Vom Ta­blet ser­viert

Vor­rei­ter in der Welt der Klas­sik: Die Mu­si­ke­rin­nen und Mu­si­ker des ZKO spie­len nicht mehr vom Blatt, son­dern vom Ta­blet. Das bringt vie­le Vor­tei­le, birgt aber auch man­che Her­aus­for­de­rung.

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Zürcher Kammerorchester - Von Erik Brühl­mann und Ma­ri­us Leu­ten­egger

Die Di­gi­ta­li­sie­rung be­trifft im­mer mehr Be­rei­che – selbst der be­währ­te No­tiz­zet­tel ist ins Smart­pho­ne ge­wan­dert. In der klas­si­schen Mu­sik­sze­ne ist Pa­pier je­doch nach wie vor die Re­gel: Bei Kon­zer­ten spie­len die Mu­si­ke­rin­nen und Mu­si­ker noch fast aus­nahms­los vom Blatt, und auch die Di­ri­gen­ten le­sen das Stück aus der Par­ti­tur. Doch dies wird sich beim ZKO än­dern: Künf­tig spielt das Orches­ter die Wer­ke di­rekt vom Ta­blet.

«Die Di­gi­ta­li­sie­rung bringt or­ga­ni­sa­to­ri­sche, aber auch lo­gis­ti­sche Vor­tei­le», sagt Ivo Schmid. Seit No­vem­ber 2017 ist der Kon­tra­bas­sist auch Zko-bi­blio­the­kar – und als sol­cher ist er für die Um­wand­lung der Zko-bi­b­lio­thek in ei­ne di­gi­ta­le Form zu­stän­dig. «Ist ein viel­köp­fi­ges Orches­ter wo­chen­lang un­ter­wegs, sind im­mer vie­le Kilo Pa­pier mit im Ge­päck.» Kommt dann noch ei­ne kurz­fris­ti­ge Pro­gramm­än­de­rung hin­zu, die neue No­ten er­for­dert, wird es kom­pli­ziert. «Und sind die Licht­ver­hält­nis­se be­schei­den oder bläst bei ei­nem Open­air­kon­zert der Wind, kann das Spie­len vom No­ten­blatt sehr müh­sam sein», weiss der Mu­si­ker.

Mo­der­ner als Ver­la­ge

Die Di­gi­ta­li­sie­rung ist ei­ne Mam­mut­auf­ga­be: Die Bi­b­lio­thek des ZKO um­fasst rund 2000 Ex­em­pla­re – und je­des da­von be­steht aus 6 bis 20 ver­schie­de­nen Stim­men. High­tech ver­ein­facht aber die Ar­beit: «Zu Be­ginn des Pro­jekts schaff­te das ZKO ei­nen hoch­wer­ti­gen Scan­ner an, der für das Ein­le­sen nur we­ni­ge Se­kun­den pro Sei­te be­nö­tigt und auch mit den Über­for­ma­ten von No­ten­blät­tern klar­kommt», sagt der Bi­blio­the­kar. Doch war­um ei­gent­lich die gan­ze Mü­he? Wä­re es nicht ein­fa­cher, die No­ten di­rekt in di­gi­ta­ler Form ein­zu­kau­fen? Die Ant­wort ist sim­pel: Vie­le Ver­la­ge ha­ben die Wer­ke selbst nicht di­gi­tal er­fasst und ar­bei­ten auf die ge­wohn­te Art mit Pa­pier.

Mit dem Di­gi­ta­li­sie­rungs­pro­jekt nimmt das ZKO in der Welt der klas­si­schen Mu­sik ei­ne Vor­rei­ter­rol­le ein, bis jetzt spielt noch kein Orches­ter al­le sei­ne Kon­zer­te kom­plett vom Ta­blet. Welt­weit nut­zen nur ein­zel­ne Mu­si­ke­rin­nen und Mu­si­ker die­se Tech­nik, et­wa die chi­ne­si­sche Pia­nis­tin Yu­ja Wang oder eben der Vio­li­nist und Mu­sic­di­rec­tor des Zürcher Kam­mer­or­ches­ters, Da­ni­el Ho­pe. Er ist be­geis­tert von der Ent­wick­lung und freut sich dar­auf, bald ge­mein­sam mit dem ZKO ein Kon­zert kom­plett oh­ne No­ten­blät­ter und nur von Ta­blets zu spie­len. Da­bei er­gibt sich ein wei­te­rer Vor­teil für Di­ri­gent, So­list und Orches­ter: Bis an­hin sorg­te das Um­blät­tern für ra­scheln­de Ge­räu­sche, in der di­gi­ta­len Welt reicht ein Tip­pen auf ein Fus­s­pe­dal, um auf die nächs­te Sei­te zu ge­lan­gen.

Hält der Ak­ku?

Auch wenn der Um­gang mit Smart­pho­nes und Ta­blets heu­te gang und gä­be ist, bleibt der Um­stieg vom Pa­pier zum Ta­blet ge­wöh­nungs­be­dürf­tig. Selbst Ivo Schmid ver­lässt sich noch nicht zum 100 Pro­zent auf die Elek­tro­nik. «Ich spie­le seit ei­ni­gen Mo­na­ten vom ipad, aber ich ha­be als Back­up im­mer die No­ten­blät­ter greif­bar.» Das Ver­trau­en in die Tech­nik müs­se noch rei­fen, denn im Hin­ter­kopf ha­be man im­mer das Hor­ror­sze­na­rio, dass das Ge­rät kurz vor dem Auf­tritt zu Bruch ge­he oder ei­nen tech­ni­schen De­fekt ha­be.

Ei­ne ver­gleich­ba­re Pan­ne hat Da­ni­el Ho­pe vor ein­ein­halb Jah­ren bei ei­ner «Art on Ice»­ver­an­stal­tung im Zürcher Hal­len­sta­di­on er­le­ben müs­sen: We­ni­ge Mi­nu­ten bis zum Auf­tritt, 12 000 Men­schen in der Hal­le – und das ipad zeigt ei­nen Ak­ku­la­de­stand von nur 7 Pro­zent an. Da­mit so et­was nicht pas­sie­re, müs­se man die Mu­si­ke­rin­nen und Mu­si­ker Schritt für Schritt an die Um­stel­lung her­an­füh­ren, sagt Ivo Schmid. «Der­zeit ha­ben ei­ni­ge aus­ge­wähl­te Mit­glie­der des Or­ches­ters ein ipad, um sich da­mit ver­traut zu ma­chen. Sie sol­len den an­de­ren, wenn die Um­stel­lung er­folgt, bei Pro­ble­men zur Hand ge­hen.» Das ers­te, vom gan­zen Orches­ter vom Ta­blet ge­spiel­te Kon­zert soll noch in die­ser Spiel­zeit über die Büh­ne ge­hen.

Statt um­blät­tern: In der di­gi­ta­len Welt reicht ein Tip­pen auf ein Fus­s­pe­dal, um auf die nächs­te Sei­te zu ge­lan­gen.

Ivo Schmid di­gi­ta­li­siert die No­ten für das Zürcher Kam­mer­or­ches­ter. (Zü­rich, 1. Ok­to­ber 2018)

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