Was der Auf­stieg der Ma­fia mit dem Zi­tro­nen­han­del zu tun hat

Was hat die Ma­fia mit dem Zi­tro­nen­han­del zu tun? Der Auf­stieg der be­rüch­tig­ten si­zi­lia­ni­schen Ver­bre­cher­or­ga­ni­sa­ti­on ist oh­ne das boo­men­de Ex­port­ge­schäft mit Zi­trus­früch­ten im 19. Jahr­hun­dert nicht denk­bar. Das ers­te Schutz­geld zahl­ten die Bau­ern.

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Vorderseite - Von Ola Ols­son

Die si­zi­lia­ni­sche Ma­fia ist wahr­schein­lich die be­rühm­tes­te kri­mi­nel­le Or­ga­ni­sa­ti­on der Welt. Man weiss, dass sie seit min­des­tens den 1870er Jah­ren exis­tiert. Denn da­mals do­ku­men­tier­te ein si­zi­lia­ni­scher Guts­herr, wie Ma­fio­si ihn und sei­nen Be­trieb so lan­ge schi­ka­nier­ten, bis er von der In­sel flie­hen muss­te. Im Lau­fe der Zeit wa­ren die Co­sa Nos­tra und ih­re nord­ame­ri­ka­ni­schen Ab­le­ger Ge­gen­stand zahl­rei­cher Bü­cher und Fil­me. Doch die Ur­sprün­ge der Ma­fia blie­ben rät­sel­haft.

Wie lässt sich ihr plötz­li­ches Auf­tre­ten in Si­zi­li­en nach der Ver­ei­ni­gung Ita­li­ens in den Jah­ren 1860 bis 1861 er­klä­ren? Wa­ren die Ma­fio­si wirk­lich bloss «Eh­ren­män­ner», wie sie sich selbst nann­ten, wel­che die ar­men, ein­fa­chen Bür­ger vor ei­nem re­pres­si­ven Staat schütz­ten? Oder ist ihr Ge­ba­ren als Boll­werk ge­gen den Kom­mu­nis­mus zu ver­ste­hen? Kürz­lich ha­ben die Öko­no­men Ar­can­ge­lo Di­mi­co und Ales­sia Iso­pi und ich in ei­ner Stu­die auf­ge­zeigt, dass ein wich­ti­ger Ka­ta­ly­sa­tor für den Auf­stieg der Ma­fia auf Si­zi­li­en der An­stieg in der Nach­fra­ge nach Zi­tro­nen und Oran­gen war, der in der ers­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts be­gann. Doch wie kann der An­bau von Früch­ten zu or­ga­ni­sier­ter Kri­mi­na­li­tät füh­ren? Um das zu ver­ste­hen, müs­sen wir noch wei­ter in der Ge­schich­te zu­rück­ge­hen – zu den Be­din­gun­gen, die im 18. Jahr­hun­dert in der bri­ti­schen Flot­te, der Roy­al Na­vy, herrsch­ten.

Vor 1800 wur­den See­leu­te über­all auf der Welt von Skor­but ge­plagt, ei­ner Krank­heit, die durch ei­nen Man­gel an Vit­amin C ver­ur­sacht wird. Zu den ers­ten Sym­pto­men ge­hör­ten Un­wohl­sein und Mü­dig­keit. In fort­ge­schrit­te­nen Sta­di­en der Krank­heit konn­ten sich bei den be­trof­fe­nen See­leu­ten die Zäh­ne lö­sen, oder sie fie­len ih­nen so­gar aus. Manch­mal lit­ten die Pa­ti­en­ten zu­dem un­ter Ver­wir­rung, Fie­ber oder Krampf­an­fäl­len. Auf lan­gen Fahr­ten zur See wa­ren die Sterb­lich­keits­ra­ten in der Re­gel hoch. Und es gab noch kei­ne ge­si­cher­ten Er­kennt­nis­se dar­über, was Skor­but ver­ur­sach­te.

Mit­te des 18. Jahr­hun­derts führ­te Ja­mes Lind, ein schot­ti­scher Arzt in der Roy­al Na­vy, die ers­ten kli­ni­schen Stu­di­en mit kran­ken See­leu­ten durch. Da­bei er­hielt ei­ne Grup­pe das da­mals auf Schif­fen üb­li­che Es­sen, ei­ne zwei­te, klei­ne Grup­pe wur­de mit fri­schem Obst ver­sorgt. Aus heu­ti­ger Sicht ist es kein Wun­der, dass es den Ma­tro­sen in der zwei­ten Grup­pe bald bes­ser­ging. 1753 ver­öf­fent­lich­te Lind sei­ne Er­kennt­nis­se in ei­ner Ab­hand­lung («A Trea­ti­se of the Scur­vy»), die al­ler­dings bis in die 1790er Jah­re weit­ge­hend igno­riert wur­de. Erst dann emp­fahl ei­ne Ge­sund­heits­kom­mis­si­on der Roy­al Na­vy, die Sick and Hurt Com­mis­sio­ners, erst­mals, dass der ge­sam­ten bri­ti­schen Flot­te re­gel­mäs­sig Zi­tro­nen­saft ser­viert wer­de.

Nun brei­te­te sich das Wis­sen um die wohl­tu­en­de Wir­kung von Zi­trus­früch­ten in ganz Eu­ro­pa aus; Zi­tro­nen wur­den zu ei­nem im­mer wert­vol­le­ren Gut. Die In­sel Si­zi­li­en war ei­ne der we­ni­gen Re­gio­nen der

Das Wis­sen um die wohl­tu­en­de Wir­kung von Zi­trus­früch­ten brei­te­te sich aus; Zi­tro­nen wur­den zu ei­nem wert­vol­len Gut.

Wun­der­mit­tel ge­gen Skor­but: Zi­tro­nen­ern­te in der Nä­he von Pa­ler­mo, An­fang des 20. Jahr­hun­derts.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.