Der Uno-pakt ist ei­ne Fal­le der po­li­ti­schen Glo­ba­li­sie­rung

Je va­ger in­ter­na­tio­na­le Re­geln for­mu­liert sind, des­to eher lie­fert sich ein Staat der Aus­le­gung durch frem­de Be­hör­den aus

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Meinungen - Paul Wid­mer Paul Wid­mer ist Alt-bot­schaf­ter und lehrt heu­te an der Uni­ver­si­tät St. Gallen.

Lan­ge galt die Glo­ba­li­sie­rung als ein Selbst­läu­fer. Auf ih­ren ri­tua­li­sier­ten Tref­fen in Da­vos er­klär­ten die in­ter­na­tio­nal ver­netz­ten Grös­sen, mit dem Ab­bau von Gren­zen wür­den al­le von ei­nem ein­ma­li­gen Wirt­schafts­auf­schwung pro­fi­tie­ren. Zu­dem sei da­mit der Sie­ges­zug der De­mo­kra­tie be­sie­gelt.

Die Bot­schaft war an­ge­nehm. Doch sie stimm­te nicht, we­der wirt­schaft­lich noch po­li­tisch. Die Glo­ba­li­sie­rung er­zeug­te Ge­win­ner, aber nicht nur. Vie­le ste­hen heu­te wirt­schaft­lich schlech­ter da als vor­her. Po­li­tisch sieht die Bi­lanz auch durch­zo­gen aus. Die Über­tra­gung von im­mer mehr Kom­pe­ten­zen auf trans­na­tio­na­le Ent­schei­dungs­trä­ger ist nicht gra­tis zu ha­ben. Sie geht auf Kos­ten der na­tio­na­len Ge­setz­ge­ber. Und die De­mo­kra­tie? Auch falsch. Sie ist welt­weit nicht auf dem Vor­marsch, son­dern auf dem Rück­zug.

Die un­er­wünsch­ten Ne­ben­wir­kun­gen in der Wirt­schaft sind in­zwi­schen auf dem Ra­dar­schirm der Po­li­ti­ker auf­ge­taucht, die po­li­ti­schen noch kaum. Da­zu ein paar Wor­te. Man muss von zwei Tat­sa­chen aus­ge­hen: Ers­tens er­zeu­gen die Na­tio­nal­staa­ten nach wie vor die Le­gi­ti­mi­tät für das po­li­ti­sche Han­deln. Die Ge­setz­ge­ber ent­schei­den auf na­tio­na­ler Ebe­ne, was sie wol­len. Zwei­tens sind al­le Staa­ten auf­ein­an­der an­ge­wie­sen. Des­halb müs­sen sie das Ver­hält­nis un­ter­ein­an­der re­geln und in­ter­na­tio­na­le Ver­pflich­tun­gen ein­ge­hen. Kei­ner kommt dar­um her­um. Aber man soll­te auf et­was ach­ten: Je kon­kre­ter die Ver­trä­ge, des­to bes­ser. Dann wis­sen die Ge­setz­ge­ber, wor­auf sie sich ein­las­sen. Vor­bild­lich ist et­wa das Kyo­toPro­to­koll mit sei­nen ge­nau­en Zie­len für je­den Staat.

An­de­re Ver­trä­ge wie die Men­schen­rechts­kon­ven­tio­nen sind mehr auf Prin­zi­pi­en aus­ge­rich­tet und mit ei­ner Über­wa­chungs­be­hör­de in Form ei­nes Ge­richts oder ei­ner Kom­mis­si­on aus­ge­stat­tet. Die Uno kennt ein Dut­zend sol­cher Kon­ven­tio­nen (et­wa ge­gen den Ras­sis­mus oder die Dis­kri­mi­nie­rung von Frau­en), der Eu­ro­pa­rat an­nä­hernd gleich vie­le. Und stän­dig kom­men neue hin­zu, dem­nächst ein Uno-mi­gra­ti­ons­pakt.

Die klas­si­schen Men­schen­rech­te, et­wa das Recht der frei­en Mei­nungs­äus­se­rung oder die Ver­samm­lungs­frei­heit, sind gros­se Er­run­gen­schaf­ten. Sie sind un­ab­ding­bar für ei­ne li­be­ra­le Wel­t­ord­nung. Doch heu­te gilt bald je­des Recht, ins­be­son­de­re je­des So­zi­al­recht, als Men­schen­recht, bis hin zum An­spruch auf re­gel­mäs­sig be­zahl­te Fe­ri­en­rei­sen. In den acht­zi­ger Jah­ren des letz­ten Jahr­hun­derts zähl­te man noch 30, jetzt spricht man von 300 Men­schen­rech­ten. Und die Über­wa­chungs­be­hör­den för­dern mit ei­ner dy­na­mi­schen Rechts­aus­le­gung die Aus­ufe­rung. Ir­gend­ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung fin­det sich ja im­mer.

Und so ge­ra­ten wir in die Fal­le der po­li­ti­schen Glo­ba­li­sie­rung: Die Ge­setz­ge­ber in ei­nem Na­tio­nal­staat un­ter­zeich­nen ei­ne Kon­ven­ti­on und ver­pflich­ten sich, die­se ein­zu­hal­ten. Die in­ter­na­tio­na­len Über­wa­chungs­be­hör­den kon­trol­lie­ren her­nach, ob dies auch ge­schieht. Sie neh­men sich je­doch das Recht her­aus, den Ver­trags­text so aus­zu­le­gen, dass er nicht nur die ur­sprüng­li­chen Ver­pflich­tun­gen, son­dern auch ei­ne – in ih­ren Au­gen – zeit­ge­mäs­se Wei­ter­ent­wick­lung um­fasst. Das geht so lan­ge gut, wie der Ge­setz­ge­ber da­mit ein­ver­stan­den ist. Wenn er es aber nicht ist, kann er nichts da­ge­gen tun. Denn er müss­te ent­we­der die in­ter­na­tio­na­le Kon­ven­ti­on än­dern oder die­se kün­di­gen. Das Ers­te ist prak­tisch un­mög­lich, denn da­zu be­nö­tig­te man die Zu­stim­mung al­ler Ver­trags­staa­ten. Das Zwei­te will man nicht, weil man den Kern der je­wei­li­gen Kon­ven­ti­on als sinn­voll er­ach­tet. So sitzt der Ge­setz­ge­ber in der Fal­le. Er ist weit­ge­hend ent­mach­tet und der In­ter­pre­ta­ti­on des Zeit­geis­tes durch die in­ter­na­tio­na­len Be­hör­den aus­ge­lie­fert.

Die­ser Zu­stand kon­tras­tiert stark mit den staats­recht­li­chen Ver­fah­ren auf na­tio­na­ler Ebe­ne. Dort kann der Ge­setz­ge­ber, wenn sei­ne An­ord­nun­gen nicht um­ge­setzt wer­den, kor­ri­gie­rend ein­grei­fen. Dar­aus soll­te man ei­ne Leh­re zie­hen: Man darf die Zü­gel nicht eil­fer­tig aus der Hand ge­ben. Be­vor man ei­ne Kon­ven­ti­on un­ter­zeich­net, muss man die Aus­wir­kun­gen gründ­lich prü­fen. Man darf sich nicht mit der Zu­si­che­rung ab­spei­sen las­sen, ein Ver­trag sei bloss po­li­tisch bin­dend. Je­ne, die da­mit Druck aus­üben wol­len, ste­hen schon in den Start­lö­chern. Und was die dy­na­mi­sche Recht­spre­chung be­trifft, so ist es an der Zeit, Schran­ken zu set­zen. Nicht in­ter­na­tio­na­le Be­hör­den ha­ben über ei­ne Wei­ter­ent­wick­lung von be­ste­hen­den Ver­pflich­tun­gen zu be­fin­den, son­dern die na­tio­na­len Ge­setz­ge­ber. Die­ses Recht steht ih­nen al­lein zu.

Man darf sich nicht mit der Zu­si­che­rung ab­spei­sen las­sen, ein Ver­trag sei bloss po­li­tisch bin­dend. Je­ne, die da­mit Druck aus­üben wol­len, ste­hen schon in den Start­lö­chern.

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