«Man könn­te auch ein­mal et­was Po­si­ti­ves brin­gen»

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Meinungen - Patrick Im­has­ly Patrick Im­has­ly ist Re­dak­tor im Res­sort Wis­sen der «NZZ am Sonn­tag».

Da­für in­ter­es­sie­ren sich die Le­se­rin­nen und Le­ser der Zu­kunft: «Ich fin­de Blit­ze nicht gfür­chig, weil die meis­ten Blit­ze so­wie­so im Him­mel blei­ben», schreibt mein Göt­ti­meit­li auf Sei­te 53 die­ser Zei­tung – in ei­nem Ar­ti­kel über die Häu­fig­keit von Blitz­ein­schlä­gen. Sie hat die­se Wo­che den Zu­kunfts­tag bei mir auf der Re­dak­ti­on ver­bracht.

Als mein Göt­ti­bub hier war, be­schäf­tig­ten ihn die «fünf ge­fähr­lichs­ten Tie­re der Welt». Er kam in sei­nem Text zum Schluss: «Nor­ma­ler­wei­se frisst der Hai­fisch kei­ne Men­schen, aber manch­mal ver­wech­selt er ein Surf­brett mit ei­ner Rob­be – und das war’s.»

Mein äl­te­rer Sohn stell­te letz­tes Jahr fest, dass ein Strauss schnel­ler läuft als ein Sport­ler über 5000 Me­ter. Das be­wei­se, dass die ei­gent­li­chen Re­kor­de den Tie­ren ge­hör­ten. «Ich glau­be, dass das vor­aus­sicht­lich die nächs­ten 1000 Jah­re so bleibt.»

Am Don­ners­tag um acht Uhr mor­gens sind mein Göt­ti­meit­li und ich auf den Zug ge­gan­gen, und abends um 19 Uhr sind wir bei­de er­schöpft wie­der nach Hau­se ge­kom­men. Sie trug mit mir In­for­ma­tio­nen zum welt­wei­ten Auf­tre­ten von Blit­zen zu­sam­men und schrieb ih­ren klei­nen Text di­rekt ins Zei­tungs­lay­out. Am Nach­mit­tag dreh­te sie mit an­de­ren Kin­dern ein Vi­deo. «Es war cool und die Leu­te wa­ren to­tal nett», sag­te sie mir auf der Heim­rei­se. «Es war schön mit dir», ha­be ich ge­ant­wor­tet und mich ge­freut über das, was wir zu­sam­men ge­leis­tet ha­ben. Ins­ge­heim hof­fe ich, ei­ne Zei­tungs­le­se­rin ge­won­nen zu ha­ben.

Frü­her hiess der Zu­kunfts­tag noch Toch­ter­tag und war dar­auf an­ge­legt, Mäd­chen ei­nen Ein­blick in die Welt klas­si­scher Män­ner­be­ru­fe zu ge­ben. Die Vä­ter soll­ten für die Be­rufs­wahl ih­rer Töch­ter sen­si­bi­li­siert wer­den. Dass die Söh­ne eben­so ih­re Müt­ter zur Ar­beit hät­ten be­glei­ten wol­len, konn­ten sich die Or­ga­ni­sa­to­ren die­ses Ta­ges da­mals of­fen­sicht­lich nicht vor­stel­len. Erst im Jahr 2010 hat man den Tag of­fe­ner ge­stal­tet und nennt ihn seit­dem Zu­kunfts­tag – mit dem er­klär­ten Ziel, dass so­wohl Mäd­chen als auch Bu­ben «un­ty­pi­sche Ar­beits­fel­der und Le­bens­be­rei­che ken­nen­ler­nen und Er­fah­run­gen fürs Le­ben ma­chen. Der na­tio­na­le Zu­kunfts­tag för­dert da­mit früh­zei­tig die Gleich­stel­lung von Frau und Mann bei der Be­rufs­wahl und der Le­bens­pla­nung.»

Der Zu­kunfts­tag ist ein span­nen­der Tag; mein Göt­ti­meit­li und ich ha­ben tat­säch­lich viel von­ein­an­der ge­lernt. Ob al­ler­dings des­we­gen Mäd­chen spä­ter im Le­ben häu­fi­ger ty­pi­sche Män­ner­be­ru­fe und Bu­ben klas­si­sche Frau­en­be­ru­fe er­grei­fen, das wa­ge ich zu be­zwei­feln. Psy­cho­lo­gen der Uni­ver­si­tät Bern ha­ben in ei­ner Stu­die den Schwei­zer Ar­beits­markt zwi­schen 1991 und 2014 un­ter­sucht und fest­ge­stellt: Frau­en ar­bei­ten nach wie vor viel häu­fi­ger in ty­pi­schen Frau­en­be­ru­fen wie Leh­re­rin und Män­ner in an­ge­stamm­ten Män­ner­be­ru­fen wie Ma­schi­nen­bau­er. Und das trotz wach­sen­der Gleich­be­rech­ti­gung in die­ser Zeit­span­ne. «Die Aus­übung von Be­ru­fen an­hand ge­schlech­ter­ty­pi­scher Be­rufs­in­ter­es­sen ist

Der Zu­kunfts­tag ist ein span­nen­der Tag; mein Göt­ti­meit­li und ich ha­ben tat­säch­lich viel von­ein­an­der ge­lernt.

äus­serst sta­bil», schrei­ben die For­scher der Uni­ver­si­tät Bern.

Al­len Gleich­stel­lungs­be­mü­hun­gen zum Trotz: Frau­en und Män­ner ti­cken nun ein­mal an­ders. Das hat jüngst ei­ne an­de­re, welt­wei­te Un­ter­su­chung be­stä­tigt. Ha­ben Frau­en in ei­ner Ge­sell­schaft, in der weit­ge­hend Chan­cen­gleich­heit zwi­schen den Ge­schlech­tern herrscht, die freie Wahl, zie­hen sie Be­rufs­in­hal­te vor, die mit Men­schen zu tun ha­ben. Män­ner hin­ge­gen mö­gen lie­ber Jobs, die mit Ri­si­ken ver­bun­den sind und in de­nen kom­pe­ti­ti­ves Ver­hal­ten be­lohnt wird.

Aber so wich­tig ist die­se Gen­der­theo­rie nicht. Ich hof­fe ein­fach, dass mein Göt­ti­meit­li ei­nes Ta­ges ih­ren Be­rufs­wunsch er­fül­len kann: «In­nen­ar­chi­tek­tin und im Ne­ben­be­ruf Au­to­rin». Der­weil soll­ten wir Jour­na­lis­tin­nen und Jour­na­lis­ten bei der «NZZ am Sonn­tag» uns ih­ren Rat zu Her­zen neh­men: «Mal et­was an­de­res brin­gen als im­mer nur das Glei­che. Man könn­te auch mal was Po­si­ti­ves brin­gen, nicht nur im­mer das­sel­be (zum Bei­spiel Po­li­tik, Krieg, Ter­ror­an­schlä­ge).»

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