Kri­tik an Pri­vi­le­gi­en für Pump­spei­cher

Klei­ne Strom­ver­sor­ger är­gern sich über ei­ne Aus­nah­me­re­ge­lung des Bun­des für Al­piq, Ax­po und Co.

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Wirtschaft - Jürg Mei­er Strom­pro­du­zen­ten

Pump­spei­cher­an­la­gen gel­ten als Ver­si­che­rung un­se­rer Strom­ver­sor­gung. Schnellt un­ser Strom­ver­brauch hoch, öff­nen die rie­si­gen An­la­gen in den Ber­gen die Schleu­sen. Was­ser schiesst durch die Tur­bi­nen und pro­du­ziert den nö­ti­gen Strom.

Doch nun ist ein hef­ti­ger Streit um die An­la­gen ent­brannt. Der Grund ist ei­ne vom Bund vor­ge­se­he­ne An­pas­sung der Ge­set­zes­grund­la­gen für Strom­net­ze. Wer Strom aus dem Netz ent­nimmt, um die­sen zu spei­chern, soll da­für Netz­kos­ten be­rap­pen müs­sen. Es gibt aber ei­ne Aus­nah­me: Die Pump­spei­cher. Sie sind be­reits heu­te von den Netz­kos­ten be­freit – und die­ses Pri­vi­leg bleibt auch wei­ter­hin ge­wahrt.

Das stösst in wei­ten Tei­len der Bran­che auf Ab­leh­nung. Denn vie­le Strom­ver­sor­ger ent­wi­ckeln heu­te neue, de­zen­tra­le Tech­no­lo­gi­en, um Strom zu spei­chern und ihn bei Knapp­heit wie­der ein­zu­spei­sen. Be­kannt sind et­wa zwei Gross­bat­te­ri­en des Elek­tri­zi­täts­werks des Kan­tons Zü­rich (EKZ). An­de­re Ver­sor­ger wol­len über­schüs­si­gen Strom aus So­lar- und Wind­an­la­gen in Gas ver­wan­deln. Die­ses kann ge­spei­chert und im Win­ter ge­nutzt wer­den – al­so dann, wenn in der Schweiz der Strom knapp ist.

«Die Un­gleich­be­hand­lung der ver­schie­de­nen Spei­cher­tech­no- lo­gi­en ist stos­send», sagt Fe­lix Nip­kow von der Schwei­ze­ri­schen Ener­gie­stif­tung (SES). Heu­te sei­en Pump­spei­cher zwar die do­mi­nan­te Tech­no­lo­gie für gros­se Strom­spei­cher. «Das kann sich in Zu­kunft aber än­dern.»

Auch das EKZ kri­ti­siert die vor­ge­se­he­ne Re­ge­lung. «Die­se be­ein­träch­tigt die Wirt­schaft­lich­keit von Spei­chern wie et­wa un­se­rer Gross­bat­te­rie», sagt Spre­che­rin An­net­te Hirsch­berg. Ähn­lich klingt es beim Stadt­wer­ke­ver­bund Swis­spower, dem 22 Ver­sor­gungs­un­ter­neh­men an­ge­schlos­sen sind. Vie­le die­ser Wer­ke be­män­geln die Pri­vi­le­gie­rung von Pump­spei­chern seit Jah­ren. «Die neue Re­ge­lung wei­tet die Un­gleich­be­hand­lung von Pump­spei­chern und an­de­ren Spei­cher­tech­no­lo­gi­en jetzt gar noch aus», kri­ti­siert Spre­cher Jan Flü­cki­ger.

Der Nord­ost­schwei­zer Strom­rie­se Ax­po hat vor kur­zem den 2,1 Mrd. Fr. teu­ren Pump­spei­cher Linth-lim­mern in Be­trieb ge­nom­men. Spre­cher An­to­nio Som­ma­vil­la ver­tei­digt die Aus­nah­me­re­ge­lung. Tech­no­lo­gi­en wie Gross­bat­te­ri­en sind näm­lich nicht am Über­tra­gungs­netz – den gros­sen Strom­au­to­bah­nen – an­ge­schlos­sen, son­dern am Ver­teil­netz, das et­wa Städ­te und Dör­fer mit­ein­an­der ver­bin­det. Das kann ih­re Mög­lich­keit ein­schrän­ken, tat­säch­lich zur Sta­bi­li­sie­rung des Strom­net­zes bei­zu­tra­gen, wie Som­ma­vil­la er­läu­tert.

Auch das Bun­des­amt für En­er­gie steht zur Aus­nah­me­re­ge­lung. Es stim­me zwar: De­zen­tra­le Spei­cher müss­ten Netz­ent­gel­te zah­len, sagt Spre­che­rin Ma­ri­an­ne Zünd. Laut Zünd er­hal­ten sie künf­tig aber auch ei­ne Ent­schä­di­gung, wenn sie tat­säch­lich hel­fen, das Netz zu sta­bi­li­sie­ren.

Ax­po und Al­piq ha­ben in den letz­ten Jah­ren Mil­li­ar­den in Pump­spei­cher in­ves­tiert. Sie ver­tei­di­gen das Pri­vi­leg noch aus ei­nem an­de­ren Grund: weil es im­mer schwie­ri­ger wird, die An­la­gen ge­winn­brin­gend zu be­trei­ben. «Die eu­ro­päi­schen Strom­fir­men wol­len im Ge­schäft mit der Fle­xi­bi­li­tät den Ku­chen nicht den Schwei­zer Pump­spei­chern über­las­sen», sagt Fa­bi­an Kel­ler von der Ra­ting­agen­tur In­de­pen- dent Credit View. Mo­der­ne deut­sche St­ein­koh­le­kraft­wer­ke schaf­fen es heu­te bes­ser, ih­re Leis­tung dem Be­darf an­zu­pas­sen. «Sie kön­nen ih­re Pro­duk­ti­on je nach Be­darf re­la­tiv rasch stei­gern oder sen­ken.»

Gleich­zei­tig macht die Bat­te­rie­tech­no­lo­gie ra­san­te Fort­schrit­te. In Aus­tra­li­en hat ein Gross­bat­te­rie­pro­jekt von Tes­la laut dem Bran­chen­dienst Ener­gy Post die Er­war­tun­gen al­ler Ex­per­ten über­trof­fen. Die An­la­ge dürf­te ih­re In­ves­ti­ti­ons­kos­ten viel ra­scher als ge­dacht ein­spie­len. Ei­ne zwei­te aus­tra­li­sche Gross­bat­te­rie funk­tio­niert so gut, dass sie selbst auf der obers­ten Ebe­ne des Strom­net­zes Las­ten re­geln kann – et­was, was heu­te et­wa Pump­spei­chern vor­be­hal­ten ist.

Längs­te Stau­mau­er der Schweiz: Pump­spei­cher­werk Linth-lim­mern der Ax­po im Kan­ton Glarus.

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