Schü­ler schrei­ben krea­ti­ver als frü­her – ob­wohl sie mehr Feh­ler ma­chen

Po­li­ti­ker kämp­fen ge­gen das «Schrei­ben nach Ge­hör». Zwar lei­det die Or­tho­gra­phie, doch der Wort­schatz wächst.

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Vorderseite - Sacha Bat­thya­ny

Der Kan­ton Nid­wal­den will das so­ge­nann­te «laut­ge­treue Schrei­ben» aus den Schul­zim­mern der Pri­mar­schü­ler ver­ban­nen. Es han­delt sich um ei­ne Me­tho­de des frei­en Schrei­bens, bei der die Schü­ler der un­te­ren Klas­sen nie oder sel­ten kor­ri­giert wer­den. Sie dürf­ten al­so auch «oi­le» schrei­ben statt Eu­le. Die Kin­der sol­len auf die­se Wei­se we­ni­ger ver­un­si­chert wer­den, um ih­re Krea­ti­vi­tät nicht zu brem­sen. Ei­ne Wei- sung zur Ab­schaf­fung die­ser Me­tho­de hat der Bil­dungs­di­rek­tor Nid­wal­dens, Res Schmid, vor we­ni­gen Wo­chen er­las­sen.

Die Mass­nah­me könn­te sich je­doch als vor­ei­lig her­aus­stel­len: Denn Stu­di­en be­le­gen, dass von ei­ner Sprach­ver­lu­de­rung kei­ne Re­de sein kann, trotz dem Alar­mis­mus ei­ni­ger Po­li­ti­ker. Ei­ne Un­ter­su­chung bei Viert­kläss­lern hat er­ge­ben, dass der Wort­schatz heu­te grös­ser ist als vor zehn oder mehr Jah­ren. «Die Qua­li­tät der Spra­che an den Schu­len hat zu­ge­nom­men», er­klärt auch Clau­dia Schmel­len­tin, Pro­fes­so­rin an der Päd­ago­gi­schen Fach­hoch­schu­le Nord­west­schweiz. Sie wehrt sich da­ge­gen, die Dis­kus­si­on um die Recht­schrei­bung «für po­li­ti­sche Zwe­cke zu miss­brau­chen».

Lang­zeit­stu­di­en aus Deutsch­land, de­ren Er­geb­nis­se ge­mäss Fach­per­so­nen auf die Schweiz über­trag­bar sind, be­le­gen aber eben­so, dass die Me­tho­de des frei­en Schrei­bens zu mehr Recht­schreib­feh­lern führt. Die Re­de ist so­gar von ei­ner Ver­dopp­lung. Chris­ti­ne Bul­li­ard-mar­bach, die Prä­si­den­tin der na­tio­nal­rät­li­chen Kom­mis­si­on für Wis­sen­schaft, Bil­dung und Kul­tur, warnt des­halb da­vor, bei der Recht­schrei­bung tie­fe­re Stan­dards zu ak­zep­tie­ren: Am En­de sei Or­tho­gra­phie «ei­ne Fleiss­ar­beit».

Wie­der ein­mal wird um die kor­rek­te Recht­schrei­bung ge­strit­ten, und es geht, wie im­mer bei die­sem The­ma, sehr emo­tio­nal zu und her: El­tern kri­ti­sie­ren la­sche Leh­rer, die sich wie­der­um über He­li­ko­pter­müt­ter ner­ven, die sich zu sehr ein­mi­schen wür­den; Päd­ago­gen ver­wei­sen auf den Lehr­plan 21, an dem sie jah­re­lang tüf­tel­ten, wäh­rend Po­li­ti­ker ei­ne Mög­lich­keit wit­tern, sich ins Ge­spräch zu brin­gen, und von ei­nem Or­tho­gra­phie­an­ar­chis­mus spre­chen. Neu­er­dings for­dern sie gar Ver­bo­te. Wo­rum geht’s?

An­ders als noch vor Jah­ren, als man über Re­for­men in der deut­schen Recht­schrei­bung stritt, weil man ei­ne Ver­ein­heit­li­chung an­streb­te, steht nun die Or­tho­gra­phie an sich im Zen­trum. Mit an­de­ren Wor­ten: Die Kin­der kön­nen heu­te nicht mehr kor­rekt schrei­ben, was Lang­zeit­stu­di­en über die Feh­ler­quo­te bei Schü­lern be­stä­ti­gen. Und al­les nur, weil man es ih­nen an­geb­lich falsch bei­bringt.

Im Fo­kus der De­bat­te, die aus Deutsch­land in die Schweiz schwappt, steht ei­ne Lern­me­tho­de na­mens «Ler­nen nach Ge­hör», wo­nach die Schü­ler in den un­te­ren Klas­sen nie oder sel­ten kor­ri­giert wer­den, wenn sie in ih­ren Auf­sät­zen Fo­gel schrei­ben statt Vo­gel. Oder Fa­ta statt Va­ter.

Je­der, der Kin­der im Pri­mar­schul­al­ter hat, kennt die­sen ge­wöh­nungs­be­dürf­ti­gen An­blick, wenn in den Hef­ten je­des drit­te Wort falsch ge­schrie­ben steht. Noch ge­wöh­nungs­be­dürf­ti­ger aber ist die An­wei­sung, die Kin­der nicht dar­auf hin­zu­wei­sen, dass man «oi­le» mit eu schreibt und erst noch gross, weil man sie nur ver­wir­ren wür­de. Und so bleibt der «Ti­gr» eben ein «Ti­gr», und der «glük­wuns zum dein Ge­brztg» klingt eher pol­nisch.

Die­ses so­ge­nann­te laut­ge­treue Schrei­ben soll die Schü­ler ani­mie­ren, mit der Spra­che zu spie­len. Sie sol­len ver­schrift­li­chen, was ih­nen durch den Kopf geht, sol­len furcht­lo­se Schrei­ber wer­den, oh­ne Angst vor Feh­lern. Statt die Recht­schrei­bung mit ei­ner Fi­bel und müh­sa­men Re­geln zu er­ler­nen, wie frü­her, fing man in den acht­zi­ger Jah­ren an, die Krea­ti­vi­tät zu för­dern, die Or­tho­gra­phie kom­me dann au­to­ma­tisch, wie der Hun­ger mit dem Es­sen. So hat sich das der Er­fin­der die­ser Me­tho­de je­den­falls aus­ge­malt, der ver­stor­be­ne Re­form­päd­ago­ge Jür­gen Rei­chen, ein Schwei­zer, der nun ver­ant­wort­lich ge­macht wird für die an­geb­li­che Mi­se­re.

«Kin­der ler­nen um­so mehr, je we­ni­ger sie be­lehrt wer­den», so lau­tet Rei­chens be­rühm­tes­ter Satz. Di­dak­ti­sche Mass­nah­men wür­den das Ler­nen brem­sen, so lau­te­te sein Cre­do.

Man muss Rei­chens Me­tho­de aus der Zeit her­aus ver­ste­hen, aus der sie ent­stand. Er woll­te den Fron­tal­un­ter­richt durch in­di­vi­du­el­le­re For­men er­set­zen, woll­te weg vom Drill der sech­zi­ger Jah­re und den Kin­dern ei­ne Stim­me ge­ben. Bis zu sei­ner Pen­sio­nie­rung 2006 un­ter­rich­te­te er in Ham­burg, sei­ne Ide­en ver­brei­te­ten sich in ganz Deutsch­land und flos­sen in ab­ge­schwäch­ter Form auch in die Lehr­mit­tel der Schweiz. Doch der Wind hat sich in­zwi­schen ge­dreht.

Die An­hän­ger von Jür­gen Rei­chen sind heu­te pen­sio­niert. Be­reits ist von ei­ner ver­lo­re­nen Ge­ne­ra­ti­on von Schü­lern die Re­de, die mit der laut­ge­treu­en Me­tho­de gross wur­de und nie ge­lernt ha­be, kor­rekt zu schrei­ben.

In Ham­burg und Ba­den­würt­tem­berg ist es neu­er­dings un­ter­sagt, nach Rei­chens Vor­stel­lun­gen zu un­ter­rich­ten. Nun will man sei­ne Me­tho­de auch im Kan­ton Nid­wal­den aus den Klas­sen­zim­mern ver­ban­nen, so for­der­te es Bil­dungs­di­rek­tor Res Schmid (SVP) vor we­ni­gen Wo­chen. Po­li­ti­ker wie die Na­tio­nal­rä­tin Ve­re­na Her­zog (SVP) kön­nen nicht ver­ste­hen, war­um man sich als Schü­ler Feh­ler an­ge­wöh­nen müs­se, die spä­ter «wie­der aus­ge­bü­gelt» wer­den. Chris­ti­ne Bul­li­ard­mar­bach (CVP), Prä­si­den­tin der Kom­mis­si­on für Wis­sen­schaft, Bil­dung und Kul­tur (WBK) teilt die Kri­tik. Auf Dau­er wür­de die Me­tho­de bei Kin­dern ei­ne fal­sche Recht­schrei­bung ein­prä­gen. Nicht al­les in der Spra­che kön­nen man «raus­hö­ren», Or­tho­gra­phie sei am En­de «ei­ne Fleiss­ar­beit».

Das neue Sta­tus­sym­bol

Die Recht­schrei­bung hat noch im­mer ei­nen ho­hen Stel­len­wert in un­se­rer Ge­sell­schaft, was ei­gent­lich – und ganz nüch­tern be­trach­tet – über­rascht, denn da­für gibt es ja jetzt Au­to­kor­rek­tur­pro­gram­me, die uns vor den gröbs­ten Schnit­zern be­wah­ren. Noch im­mer aber gilt als un­glaub­wür­dig, wer feh­ler­haft schreibt; gilt als un­ge­ho­bel­ter Bar­bar, wer ein Apostroph setzt, wo kein’s hin­ge­hört.

Es ist nicht die Sha­ke­speare­ge­samt­aus­ga­be, die den Grad an klas­si­scher Bil­dung wi­der­spie­gelt, denn die kann sich je­der auf Ama­zon be­stel­len, son­dern die An­zahl Feh­ler und die Sat­tel­fes­tig­keit in der In­ter­punk­ti­on. Freun­de er­zäh­len, dass sie ih­re Part­ner auf der Da­ting­platt­form Par­ship an­hand der Or­tho­gra­phie in den Pro­fil­tex­ten aus­wäh­len – die Kom­mare­geln wer­den so zum wah­ren Dis­tink­ti­ons­mit­tel. An­de­re be­rich­ten, sie wür­den den Wohn­ort wech­seln, aus Sor­ge, die Toch­ter ler­ne bei zu vie­len Aus­län­der­kin­dern nicht, wie man Rhyth­mus schrei­be, weil die meis­ten das Wort nicht ein­mal ken­nen. Von Ju­ra­stu­den­ten hört man, sie hät­ten Angst da­vor, ih­re Be­rich­te in Hand­schrift ab­zu­ge­ben. Sie wüss­ten zwar al­les über das eu­ro­päi­sche Steu­er­recht, aber ob man eu­ro­pä­isch nun gross oder klein schrei­be, wüss­ten sie nicht.

Noch nie wur­de so viel ge­schrie­ben, wie heu­te. Je­der Hand­wer­ker muss am En­de des Tages ei­nen Rap­port aus­fül­len, je­des Kind auf Dut­zen­de Whats­app­nach­rich­ten ant­wor­ten. Das Be­wusst­sein für Spra­che im All­ge­mei­nen, aber auch für kor­rek­te Spra­che hat zu­ge­nom­men, weil wir viel mehr mit Schrift­li­chem kon­fron­tiert sind und sich das Bil­dungs­ni­veau im Durch­schnitt ver­bes­sert hat.

Vi­el­leicht wird des­halb so hef­tig über die Or­tho­gra­phie ge­strit­ten, weil sie uns al­le be­trifft, weil sie et­was über uns aus­sagt und wir vie­les in sie hin­ein­pro­ji­zie­ren. Und weil die Me­tho­de, wie wir sie er­ler­nen, längst zur Ideo­lo­gie ver­kom­men ist.

Es ist kein Zu­fall, dass die 68er un­ter den Leh­rern, und da­von gab es be­kannt­lich vie­le, Rei­chens Me­tho­de in ih­ren Klas­sen­zim­mern im­ple­men­tier­ten. So wie es kein Zu­fall ist, dass es heu­te meist Po­li­ti­ker aus dem rech­ten La­ger sind, wie eben Ve­re­na Her­zog oder SVPNa­tio­nal­rat Pe­ter Kel­ler, die sie ver­teu­feln. Kel­ler spricht von ei­ner «Schlecht­schrei­be­me­tho­de», die schänd­lich sei und «mög­lichst rasch» aus dem Ver­kehr ge­zo­gen wer­den müs­se. Letzt­lich geht es um ei­ne Fra­ge, die Kon­ser­va­ti­ve von Lin­ken im­mer un­ter­schei­det, näm­lich: Wel­chen Fo­kus will man in der Schu­le set­zen? Will man die in­di­vi­du­el­le Krea­ti­vi­tät för­dern oder auf nor­ma­ti­ve Re­geln für al­le set­zen?

Clau­dia Schmel­len­tin, Pro­fes­so­rin an der Fach­hoch­schu­le Nord­west­schweiz, sagt, die Dis­kus­si­on um Recht­schrei­bung «darf nicht für po­li­ti­sche Zwe­cke miss­braucht wer­den».

Es sind vor al­lem die so­zi­al be­nach­tei­lig­ten Kin­der, die un­ter all­zu frei­en und krea­ti­ven Un­ter­richts­me­tho­den lei­den.

Dass sich die Po­li­tik in Un­ter­richts­me­tho­den ein­mi­sche, sei eher frag­wür­dig. «In der Me­di­zin sa­gen Ge­sund­heits­ex­per­ten auch nicht, wie man ope­riert.»

Ein Ver­bot von laut­ge­treu­em Schrei­ben im An­fangs­un­ter­richt hält sie für «to­ta­len Un­sinn», weil Kin­der auf dem Weg zum Er­werb der Schrift zu­nächst ler­nen müss­ten, Lau­te und Buch­sta­ben über­haupt erst in Be­zie­hung zu set­zen – zu­dem sei Rei­chens Me­tho­de in der Schweiz in Rein­kul­tur kaum je zur An­wen­dung ge­kom­men.

Schmel­len­tin ver­weist auf den Lehr­plan 21, der ei­nen «struk­tu­rier­ten Recht­schrei­be­un­ter­richt» vor­sieht, auf­bau­end auf der Laut­buch­sta­ben­be­zie­hung bis zu den wich­tigs­ten Re­ geln der Or­tho­gra­phie, die suk­zes­si­ve ein­ge­führt wer­den bis in die neun­te Klas­se. Sie sagt aber auch: «Mög­lich ist durch­aus, dass man heu­te mehr Recht­schreib­feh­ler sieht.»

Ver­dopp­lung der Feh­ler

Es gibt kei­ne Stu­die hier­zu­lan­de, die auf­zeigt, ob sich die Or­tho­gra­phie­kennt­nis­se ver­än­dert ha­ben. In Deutsch­land schon. Doch es heisst, die Re­sul­ta­te lies­sen sich in der Ten­denz auf die Schweiz über­tra­gen – und die sind ein­deu­tig: Die Feh­ler­zahl nimmt zu. Und noch et­was fällt auf. Die Quo­te stieg in den letz­ten Jah­ren noch ein­mal an.

Wolf­gang St­ei­nig, eme­ri­tier­ter Pro­fes­sor an der Uni Sie­gen, hat Viert­kläss­ler aus dem Ruhr­ge­biet 1972, 2002 und 2012 im An­schluss an ei­nen kur­zen Film frei schrei­ben las­sen und an­hand die­ser Tex­te die Recht­schrei­bung un­ter­sucht. Von rund 7 Feh­lern pro hun­dert Wör­ter (1972) stieg die Quo­te auf rund 17 Feh­ler (2012). Da las er auch mal: «Dan ha­ben sie dad Kind in ru­he ge­lasen und das Mad­chen war Froh und. En­de!!!»

Der An­stieg von 2002 auf 2012 sei «deut­li­cher» aus­ge­fal­len, so St­ei­nig, als er es er­war­tet ha­be. Das Ber­li­ner In­sti­tut zur Qua­li­täts­ent­wick­lung im Bil­dungs­we­sen (IQB) konn­te 2016 den Ab­wärts­trend in der Or­tho­gra­phie be­stä­ti­gen. Wo­bei sich die Re­sul­ta­te in den ein­zel­nen Bun­des­län­dern stark un­ter­schei­den, was auf den Kern al­ler Stu­di­en hin­weist: Es kommt auf die Leh­rer an, aber auch auf die El­tern und nicht zu­letzt auf den so­zia­len Hin­ter­grund der Schü­ler.

Und den­noch: Rei­chens laut­ge­treu­es Schrei­ben er­hält, was die Recht­schrei­bung an­geht, «ein schlech­tes Zeug­nis». Zu die­sem Er­geb­nis kommt ein noch un­ver­öf­fent­lich­ter For­schungs­be­richt der Psy­cho­lo­gin Una RöhrSendl­mei­er, die drei Un­ter­richts­me­tho­den ver­gleicht und fest­stellt: Wer ler­nen will, kor­rekt zu schrei­ben, der kommt an den klas­si­schen Schul­bü­chern nicht vor­bei.

Es sind vor al­lem die so­zi­al be­nach­tei­lig­ten Kin­der, die un­ter all­zu frei­en und krea­ti­ven Me­tho­den lei­den. Leis­tungs­star­ke Schü­ler pro­fi­tie­ren vom of­fe­nen Un­ter­richt, und wer El­tern hat, die nach der Schu­le mit den Kin­dern Haus­auf­ga­ben büf­feln – oder ei­nen Nach­hil­fe­leh­rer be­zah­len –, für die ist oh­ne­hin ge­sorgt. Kin­der aus bil­dungs­fer­nen Fa­mi­li­en hin­ge­gen, Schwei­zer wie Aus­län­der, ha­ben das Nach­se­hen.

In ei­ner Schu­le, die vor al­lem auf Ei­gen­ver­ant­wor­tung und selb­stän­di­ges Ler­nen setzt, so Pro­fes­sor St­ei­nig, «ge­hen die schwa­chen Schü­ler ver­lo­ren, wenn sie kei­ne zu­sätz­li­che För­de­rung be­kom­men». Die Sche­re zwi­schen bil­dungs­fer­nen Fa­mi­li­en, in de­nen die El­tern kei­ne Ah­nung ha­ben, was die Kin­der in der Schu­le so trei­ben, und den He­li­ko­pter­el­tern, die ih­re Töch­ter und Söh­ne zu Best­leis­tun­gen trim­men, geht im­mer mehr auf.

Dann eben doch zu­rück zum Drill der sieb­zi­ger Jah­re? Soll man freie Me­tho­den wie die von Jür­gen Rei­chen ver­bie­ten?

Auf kei­nen Fall, sa­gen die al­ler­meis­ten Ex­per­ten. Das Dik­tat bei­spiels­wei­se, frü­her ein treu­er wie ge­fürch­te­ter Be­glei­ter im Un­ter­richt, gilt heu­te als eher schäd­lich, da es vor al­lem Stress er­zeugt und kei­ner nor­ma­len Schreib­situa­ti­on ent­spricht. Auch die Lek­tü­re von Bü­chern, ein wei­te­rer My­thos, trägt we­nig zur Ver­bes­se­rung der Recht­schrei­bung bei, weil man sich kaum an die Buch­sta­ben er­in­nert, nur an den Sinn der Wör­ter; ähn­lich wie man zwar die Uhr­zeit re­gis­triert, aber die Far­ben der Zei­ger nicht wahr­nimmt – da kann man gleich sein Buch un­ters Kopf­kis­sen le­gen.

Es gibt, ab­ge­se­hen von der laut­ge­treu­en Me­tho­de, wei­te­re Ur­sa­chen für die Feh­ler­zu­nah­me, man­che sind plau­si­bler, an­de­re we­ni­ger. Stu­di­en zei­gen, dass sich das Du­zen der Leh­rer in Schu­len ne­ga­tiv auf die Recht­schrei­bung aus­wir­ke, da die Schü­ler beim Sie­zen Nor­men er­ler­nen, sich ge­wähl­ter und be­wuss­ter aus­drü­cken und we­ni­ger Feh­ler be­ge­hen.

Die Crux mit der Au­to­kor­rek­tur

Die di­gi­ta­len Me­di­en könn­ten sich eben­so ne­ga­tiv aus­wir­ken auf die Or­tho­gra­phie. Man schreibt zwar mehr denn je und be­dient von E-mail über Whats­app ver­schie­de­ne Ka­nä­le, aber die Spra­che ist un­ver­bind­li­cher, die Tex­te sind als flüch­ti­ge Bot­schaf­ten ge­meint. Wer ach­tet schon auf die Gross­ und Klein­schrei­bung bei Ins­ta­gram?

Da­zu kommt die Au­to­kor­rek­tur, auf die wir uns ver­las­sen, wenn wir spat­zie­ren schrei­ben oder Ly­bi­en – aber sie nimmt uns auch un­ser Den­ken und spielt uns manch­mal bö­se Strei­che, wenn sie aus dem harm­lo­sen Satz: «Grüs­se an den klei­nen Ma­xi» ei­nen we­ni­ger harm­lo­sen macht: «Grüs­se an den klei­nen Na­zi».

Nicht zu­letzt könn­te auch die Recht­schreib­re­form zu mehr Feh­lern ge­führt ha­ben, ver­mu­tet man. Der quä­lend lan­ge Pro­zess von 1996 bis 2011, in dem man­che Schreib­wei­sen ver­än­dert wur­den, hat zu ei­ner Ve­r­un­si­che­rung ge­führt. Nicht nur in der Be­völ­ke­rung. Auch bei den Leh­rern. Mit der Fol­ge, dass der Recht­schreib­un­ter­richt in den Schu­len we­ni­ger kon­se­quent be­trie­ben wird als frü­her.

Der Fo­kus auf die rei­ne Or­tho­gra­phie­leis­tung der Kin­der und der Alar­mis­mus ein­zel­ner Po­li­ti­ker, die in Stamm­tisch­ma­nier be­ haup­ten, die Schü­ler könn­ten kei­nen ge­ra­den Satz mehr schrei­ben, ver­deckt die Tat­sa­che, dass sich der Wort­schatz in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ver­bes­sert hat, so heisst es et­wa in Wolf­gang St­ei­nigs Stu­die der Viert­kläss­ler. Mag al­so sein, dass sie mehr Feh­ler ma­chen, doch die Spra­che heu­ti­ger Schü­ler ist viel­fäl­ti­ger, die Tex­te ins­ge­samt krea­ti­ver. Von ei­nem Sprach­zer­fall, wie ihn die Kul­tur­pes­si­mis­ten an die Wand ma­len, bis ih­nen die Far­be aus­geht, kann kei­ne Re­de sein.

Dar­auf ma­chen nicht nur Ex­per­ten wie Clau­dia Schmel­len­tin auf­merk­sam, son­dern auch Prak­ti­ker wie Ra­pha­el Kost. Er ist Deutsch­leh­rer am Ma­the­ma­tisch­na­tur­wis­sen­schaft­li­chen Gym­na­si­um Rä­mi­bühl in Zü­rich. Von ei­nem Recht­schrei­be­an­ar­chis­mus be­merkt er we­nig, er be­ob­ach­tet aber ei­ne zu­neh­men­de He­te­ro­ge­ni­tät in den Klas­sen: Schü­ler, die sehr in­ter­es­siert sei­en am Schrei­ben, und an­de­re, die kaum et­was da­mit an­fan­gen kön­nen.

«Die meis­ten Schü­ler ha­ben we­nig Hem­mun­gen, sich aus­zu­drü­cken. Vie­le ha­ben auch Spass an For­mu­lie­run­gen.» Klar kom­me es zu Feh­lern, vor al­lem in der In­ter­punk­ti­on, sagt Kost, aber das ha­be mit der Kom­ple­xi­tät der Schreib­situa­ti­on zu tun, denn die wich­tigs­ten Kom­mare­geln, die wür­den sie ei­gent­lich ken­nen, und sie könn­ten sie in iso­lier­ten Übun­gen auch rich­tig an­wen­den.

«Sie ha­ben gleich­zei­tig zu vie­le Din­ge im Kopf. Ha­ben manch­mal Mü­he, sich auf ei­nen Ar­beits­schritt zu fo­kus­sie­ren.» Da­für wür­den vie­le Schü­ler mit For­men ex­pe­ri­men­tie­ren und ihr krea­ti­ves Po­ten­zi­al aus­schöp­fen.

Kommt es bei dem gan­zen Wust an Ge­schrie­be­nem heut­zu­ta­ge nicht ge­nau dar­auf an? Da soll­ten doch ein paar, Kom­ma­feh­ler ei­nem geist­rei­chen Text nicht, im Weg ste­hen.

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