Stim­men zum Sta­di­on

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Hintergrund Sport -

sind al­le Hoff­nun­gen ge­platzt, die Ka­rot­te weg, und der Esel, der heisst Ca­ne­pa.

«Die­ses Mal wird es klap­pen», sagt der Prä­si­dent, der frü­her Wirt­schafts­prü­fer bei Ernst & Young war, wo er ei­ne stei­le Lauf­bahn hin­leg­te, bis er sich von Kopf bis Fuss dem FCZ ver­schrieb, Loya­li­tät ist in sei­ner Wer­te­ska­la ganz oben, und dann kommt lan­ge nichts. «Ich bin zu 99 Pro­zent si­cher, dass wir es schaf­fen wer­den.»

Es ist Sams­tag, ein paar Wo­chen sind seit dem Fan-talk ver­gan­gen, der FCZ steht vor wich­ti­gen Spie­len. Am Nach­mit­tag kom­men die Young Boys, Mit­te Wo­che kommt Le­ver­ku­sen. Ca­ne­pa ist an­ge­spannt. Er lei­det, wenn sein Team ver­liert, ein­mal hat er sich ei­nen Zahn aus­ge­bis­sen, weil er zu fest auf sei­ne Pfei­fe biss. Wie oft vor den Spie­len ver­sucht er sich auch jetzt bei ei­nem Spa­zier­gang mit sei­nem Hund Koo­ki ab­zu­len­ken. Meist hört er da­zu ein Hör­buch, kei­ne Ro­ma­ne, lie­ber Bio­gra­fi­en und viel über Po­li­tik. «Den Trömp», sagt Ca­ne­pa, den er­ach­te er «für ei­nen Wirr­kopf», ei­nen Angst­ma­cher, so wie da­mals die Ewr-geg­ner, von de­nen er un­ge­fähr so viel hält wie von ei­ner Nie­der­la­ge ge­gen die Gras­shop­pers. Dass die Schweiz nicht dem EWR bei­ge­tre­ten sei, hal­te er für ei­ne Tra­gö­die, sagt er und holt ei­ne Ta­bak­do­se aus sei­ner Um­hän­ge­ta­sche. Ca­ne­pa raucht Pfei­fe, seit er 20 Jah­re alt war, auf Wunsch sei­ner Frau, weil sie fand, Män­ner mit Pfei­fe hät­ten mehr Stil. Schieds­rich­ter aus­ge­nom­men.

Wer ver­ste­hen will, wo­her sei­ne Be­zie­hung zu die­sem Klub stammt, die man sich vor­stel­len muss, wie die un­ver­han­del­ba­re Lie­be zu ei­nem Kind, der muss mit Ca­ne­pas Freun­den re­den. Bern­hard Stri­cker zum Bei­spiel, mit dem Ca­ne­pa in die Se­kun­dar­schu­le ging. «Wir hat­ten ähn­li­che bio­gra­fi­sche Vor­aus­set­zun­gen, der Cil­lo und ich», sagt Stri­cker. «Wäh­rend die meis­ten Schü­ler aus Bil­der­buch­fa­mi­li­en stamm­ten, hat­ten wir ab­we­sen­de Vä­ter. Mit Fuss­ball füll­ten wir aus, was uns fehl­te.»

Ca­ne­pa hat schon als Kind Fuss­ball­sta­di­en mit Hölz­chen ge­baut. Er hat, so er­zählt es Stri­cker, ima­gi­nä­re Spiel­be­rich­te ge­schrie­ben, in de­nen der FCZ meist bis zur 80. Mi­nu­te null zu drei hin­ten lag, bis Fritz Künz­li vier­mal traf.

Er war das ein­zi­ge Kind mit ita­lie­ni­schem Na­men in der Klas­se in Rü­ti im Zürcher Ober­land, der lie­ber Hans-pe­ter ge­heis­sen hät­te, wie sein Bru­der, als An­cil­lo. «Er hat sich des­halb vi­el­leicht mehr Mü­he ge­ge­ben. War ehr­gei­zig und woll­te nach oben.» Fuss­ball, das war sei­ne Lei­den­schaft, sagt Stri­cker. Und der FCZ war sei­ne Hei­mat, schon als Bub. Um­so na­he­lie­gen­der ist Ca­ne­pas Wunsch nach ei­nem Sta­di­on. Nach ei­ge­nen vier Wän­den. Der klei­ne Cil­lo will end­lich an­kom­men.

Der Rück­tritt liegt in der Luft

Chris­toph Si­grist er­zählt von Fa­cet­ten die­ses An­cil­lo Ca­ne­pa, die man in der Öf­fent­lich­keit we­ni­ger kennt. Si­grist ist Pfar­rer des Gross­müns­ters, Grün­der des FC Re­li­gio­nen, bei dem Ima­me und Rab­bi­ner mit­ki­cken. Si­grists Kir­che ist of­fen für al­le, doch sein Fuss­ball­herz schlägt für den FCZ al­lein, das schweisst ihn mit Ca­ne­pa zu­sam­men.

«Ich ken­ne Ca­ne­pa nicht als Prä­si­den­ten. Nicht als Mil­lio­när oder Ge­schäfts­mann. Ich bin Kir­che», sagt Si­grist, «ich will nichts von ihm.» Die bei­den tref­fen sich re­gel­mäs­sig und la­den sich ge­gen­sei­tig in ih­re Häu­ser ein, das Gross­müns­ter und den Let­zi­grund. Der Fuss­ball und die Kir­che, «da gibt es vie­le Ver­knüp­fun­gen», sagt Si­grist. Es sei­en zi­vil­ge­sell­schaft­li­che In­sti­tu­tio­nen, die das Zu­sam­men­le­ben in ei­ner Stadt prä­gen und Ebe­nen bei Men­schen be­rüh­ren, die über den All­tag hin­aus­ge­hen. Wo sonst lei­de man so öf­fent­lich? Nur in der Kir­che und im Sta­di­on.

«Es geht aber auch um Ju­gend­ar­beit, um Ge­walt und Ra­di­ka­li­sie­rung. Es fin­den kom­ple­xe ge­sell­schaft­li­che Pro­zes­se statt im Sport wie in der Kir­che», sagt Si­grist, dar­über wür­den sie sich un­ter­hal­ten. Ca­ne­pa sei ein Su­chen­der und tief be­trof­fen, wenn ein paar Hoo­li­gans wie­der mal Angst und Schre­cken ver­brei­ten.

Schon seit ei­ner hal­ben Stun­de läuft Ca­ne­pa mit sei­nem Hund durch den Wald, er hat noch im­mer den Gang des Stür­mers und «Die Ge­walt, die von Hoo­li­gans heu­te aus­geht, ist un­ver­gleich­lich.» Clau­dio Sul­ser, An­walt, frü­her Stür­mer bei GC. «Soll­te das Sta­di­on nicht kom­men, se­he ich für den Pro­fi­fuss­ball von GC schwarz.» Ste­phan An­li­ker, Gc-prä­si­dent. «Der Fuss­ball und die Kir­che ha­ben vie­le Ver­knüp­fun­gen.» Chris­toph Si­grist, Pfar­rer des Gross­müns­ters. Wus­lers, der er beim FC Rü­ti war: si­che­re Trip­pel­schrit­te. Mehr als 30 Mil­lio­nen Fran­ken soll er seit sei­nem An­tritt als Prä­si­dent ein­ge­schos­sen ha­ben, «ist ja sonst nie­mand da», sagt er und wirft Koo­ki ein Stöck­chen zu. Da­zu der wö­chent­li­che Är­ger mit Jour­na­lis­ten und Spie­ler­be­ra­tern, die ihn über den Tisch zie­hen wol­len. Ganz zu schwei­gen von all dem sport­li­chen Leid, den Nie­der­la­gen, dem Ver­let­zungs­pech und den Fehl­ent­schei­den der Schieds­rich­ter. Lohnt sich das? Wä­re das Le­ben nicht schö­ner oh­ne den FCZ?

Ca­ne­pa bleibt ste­hen. Ei­ne Wald­lich­tung. Man sieht die Au­to­bahn durch die Bäu­me. Er wis­se nicht, was pas­sie­re, wenn das Sta­di­on ab­ge­lehnt wer­de. Er spricht von «er­heb­li­chen Kon­se­quen­zen». Er will nicht dro­hen, weil es in der Ab­stim­mung nicht um ihn ge­hen soll, aber die Zu­kunft bei­der Klubs ste­he auf dem Spiel. Er nimmt das Wort Rück­tritt nicht in den Mund, aber es liegt in der Luft.

Ei­ner wie er wür­de nicht über­stürzt ge­hen, aber schritt­wei­se vi­el­leicht, weil der Fun­ke, den es für sein Amt braucht, er­lo­schen wä­re.

Et­was deut­li­cher wird Ca­ne­pas Kol­le­ge, Ste­phan An­li­ker, Prä­si­dent der Gras­shop­pers. Wäh­rend sich der FCZ als Flucht­punkt ver­schie­de­ner ur­ba­ner Mi­lieus ei­nen Platz in die­ser Stadt er­spielt hat, sind die no­ble­ren Gras­shop­pers in der Be­deu­tungs­lo­sig­keit ver­schwun­den. Einst war GC im Fuss­ball ei­ne an­ge­se­he­ne Adres­se. Das Weiss im Wap­pen war im­mer weis­ser als beim FCZ, dem seit je et­was Ab­ge­rock­tes an­haf­tet, wäh­rend GC nach ei­ner sport­lich er­folg­rei­chen Zeit in den neun­zi­ger Jah­ren mit dem Ab­riss des Heim­sta­di­ons 2008 und «mit je­dem Wech­sel im Prä­si­di­um ein Stück sei­ner Iden­ti­tät ver­lor», sagt An­li­ker. Soll­te das neue Sta­di­on nicht kom­men, dann se­he er schwarz. Er spricht von ei­nem «Ab­bruch der Übung» und meint da­mit, dass es in Zu­kunft kei­nen Gc-pro­fi­fuss­ball mehr ge­ben könn­te.

Ca­ne­pas und An­li­kers Geg­ner, zu­min­dest ein Teil da­von, tref­fen sich an ei­nem Frei­tag­abend in Zü­rich Höngg im Ge­mein­de­saal, Chips und lau­war­mer Weiss­wein ste­hen be­reit. Yves Di­a­con, der Pro­jekt­lei­ter des neu­en Sta­di­on­pro­jek­tes «En­sem­ble», hält ei­ne Prä­sen­ta­ti­on, zeigt Ta­bel­len, Gra­fi­ken und Stu­di­en über den Schat­ten­wurf. Es ist ein Wort, das in Zü­rich al­les zum Er­lie­gen brin­gen kann. Denn zum Sta­di­on wür­den zwei 137 Me­ter ho­he Wohn­tür­me da­zu­ge­stellt, be­zahlt vom Im­mo­bi­li­en­fonds der Credit Suis­se, der man den Bo­den zu güns­ti­gen Be­din­gun­gen zur Ver­fü­gung stel­len wür­de.

An den Tür­men, nicht am Sta­di­on al­lein strei­ten sich die Ge­mü­ter: Den ei­nen sind sie zu teu­er, den an­de­ren bie­ten sie zu we­nig bil­li­gen Wohn­raum, ei­ni­gen Höng­gern sind sie schlicht zu hoch. Weil die Tür­me ih­ren Pan­ora­ma­blick auf die Al­pen be­ein­träch­ti­gen wür­den, kämp­fen sie ge­gen Ca­ne­pas Vi­si­on und war­nen vor ei­ner «Man­hat­ta­ni­sie­rung» von Zü­rich West: Was auf dem Hard­turm ge­plant sei, ste­he auf ih­rer Web­site, sei ein Vor­bo­te kom­men­der Ent­wick­lun­gen. «Bald sieht man von Höngg aus statt Al­pen, Alt­stadt und See nur noch schwar­ze Fas­sa­den.»

Die Höng­ger sind nicht die Ein­zi­gen, die sich ge­gen Ca­ne­pas Sta­di­on­plä­ne weh­ren. Es gibt Kri­tik ge­gen die CS, de­ren Lo­go wohl das neue Sta­di­on zie­ren wür­de, und Pro­test ge­gen den Frei­raum, der auf der Hard­turm-bra­che ver­schwän­de. Nicht­fuss­bal­ler fra­gen sich, war­um es über­haupt ein zu­sätz­li­ches Sta­di­on braucht, und Nost­al­gi­ker wür­den so­wie­so al­les am liebs­ten be­las­sen, wie es im­mer war. Da­zu kom­men ein paar hart­ge­sot­te­ne FCZFANS, die sich eher ein Bein ab­ha­cken wür­den, als ei­ne neue Spiel­stät­te zu un­ter­stüt­zen, die sich auf der an­de­ren Sei­te der Ge­lei­se be­fin­det, wo der Erz­feind GC frü­her spiel­te.

Und dann gibt es die So­zi­al­de­mo­kra­ten um Jac­que­line Ba­dran, die im Stil ei­nes Ab­wehr­chefs am lau­tes­ten schreit, ei­ne Mil­li­ar­den­ab­zo­cke wit­tert und des­halb ei­ne Volks­in­itia­ti­ve für ein von der Stadt fi­nan­zier­tes Sta­di­on oh­ne Tür­me lan­ciert.

Es ist ein heil­lo­ses Durch­ein­an­der, der ge­mei­ne Wäh­ler hat den Über­blick längst ver­lo­ren. An­ders als in Ba­sel oder Bern bringt der Fuss­ball die Men­schen in Zü­rich eben nicht zu­sam­men, son­dern lässt die Stadt in ein­zel­nen Mi­lieus zer­fal­len.

Die Fans ste­hen im Weg

Ca­ne­pa und An­li­ker müs­sen sich den Vor­wurf ge­fal­len las­sen, dass sie es nicht ge­schafft ha­ben, die Mi­lieus zu ver­ei­nen und Al­li­an­zen zu bil­den. Das hat vi­el­leicht da­mit zu tun, dass sich GC gar nicht mehr als Stadt­klub sieht und seit Jah­ren in der Agglo­me­ra­ti­on trai­niert. Und Ca­ne­pa sei zu we­nig ver­netzt, sa­gen vie­le, und zu un­an­ge­passt. Er hat un­ter den Mäch­ti­gen Zü­richs we­nig Freun­de. Hat es des­halb mit den Sta­di­en nie ge­klappt?

Man kann sich na­tür­lich dar­über be­schwe­ren, dass Zü­rich kei­ne Fuss­ball­stadt sei, aber man kann sich als Ca­ne­pa oder An­li­ker auch fra­gen: Ha­ben wir ge­nug da­für ge­tan? Es liegt nicht zu­letzt an den Fans, dass der Fuss­ball ei­nen schwe­ren Stand hat in die­ser Stadt. Clau­dio Sul­ser, heu­te An­walt, in den acht­zi­ger Jah­ren Stür­mer von GC, ei­ner Zeit, in dem es dem Klub deut­lich bes­ser ging, er­in­nert sich, dass auch zu sei­ner Zeit ei­ne «gros­se Ri­va­li­tät» zwi­schen den Fans bei­der Zürcher Klubs herrsch­te, «die Der­bys wa­ren be­son­de­re Spie­le», aber die Ge­walt, die von den Hoo­li­gans heu­te aus­ge­he, sei un­ver­gleich­lich.

Das Hoo­li­gan-pro­blem, mit dem sich Ca­ne­pa seit Jah­ren her­um­schlägt, ist ei­ner der Haupt­grün­de, war­um vie­le Be­woh­ner Zü­richs Be­den­ken ha­ben, für ein neu­es Sta­di­on zu stim­men. «War­um soll man die­sen Idio­ten ei­ne Spiel­stät­te er­wir­ken?», hört man in den Dis­kus­sio­nen häu­fig. Es ist ein klei­ner Pro­zent­satz von Chao­ten, de­nen es nicht um den Fuss­ball geht und die nicht wis­sen, wo­hin mit ih­rem Tes­to­ste­ron und mit sich, die das öf­fent­li­che Bild der Fans prä­gen und die Ca­ne­pas Träu­me nach ei­nem ech­ten Fuss­ball­sta­di­on end­gül­tig be­sie­geln könn­ten.

Das schlech­te Image der Fans ist An­cil­lo Ca­ne­pas ganz per­sön­li­che Tra­gö­die. Denn er hat ih­nen vie­les zu ver­dan­ken. Sie ha­ben sei­nen Klub auch im Jahr des Ab­stiegs un­ter­stützt und wa­ren da für ihn, in der Pro­vinz und im Nie­sel­re­gen. Jetzt ste­hen sie ihm im Weg.

Er ha­be al­les un­ter­nom­men, was mög­lich sei, um ge­gen Hoo­li­gans vor­zu­ge­hen, ha­be auf sie ein­ge­re­det, ha­be sie an­ge­zeigt, sagt Ca­ne­pa im letz­ten Ge­spräch in sei­nem Bü­ro, in dem die FCZ-UHR im Re­gal ste­hen­ge­blie­ben ist, 5 Uhr, ewi­ger Nach­mit­tag. Und doch fällt die Ver­ant­wor­tung auf ihn zu­rück, wenn ver­mumm­te Ju­gend­li­che sich auf Bahn­hö­fen auf die Köp­fe ge­ben. «Bin ich für die­se paar we­ni­gen Idio­ten zu­stän­dig, nur weil sie das Leib­chen un­se­res Klubs tra­gen? Und wo sind die El­tern?», fragt er un­wirsch.

Soll­te er die Ab­stim­mung ver­lie­ren En­de No­vem­ber, die­ses Spiel sei­nes Le­bens, dann hat das we­der mit ein paar Höng­gern zu tun, die um ih­re Aus­sicht ban­gen, noch mit de­nen, die ge­gen die Hoch­fi­nanz wet­tern, son­dern mit den Fans, sei­nen ei­ge­nen Män­nern.

Das ist im Fuss­ball bei Nie­der­la­gen ganz ähn­lich.

Ein ehr­gei­zi­ger Schü­ler. Ca­ne­pa in der Se­kun­dar­schu­le Rü­ti, mitt­le­re Rei­he, Vier­ter von links.

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