Genf, Stadt der Ver­lo­ckun­gen

Frag­wür­di­ge Rei­sen, hor­ren­de Spe­sen und schil­lern­de Freun­de aus al­ler Welt. Zu­letzt ge­rie­ten gleich meh­re­re West­schwei­zer Po­li­ti­ker in die Schlag­zei­len. Bloss Zu­fall ist das nicht.

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Schweiz Romandie - Von Andrea Kuče­ra

Als Letz­ter steht jetzt ein So­zi­al­de­mo­krat im Schein­wer­fer­licht: Ma­nu­el Tor­n­a­re, Na­tio­nal­rat und zu­vor lang­jäh­ri­ger Stadt­rat in Genf. Er führt die Rangliste der Spe­sen­rit­ter an. Im Schnitt ge­ne­rier­te er Aus­ga­ben in der Hö­he von 41700 Fran­ken jähr­lich. Die Gen­fer Stadt­rä­te, das zeigt ei­ne Auf­stel­lung der Spe­sen­ab­rech­nun­gen der Exe­ku­tiv­mit­glie­der der letz­ten zehn Jah­re, ge­hö­ren zu den aus­ga­ben­freu­digs­ten schweiz­weit.

Die Kri­tik, die jetzt auf ihn ein­pras­selt, macht Tor­n­a­re wü­tend. «Man kann mir doch nicht vor­wer­fen, dass ich mei­nen Job ge­macht ha­be!», sagt er. Al­le sei­ne Spe­sen­aus­ga­ben sei­en ge­neh­migt wor­den und im öf­fent­li­chen In­ter­es­se ge­we­sen. Ins Ge­wicht fal­len bei ihm vor al­lem die Rei­se- und Re­prä­sen­ta­ti­ons­kos­ten. Dass er so ho­he Spe­sen ge­ne­riert ha­be, er­klärt Tor­n­a­re da­mit, dass er die Stadt ge­gen aus­sen ver­tre­ten ha­be.

So reis­te er vor der Welt­aus­stel­lung 2010 in Schanghai mehr­mals nach Chi­na, um den Städ­tePa­vil­lon von Genf, Zü­rich und Ba­sel vor­zu­be­rei­ten. Und als CoPrä­si­dent des So­li­da­ri­täts­fonds «Städ­te ver­eint ge­gen die Ar­mut» liess er mit Gen­fer Steu­er­gel­dern in der ma­li­schen Haupt­stadt Ba­ma­ko Stras­sen pflas­tern und Mos­ki­to­net­ze ver­tei­len – selbst­ver­ständ­lich reis­te er per­sön­lich hin. «Man muss als Gen­fer Stadt­rat auf der in­ter­na­tio­na­len Büh­ne prä­sent sein», fin­det Tor­n­a­re. Er sei stän­dig im Kon­takt mit in­ter­na­tio­na­len Wür­den­trä­gern ge­we­sen und ha­be mit Mä­ze­nen spei­sen müs­sen. Ein Gen­fer Stadt­rat ha­be viel mehr re­prä­sen­ta­ti­ve Auf­ga­ben wahr­zu­neh­men als Exe­ku­tiv­po­li­ti­ker je­der an­de­ren Schwei­zer Stadt. «Genf ist seit 1919 Sitz des Völ­ker­bun­des», sagt er, «Genf ist nicht Büm­pliz.»

Die gan­ze Schweiz wür­de nicht über Tor­n­a­res Spe­sen­ab­rech­nun­gen spre­chen, wenn nicht schon seit Wo­chen Gen­fer Po­li­ti­ker die Schlag­zei­len be­herrsch­ten – mit Skan­da­len, bei de­nen es oft um Rei­sen in fer­ne Län­der geht oder, gera­de ak­tu­ell, um über­mäs­si­ge Spe­sen­be­zü­ge. Ein Au­dit des Gen­fer Rech­nungs­ho­fes hat auf­ge­zeigt, dass ge­wis­se Gen­fer Stadt­rä­te im letz­ten Jahr Spe­sen­rech­nun­gen von über 40 000 Fran­ken gel­tend ge­macht ha­ben. Und das, ob­wohl ih­nen ei­ne Spe­sen­pau­scha­le von 13 200 Fran­ken pro Jahr zu­steht.

In ein­zel­nen Fäl­len sind die Ex­zes­se of­fen­sicht­lich: So trank der Cvp-stadt­rat Guil­lau­me Ba­raz­zo­ne früh­mor­gens Cham­pa- gner auf Staats­kos­ten, und die grü­ne Stadt­rä­tin Es­t­her Al­der liess sich im Schnitt zwei­mal pro Wo­che mit dem Ta­xi her­um­chauf­fie­ren.

Den Rei­gen der Af­fä­ren er­öff­net hat­te al­ler­dings Fdp-staats­rat Pier­re Mau­det, der sich 2015 mit­samt Fa­mi­lie vom Kron­prin­zen von Abu Dha­bi an ein For­mel-1ren­nen ein­la­den liess und in­zwi­schen ein Ver­fah­ren we­gen Vor­teils­an­nah­me am Hals hat. Vor kur­zem muss­te Ba­raz­zo­ne zu­ge­ben, dass auch er sich nach Abu Dha­bi ein­la­den liess – von ei­nem Freund, wie er be­tont, ei­nem spa­ni­schen An­walt. Und jetzt al­so die Sa­che mit den Spe­sen. Ba­raz­zo­ne steht auch in die­ser Sa­che am Pran­ger, doch er ist nicht der Ein­zi­ge, der über die Strän­ge ge­schla­gen hat.

Sy­ri­sche Dat­teln

Et­was füh­ren ei­nem all die «Gen­fe­rei­en» klar vor Au­gen: Gen­fer Po­li­ti­ker ha­ben ein gros­ses Sen­dungs­be­wusst­sein. Ihr Ho­ri­zont weist weit über die Gren­zen der Eid­ge­nos­sen­schaft hin­aus. Gut mög­lich, dass die ho­hen Spe­sen­ab­rech­nun­gen auch die Ge­schich­te ei­ner Stadt er­zäh­len, die in die Welt aus­strah­len will. Die­ser Gel­tungs­drang war be­reits prä­sent, als sich Genf An­fang des 19. Jahr­hun­derts an­schick­te, der Eid­ge­nos­sen­schaft bei­zu­tre­ten. «In mes­sia­ni­scher Über­zeu­gung emp­fahl sich Genf den an­de­ren Eid­ge­nos­sen als vor­ge­scho­be­ner Leucht­turm der Zi­vi­li­sa­ti­on und Auf­klä­rung», schreibt die Jour­na­lis­tin Jo­ël­le Kuntz in ih­rer Pu­bli­ka­ti­on «Genf: Ge­schich­te ei­ner Aus­rich­tung auf die Welt».

Das In­ter­na­tio­na­le durch­dringt bis heu­te den po­li­ti­schen All­tag in der Cal­vin-stadt. Als Stadt­prä­si­dent von Genf emp­fängt man die neu ak­kre­di­tier­ten Bot­schaf­ter bei der Uno. Man wird von Staats­prä­si­den­ten fer­ner Län­der zur Au­di­enz ge­be­ten und ver­fügt über Kon­tak­te in die Welt der Hoch­fi­nanz, der in­ter­na­tio­na­len Di­plo­ma­tie und des Sports. Roh­stoff­händ­ler, Pri­vat­ban­quiers, Uh­ren­händ­ler und ara­bi­sche Scheichs ge­ben sich am Quai des Ber­gues am Ufer der Rho­ne ein Stell­dich­ein. Das kann ei­nem zu Kop­fe stei­gen – und ver­ein­zelt zu Ex­zes­sen füh­ren, wie das Bei­spiel mit dem Cham­pa­gner zeigt.

Nicht al­le ge­hen so weit wie der streit­ba­re lin­ke So­zio­lo­ge Je­an Zieg­ler. Der Vi­ze­prä­si­dent des be­ra­ten­den Aus­schus­ses des Uno-men­schen­rechts­ra­tes or­tet die Wur­zel al­len Übels bei den in­ter­na­tio­na­len Olig­ar­chen und Pau­schal­be­steu­er­ten, die am Gen­fer­see ein Lu­xus­le­ben führ- Über 17 000 Fran­ken für In­ter­net und Te­le­fon. Was der Gen­fer Stadt­rat Guil­lau­me Ba­raz­zo­ne (cvp.) al­lein letz­tes Jahr an Han­dy-spe­sen ab­ge­rech­net hat, sprengt vie­le Gren­zen, auch je­ne des Bun­des­par­la­ments. Dort er­hal­ten die Na­tio­nal- und Stän­de­rä­te für ih­re Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­kos­ten ei­ne Pau­scha­le von 200 Fran­ken im Mo­nat, al­so 2400 Fran­ken im Jahr. Mehr Geld gibt es nur, wenn ein Ab­ge­ord­ne­ter auf of­fi­zi­el­ler Mis­si­on ins Aus­land reist. Dann kann er pro Tag noch­mals 50 Fran­ken für Te­le­fon, Roa­ming oder ei­nen In­ter­net­zu­gang be­an­tra­gen. Auch da­mit kä­me er aber erst auf 17 000 Fran­ken, wenn er pro Jahr 292 Ta­ge im Aus­land ver­brin­gen wür­de.

Im­mer­hin: Ih­re Han­dys müs­sen die Par­la­men­ta­ri­er nicht sel­ber be­zah­len. Da­für steht ein Kre­dit für It-leis­tun­gen zur Ver­fü­gung, der sich auf ma­xi­mal 9000 Fran­ken pro Rats­mit­glied und Le­gis­la­tur be­läuft. Er deckt An­schaf­fun­gen wie Lap­top, Te­le­fon oder Dru­cker und wird zu­sätz­lich zur all­ge­mei­nen Spe­sen­ent­schä­di­gung von jähr­lich 33 000 Fran­ken aus­be­zahlt. Die­se wie­der­um ver­gü­tet sons­ti­ge «Sach- und Per­so­nal­aus­ga­ben», et­wa die An­stel­lung ei­nes per­sön­li­chen Mit­ar­bei­ters.

Die Aus­la­gen ge­wis­ser Gen­fer Stadt­rä­te sind aber nicht nur im ten und Lo­kal­po­li­ti­ker zu kor­rum­pie­ren ver­such­ten. Doch auch der Gen­fer Star­an­walt Charles Pon­cet, der als ehe­ma­li­ger Fdp-na­tio­nal­rat das Heu bei­lei­be nicht auf der glei­chen Büh­ne hat wie Zieg­ler, fin­det: «Genf ist ei­ne Stadt des Gel­des. Man muss sich als Po­li­ti­ker in acht neh­men, um nicht den Ver­su­chun­gen zu un­ter­lie­gen.» Pon­cet er­zählt von ei­nem Mit­glied des sy­ri­schen Asad-clans, das in den 1980er Jah­ren den da­ma­li­gen Staats­rat Ver­gleich mit dem Bun­des­par­la­ment hoch, son­dern auch ge­mes­sen an den Us­an­zen in an­de­ren Städ­ten. In Zü­rich er­hal­ten die Stadt­rä­te ei­ne Pau­scha­le von 14 400 Fran­ken (die Prä­si­den­tin 19 200 Fran­ken) für Klein­spe­sen und da­zu die Mög­lich­keit, grös­se­re Aus­la­gen im Wert von über 100 Fran­ken se­pa­rat zu ver­rech­nen. Stadt­prä­si­den­tin Co­ri­ne Mauch (sp.) kam so in den letz­ten vier Jah­ren auf Spe­sen von durch­schnitt­lich 40 000 Fran­ken. Beim «güns­tigs­ten» Stadt­rat, Sp-mann Ra­pha­el Gol­ta, lag die­ser Wert bei knapp 16 000 Fran­ken. In Bern hat ein Ge­mein­de­rat für Aus­ga­ben im Zu­sam­men­hang Ber­nard Zieg­ler mit Dat­teln be­schenk­te mit dem Ziel, Auf­ent­halts­be­wil­li­gun­gen für sei­ne Freun­de zu be­kom­men. Die Avan­cen, ver­si­chert Pon­cet, sei­en ins Leere ge­lau­fen.

Und dann fällt ein Aus­druck, den man oft hört die­ser Ta­ge in Genf: der fran­zö­si­sche Ein­fluss. Ge­meint ist da­mit ein Ha­bi­tus, den man auch den Po­li­ti­kern un­se­res west­li­chen Nach­bar­lan­des nach­sagt. Dass man das po­li­ti­sche Amt mehr als Qu­ell von mit dem Amt 12 000 Fran­ken zu­gut (der Sta­pi 16 000 Fran­ken). Dar­über hin­aus wer­den nur be­son­ders grosse dienst­li­che Auf­wen­dun­gen ver­gü­tet, und auch dies nur nach ei­nem Be­schluss der Stadt­re­gie­rung. Und ein sol­cher, so die Me­dienstel­le, kom­me «sehr sel­ten» vor.

Da­mit lie­gen die Ber­ner Stadt­vä­ter weit un­ter den Sum­men, die nun in Genf für Auf­ruhr sor­gen. Dort ha­ben sich die Stadt­rä­te – zu­sätz­lich zu ei­ner Pau­scha­le von 13 200 Fran­ken – letz­tes Jahr noch­mals Spe­sen von 10 000 bis zu 51 000 Fran­ken aus­zah­len las­sen. Nun er­mit­telt die Jus­tiz we­gen un­ge­treu­er Amts­füh­rung. Pri­vi­le­gi­en denn als Auf­for­de­rung zum Ar­bei­ten auf­fasst, sich ger­ne mit der Staats­ka­ros­se vor­fah­ren und zeit­le­bens mit dem Ti­tel an­spre­chen lässt. «Mon­sieur le pré­si­dent» hier, «Ma­dame la mi­nist­re» dort. «Die­ser Blin­gB­ling-cha­rak­ter ist auch in der Gen­fer Po­li­tik prä­sent», sagt der Ka­ri­ka­tu­rist Patrick Ch­ap­pat­te.

Ver­mö­gen­de Freun­de

Im Ge­tö­se um die vie­len Gen­fer Af­fä­ren geht bei­na­he un­ter, dass jüngst auch die Waadt­län­der Sp­stän­de­rä­tin Gé­ral­di­ne Sa­va­ry in die Schlag­zei­len ge­riet. Zum Ver­häng­nis wur­de ihr die Nä­he zu ei­nem pau­schal­be­steu­er­ten Mil­li­ar­där. Fre­de­rik Paul­sen, der Russ­land als Ho­no­rar­kon­sul in der Schweiz ver­tritt, lud sie auf ei­ne Rei­se ein und be­tei­lig­te sich an ih­ren Wahl­kampf­kos­ten. Am Di­ens­tag hat Sa­va­ry ih­ren Rück­tritt aus der Po­li­tik an­ge­kün­digt.

Die ver­schie­de­nen Af­fä­ren, die die­ser Ta­ge die Gen­fer­see­re­gi­on heim­su­chen, sind Ein­zel­fäl­le. Und doch gibt es ei­nen ge­mein­sa­men Nen­ner: die Ver­flech­tung lo­ka­ler Po­li­ti­ker mit ver­mö­gen­den Aus­län­dern. In kei­nem Kan­ton gibt es so vie­le Pau­schal­be­steu­er­te wie in der Waadt.

Der in­ter­na­tio­na­le Cha­rak­ter macht die Be­son­der­heit der Gen­fer­see­re­gi­on aus. Of­fen­sicht­lich birgt das für die lo­ka­len Po­li­ti­ker aber auch ei­ni­ge Fall­stri­cke.

Sp-na­tio­nal­rat Ma­nu­el Tor­n­a­re.

Sp-stän­de­rä­tin Gé­ral­di­ne Sa­va­ry.

Gp-stadt­rä­tin Es­t­her Al­der.

Guil­lau­me Ba­raz­zo­ne po­siert mit Sta­nis­las Wa­wrin­ka (rechts) und Kei Nis­hi­ko­ri. (Genf, 22. Mai 2017)

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