom­men­de Ge­ne­ra­tio­nen das Bud­get wie­der aus­glei­chen könn­ten. Die in kli­ma­öko­no­mi­schen Mo­del­len an­ge­nom­me­nen Men­gen an «ne­ga­ti­ven Emis­sio­nen» sind kon­ti­nu­ier­lich ge­stie­gen, mit 770 Gi­ga­ton­nen bis 2100 ma­chen sie nun schon fast das 20-Fa­che

des heu­ti­gen glo­ba­len Co2-ausstos­ses aus. In For­schung und Ent­wick­lung ent­spre­chen­der Tech­no­lo­gie­optio­nen – zum Bei­spiel des Ab­schei­dens von CO2 di­rekt aus der Um­ge­bungs­luft oder des be­schleu­nig­ten Ver­wit­terns von CO2 – in­ves­tie­ren Re­gie­run­gen bis jetzt je­doch kaum.

Weil das al­lein bei ei­nem so ehr­gei­zi­gen Ziel wie 1,5 Grad nicht mehr aus­reicht, ver­schiebt sich seit ei­ni­gen Jah­ren auch die De­fi­ni­ti­on des­sen, was ein Tem­pe­ra­turziel ei­gent­lich aus­macht. Wenn nach Über­schrei­ten ei­ner kri­ti­schen Schwel­le tat­säch­lich ka­ta­stro­pha­le Fol­gen dro­hen, et­wa durch ir­re­ver­si­ble Kipp-punk­te im Kli­ma­sys­tem, dann wä­re das Ein­hal­ten ei­nes strik­ten Li­mits an­zu­ra­ten. Beim 1,5-Grad-ziel kal­ku­liert man je­doch ein zwi­schen­zeit­li­ches Über­schrei­ten mit ein – et­wa um 0,3 Grad für meh­re­re Jahr­zehn­te –, be­vor die Tem­pe­ra­tur dann bis 2100 wie­der un­ter die Schwel­le ge­drückt wird.

Ein sol­cher «Over­shoot»-pfad er­laubt kurz- und mit­tel­fris­tig hö­he­re Emis­sio­nen, für Kli­ma­po­li­ti­ker be­deu­tet dies ein Mehr an Fle­xi­bi­li­tät. Im neu­en Ipcc-be­richt se­hen 73 der 78 Emis­si­ons­sze­na­ri­en, die als 1,5-Grad­kom­pa­ti­bel gel­ten, ein zwi­schen­zeit­li­ches Über­schrei­ten der Schwel­le vor. In der von den Re­gie­run­gen mit­ver­han­del­ten «Zu­sam­men­fas­sung für Ent­schei­dungs­trä­ger» wird je­doch der Ein­druck er­weckt, dass drei Vier­tel al­ler Sze­na­ri­en kei­nen oder al­len­falls ei­nen mi­ni­ma­len Over­shoot zu­las­sen.

Mit dem neu­en Be­richt wur­de zu­dem auch die Be­rech­nungs­me­tho­de für das Co2-bud­get selbst ver­än­dert, mit dem Er­geb­nis, dass es nun um 300 Gi­ga­ton­nen grös­ser aus­fällt als bis­her ge­dacht. Ge­mes­sen am heu­ti­gen Jah­res­aus­stoss sind das zwar nur 7,5 Jah­re mehr Zeit. Aber im Kon­text ei­ner vom IPCC an­ge­nom­me­nen, aus­ser­or­dent­lich schnel­len Re­duk­ti­on der glo­ba­len Co2-emis­sio­nen – Hal­bie­rung bis 2030, Nul­le­mis­sio­nen bis 2050 – ge­winnt die Welt gut 20 Jah­re mehr Zeit. Auf Ba­sis der Bud­get­zah­len aus dem fünf­ten Ipcc-sach­stands­be­richt von 2014 wä­re das Co2-bud­get für 1,5 Grad selbst un­ter op­ti­mis­tischs­ten An­nah­men schon in den 2020er Jah­ren zur Nei­ge ge­gan­gen. Die Neu­be­rech­nung be­ruht im We­sent­li­chen auf der Be­ob­ach­tung, dass der von den bis­he­ri­gen Emis­sio­nen aus­ge­lös­te Tem­pe­ra­tur­an­stieg et­was schwä­cher aus­fällt, als von Erd­sys­tem­mo­del­len vor­her­ge­sagt. Ob der neue An­satz, des­sen Grund­la­gen erst En­de 2017 ver­öf­fent­licht wur­den, in der kli­ma­wis­sen­schaft­li­chen For­scher­ge­mein­schaft wirk­lich schon als neu­er Kon­sens gel­ten kann, ist noch nicht aus­ge­macht. Vie­le Wis­sen­schaf­ter hal­ten die Er­wei­te­rung der Ipcc-bud­gets für die Zie­le von 1,5 und 2 Grad für ver­früht.

Das al­les be­deu­tet nicht, dass man den 1,5-Grad-be­richt nie­mals hät­te schrei­ben sol­len. Oh­ne­hin hat­te der IPCC kei­ne Chan­ce, sich dem ent­spre­chen­den An­sin­nen des Pa­ri­ser Kli­ma­gip­fels zu ver­wei­gern. Und selbst­ver­ständ­lich wä­re ei­ne Be­gren­zung des Tem­pe­ra­tur­an­stiegs auf 1,5 Grad weit bes­ser als ei­ne Er­wär­mung von 2 oder gar 3 Grad – zu­al­ler­erst für die Ent­wick­lungs­län­der, die das 1,5-Grad-ziel in Pa­ris durch­ge­setzt ha­ben. Der Mee­res­spie­gel­an­stieg fie­le ge­rin­ger aus, eben­so die Zahl und die In­ten­si­tät von Hit­ze­wel­len oder der Rück­gang von Ern­te­er­trä­gen. In der For­schung zu Kli­ma­wan­del­fol­gen hat­te die dem IPCC ge­stell­te Mam­mut­auf­ga­be, in nicht ein­mal drei Jah­ren ei­nen Son­der­be­richt zu ei­ner bis da­hin kaum be­ach­te­ten Tem­pe­ra­tur­schwel­le vor­zu­le­gen, deut­li­che Er­kennt­nis­fort­schrit­te zur Fol­ge.

Be­zo­gen auf den Kli­ma­schutz hin­ge­gen hat sich die kli­ma­wis­sen­schaft­li­che Po­li­tik­be­ra­tung in ei­ne pre­kä­re La­ge ge­bracht, weil sie ge­gen je­de Evi­denz da­zu bei­trägt, Mach­bar­keitsil­lu­sio­nen auf­recht­zu­er­hal­ten. Die Re­gie­run­gen, die in Pa­ris das 1,5-Grad­Ziel be­schlos­sen ha­ben, hät­ten auch oh­ne den Ipcc-be­richt wis­sen müs­sen, dass dies schnel­le­re und dras­ti­sche­re Emis­si­ons­re­duk­tio­nen er­for­dert. Ge­sche­hen ist seit­her je­doch we­nig. Soll­te sich nun auch der nächs­te Uno-kli­ma­gip­fel im De­zem­ber nicht da­zu durch­rin­gen kön­nen, die vom IPCC er­rech­ne­te Hal­bie­rung der welt­wei­ten Emis­sio­nen bis 2030 zu be­schlies­sen und dann auch um­zu­set­zen, soll­te die Kli­ma­for­schung das 1,5-Grad-ziel bes­ser zu den Ak­ten le­gen.

Hit­zes­tress: Der tro­cke­ne Som­mer hat Spu­ren hin­ter­las­sen. (Nu­the­tal bei Pots­dam, 1. Au­gust 2018)

Der Au­tor ist Kli­ma­po­li­tik-ex­per­te bei der Stif­tung Wis­sen­schaft und Po­li­tik in Berlin, Gast­for­scher am Ham­bur­ger Max-planckin­sti­tut für Me­teo­ro­lo­gie und Lei­t­au­tor beim nächs­ten Ipcc-be­richt.

Im­mer hef­ti­ger: Über­schwem­mung nach ei­nem Hur­ri­kan. (Bur­gaw, NC, 17. Sep­tem­ber 2018)

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