Bund stellt Preis­geld für Ha­cker-test in Aus­sicht

Um die E-vo­ting-sys­te­me si­che­rer zu ma­chen, schrei­ben die Be­hör­den ei­nen ers­ten staat­li­chen Wett­be­werb für Ha­cker aus

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Schweiz - Lu­kas­häupt­li

Selbst­be­stim­mungs­in­itia­ti­ve, die Über­wa­chung von Ver­si­cher­ten, Horn­kuh-in­itia­ti­ve – über die­se drei Vor­la­gen des Bun­des kön­nen in zwei Wo­chen mehr als 5,3 Mil­lio­nen Stimm­be­rech­tig­te ab­stim­men. Für rund 213 000, al­so et­wa vier Pro­zent, ist die Stimm­ab­ga­be per Com­pu­ter mög­lich. Das so­ge­nann­te E-vo­ting ist mitt­ler­wei­le in zehn Kan­to­nen zu­ge­las­sen. In sie­ben wird ein Sys­tem ein­ge­setzt, das der Kan­ton Genf ent­wi­ckelt hat, in drei ei­nes der Schwei­ze­ri­schen Post (vgl. Kar­te).

Elek­tro­ni­sche Stimm­ab­ga­be: Was tech­nisch tönt, ist ein hoch­e­mo­tio­na­les The­ma ge­wor­den. Kaum je­mand hat da­zu kei­ne Mei­nung. Und nicht we­ni­ge fin­den, Ab­stim­men und Wäh­len am Com­pu­ter er­schüt­te­re die Schweiz in ih­ren Grund­fes­ten. «Zer­stö­rung der di­rek­ten De­mo­kra­tie durch E-vo­ting», schrieb Svp-na­tio­nal­rat Clau­dio Za­net­ti über sei­nen Vor­stoss zum The­ma. Frak­ti­ons­kol­le­ge Franz Grü­ter for­der­te ein schweiz­wei­tes Mo­ra­to­ri­um für die elek­tro­ni­sche Stimm­ab­ga­be. Und Vol­ker Birk vom Cha­os Com­pu­ter Club Schweiz warnt so­gar vor An­grif­fen durch Ame­ri­ka­ner, Rus­sen und Chi­ne­sen: «Die Schwei­zer De­mo­kra­tie wird so in gros­se Ge­fahr ge­bracht.»

Noch ist E-vo­ting in der Schweiz nur als Ver­such und für höchs­tens dreis­sig Pro­zent der Stimm­be­rech­tig­ten mög­lich. Bund und Kan­to­ne wol­len den ver­suchs­wei­sen Be­trieb aber bald in ei­nen or­dent­li­chen über­füh­ren. Ei­ne ent­spre­chen­de Än­de­rung des Bun­des­ge­set­zes über die po­li­ti­schen Rech­te soll im ers­ten Quar­tal des nächs­ten Jah­res in die Ver­nehm­las­sung ge­hen.

Par­al­lel zur or­dent­li­chen Ein­füh­rung des E-vo­ting lau­fen die Be­stre­bun­gen, die bei­den Sys­te­me für die elek­tro­ni­sche Stimm­ab­ga­be in der Schweiz si­che­rer zu ma­chen. Zu die­sem Zweck schrei­ben Bund und Kan­to­ne jetzt erst­mals ei­nen staat­li­chen Ha­cker-test aus. Bei die­sem sind It-spe­zia­lis­ten und It­spe­zia­lis­tin­nen aus der gan­zen Welt auf­ge­ru­fen, ei­nes der bei­den Sys­te­me an­zu­grei­fen, zu ma­ni­pu­lie­ren oder zu ha­cken. In­tru­si­ons­test heisst das im Jar­gon.

Test dau­ert vier Wo­chen

«Der Test wird auf dem E-vo­ting­sys­tem der Schwei­ze­ri­schen Post durch­ge­führt, dau­ert vier Wo­chen und fin­det vor­aus­sicht­lich im ers­ten Quar­tal des nächs­ten Jah­res statt», sagt Re­né Len­zin, Spre­cher der Bun­des­kanz­lei. Be­reits jetzt al­ler­dings kön­nen sich In­ter­es­sier­te per In­ter­net bei der Post an­mel­den.

Bund und Kan­to­ne be­ab­sich­ti­gen, im Rah­men des In­tru­si­ons­tests auch Preis­gel­der an die­je­ni­gen Ha­cker zu ver­ge­ben, die ins E-vo­ting-sys­tem ein­drin­gen oder die­ses ma­ni­pu­lie­ren kön­nen. In der Bran­che ist die Ver­ga­be von Gel­dern bei der­ar­ti­gen Ver­an­stal­tun­gen üb­lich. «Es sol­len mög­lichst vie­le Ha­cker aus der gan­zen Welt teil­neh­men», sagt Len­zin da­zu. «Des­halb muss der Test at­trak­tiv sein. Bund und Kan­to­ne prü­fen zur­zeit, ob sie in die­sem Rah­men Ent­schä­di­gun­gen zah­len kön­nen.»

Wie hoch die­se Preis­gel­der sein wer­den, will Len­zin nicht sa­gen. Dem Ver­neh­men nach ste­hen der Bun­des­kanz­lei aber 250 000 Fran­ken für die Durch­füh­rung des In­tru­si­ons­tests und die Ver­ga­be der Ent­schä­di­gun­gen zur Ver­fü­gung. «Ich be­grüs­se es, dass Bund und Kan­to­ne ei­nen öf­fent­li­chen Här­te­test für die be­ste­hen­den E-vo­ting-sys­te­me durch­füh­ren», sagt Fdp-na­tio­nal­rat Mar­cel Do­bler da­zu. «Wich­tig ist al­ler­dings, dass die Er­geb­nis­se die­ses Här­te­tests öf­fent­lich zu­gäng­lich sein wer­den.» Do­bler hat­te sol­che Ha­cker-tests für die Schwei­zer E-vo­ting-sys­te­me be­reits im Sep­tem­ber 2017 ge­for­dert. Sei­ne spä­ter wie­der zu­rück­ge­zo­ge­ne Mo­ti­on sah Preis­gel­der zwi­schen 250 000 und ei­ner Mil­li­on Fran­ken vor.

«Nicht zu En­de ge­dacht»

Trotz dem an­ge­kün­dig­ten Test von Bund und Kan­to­nen hat Do­bler noch im­mer Vor­be­hal­te ge­gen den Aus­bau der elek­tro­ni­schen Stimm­ab­ga­be. «Bei der Ein­füh­rung von E-vo­ting gilt Si­cher­heit vor Tem­po. Ei­ne jet­zi­ge Über­füh­rung in den or­dent­li­chen Be­trieb oh­ne Ein­schrän­kun­gen wä­re das Ge­gen­teil. Das Pro­jekt ist nicht zu En­de ge­dacht, und es gibt vie­le of­fe­ne Fra­gen.»

Noch deut­li­cher tönt es bei Svp-na­tio­nal­rat Franz Grü­ter: «E-vo­ting birgt enor­me Ri­si­ken, dass Ab­stim­mun­gen und Wah­len ma­ni­pu­liert wer­den. Die neus­ten Ha­cker­an­grif­fe ha­ben das wie­der deut­lich auf­ge­zeigt.» Des­halb hat er zu­sam­men mit an­de­ren Evo­ting-geg­nern ei­ne Volks­in­itia­ti­ve lan­ciert, die E-vo­ting zu­min­dest vor­läu­fig ver­bie­ten will. Die Un­ter­schrif­ten­samm­lung soll im ers­ten Quar­tal des nächs­ten Jah­res be­gin­nen.

Grü­ter ver­weist un­ter an­de­rem auf ei­nen An­griff auf das E-vo­ting-sys­tem Genf. Da­bei zeig­te ein Mit­glied des Cha­os Com­pu­ter Club vor der lau­fen­den Ka­me­ra des Schwei­zer Fern­se­hens, wie er die Zu­gangs­sei­te des Sys­tems ma­ni­pu­liert. «Die La­ge ist dra­ma­tisch», sagt Clau­dio Luck vom Com­pu­ter Cha­os Club. «Ha­cker ha­ben de­mons­triert, dass man das Wahl- und Stimm­ge­heim­nis sys­te­ma­tisch an­grei­fen kann.»

Re­né Len­zin von der Bun­des­kanz­lei lässt die Kri­tik al­ler­dings nicht gel­ten: «In der Schweiz sind mehr als 300 E-vo­ting-ver­su­che durch­ge­führt wor­den. Die­se ha­ben ge­zeigt, dass elek­tro­ni­sches Ab­stim­men si­cher ist.» Miss­bräuch­li­che Me­tho­den, um die Stimm­be­rech­tig­ten in die Ir­re zu füh­ren, sei­en seit Pro­jekt­be­ginn be­kannt ge­we­sen und an­ge­mes­sen be­rück­sich­tigt wor­den.

(9. Ok­to­ber 2015) «Die Schwei­zer De­mo­kra­tie wird so in gros­se Ge­fahr ge­bracht»: Un­ter­la­gen für das E-vo­ting im Kan­ton Genf.

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