19 Mi­nu­ten zu­spät

Buzz Al­drin, As­tro­naut, muss seit 1969 da­mit le­ben, dass ihm Neil Arm­strong als ers­ter Mann auf dem Mond zu­vor­kam. Nun wird er auch noch im Spiel­film «First Man» schlecht­ge­macht. Das hat er nicht ver­dient.

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Schweiz - Von Da­ni­el Mei­er

Was der Kerl sag­te, der vor ihm die Lei­ter hin­un­ter­ge­klet­tert war, wis­sen al­le. Klei­ner Schritt für ei­nen Men­schen, gros­ser Sprung für die Mensch­heit und so wei­ter. Dann je­doch be­trat Buzz Al­drin die Ober­flä­che des Mon­des, er blick­te um sich und mur­mel­te: «Gross­ar­ti­ge Trost­lo­sig­keit.» Was zum Teu­fel mein­te er da­mit?

Kei­ne Wor­te, mit de­nen man Ge­schich­te schreibt. Sie feh­len auch in «First Man». Der Film läuft seit die­ser Wo­che, er han­delt von Apol­lo 11, aber vor al­lem vom 2012 ver­stor­be­nen Neil Arm­strong. Al­drin kommt nur am Rand vor. So wie im­mer. Nie­mals wird ein Film «Se­cond Man» heis­sen. Da­mit lebt er seit bald 50 Jah­ren. Aber muss­ten sie ihn als Kotz­bro­cken dar­stel­len, der an der Be­er­di­gung ei­nes Nasa-kol­le­gen zy­ni­sche Sprü­che klopft? Al­drin schweigt bis­her zum Film.

Nach ei­ner Rei­se ins All be­kun­det manch ein As­tro­naut Mü­he, sich wie­der zu­rück­zu­fin­den. Vie­le zie­hen sich zu­rück. Doch Al­drin reist mit 88 im­mer noch her­um. Na­tür­lich trifft er je­den Tag je­man­den, der sagt: «Hey Buzz, wie war’s dort oben?» Und so er­zählt er wie­der von der Ra­ke­te, vom Schüt­teln, vom Lärm und da­von, wie er zu­rück­schau­te auf die­se zer­brech­li­che, blaue Ku­gel und dach­te: «Wir sind die ein­zi­gen Men­schen, die nicht dort sind.» Manch­mal klingt die Stim­me des Hau­de­gens plötz­lich lei­ser, me­lan­cho­lisch.

Als da­mals die tri­um­pha­le Welt­tour­nee vor­bei war, all der Kon­fet­ti­re­gen und das Hän­de­schüt­teln im Weis­sen Haus, da fiel Al­drin in ein Loch. Die Nasa stell­te 1972 das Apol­lo-pro­gramm ein, kein Be­darf mehr für Hel­den. Man be­schaff­te ihm ei­nen Job bei ei­ner Flug­schu­le für Test­pi­lo­ten. Das klapp­te nicht, denn an­ders als die meis­ten As­tro­nau­ten war er kein Test­pi­lot, son­dern In­ge­nieur, dar­um blieb er stets ein Aus­sen­sei­ter. Ei­ne Zeit­lang ver­kauf­te er Au­tos. Er trank, liess sich schei­den nach über 20 Jah­ren und drei

Ei­ne Zeit­lang ver­kauf­te er Au­tos, er trank, liess sich nach zwan­zig Jah­ren schei­den, er fiel in ei­ne De­pres­si­on.

Kin­dern, er fiel in ei­ne De­pres­si­on. Sei­ne Mut­ter hat­te sich 1968 um­ge­bracht, ein Jahr vor dem Mond­flug. An­geb­lich konn­te sie mit der Be­rühmt­heit des Soh­nes nicht um­ge­hen. Zu­min­dest stell­te es die äl­te­re Schwes­ter spä­ter so dar, und er glaub­te, dass sie recht hat­te. Über all das be­rich­te­te Al­drin, der ei­gent­lich Ed­win heisst und in New Jer­sey auf­ge­wach­sen ist, in sei­ner Bio­gra­fie, die nur vier Jah­re nach der Mond­lan­dung er­schien.

Seit 40 Jah­ren lebt er nun ab­sti­nent, seit den acht­zi­ger Jah­ren hat er wie­der fes­ten Bo­den un­ter den Füs­sen. In der The­ra­pie fand er zu Sät­zen wie die­sem: «Es fühl­te sich lan­ge so an, als sei ich das gar nicht ge­we­sen, als sei ein an­de­rer dort ge­we­sen, ich muss­te ler­nen, da­mit zu le­ben, dass ich das war.» Er lebt von gut­be­zahl­ten Vor­trä­gen und Au­to­gramm­kar­ten. Vor ei­ni­gen Jah­ren hat er sich lif­ten und zum drit­ten Mal schei­den las­sen. Ge­le­gent­lich tritt er in Fern­seh­se­ri­en auf und spielt Buzz Al­drin. Wann im­mer es um Raum­fahrt geht, kommt er zu Wort. Blaue Au­gen, brau­ner Teint, ei­gen­wil­li­ge Klei­dung. Ei­ne Kra­wat­te und ei­ne Flie­ge gleich­zei­tig zu tra­gen, ge­lingt we­ni­gen. Manch­mal tut es auch ein T-shirt, auf dem zum Bei­spiel «Get your ass to Mars» drauf­steht. Das meint er ernst. Die Mensch­heit be­nö­ti­ge als Er­satz für die Er­de ei­nen zwei­ten Pla­ne­ten. Kürz­lich hat er sich mit sei­nen Kin­dern ver­kracht. Es geht um Geld, sie be­haup­ten, er sei de­ment. Ob er im Ju­li 2019 bei der rie­si­gen Fei­er zum 50. Jah­res­tag der Lan­dung auf­tritt, ist of­fen.

Die­ses iko­nen­haf­te Bild, ein As­tro­naut im gleis­sen­den Licht auf dem Mond – das ist üb­ri­gens nicht Arm­strong, es ist Al­drin, fo­to­gra­fiert von Arm­strong. Aber wer weiss das?

Die knapp 19 Mi­nu­ten ver­fol­gen ihn bis heu­te. 19 Mi­nu­ten nach Arm­strong hat­te er an je­nem 20. Ju­li 1969 sei­nen Fuss auf den Mond ge­setzt, und des­halb wur­de nicht er, son­dern der an­de­re un­sterb­lich. Wie sehr das an Al­drin nagt, zeigt sich auch dar­an, dass er es oft als ne­ben­säch­lich ab­tut. Arm­strong sei halt der Kom­man­dant ge­we­sen, er­klärt er, nur um dann doch über den Frust zu kla­gen, ewig als «zwei­ter Mann auf dem Mond» zu gel­ten. Ein­mal ver­kün­de­te er so­gar, er wä­re lie­ber auf dem zwei­ten Flug ge­we­sen. «Ich woll­te da nicht als Ers­ter hin­aus. Ich woll­te die Öf­fent­lich­keit nicht.» Der Drit­te oder Vier­te zu sein, ein na­men­lo­ser Raum­fah­rer, vi­el­leicht wä­re das tat­säch­lich ein­fa­cher.

Zu­rück auf der Er­de, konn­te Al­drin sei­ne ers­ten Wor­te wun­der­bar er­klä­ren. Ihm sei der Wi­der­spruch auf­ge­fal­len. Da ge­lin­ge dem Men­schen et­was so Gross­ar­ti­ges wie ei­ne Mond­lan­dung – «und dann ste­hen wir da, am trost­lo­ses­ten Ort, den man sich vor­stel­len kann. To­ta­le Stil­le, kein Le­ben, nur Staub».

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