Jung, ehr­gei­zig, selbst­be­wusst – und glück­lich «Ho­pe tut uns gut – und wir ihm. Er ist äus­serst um­trie­big und hat sehr viel Ehr­geiz. Da tra­fen zwei auf­ein­an­der, die das­sel­be woll­ten.»

Das Zürcher Kam­mer­or­ches­ter hat sich in den letz­ten Jah­ren ra­sant ent­wi­ckelt. Es gibt 150 Kon­zer­te pro Jahr und ist oft auf Tour­nee. Wie die Mu­si­ke­rin­nen und Mu­si­ker die Her­aus­for­de­rung meis­tern.

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Zürcher Kammerorchester - Von Chris­ti­an Ber­zins

Noch kei­ne zehn Jah­re ist es her, da schim­mer­te die Ver­gan­gen­heit des Zürcher Kam­mer­or­ches­ters (ZKO) im schöns­ten Licht – die Zu­kunft aber lag im Dun­keln. Als Zko-mu­si­ker hat­te man kei­ne Per­spek­ti­ven, in der Stadt und in den Me­di­en wur­de laut dar­über dis­ku­tiert, ob es die­ses Orches­ter über­haupt noch brau­che. Doch selbst noch 2015, als Ro­ger Nor­ring­ton als Prin­ci­pal Con­duc­tor das Orches­ter be­reits vier Jah­re lang zu Höchst­leis­tun­gen vor­an­ge­trie­ben hat­te, merk­ten nicht al­le Zürcher Klas­sik­freun­de, was sich da Präch­ti­ges zu­sam­men­ge­braut hat­te.

Ei­gen­ar­tig, denn das ZKO mach­te sich dar­an, der zeit­ge­mäs­se Rich­tig­ma­cher un­ter den Schwei­zer Orches­tern, ja, ei­nes der auf­re­gends­ten und mo­derns­ten Kam­mer­or­ches­ter Eu­ro­pas zu wer­den: Schwel­len wa­ren ab­ge­baut, brei­te Pu­bli­kums­schich­ten an­ge­spro­chen, Kin­de­r­und Nug­gi-kon­zer­te wur­den an­ge­bo­ten, die an­ge­sag­ten So­lis­ten tra­ten auf. Das ZKO wag­te Cross­over-pro­jek­te, spiel­te mit der Pop-band Lu­nik, und am «Di­gi­tal Fes­ti­val» ver­band es klas­si­sche Mu­sik mit Tech­no-beats, Tanz und 3-D-vi­deo­pro­jek­tio­nen. Selbst bei «Art on Ice» mach­te man 2017 gu­te Fi­gur: span­nen­de, von Ba­rock bis Mo­der­ne ab­de­cken­de CDS wur­den her­aus­ge­bracht. Und nach den Kon­zer­ten of­fe­rier­te ein Spon­sor ein Gals Wein: Künst­ler und Pu­bli­kum tra­fen sich im Foy­er. Als dann Nor­ring­ton ei­nes schö­nes Abends in den Ton­hal­le-saal trat und sag­te «Das war’s!», er­leb­te das ZKO sei­nen Ur­knall. Al­les war an­ge­rich­tet, es brauch­te «nur» noch je­ne Per­son, die sag­te: «Jetzt he­ben wir ab!»

Im Mo­ment der Schwe­be und ei­nem Zwi­schen­jahr un­ter der Lei­tung von Wil­li Zim­mer­mann zog In­ten­dant Michael Bühler Da­ni­el Ho­pe aus dem Hut: welt­be­rühmt, am­bi­tio­niert, ein Mu­si­ker auch, der mit dem Pu­bli­kum kom­mu­ni­ziert, der am Ra­dio klug und ein­fach über Klas­sik spricht, der Bü­cher wie «Wann darf ich klat­schen? Ein Weg­wei­ser für Kon­zert­gän­ger» ge­schrie­ben hat­te. Und wich­tig: Ho­pe war kein Di­ri­gent. Im ver­meint­li­chen Man­ko zeig­te sich die Mo­der­ni­tät des Ent­schei­des. Jetzt muss­te man die Orches­ter­struk­tur so­wie­so neu den­ken.

Kaum hat­te man die ers­ten Mo­na­te durch­lebt, frag­te sich al­ler­dings manch ei­ner im Orches­ter: Wür­de das ZKO nun ein Spiel­zeug des Viel­be­schäf­tig­ten wer­den? Sein pri­va­tes Be­gleitor­ches­ter gar? Oder wür­de die­ser Star mit ih­nen tat­säch­lich zu neu­en Ufern auf­bre­chen?

Der Ver­jün­gungs­kuss

«Ich bin für Be­fürch­tun­gen die fal­sche Per­son», ant­wor­tet Kon­zert­meis­ter Wil­li Zim­mer­mann auf die Fra­ge, ob er der Ver­pflich­tung des Mu­si­cal Di­rec­tor Da­ni­el Ho­pe skep­tisch ent­ge­gen­ge­se­hen hat­te. «Ich war ei­ner der Initi­an­ten, die auf ei­ne sol­che Idee hin­ge­ar­bei­tet hat­ten. Als ich 2008 zum ZKO kam, war mir schnell klar, dass es ei­ne Neu­aus­rich­tung braucht. Wir kön­nen nicht ein­fach das klei­ne Ton­hal­le-orches­ter sein, um es sim­pel und auf Zü­rich be­zo­gen aus­zu­drü­cken. Was spä­ter ge­schah, ent­wi­ckel­te sich aus dem Orches­ter her­aus, das wur­de uns nicht auf­ge­drückt: Es war ein in­ne­rer Pro­zess.»

Hat­te man bei Nor­ring­ton ge­se­hen, wie ein­zig­ar­tig die­ses Orches­ter sein könn­te, war es nun von Da­ni­el Ho­pe

wach­ge­küsst: Das ZKO war ver­jüngt, frisch, selbst­be­wusst und mu­tig – und wag­te im­mer Neu­es.

Zu­rück­bli­ckend auf die zwei Jah­re mit Ho­pe, sagt Zim­mer­mann ver­meint­lich la­pi­dar, aber deut­lich: «Ho­pe tut uns gut – und wir ihm. Er ist äus­serst um­trie­big, sym­pa­thisch, und er hat sehr viel Ehr­geiz, die Kar­rie­re wei­ter­zu­ver­fol­gen: Das ist für ei­ne Zu­sam­men­ar­beit mit uns ide­al. Da tra­fen zwei auf­ein­an­der, die das­sel­be woll­ten.» Das Er­staun­li­che: Das ZKO mach­te nicht ein­fach et­was mehr, son­dern sehr viel mehr! CDS, Tour­ne­en, Re­per­toire – noch und noch Kon­zer­te. In der Sai­son 2016/17 gab man 151 Kon­zer­te – Re­kord. Zu viel? «Ich bin of­fen für In­spi­ra­ti­on. Was ge­schah, war im Gros­sen und Gan­zen das, was wir such­ten», sagt Zim­mer­mann. Wenn der Kon­zert­meis­ter so spricht, je­ne Per­son al­so, dem ein Gei­ger vor­ge­setzt wur­de, dann sagt das viel über die Stär­ke und das Selbst­be­wusst­sein die­ses Orches­ter aus. Michael Bühler äus­sert sei­ne Be­wun­de­rung ein­fach und klar: «Zim­mer­mann steht für die Kon­ti­nui­tät – auch die klang­li­che.»

Wer im Zürcher Kam­mer­or­ches­ter spielt, trägt das «Z» im Lo­go und im Her­zen, aber das ZKO wird in der Stadt nie die Prä­senz des Ton­hal­le-or­ches­ters er­rei­chen. Wil­li Zim­mer­mann winkt ab: «Das wol­len und kön­nen wir nicht. Wir sind da­für agi­ler, kön­nen fle­xi­bler sein und dank der Orches­ter­grös­se so­gar Tour­ne­en rea­li­sie­ren. Ein 100-Per­so­nen­or­ches­ter kos­tet un­glaub­lich viel mehr. Es ist künst­le­risch nun ein­mal wich­tig, dass wir in­ter­na­tio­nal Er­folg ha­ben. Das ist über­aus mo­ti­vie­rend, manch­mal gar wert­vol­ler als 100 Fran­ken mehr auf dem Lohn­aus­weis.» Der Chef hat gut re­den. Doch wie tönt es im Orches­ter­in­nern mit sei­nen 28 fes­ten Mit­glie­dern?

Ehe, Kin­der – und Tour­ne­en

An­na Ty­ka Nyffe­negger fin­det die heu­ti­ge Si­tua­ti­on schlicht gross­ar­tig. Von Be­ginn weg hat­te die Cel­lis­tin gros­se Hoff­nun­gen in Ho­pe: «Wir er­leb­ten be­tref­fend das Pu­bli­kum kal­te Jah­re, hoff­ten auf Ve­rän­de­run­gen, und so war ich über­aus po­si­tiv ein­ge­stellt: Wir wuss­ten, dass Da­ni­el Ho­pe welt­be­rühmt ist, aber wir wuss­ten nicht, dass er zu uns un­ge­mein herz­lich und aus­ge­gli­chen sein wür­de – wie ein Freund!»

Es drängt sich aber die Fra­ge auf, wie sie denn als Mut­ter zwei­er Kin­der – das jün­ge­re knapp 4, das äl­te­re noch nicht 10 – und ei­nem Ton­hal­le-orches­ter-cel­lis­ten als Ehe­mann das ZKO- mit dem Privatleben ver­bin­den kann. Ty­ka seufzt, sagt ehr­lich, dass es schwie­rig sei, man aber viel Glück mit ih­rem Kin­der­mäd­chen, ei­ner tol­len Gross­mut­ter, ak­ti­ven Got­ti und Göt­ti ha­be. Ei­ne Tour­nee, die drei Wo­chen daue­re, sei je­doch zu viel. Die Mu­si­ker ha­ben durch­aus laut ge­klagt. «Da­ni­el weiss es.» Doch das Ver­ständ­nis für die Über­for­de­rung kommt so­gleich von Ty­ka: «Es ist wohl schwie­rig, da wir so vie­le An­ge­bo­te ha­ben.»

Die Lei­tung hat be­reits nach Lö­sun­gen ge­sucht. Und doch ist klar, dass die­ses neue ZKO spe­zi­el­le Mu­si­ker her­an­zieht: fle­xi­ble Men­schen, die noch da­zu künst­le­risch Cha­rak­ter­köp­fe sind. Ty­ka glaubt fest dar­an, dass das so­zia­le Ge­fü­ge im Orches­ter des­we­gen nicht in Schwie­rig­kei­ten ge­ra­te: «Rei­sen und Kon­zer­te im Aus­land brin­gen sehr viel Po­si­ti­ves. Da wir die Pro­gram­me wie­der­ho­len, kön­nen wir sie im­mer bes­ser, spie­len im­mer en­ga­gier­ter, wol­len ei­ne Per­fek­ti­on zei­gen. Ne­ben­bei ma­chen wir auf so­zia­ler Ebe­ne wäh­rend der Tour­ne­en ei­ne gu­te Ent­wick­lung durch. Das ZKO ist wie ei­ne Fa­mi­lie, al­le sind idea­lis­tisch und to­le­rant: Gibt es Pro­ble­me, spricht man dar­über. Die At­mo­sphä­re ist sehr schön mo­men­tan, und ich glau­be, dass wir das auf der Büh­ne zei­gen kön­nen. Al­les läuft in ei­ne gu­te Rich­tung.»

Das vie­le Rei­sen ist der ei­ne heik­le Punkt, der An­spruch des Or­ches­ters, «mo­dern» zu sein, der an­de­re. Nicht al­le füh­len sich wohl mit den Events, wo das Al­te mit Mo­der­nem ver­bun­den oder ge­mischt wird. Viel dis­ku­tiert wur­de über die Vi­sua­li­sie­run­gen von Mu­sik in der ver­gan­ge­nen Sai­son, vor al­lem über die zwei Aben­de mit Tier­bil­dern und je­nen mit Tanz und Vi­deo-map­ping war man ge­teil­ter Mei­nung. Ty­ka hin­ge­gen fin­det die Ex­pe­ri­men­te sehr span­nend, wünscht, dass das Pu­bli­kum ge­mischt wird. «Es kom­men ja nicht nur Abon­nen­ten. Un­ser Al­ters­spek­trum ist in den letz­ten Jah­ren ge­wach­sen.»

Pro­ble­me mit den Äl­te­ren?

Wenn von den lan­gen Tour­ne­en die Re­de ist, heisst es je­weils, dass die Äl­te­ren die Stra­pa­zen nicht durch­hal­ten wür­den. Bei die­sen Wor­ten schmun­zelt Brat­schist Pier­re Tis­son­nier und sagt: «Frü­her wa­ren die Tour­ne­en län­ger, ich er­leb­te sol­che, die vier, ja fünf Wo­chen dau­er­ten. Ich ha­be mit den drei Wo­chen gar kei­ne Pro­ble­me, ich lie­be es, zu rei­sen, spie­le ger­ne an neu­en Or­ten.» Tis­son­nier sitzt seit 1985 im Orches­ter.

Der Brat­schist hat­te nach der An­kün­di­gung von Da­ni­el Ho­pe vie­le Hoff­nun­gen, aber kei­ne Be­fürch­tun­gen: «Er ist ein phan­tas­ti­scher Gei­ger, hat Cha­ris­ma, ist ein an­ge­neh­mer Mensch – mit ihm ar­bei­ten wir gern. Er hat ein rie­si­ges Netz­werk, zahl­rei­che Kon­tak­te. Die Zu­kunft ver­spricht viel.»

Tis­son­nier weiss, wo­von er spricht, er hat in 33 Jah­ren al­le Chef­di­ri­gen­ten er­lebt – de Stoutz, Grif­fiths, Tang, Nor­ring­ton – und muss­te dunk­le Zei­ten durch­ma­chen. «Vor zehn Jah­ren frag­ten die Me­di­en, ob uns über­haupt noch Sub­ven­tio­nen zu­flies­sen soll­ten.»

Es tut auch gut, ei­nen äl­te­ren Mu­si­ker zu hö­ren, wenn über den neu­en Typ Zko-mu­si­ker ge­spro­chen wird. Bei de Stoutz ha­be ei­ne Grün­der­men­ta­li­tät ge­herrscht: «Wir wa­ren wie ei­ne Schul­klas­se im Klas­sen­la­ger. Die­se Idea­lis­ten woll­ten et­was auf­bau­en: Wir wa­ren wie ein mass­ge­schnei­der­ter An­zug.» Heu­te pro­be man sehr pro­fes­sio­nell, viel ge­ziel­ter: «Füh­ren wir ein Werk nach ei­nem hal­ben Jahr wie­der auf, brau­chen wir das nicht mehr lan­ge zu pro­ben. Das Ni­veau der Mu­si­ker ist heu­te viel hö­her.»

Bei al­len Re­la­ti­vie­run­gen, die die­ser Mu­si­ker der äl­te­ren Ge­ne­ra­ti­on dar­legt, mit der Mo­der­ni­sie­rung oder dem Rin­gen nach neu­em Pu­bli­kum tut er sich manch­mal schwer. «Ich fin­de es scha­de, dass sich das Pu­bli­kum so ver­än­dert hat: Es geht ihm nicht nur um Mu­sik, nein, jetzt muss Cho­pin mit Tier­bil­dern vi­sua­li­siert wer­den. Heu­te kommt durch das In­ter­net al­les gra­tis nach Hau­se, nie­mand ist mehr stolz auf sei­ne Schall­plat­ten­samm­lung. Will ich et­was hö­ren, ge­he ich on­line. Die Leu­te sind ver­wöhnt, und wer ver­wöhnt ist, will im­mer mehr. Sie ge­hen es­sen, das Es­sen ist nicht so gut, aber teu­er – da­für gibt es noch et­was Ge­sang. Pa­va­rot­ti war gut ge­nug, um ihn al­lein zu hö­ren.»

Stamm­gast der Elb­phil­har­mo­nie

Der «Action Pain­ting»-abend ge­fiel ihm durch­aus, an­de­res miss­fiel ihm hin­ge­gen. De­tails. Viel wich­ti­ger ist, dass Tis­son­nier Mu­sik­di­rek­tor Ho­pe über­aus po­si­tiv ge­gen­über­steht. «Mu­si­ka­lisch ha­ben wir jetzt ei­ne bes­se­re Iden­ti­tät, ein bes­se­res Image, wir durf­ten so­gar bei den Proms in Lon­don, dem le­gen­dä­ren Fes­ti­val, spie­len.» Und stolz er­zählt der al­te Fuchs, wie er pri­vat die Ham­bur­ger Elb­phil­har­mo­nie be­such­te und beim Small­talk nicht oh­ne Stolz er­zähl­te: «Ich ha­be hier schon oft ge­spielt.» Das Selbst­be­wusst­sein, die­se wich­tigs­te Orches­ter­ei­gen­schaft, ist je­dem Zko-mu­si­ker an­zu­mer­ken. Der Vor­wurf, man ha­be sich zum Ho­pe-be­gleitor­ches­ter de­gra­die­ren las­sen, lä­chelt Tis­son­nier weg. «Mich stört es nicht, und wir sind ge­nug ei­gen­stän­dig, weil wir vie­le an­de­re Pro­jek­te ma­chen. Ein Orches­ter er­for­dert ei­ne Ar­beit, die man je­den Tag fort­set­zen muss, sie ist nie fer­tig.»

Vor zehn Jah­ren lag die Zu­kunft der Zko-mu­si­ker im Dun­keln, jetzt schei­nen sie mit­ten in die­ser Zu­kunft drin und stolz dar­auf zu sein. Es ist nicht er­staun­lich, dass man 2017 beim «Echo Klas­sik» in der Cd-ka­te­go­rie «Klas­sik oh­ne Gren­zen» zwei Aus­zeich­nun­gen hol­te.

Neu­es wa­gen: Das Zürcher Kam­mer­or­ches­ter spiel­te 2017 bei «Art on Ice».

Kon­zert­meis­ter: Wil­li Zim­mer­mann.

Cel­lis­tin: An­na Ty­ka Nyffe­negger.

Brat­schist: Pier­re Tis­son­nier.

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