Sicht­bar wer­den

Ka­tars Fuss­bal­ler sind nicht auf Wm-ni­veau. Das soll sich bis 2022 än­dern. Der Test in der Schweiz ist ei­ne Zwi­schen­sta­ti­on.

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Sport - Von Ste­phan Ramming

Wenn heu­te Sonn­tag in Lu­ga­no Ka­tars Na­tio­nal­mann­schaft an­reist für das Test­spiel ge­gen die Schweiz, hat die De­le­ga­ti­on ei­nen Traum im Ge­päck. Es ist der Traum, 2022 als Gast­ge­ber mit ei­ner kon­kur­renz­fä­hi­gen Mann­schaft zum Wm-er­öff­nungs­spiel an­zu­tre­ten. Die sport­li­che Wirk­lich­keit zeigt, dass die Equi­pe noch ei­nen wei­ten Weg vor sich hat. Us­be­kis­tan, Fä­rö­er­in­seln, In­di­en, Est­land – das sind in der Fi­fa­rangliste die Nach­barn von Ka­tar, der­zeit im 96 Rang plat­ziert.

In der Qua­li­fi­ka­ti­on für die WM in Russ­land be­leg­te Ka­tar den letz­ten Grup­pen­platz, hin­ter Sy­ri­en, Us­be­kis­tan und Chi­na. «Un­se­re jun­ge Mann­schaft muss Er­fah­run­gen sam­meln», sagt Ali Al Sa­lat, der Me­dien­spre­cher der Ka­ta­rer. Und wie sieht der Trai­ner Fe­lix San­chez die Aus­gangs­la­ge? «Er re­det am Tag vor dem Spiel», sagt Al Sa­lat, «vor­her nicht.»

San­chez ar­bei­tet seit 2006 in Ka­tar, vor 17 Mo­na­ten wur­de er Na­tio­nal­trai­ner im Emi­rat. 300000 Bür­ger be­sit­zen den ka­ta­ri­schen Pass. Das ist ein klei­nes Spie­ler­re­ser­voir, et­wa so gross wie der Kan­ton Frei­burg. Mit enor­men Geld­sum­men wird des­halb ver­sucht, mög­lichst vie­le Ta­len­te an das in­ter­na­tio­na­le Ni­veau her­an­zu­füh­ren. So ein­fach wie im Handball, als Ka­tar für die WM 2015 im ei­ge­nen Land flugs ein Na­tio­nal­team zu­sam­men­kauf­te und erst im Fi­nal ge­gen Frank­reich schei­ter­te, geht es im Fussball aber nicht. Fünf Jah­re muss ein Spie­ler nach­weis­lich im Land ge­lebt ha­ben, bis er die ent­spre­chen­de Spie­ler­qua­li­fi­ka­ti­on er­hält. Doch es gibt auch an­de­re We­ge, um Spie­ler zu ent­wi­ckeln.

Ei­nes der ka­ta­ri­schen In­stru­men­te da­für ist die «Aspi­re­aca­de­my», ein im­po­san­tes Spor­tAus­bil­dungs­zen­trum in Do­ha. Es gilt als Non­plus­ul­tra der Trai­nings­ und Sport­an­la­gen welt­weit. Bay­ern Mün­chen pflegt dort bei­spiels­wei­se das Win­ter­trai­nings­la­ger ab­zu­hal­ten. Aspi­re ist aber auch aus­ser­halb von Ka­tar prä­sent. In Se­ne­gal bei­spiels­wei­se un­ter­hält Aspi­re ei­nen gros­sen Stütz­punkt für die Ta­lent­le­se in Afri­ka. In Bel­gi­en wie­der­um be­sitzt Aspi­re seit 2012 den Erst­li­ga­klub Eu­pen. In der Kle­in­stadt an der Gren­ze zu Deutsch­land sol­len ne­ben eu­ro­päi­schen Spie­lern die Aspi­re­ta­len­te aus Ka­tar oder Afri­ka ih­re Wett­kampf­här­te auf die Pro­be stel­len. Der­zeit ist al­ler­dings kein ein­zi­ger Ka­ta­rer im Ka­der der 1. Mann­schaft Eu­pens en­ga­giert, die Spie­ler aus der Se­ne­gal­fi­lia­le sind er­folg­rei­cher. Die Ka­ta­rer da­ge­gen kom­men, sam­meln meis­tens in der U 21 Er­fah­run­gen, dann keh­ren sie wie­der heim an die Wär­me.

Das Kon­zept funk­tio­niert zwar als Bu­si­ness­mo­dell, um ei­nen Fuss in den eu­ro­päi­schen Trans­fer­markt zu be­kom­men. Doch die Pro­gno­se der Ka­ta­rer hat sich bis jetzt nicht be­wahr­hei­tet, dass vor der WM ei­ge­ne Na­tio­nal­spie­ler in ei­ner gros­sen Li­ga Eu­ro­pas spie­len wür­den. So ge­hört der 21­jäh­ri­ge Akram Afif zwar Vil­lar­re­al, wo er sich aber nicht durch­setz­te. Nun ver­bringt Afif wie die al­ler­meis­ten Na­tio­nal­spie­ler die Zeit in der hei­mi­schen Meis­ter­schaft in fi­nan­zi­ell an­ge­neh­men Ver­hält­nis­sen, sport­lich aber auf be­schei­de­nem Ni­veau. Der ka­ta­ri­sche Li­ga­be­trieb fin­det prak­tisch un­ter Aus­schluss der Öf­fent­lich­keit statt. Um­so mehr braucht das Na­tio­nal­team mit Blick auf 2022 mög­lichst vie­le Spie­le auf in­ter­na­tio­na­lem Top­ni­veau. Der Test in Lu­ga­no ge­hört da­zu; am Mon­tag in ei­ner Wo­che spielt Ka­tar ge­gen Is­land, im Sta­di­on der Aspi­re­fi­lia­le in Eu­pen.

Der nächs­te Test­lauf folgt an der Asi­en­Meis­ter­schaft. Ka­tar hat sich di­rekt qua­li­fi­ziert für das Kon­ti­nen­tal­tur­nier, doch im Ja­nu­ar wird es um mehr ge­hen als um Sport­li­ches, weil die End­run­de in un­mit­tel­ba­rer Nach­bar­schaft statt­fin­det, den Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­ten. Zum ei­nen lie­fert sich Ka­tar mit den Emi­ra­ten ei­nen er­bit­ter­ten, mil­li­ar­den­schwe­ren Wett­lauf um Ein­fluss im in­ter­na­tio­na­len Sport, be­son­ders im Fussball. Wäh­rend Ka­tar bei­spiels­wei­se im FC Bar­ce­lo­na, Pa­ris Saint­ger­main oder mit dem TVSen­der Beins­ports viel Ein­fluss be­sitzt, ge­hö­ren Man­ches­ter Ci­ty, Ar­senal oder Re­al Ma­drid zu den Klubs, zu de­nen die Emi­ra­te en­ge Be­zie­hun­gen pfle­gen.

Vor al­lem aber schwelt zwi­schen Ka­tar und den Nach­barn ein po­li­ti­scher Kon­flikt. Sau­dia­ra­bi­en, Ägyp­ten, Bahrain und die Emi­ra­te wer­fen Ka­tar vor, Terr­o­ris­ten zu un­ter­stüt­zen und zu en­ge Be­zie­hun­gen zum Iran zu un­ter­hal­ten. Die di­plo­ma­ti­schen Be­zie­hun­gen der Nach­barn zu Ka­tar sind ab­ge­bro­chen, un­ter Füh­rung Sau­di­ara­bi­ens herrscht ein Han­delsund Ver­kehrs­boy­kott. Die Uno und die USA muss­ten ein­grei­fen, um ei­nen of­fe­nen Kon­flikt zu ver­hin­dern. Vor die­sem Hin­ter­grund wird für Ka­tars Fuss­bal­ler das Tur­nier beim ver­fein­de­ten Nach­barn ei­ne Auf­ga­be, die auch von der po­li­ti­schen La­ge be­las­tet sein wird.

Denn letzt­lich geht es um Po­li­tik, wenn Ka­tar sei­ne Na­tio­nal­mann­schaft durch die Welt schickt. Das Land will sicht­bar wer­den, Fussball ist nicht der Zweck, son­dern ei­nes von vie­len Mit­teln da­für. Bis zur WM 2022 ist die Sicht­bar­keit des Mi­ni­staa­tes mit den im­men­sen Roh­stoff­mil­li­ar­den ga­ran­tiert, die Na­tio­nal­mann­schaft ein wich­ti­ger Teil der Bot­schaft. Im Ju­ni nimmt Ka­tar des­halb an der süd­ame­ri­ka­ni­schen Meis­ter­schaft in Bra­si­li­en teil. Tra­di­tio­nel­ler­wei­se la­den die Süd­ame­ri­ka­ner mit den zehn Ver­bän­den Me­xi­ko und die USA ein, um das Zwöl­fer­feld für das Tur­nier zu kom­plet­tie­ren. Dies­mal aber sind es Ja­pan und Ka­tar. In Süd­ame­ri­ka hat Ka­tar sein En­ga­ge­ment als Spon­sor ver­stärkt, bald wird es auch mit den Fuss­bal­lern sicht­bar wer­den.

So wol­len die Ka­ta­rer auch als Wm-gast­ge­ber ju­beln: Ka­tars Num­mer 10 al-hay­dos lässt sich fei­ern nach ei­nem Tref­fer ge­gen Ecua­dor. (Do­ha, 12. Ok­to­ber 2018)

Der Na­tio­nal­coach von Ka­tar ist seit Ju­li 2017 Chef­trai­ner. Der 42-jäh­ri­ge Spa­nier war bis 2006 in der Ju­gend­ab­tei­lung des FC Bar­ce­lo­na en­ga­giert. Da­nach ar­bei­te­te er in Ka­tar, vor al­lem im Nach­wuchs.

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