Chi­na von in­nen

Wal­ter Boss­hard / Ro­bert Ca­pa: Wett­lauf um Chi­na. Fo­to­stif­tung Schweiz, Win­ter­thur, bis 10. 2. 2019. Ka­ta­log: Lim­mat-ver­lag.

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Tipps - Gerhard Mack

Wenn wir heu­te Chi­na sa­gen, den­ken wir an die ge­sell­schaft­li­che Ent­wick­lung, an wirt­schaft­li­che Ex­pan­si­on, an It-un­ter­neh­men, die die west­li­che Kon­kur­renz das Fürch­ten leh­ren. Und ganz ba­nal auch an die Fol­gen des neu­en Wohl­stands: die Tou­ris­ten, die auch in der Schweiz die gän­gi­gen Hots­pots ei­ner Eu­ro­pa­tour über­flu­ten. Chi­na ist ei­ne Welt­macht, wel­che die USA her­aus­for­dert und de­ren Prä­si­den­ten zur Weiss­glut treibt.

Wie schnell sich das rie­si­ge Land ent­wi­ckelt hat und wo die­se Ent­wick­lung an­setz­te, ha­ben wir zu­meist nicht mehr vor Au­gen, wenn wir uns die vie­le Re­por­ta­gen über das wach­sen­de Reich der Mit­te im Fern­se­hen an­schau­en. Die­se Aus­gangs­si­tua­ti­on kann man sich nun in der Fo­to­stif­tung Win­ter­thur ver­ge­gen­wär­ti­gen. Hier be­wahrt man die Nach­lass von Wal­ter Boss­hard (1892– 1975) auf. Der Schwei­zer Fo­to­graf hielt sich fast die gan­zen 1930er Jah­re in Chi­na auf und er­leb­te so­wohl die po­li­ti­sche Ent­wick­lung mit ih­ren Krie­gen wie auch den All­tag der Men­schen. 25 000 Ne­ga­ti­ve wur­den für die Aus­stel­lung ge­sich­tet, zahl­rei­che Ab­zü­ge in den Ar­chi­ven in­ter­na­tio­na­ler Pres­se­ar­chi­ve aus­fin­dig ge­macht.

Sie zei­gen Chi­na von in­nen. Boss­hard ver­stand es, die Men­schen für sich ein­zu­neh­men, und konn­te aus gros­ser Nä­he fo­to­gra­fie­ren. Er hielt Mo­men­te des Um­bruchs fest, wie das Maul­tier­ge­spann, das ei­nen Ca­mi­on zieht, weil er die Stras­se nicht hoch­kommt. Aber auch Au­gen­bli­cke der Zeit­ver­ges­sen­heit wie Kin­der mit Pa­pier­dra­chen. Und die Me­lan­cho­lie ei­ner un­ter­ge­hen­den Kul­tur in der Mon­go­lei, de­ren wei­te Step­pen von Chi­ne­sen be­sie­delt wur­den. Boss­hard ver­füg­te über ein gros­ses Netz­werk. Er war in Nan­jing, als Ja­pa­ner die Stadt be­setz­ten und un­ter der Be­völ­ke­rung ein Ge­met­zel an­rich­te­ten. Und er schaff­te es als Ein­zi­ger, Mao in sei­nem Haupt­quar­tier Yan’an zu be­su­chen und ihm na­he­zu­kom­men. Ro­bert Ca­pa, der an­de­re gros­se Kriegs­fo­to­graf, tritt am En­de der Aus­stel­lung mit Boss­hard in Dia­log.

Boss­hard no­tier­te 1935: «Je­des Mal, nach­dem ich Chi­na ver­las­sen hat­te und die­ses Reich von aus­sen be­trach­te­te, wur­de mir klar, dass hin­ter die­sem Volk ei­ne Ener­gie steckt, die uns im al­ten Eu­ro­pa ei­nes Ta­ges ge­fähr­lich wird.» Ei­ne pro­phe­ti­sche Be­ob­ach­tung, zu­min­dest wenn wir da­mit nicht ak­tiv um­ge­hen.

Wal­ter Boss­hard: Sol­da­ten beim Spie­len.

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