End­lich mal be­que­me Ski­schu­he!

Vie­le Ski­fah­rer kla­gen über Schmer­zen im Ski­schuh. Wo­her das Drü­cken kommt und was man da­ge­gen un­ter­neh­men kann.

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Freizeitsport - Von Chris­ti­an Pen­ning

Die So­cken, die der Ski­schuh­spe­zia­list dem Kun­den an­zieht, ha­ben et­was vom Spi­derMan-out­fit. Ei­ne Netz­struk­tur, die dem La­ser ei­nes 3-D-scan­ners als Ori­en­tie­rungs­hil­fe dient, zieht sich vom gros­sen Zeh bis un­ters Knie. «Jetzt ru­hig ste­hen blei­ben!» Mit ei­nem lei­sen Brum­men be­ginnt der Scan­ner zu ar­bei­ten, tas­tet Fuss­soh­le und -ge­wöl­be, Knö­chel und Wa­den ab. Nach we­ni­gen Se­kun­den er­scheint auf dem Screen ein Ab­bild der Füs­se. Auch das leich­te Über­bein am An­satz des Klei­nen Zehs ist deut­lich zu er­ken­nen. Und so­gar die Län­ge­nab­wei­chung zwi­schen lin­kem und rech­tem Fuss.

Auf Knopf­druck gleicht der Com­pu­ter den Scan mit ei­ner rie­si­gen Da­ten­bank ab und spuckt pas­sen­de Ski­schuh­mo­del­le aus. Es ist so­gar mög­lich, den Skis­tie­fel vir­tu­ell an­zu­pro­bie­ren und zu vi­sua­li­sie­ren, wo Druck­stel­len ent­ste­hen könn­ten oder wo ein Mo­dell zu weit ge­schnit­ten ist. Klingt nach Sci­ence-fic­tion, ist in mo­der­nen Ski-shops aber Rea­li­tät. Ein be­que­mer Ski­schuh ist kein Wunsch­traum mehr. Denn die Mög­lich­kei­ten zur in­di­vi­du­el­len An­pas­sung wer­den im­mer viel­fäl­ti­ger, ex­ak­ter – und er­schwing­li­cher.

Ein ex­ak­ter Sitz lohnt sich

Wie­so ma­chen vie­le Ski­fah­rer al­lein schon beim Ge­dan­ken an Ski­schu­he im­mer noch ein schmerz­ge­plag­tes Ge­sicht?

Aber­tau­sen­de Jah­re lief der Mensch in sei­ner Evo­lu­ti­ons­ge­schich­te durch Sa­van­nen, Wie­sen und Wäl­der – bar­fuss. Ent­spre­chend ha­ben sich un­se­re Füs­se ent­wi­ckelt: spe­zia­li­siert auf dy­na­mi­sche Be­we­gun­gen auf wei­chem Un­ter­grund. Beim Ski­fah­ren aber wer­den die Bei­ne vom Un­ter­schen­kel ab­wärts in zwei­ein­halb Ki­lo­gramm star­res Plas­tik ge­packt. Die Füs­se müs­sen sta­tisch ar­bei­ten, kön­nen sich kaum be­we­gen und sind ho­hem Druck aus­ge­setzt. Das Fuss­ge­wöl­be gibt nach, der Fuss ver­liert durch den per­ma­nen­ten Druck sei­ne na­tür­li­che Span­nung, er­mü­det und knickt ein. So ge­rät die fi­li­gra­ne Kon­struk­ti­on aus 26 Kno­chen, 27 Mus­keln und 33 Ge­len­ken leicht aus dem Gleich­ge­wicht. Die Fol­ge: Ver­span­nun­gen, Druck- und Scheu­er­stel­len.

Bio­me­cha­nisch ge­se­hen ist der Ski­schuh ein Sport­ge­rät. Zu­sam­men mit Ski, Bin­dung und Bei­nen bil­det er das Fahr­werk des Ski­fah­rers. Wich­tig ist, dass der Schuh mög­lichst an die Fuss­form, das Ge­wicht, den Fahr­stil und das Kön­nen des Fah­rers an­ge­passt ist. Denn je ex­ak­ter der Sitz, des­to ge­rin­ger ist die Wahr­schein­lich­keit von Be­schwer­den. Zu­sätz­li­che Vor­tei­le bei pas­sen­den Schu­hen: Die Ski las­sen sich prä­zi­ser und leich­ter steu­ern. Ein­stei­ger ma­chen schnel­ler Fort­schrit­te, da die Rück­mel­dung von Ski und Schuh di­rek­ter ist. Pro­ble­me tre­ten vor al­lem des­halb auf, weil je­der Fuss et­was an­ders ge­baut ist. Ab­wei­chun­gen – et­wa ver­schie­den stark aus­ge­präg­te Senk-, Hohl- und Spreiz­füs­se – mach­ten es in der Ver­gan­gen­heit bei­na­he un­mög­lich, ei­ne stei­fe Scha­le zu kon­stru­ie­ren, die sich gleich­zei­tig per­fekt an Fuss und Un­ter­schen­kel an­schmieg­te. Neue Ma­te­ria­li­en und cle­ve­re Ver­ar­bei­tungs­tech­ni­ken, die ei­ne An­pas­sung mit­hil­fe von Wär­me oder In­fra­rot­ge­rä­ten er­lau­ben, er­mög­li­chen es mitt­ler­wei­le, nicht nur den wei­chen In­nen­schuh, son­dern auch die bis an­hin stör­risch stei­fe Scha­le an­zu­pas­sen.

Auf wei­chen Soh­len zum Lift

Na­tür­lich soll­ten Ski­fah­rer un­ab­hän­gig von der in­di­vi­du­el­len Fein­an­pas­sung ein mög­lichst ex­akt pas­sen­des Mo­dell wäh­len. Ei­nes der wich­tigs­ten Kri­te­ri­en da­für ist ne­ben der Grös­se (Län­ge) die Leis­ten­brei­te, al­so die Brei­te des In­nen­schuhs im Vor­fuss­be­reich. Um un­ter­schied­li­chen Fus­s­ty­pen ge­recht zu wer­den, bie­ten ei­ni­ge Her­stel­ler Mo­del­le in ver­schie­de­nen Brei­ten an. Da der weib­li­che Fuss an­ders ge­baut ist als der männ­li­che, ba­sie­ren Da­men­mo­del­le auf ei­ge­nen Leis­ten. Doch nicht nur der Halt macht ei­nen be­que­men Ski­schuh aus. Ei­ne gros­se Rol­le spielt auch der Kom­fort beim Ge­hen. In der Re­gel mu­tiert der Mensch in Ski­schu­hen zum Ro­bo­ter, der Gang wird stak­sig und un­be­hol­fen. Denn um die Kräf­te ef­fi­zi­ent auf den Ski zu über­tra­gen, war bis­her ei­ne stei­fe Soh­le nö­tig. Neue Grip­walk-soh­len sol­len je­doch end­lich ei­ne Ab­roll­be­we­gung beim Ge­hen er­mög­li­chen. Die In­no­va­ti­on ba­siert auf ei­ner ge­wölb­ten Pro­fil­soh­le im Bal­len­be­reich. In Kom­bi­na­ti­on sind al­ler­dings auch neue, dar­auf ab­ge­stimm­te Bin­dun­gen nö­tig, um ei­ne ein­wand­freie Si­cher­heits­aus­lö­sung zu ge­währ­leis­ten.

Noch ei­nen Schritt wei­ter geht der Schwei­zer Ski­schuh­her­stel­ler Da­hu. De­si­gner Ni­co­las Frey hat ei­ne Kon­struk­ti­on ent­wi­ckelt, bei der sich der Al­pins­ki­schuh mit nur we­ni­gen Hand­grif­fen in ei­nen be­que­men Win­ter­schuh ver­wan­deln lässt. Letz­te­rer steckt als voll­wer­ti­ger In­nen­schuh in ei­ner ske­lett­ar­ti­gen Scha­le. Die­se kommt oh­ne har­te Ma­te­ria­li­en im Knö­chel­be­reich aus, was die Ge­fahr von Druck­stel­len mi­ni­mie­ren soll. Das ist be­stimmt nicht die letz­te In­no­va­ti­on für mehr Kom­fort beim Ski­fah­ren.

Mit dem 3-D-scan­ner wer­den bei In­ter­sport Voit die Füs­se ver­mes­sen. (Zü­rich, 9. 11. 2018)

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