Wer et­was will, muss auch et­was ge­ben

Die Zürcher strei­ten sich über ein neu­es Hard­turm-sta­di­on. Da­bei über­se­hen sie das Po­ten­zi­al, das es für die Wei­ter­ent­wick­lung ih­rer Stadt bie­tet, wenn es rich­tig um­ge­setzt wird.

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Kultur - Von Gerhard Mack

Ei­ne Fo­to­gra­fie vor dem Zürcher Rat­haus sym­bo­li­siert die Si­tua­ti­on in der Stadt: Da ste­hen sich An­hän­ger und Geg­ner des ge­plan­ten Zürcher Fuss­ball­sta­di­ons auf bei­den Stras­sen­sei­ten ge­gen­über. Un­ver­söhn­lich, durch die Tram­schie­nen von­ein­an­der ge­trennt wie durch ei­nen reis­sen­den Fluss. Die Stadt ist in der Fra­ge ge­spal­ten, der Riss geht quer durch die Par­tei­en und so­zia­len Schich­ten. Je­weils et­wa die Hälf­te der Be­völ­ke­rung ist für oder ge­gen das Gross­pro­jekt. Wie der Volks­ent­scheid im No­vem­ber aus­geht, ist völ­lig of­fen, seit die SP sich ge­gen ih­re Stadt­prä­si­den­tin ge­gen die ge­plan­te pri­va­te Fi­nan­zie­rung des Pro­jekts aus­spricht. Wie­der ein­mal droht in Zü­rich ein gros­ses Bau­vor­ ha­ben zu schei­tern und der schier end­lo­se Kampf um ein Fuss­ball­sta­di­on in ei­ne wei­te­re Run­de zu ge­hen.

Die Be­für­wor­ter wol­len end­lich ein Sta­di­on, das den Ge­ge­ben­hei­ten des Fuss­balls ent­spricht: In ihm sind die Fans na­he am Spiel­feld plat­ziert, es hat ent­spre­chend stei­le Rän­ge, die nicht durch ei­ne Lauf­bahn vom Ra­sen ge­trennt sind, so wie man es von den klas­si­schen eng­li­schen Sta­di­en her kennt und wie es seit dem neu­en St. Ja­kob­sta­di­on in Ba­sel von 2002 auch bei den Schwei­zer Neu­bau­ten längst zum Stan­dard ge­wor­den ist. Fuss­ball zählt zur Iden­ti­tät von Zü­rich, der Sport muss sich fei­ern kön­nen, die bei­den Klubs brau­chen ei­ne Hei­mat. Nur in ei­nem dem Fuss­ball ge­wid­me­ten Sta­di­on wird die­ser zum Er­eig­nis, wie die Er­eig­nis­ge­sell­schaft es ein­for­dert, soll sich je­mand für et­was be­geis­tern. Das Let­zi­grund­sta­di­on ist für die Be­dürf­nis­se der Leicht­ath­le­tik aus­ge­legt und kann die­je­ni­gen des Fuss­balls nicht best­mög­lich er­fül­len.

Dem hal­ten die Geg­ner ei­ne gan­ze Pa­let­te von Ein­wän­den ent­ge­gen: Den ei­nen feh­len bei den bei­den Klubs die sport­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne sol­che In­ves­ti­ti­on, und sie glau­ben nicht, dass ein neu­es Sta­di­on sie in ei­ne an­de­re sport­li­che Um­lauf­bahn brin­gen könn­te, die mit dem eu­ro­päi­schen Klub­fuss­ball ver­bun­den ist. Dann gibt es die­je­ni­gen, die aus lau­ter Lie­be zu ih­rem Zü­rich je­de Ve­rän­de­rung mit Ar­gus­au­gen be­ob­ach­ten und be­kämp­fen. Ge­gen je­den Turm lau­fen sie Sturm, als wä­re die Ve­rän­de­rung der Stadt­sil­hou­et­te ein Ver­bre­chen und die Iden­ti­tät der Stadt nur als ge­bau­tes Mu­se­um, man könn­te auch sa­gen Mau­so­le­um, zu er­hal­ten. Dass die­se oft bür­ger­li­chen Krei­se sonst wirt­schafts­li­be­ral den­ken, hin­dert sie nicht am Pro­test ge­gen Bau­vor­ha­ben, wenn die ei­ge­ne Aus­sicht be­trof­fen ist. Und seit kur­zer Zeit sind da noch die­je­ni­gen Kräf­te der Zürcher SP, die glau­ben, ein sol­ches Sta­di­on lies­se sich kos­ten­güns­ti­ger ganz von der Stadt selbst bau­en. Ih­nen sind die bei­den Tür­me mit Woh­nun­gen im mitt­le­ren Preis­seg­ment ein Dorn im Au­ge, mit de­nen die In­ves­to­ren CS und HRS das Sta­di­on quer­fi­nan­zie­ren wol­len.

Man muss kei­ner der bei­den Sei­ten an­ge­hö­ren, um zu se­hen, dass Kri­tik und Be­geh­ren nicht ein­fach Be­kennt­nis­se zwei­er stu­rer La­ger sind, die sich fest­ge­bis­sen ha­ben. In ih­nen spie­gelt sich viel­mehr die

Wer et­was will . . .

Am­bi­va­lenz des Pro­jekts: Es be­inhal­tet Chan­ce und Ge­fahr zu­gleich. Deut­lich wird dies vor al­lem, wenn man den Blick auf den Ent­wurf lenkt, den die Ar­chi­tek­ten­ge­mein­schaft Pool Ar­chi­tek­ten, Ca­ru­so St. John und Bolts­hau­ser Ar­chi­tek­ten ent­wi­ckelt ha­ben, und sei­ne ur­ba­nis­ti­sche Qua­li­tät be­fragt. Auf ei­ner Par­zel­le von 50 000 Qua­drat­me­tern sol­len 173 Ge­nos­sen­schafts­woh­nun­gen, ein Fuss­ball­sta­di­on für 18 000 Zu­schau­er und zwei Tür­me mit 570 Woh­nun­gen und Ge­wer­be­räu­men ge­baut wer­den.

Die trau­rigs­te Ecke von Zü­rich

Die Schwie­rig­kei­ten be­gin­nen mit der La­ge. Ge­wiss, das neue Sta­di­on soll an dem Ort ent­ste­hen, wo das al­te ei­ne lan­ge Tra­di­ti­on ge­stif­tet hat. Das Hard­turm-are­al liegt aber auch in Zü­rich-west. Und die­ses Quar­tier ist ne­ben Oer­li­kon vi­el­leicht die schwie­rigs­te und trau­rigs­te Ecke von Zü­rich. Der Stadt­teil hat sich von ei­ner zu­nächst gros­sen Hoff­nung zum Pa­ra­de­bei­spiel für ei­ne un­glück­li­che Quar­tier­ent­wick­lung ge­wan­delt. Wo man ein Zü­rich des 21. Jahr­hun­derts hät­te ent­wer­fen kön­nen, reiht sich Vo­lu­men an Vo­lu­men. Ma­xi­ma­le Aus­nut­zung, ar­chi­tek­to­ni­sche Ein­falls­lo­sig­keit und au­tis­ti­sche Be­schrän­kung der Bau­her­ren auf die je­weils ei­ge­ne Par­zel­le be­stim­men den Cha­rak­ter. Da­bei ist es ganz gleich, ob es sich um Ho­tels, Bü­ro­bau­ten, Wohn­blö­cke oder um die Zürcher Hoch­schu­le für Gestal­tung han­delt: Die Stadt hat es ver­säumt, hier Vor­ga­ben zu er­las­sen, die das durch­aus ge­wünsch­te En­ga­ge­ment pri­va­ter In­ves­to­ren zu ei­ner Ge­samt­heit wer­den las­sen. Aus den al­ten In­dus­trie­area­len ist kein neu­es ur­ba­nes Zen­trum ent­stan­den. Der öf­fent­li­che Raum ist nur­mehr Ver­kehrs- und Rest­flä­che. Dort geht man hin, wenn man et­was zu er­le­di­gen hat, und ist froh, wenn man wie­der ins Tram stei­gen kann. Wer sei­nen Blues aus­le­ben will, kann dort sonn­tags spa­zie­ren ge­hen.

St. Gal­len zeigt die Ge­fah­ren

Das Hard­turm-are­al ist in die­se Si­tua­ti­on ein­ge­bun­den. Es schliesst ei­ne Fol­ge von Gross­über­bau­un­gen ab und wird von den Ver­kehrs­ach­sen der Pfingst­weid- , der Ber­ner- und der Förr­li­buck­stras­se be­grenzt. Die Ge­fahr liegt nun dar­in, dass auch das neue Pro­jekt mit sei­nen drei Ele­men­ten Ge­nos­sen­schafts­woh­nun­gen, Sta­di­on­kör­per und Wohn­tür­me als wei­te­res Gross­vor­ha­ben an die be­ste­hen­den Vo­lu­men ge­reiht wird, oh­ne die Um­ge­bung ein­zu­be­zie­hen.

Was da­bei her­aus­kommt, kann man am Sta­di­on se­hen, das 2008 im Wes­ten von St. Gal­len er­öff­net wur­de. Die Stadt stell­te da­mals eben­falls ei­ne Rest­flä­che zwi­schen

Au­to­bahn und Ein­fall­stras­se zur Ver­fü­gung, hoch ver­kehrs­be­las­tet wie in Zü­rich und kaum sinn­voll für et­was an­de­res zu ge­brau­chen. Das St. Gal­ler Sta­di­on ist bei Spie­lern und Be­su­chern sehr be­liebt, städ­te­bau­lich ist es je­doch ge­schei­tert. Der Bau sitzt wie ein In­sekt in der Land­schaft, das auf dem Rü­cken liegt und hilf­los mit den Bein­chen stram­pelt. Je­de An­bin­dung an die Um­ge­bung fehlt. Die Chan­ce, dem aus­fran­sen­den Wes­ten der Stadt ein Zen­trum zu ge­ben, wur­de nicht ge­nutzt.

So hat man mit dem Haupt­mie­ter Ikea zwar ei­nen Pu­bli­kums­brin­ger ge­won­nen, die Shop­ping­mall-at­mo­sphä­re, die die Lä­den im Sta­di­on-man­tel be­stimmt, macht den Bau aber zu ei­nem Ort oh­ne Ge­sicht. Das Ge­fühl von Be­lie­big­keit be­stimmt al­les. Und nach aus­sen wur­de das Sta­di­on nicht als ein­la­den­des Stadt­tor ge­stal­tet. An­rei­sen­de tref­fen auf ei­ne grau-blaue Mas­se, die bes­ten­falls an­kün­digt, dass die Ost­schwei­zer Me­tro­po­le auch ein Hub für Ufos sein könn­te.

In ei­ner Ver­mei­dung die­ser Feh­ler, in der Um­keh­rung ei­nes sol­chen Den­kens liegt die Chan­ce der neu­en Sta­di­on-über­bau­ung für Zü­rich: Sie könn­te zum An­ker­punkt ei­ner Wei­ter­ent­wick­lung des städ­te­bau­lich so pro­ble­ma­ti­schen Quar­tiers Zü­rich-west wer­den und die­sem ein Zen­trum ge­ben. Und sie könn­te ein ur­ba­nis­ti­sches Ge­lenk­stück schaf­fen. Die Bra­che liegt zwi­schen der Ci­ty, Alt­stet­ten und, auf der an­de­ren Lim­mat­sei­te, Höngg. Hier wä­re es mög­lich, die dif­fu­se Zwi­schen­la­ge für ei­ne neue Aus­rich­tung der Stadt zu nut­zen. Ein at­trak­ti­ves Zen­trum könn­te die In­nen­stadt ent­las­ten und ihr ei­nen wei­te­ren städ­ti­schen Fo­kus zur Sei­te stel­len. Das wä­re ein Schritt weg vom zen­tra­lis­ti­schen Blick auf die Gross­müns­ter-tür­me hin zu ei­ner mul­ti­fo­ka­len Stadt, die sich als Dia­log zwi­schen ver­schie­de­nen Ge­sprächs­part­nern ent­wi­ckelt und auf die­se Wei­se an Viel­falt und An­zie­hungs­kraft ge­winnt.

Un­ge­nutz­te Mög­lich­kei­ten

Die­se neue Mit­te könn­te dann sehr wohl auch durch Hoch­häu­ser mar­kiert wer­den. Die­se wä­ren dann nicht nur In­ves­to­ren­pro­jek­te, die ei­ne ma­xi­ma­le Aus­nut­zung an­stre­ben, sie er­hiel­ten ei­ne ur­ba­nis­ti­sche Funk­ti­on, in­dem sie den neu­en Dreh­punkt der Stadt weit­hin sicht­bar ma­chen. Nicht zu­letzt wür­den sie der Dis­kus­si­on über das künf­ti­ge Wachs­tum Zü­richs ei­nen Im­puls ge­ben.

Da­mit das ge­lingt, sind zu­nächst ein­mal die Ar­chi­tek­ten mit ei­ner Über­ar­bei­tung ih­res Ent­wurfs ge­for­dert. Wett­be­werbs­bei­trä­ge sind zu­meist Vo­lu­men­stu­di­en. Sie zei­gen an, wel­che Mas­se die ge­plan­ten Bau­ten ein­neh­men und wie sie im Raum ste­hen könn­ten. Die kon­kre­te Aus­ge­stal­tung er­folgt in al­ler Re­gel erst nach der Frei­ga­be der Pla­nung. Dann erst wird ent­wi­ckelt, wie die Fas­sa­de aus­se­hen soll, wel­che Ma­te­ria­li­en ver­wen­det wer­den, wie der Aus­sen­raum ge­stal­tet wird und wie die ge­naue Ver­wen­dung aus­sieht. So er­in­nern die bei­den Tür­me in den bis­he­ri­gen Vi­sua­li­sie­run­gen mit ih­ren ver­ti­ka­len St­ein­ele­men­ten eher an Wol­ken­krat­zer aus dem New York der zwan­zi­ger Jah­re oder an de­ren Re­vi­val am Pots­da­mer Platz in Berlin. Das wirkt rück­wärts­ge­wandt und be­dient eher die nost­al­gi­sche Sehn­sucht nach Me­tro­po­len­fee­ling als die Be­dürf­nis­se des Or­tes. An dem se­hen die Vo­lu­men näm­lich so sche­ma­tisch aus, wie man es von den Tür­men ge­wohnt ist, die in x-be­lie­bi­gen Hol­ly­wood­strei­fen das Down­town-ge­fühl ame­ri­ka­ni­scher Städ­te ver­mit­teln sol­len: gross, ge­sichts­los, ver­lo­ren. Oh­ne er­kenn­ba­ren Kon­takt zur Um­ge­bung und oh­ne er­sicht­lich zu ma­chen, was in ih­nen statt­fin­det.

Hier gibt es er­kleck­li­ches Po­ten­zi­al. Zum ei­nen was die Gestal­tung und die Öff­nung der Tür­me für ei­ne all­ge­mei­ne Nut­zung in den un­te­ren Ge­schos­sen an­be­langt. Vor al­lem aber im Hin­blick auf die An­bin­dung an die Um­ge­bung. Das Hard­turm-are­al hat so­wohl die his­to­ri­schen Ber­noul­li-häu­ser vis-à-vis wie auch die Sport­an­la­gen des Hard­turms. Un­mit­tel­bar ge­gen­über liegt ein Ge­wer­be­are­al, dann kommt die Lim­mat. Wie­so hier nicht ei­nen gros­sen Park an­le­gen, der vom Fuss­ball­sta­di­on über­lei­tet zu den Sport­an­la­gen und zum Fluss? Ein sol­ches Nah­er­ho­lungs­ge­biet könn­te die neue Über­bau­ung von ih­rer In­sel­la­ge er­lö­sen und in den Stadt­raum ein­bin­den. Die­ser wür­de mit dem Lim­mat­ufer ei­ne be­son­de­re Qua­li­tät be­sit­zen. Vi­el­leicht wä­ren so­gar Ba­de­an­la­gen mög­lich. Das wür­de für Le­ben sor­gen, auch wenn kei­ne Spie­le statt­fin­den, al­so fast die gan­ze Wo­che über. Oben­drein er­hiel­ten die Be­woh­ner der Tür­me wie der Ge­nos­sen­schafts­woh­nun­gen ei­nen öf­fent­li­chen Gar­ten. Und es gä­be mehr Raum, in dem sich ei­ne Sta­di­onKul­tur ein­nis­ten kann, wie die Fans sie brau­chen und die sich beim Let­zi­grund-sta­di­on über Jah­re müh­sam ent­wi­ckelt ha­ben.

Beim neu­en Sta­di­on-pro­jekt gilt wie über­all der al­te Grund­satz: Wer et­was will, muss auch et­was ge­ben. Statt über Sta­di­on Ja oder Nein zu strei­ten, soll­te die Be­völ­ke­rung for­dern, dass die­ses Pro­jekt die Ent­wick­lung der Stadt vor­an­bringt und al­len ei­ne neue Qua­li­tät bie­tet, egal, ob sie sich für Fuss­ball in­ter­es­sie­ren oder nicht. Dann ha­ben die Tür­me, das Sta­di­on und die Ge­nos­sen­schafts­woh­nun­gen ei­ne öf­fent­li­che Funk­ti­on, sie wer­den zur Sa­che al­ler. Und die soll­ten auch al­le un­ter­stüt­zen.

Ein Nah­er­ho­lungs­ge­biet könn­te die neue Sta­di­onüber­bau­ung von ih­rer In­sel­la­ge er­lö­sen und in den Stadt­raum ein­bin­den.

Das Pro­jekt des neu­en Sta­di­ons (Vi­sua­li­sie­rung) könn­te Zü­rich-west ein Zen­trum ge­ben und das Lim­mat­ufer er­schlies­sen.

Das Hard­turm-sta­di­on-pro­jekt «En­sem­ble» der In­ves­to­ren HRS In­vest­ment AG von der Pfingst­weid­stras­se aus.

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