«Stär­ken stär­ken – mein Cre­do in der Füh­rungs­tä­tig­keit»

33 Fra­gen an Tho­mas Stä­de­li, CEO Wirz Brand Re­la­ti­ons, Zü­rich

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - NZZ Executive -

Der Schwei­zer Stel­len­markt für Ka­der und Fach­spe­zia­lis­ten, 14. Ok­to­ber 2018 Ha­ben Sie Ih­re Lauf­bahn von An­fang an ge­nau vor sich ge­se­hen?

Ja, schon vor 25 Jah­ren plan­te ich, mit ge­gen 50 von der Mar­ke­ting- in die Un­ter­neh­mens­kom­mu­ni­ka­ti­on zu wech­seln – und zwar in­ner­halb der Wirz-grup­pe. Die Of­fen­heit ge­gen­über Neu­em und die Lust an Ve­rän­de­run­gen ha­ben mich früh für die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­bran­che be­geis­tert, weil wir da das Pri­vi­leg ha­ben, uns mit un­ter­schied­lichs­ten Un­ter­neh­men und Mar­ken aus­ein­an­der­zu­set­zen. Wer sich hier mit Lei­den­schaft en­ga­giert, muss sich kei­ne Kar­rie­re­sor­gen ma­chen. Zu­min­dest, wenn er bei neu­en Her­aus­for­de­run­gen nicht nur Ri­si­ken sieht, son­dern die Chan­cen, wie ich das im­mer ge­tan ha­be.

Hat­ten Sie als Kind ei­nen Traum­be­ruf?

Tier­arzt, und da­bei woll­te ich im­mer im Zoo ar­bei­ten – und so fühlt es sich heu­te ja manch­mal auch an.

Ist die Wei­ter­bil­dung im Ma­nage­ment auf der Hö­he der Zeit?

Das heu­ti­ge An­ge­bot ist so viel­sei­tig wie noch nie. Und stän­di­ge Wei­ter­bil­dung, al­so «lifel­ong learning», ge­hört als Vor­satz mitt­ler­wei­le welt­weit zum gu­ten Ton, gera­de im Ma­nage­ment. Was der Ein­zel­ne dann dar­aus macht, dürf­te je nach Füh­rungs­eta­ge und Per­sön­lich­keit al­ler­dings mas­siv ver­schie­den sein.

Wie lau­ten Ih­re Füh­rungs­grund­sät­ze?

Füh­rung ist Ver­hal­ten, nicht Po­si­ti­on. Ich glau­be dar­an, dass man dann gut führt, wenn man auch mit gu­tem Bei­spiel vor­an­geht, sich selbst hin­ein­kniet und da­bei je­den Ein­zel­nen ernst nimmt. Ich bin ein ve­he­men­ter Ver­fech­ter des Prin­zips «Stär­ken stär­ken».

Wo wür­den Sie in der Füh­rungs­schu­lung an­de­re Ak­zen­te set­zen?

Die Men­schen­füh­rung soll­te ge­gen­über der Un­ter­neh­mens­füh­rung hö­her ge­wich­tet wer­den. Und das För­dern und For­dern von Ide­en und ent­spre­chen­den krea­ti­ven Pro­zes­sen müss­te ein zu­künf­ti­ges Pflicht­fach für Ma­na­ger sein.

«. . . mein Cre­do in der Füh­rungs­tä­tig­keit» Darf ein Chef auch Schwä­chen zei­gen?

Wer dies als Chef nicht tut, ist kein Mensch, son­dern ei­ne Ma­schi­ne. Und wer will schon ei­ne Ma­schi­ne als Vor­ge­setz­ten ha­ben?

Wie spü­ren Sie die Wirt­schafts­la­ge?

Wäh­rend Mar­ken­füh­rung ei­ne lang­fris­ti­ge Auf­ga­be ist, geht es im Bran­ding oft auch um kurz­fris­ti­ge Pro­jek­te. In bei­den Fäl­len bie­tet die fort­schrei­ten­de Di­gi­ta­li­sie­rung al­len Un­ter­neh­men und Mar­ken viel Po­ten­zi­al zur ei­gen­stän­di­gen und dif­fe­ren­zie­ren­den Kom­mu­ni­ka­ti­on. Wer es schafft, sei­nen Sta­ke­hol­dern via in­te­grier­te, ganz­heit­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on ei­nen glaub­wür­di­gen Mar­ken­mehr­wert zu ver­mit­teln, hat klar die bes­se­ren Chan­cen.

Hat die glo­ba­le Ar­beits­tei­lung po­si­ti­ve Ef­fek­te ge­bracht?

Selbst­ver­ständ­lich. Ein wich­ti­ger Fak­tor der ge­gen­wär­ti­gen Ent­wick­lung ist das Nut­zen von netz­werk­ar­ti­gen Struk­tu­ren. Ob die frei­en Mit­ar­bei­ter und Part­ner nun 150 Me­ter von der Agen­tur ent­fernt ar­bei­ten oder aber in Ko­pen­ha­gen oder San Fran­cis­co, wird zu­neh­mend we­ni­ger wich­tig. Und so bau­en wir bei uns dar­auf, die so­ge­nann­ten «best in class» in ih­rem Spe­zi­al­ge­biet in die Pro­jek­te ein­zu­bin­den.

Was geht Ih­nen auf die Ner­ven?

«La­fe­re statt life­re.» Und da­zu pas­send: Aus­re­den al­ler Art.

Was sa­gen Ih­re Mit­ar­bei­ter über Sie?

Mit dem Stä­de­li kön­ne man über al­les re­den, aber er über­trei­be es mit sei­ner chro­nisch po­si­ti­ven Den­ke manch­mal schon et­was.

Hat Sie Ihr Bauch­ge­fühl auch schon ein­mal ge­täuscht?

Je er­fah­re­ner ich wer­de, um­so öf­ter ver­las­se ich mich auf mein Bauch­ge­fühl – und um­so sel­te­ner täuscht es sich. Aber klar, es hat mich auch schon mal rein­ge­legt. Et­wa, wenn es den Böögg 20 Mi­nu­ten spä­ter «ver­jagt» als ge­dacht.

Stel­len Sie auch ehe­ma­li­ge Ar­beits­kol­le­gen und Freun­de ein, oder zie­hen Sie un­be­schrie­be­ne Blät­ter vor?

Bei je­der Ein­stel­lung geht es auch um das Ver­trau­en in ei­ne Per­son oder erst ein­mal das ge­fühl­te Ver­trau­en (der Bauch lässt grüs­sen). Wenn man je­man­den kennt, pro­fi­tiert er von ei­nem Ver­trau­ens­vor­schuss. Ich bin schon oft gut da­mit ge­fah­ren, ehe­ma­li­ge Kol­le­gin­nen oder Kol­le­gen an­zu­stel­len. Bei gu­ten per­sön­li­chen Freun­den wä­re ich aber vor­sich­ti­ger, weil die ge­schäft­li­che Hier­ar­chie die be­ste­hen­de Freund­schaft ge­fähr­den kann. Das Ri­si­ko, ei­nen Mit­ar­bei­ter zu ge­win­nen, aber ei­nen Freund zu ver­lie­ren, ist es nicht wert.

Sind «Quo­ten­frau­en» not­wen­dig oder über­holt?

«Quo­ten­frau» ist ja schon ein­mal ein un­se­li­ges Un­wort. Wer heut­zu­ta­ge nicht so­wie­so auf al­len Hier­ar­chie­stu­fen auf Frau­en und da­mit ei­nen gu­ten Mix im Team setzt, ist sel­ber schuld und wird nie er­fah­ren, wie viel Ener­gie und Krea­ti­vi­tät das Aus­bre­chen aus den tra­di­tio­nel­len Zir­keln frei­setzt.

Wel­chen Stel­len­wert ha­ben für Sie so­zia­le Netz­wer­ke?

Sie sind für mich ei­ne von vie­len In­for­ma­ti­ons­quel­len für ein paar in­ter­es­san­te «facts and fi­gu­res». Viel wich­ti­ger ist mir aber mein ana­lo­ges so­zia­les Netz­werk. Die­ses pfle­ge ich in ver­schie­de­nen Or­ga­ni­sa­tio­nen und Grup­pen in­ten­siv. Denn die­se Ge­sprä­che, die­ser Aus­tausch brin­gen mir tau­send­mal mehr als end­lo­se St­un­den mit dem Smart­pho­ne vor der Na­se oder dem Lap­top auf dem Tisch.

Wür­den Sie Ih­re Kar­rie­re ge­ge­be­nen­falls zu­guns­ten ei­nes hu­ma­ni­tä­ren Ein­sat­zes auf­ge­ben?

Ich ma­che mir seit je vie­le Ge­dan­ken rund um das The­ma «pur­po­se», fin­de aber (noch) sehr gut in mei­nem (Ge­schäfts­)all­tag Sinn. In un­se­rer Bran­che ha­ben wir das Glück, dass wir im­mer wie­der für Ngo­pro­jek­te ar­bei­ten dür­fen oder für Mar­ken und Un­ter­neh­men, bei de­nen et­wa be­züg­lich Cor­po­ra­te Re­s­pon­si­bi­li­ty vie­le hu­ma­ni­tä­re Ele­men­te zum Tra­gen kom­men.

Wie wur­den Sie durch Ih­re ehe­ma­li­gen Lehr­per­so­nen ein­ge­schätzt?

Vi­el­leicht: auf­ge­weck­ter, in­ter­es­sier­ter und of­fe­ner Kerl, der lei­der da und dort noch ein biss­chen zu we­nig aus sei­nen Ta­len­ten macht. Ich hof­fe na­tür­lich, dass sich die­se Beur­tei­lung in der Zwi­schen­zeit et­was ge­än­dert hat.

Hat Ih­nen die Schu­le das wirk­lich Re­le­van­te ver­mit­telt?

Sie mei­nen von we­gen «Nicht für die Schu­le, son­dern für das Le­ben ler­nen wir»? Min­des­tens gleich viel, wie ich von den Lehr­per­so­nen ge­lernt ha­be, ha­be ich von mei­nen Mit­schü­le­rin­nen und Mit­schü­lern links und rechts mit­be­kom­men – durch Be­ob­ach­ten und Dis­ku­tie­ren. Und für die so­zia­len Skills war die Schul­ und Pfa­di­zeit auf je­den Fall auch ganz wich­tig.

Könn­ten Sie sich ein Le­ben im Klos­ter vor­stel­len?

Zeit­lich be­grenzt wä­re das si­cher ei­ne in­ter­es­san­te Er­fah­rung. Wie­der zu ler­nen, mit «Lang­wei­le» um­zu­ge­hen, könn­te den meis­ten nicht scha­den. Gleich­zei­tig wür­den mir die gan­zen Kon­tak­te aber wohl sehr schnell feh­len. Denn ich bin doch ei­ne Per­son, die erst im und durch den lau­fen­den Aus­tausch mit an­de­ren Men­schen so rich­tig lebt.

Glau­ben Sie an die Vor­se­hung und an das Schick­sal?

Sehr, ja. Mich des­we­gen aber ein­fach trei­ben zu las­sen, weil so­wie­so al­les vor­be­stimmt ist, kä­me mir nie in den Sinn. Man muss das Glück er­ken­nen und es pa­cken, be­vor es an ei­nem vor­bei­zieht. Mir ist be­wusst, wie viel Glück ich im Le­ben, ob be­ruf­lich oder pri­vat, schon hat­te. Und ich möch­te dies mir sel­ber und mei­nem di­rek­ten Um­feld im­mer ein­mal wie­der be­wusst ma­chen und et­was zu­rück­ge­ben. Mit­un­ter auch im ganz Klei­nen.

Wel­chem Satz miss­trau­en Sie?

«Sie hö­ren von mir.»

Sind Sie zu­ver­sicht­lich für die Schweiz?

Grund­sätz­lich ja. Ich se­he aber auch, dass wir uns nicht aus­ru­hen und da­von aus­ge­hen kön­nen, dass es uns für im­mer und ewig so gut geht. Ge­nau des­we­gen brau­chen wir im­mer wie­der ein­mal ei­nen klei­nen Push, fri­sche Ide­en und ent­spann­te Of­fen­heit al­lem Neu­en ge­gen­über. So oder so liegt un­se­re er­folg­rei­che Zu­kunft we­der in der «sple­ndid iso­la­ti­on» noch im eu­ro­päi­schen An­schluss, son­dern im «smart Swiss way» als «go­bet­ween».

Wo wa­ren Sie jüngst in den Fe­ri­en?

In Dä­ne­mark, und das im­mer wie­der gern. Das Kli­ma liegt mir, und die Ein­woh­ner sind ja be­kannt­lich das glück­lichs­te Volk. Das Land schafft es her­vor­ra­gend, Tra­di­ti­on mit Mo­der­ne zu ver­bin­den. Und weil mei­ne Frau aus Dä­ne­mark stammt, liegt es na­he, im­mer wie­der da hin­zu­fah­ren, ob­wohl sie lie­ber auch ein­mal den Sü­den be­vor­zu­gen wür­de. Wer das be­rühm­te «hyg­ge» nicht kennt und noch nie selbst er­lebt hat, soll­te das drin­gend nach­ho­len.

Wel­che Pro­ble­me soll­te die Po­li­tik un­ver­züg­lich an­pa­cken?

Ei­ne dra­ma­ti­sche Re­duk­ti­on der Re­gu­lie­run­gen und Vor­schrif­ten, um da­mit die Chan­cen für Neu­es, für Ex­pe­ri­men­te, für Star­tups zu för­dern. All­zu oft wer­den ge­sell­schaft­li­che und un­ter­neh­me­ri­sche Initia­ti­ven durch bü­ro­kra­ti­sche Fes­seln be­hin­dert. Mehr «‹Geht nicht› gibt’s nicht», wohl­ge­merkt oh­ne Kom­ma da­zwi­schen, wür­de uns Schwei­zern oft­mals gut­tun.

Ei­ne Ih­rer Le­bens­weis­hei­ten?

Ein Sprich­wort aus Dä­ne­mark be­sagt: «Ein Mann hat zwei Oh­ren und ei­nen Mund; er soll­te des­halb mehr zu­hö­ren als re­den.» In­ter­view: Wal­ter Ha­gen­büch­le

NATHALIE TAIANA / NZZ

Tho­mas Stä­de­li woll­te im­mer im Zoo ar­bei­ten – und so fühlt er sich in sei­nem heu­ti­gen Job auch tat­säch­lich manch­mal.

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