Fall Vin­cenz: Raiff­ei­sen prüft Kla­ge

Guy Lach­ap­pel­le muss die Bank Raiff­ei­sen aus der Kri­se füh­ren. Vor zwei Wo­chen zum Prä­si­den­ten ge­wählt, legt er nun sei­ne Plä­ne of­fen. Auch ei­ne Kla­ge ge­gen die frü­he­re Füh­rung will er prü­fen. In­ter­view: Al­bert Steck und Da­ni­el Hug

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Guy Lach­ap­pel­le, der neue Prä­si­dent von Raiff­ei­sen, will ei­ne kla­re Zä­sur zur Ära von Pie­rin Vin­cenz voll­zie­hen. Es ge­be für ihn kei­ne «hei­li­gen Kü­he», er­klärt er im In­ter­view: «Wenn wir auf recht­li­chem Weg in­ves­tier­te Gel­der zu­rück­ho­len oder Scha­den­er­satz gel­tend ma­chen kön­nen, wer­den wir dies tun.» Man prü­fe, ob Ver­ant­wort­lich­keits­an­sprü­che ge­gen­über den Mit­glie­dern des da­ma­li­gen Ver­wal­tungs­rats so­wie der Ge­schäfts­lei­tung be­stün­den. Er wol­le al­le Alt­las­ten ri­go­ros be­rei­ni­gen, sagt Lach­ap­pel­le.

NZZ am Sonn­tag: Herr Lach­ap­pel­le, Sie sind erst seit zwei Wo­chen im Amt und ha­ben be­reits ei­nen neu­en CEO be­stimmt. Wes­halb ist Ih­re Wahl auf Heinz Hu­ber ge­fal­len?

Guy Lach­ap­pel­le: Der Ver­wal­tungs­rat hat je­man­den ge­sucht, der be­reits ei­ne Bank ge­führt hat. Heinz Hu­ber er­füllt als CEO der Thur­gau­er Kan­to­nal­bank die­se Vor­aus­set­zung. Zu­dem kennt er das Kre­dit­ge­schäft so­wie den Ver­trieb. Sei­ne Per­sön­lich­keit passt gut zu den Wer­ten von Raiff­ei­sen: Er kom­mu­ni­ziert auf Au­gen­hö­he und ist ein be­schei­de­ner, un­auf­ge­reg­ter Typ.

Der neue CEO wird ei­ne Lohn­o­ber­gren­ze von 1,5 Mio. Fr. ha­ben. Passt ein so ho­her Be­trag zu ei­ner Ge­nos­sen­schaft? Bei der Mi­gros ist die Schall­mau­er ei­ne Mil­li­on.

Auch als Ge­nos­sen­schaft gel­ten für uns die Be­din­gun­gen des Bank­ge­schäfts. Wir kön­nen un­se­re Füh­rungs­leu­te ja nicht aus der Han­dels­bran­che re­kru­tie­ren. Das Ba­sis­sa­lär be­trägt 1,1 Mio. Fr. So­mit wird die Ober­gren­ze von 1,5 Mio. Fr. nur er­reicht, wenn al­le Zie­le er­füllt sind. Bei et­li­chen Kan­to­nal­ban­ken, die klei­ner sind als Raiff­ei­sen, ver­dient der CEO deut­lich mehr.

Künf­tig wird Raiff­ei­sen von zwei ehe­ma­li­gen Kan­to­nal­bank-chefs ge­führt. Ei­ne Ge­nos­sen­schaft tickt aber deut­lich an­ders.

Die Wer­te der Kan­to­nal­ban­ken ste­hen re­la­tiv na­he bei je­nen von Raiff­ei­sen. Bei den Struk­tu­ren da­ge­gen be­ste­hen Un­ter­schie­de: Raiff­ei­sen ist ei­ne Grup­pe aus 246 re­gio­na­len Ge­nos­sen­schaf­ten. Die Kom­ple­xi­tät ist da­durch hö­her.

Bei den Ge­nos­sen­schaf­ten be­steht ei­ne gros­se Un­zu­frie­den­heit. Vor al­lem nach dem Fall Vin­cenz ru­mort es. Er­hält die Ba­sis künf­tig mehr Ein­fluss auf die Zen­tra­le in St. Gal­len?

Heu­te ver­tre­ten 164 De­le­gier­te die­se 246 Ban­ken. Das Mo­dell stammt aus ei­ner Zeit, als es noch we­sent­lich mehr Raiff­ei­sen-ban­ken gab. Ich spü­re klar den Wunsch, dass künf­tig je­de Ge­nos­sen­schafts­bank ei­ne Stim­me ha­ben soll. Die Ei­g­ner sol­len mehr Mit­spra­che­rech­te er­hal­ten, und das Prin­zip «one bank, one vo­te» scheint heu­te prak­ti­ka­bel.

Das heisst, die Macht ver­la­gert sich von der Zen­tra­le zu den Re­gio­nen?

Mit dem Pro­jekt «Re­form 21» wol­len wir das Ver­hält­nis zwi­schen den ein­zel­nen Ban­ken und Raiff­ei­sen Schweiz klä­ren so­wie den Leis­tungs­ka­ta­log und die Kos­ten­ver­rech­nung von Raiff­ei­sen Schweiz neu de­fi­nie­ren. Al­ler­dings ver­langt die Fi­nanz­markt­auf­sicht (Fin­ma) ei­ne ge­wis­se zen­tra­le Steue­rung.

Der eme­ri­tier­te Pro­fes­sor Bru­no Geh­rig durch­leuch­tet zur­zeit die Ära Vin­cenz. An der De­le­gier­ten­ver­samm­lung vom 10. No­vem­ber hat er fest­ge­hal­ten, dass Raiff­ei­sen ver­schie­de­ne Be­tei­li­gun­gen zu über­höh­ten Prei­sen er­warb. Zu­dem er­folg­ten die­se Käu­fe oh­ne ex­ter­ne Be­wer­tungs­gut­ach­ten. Er­hält der Fall Vin­cenz da­mit ei­ne neue Di­men­si­on?

Der Geh­rig-be­richt wird ja erst En­de Jahr fer­tig­ge­stellt. Ich ken­ne nur Tei­le da­von und kann des­halb noch kei­ne Ein­schät­zung ab­ge­ben. Fest steht: Mit die­ser un­ab­hän­gi­gen Un­ter­su­chung wol­len wir her­aus­fin­den, ob ne­ben dem von der Fin­ma un­ter­such­ten Kauf der Ge­sell­schaft In­vest­net bei wei­te­ren Be­tei­li­gun­gen auch al­len­falls straf­recht­lich re­le­van­te Ver­feh­lun­gen auf­tra­ten.

Ge­gen­stand der Un­ter­su­chung sind rund hun­dert Be­tei­li­gungs­käu­fe, wel­che über 1 Mrd. Fr. ge­kos­tet ha­ben. Wes­halb konn­te Pie­rin Vin­cenz na­he­zu un­kon­trol­liert agie­ren?

Es gibt kei­ne «hei­li­gen Kü­he»: Wenn wir auf recht­li­chem Weg in­ves­tier­te Gel­der zu­rück­ho­len kön­nen, wer­den wir dies tun.

Raiff­ei­sen ver­folg­te von 2012 bis 2015 ei­ne Wachs­tums­stra­te­gie, oh­ne dass die Füh­rungs­struk­tur den neu­en An­for­de­run­gen pro­fes­sio­nell ge­recht wur­de. Zu­dem funk­tio­nier­te die zwi­schen­mensch­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on nicht. Es herrsch­te of­fen­bar ei­ne Kul­tur des vor­aus­ei­len­den Ge­hor­sams.

Nie­mand woll­te Vin­cenz wi­der­spre­chen?

Sei­ne Per­sön­lich­keit war so stark, dass der Ver­wal­tungs­rat und die Ge­schäfts­lei­tung den CEO zu we­nig hin­ter­frag­ten. Wer zu ihm in Op­po­si­ti­on trat, muss­te be­fürch­ten, in Ungna­de zu fal­len.

Die Fin­ma hat beim Ver­wal­tungs­rat von Raiff­ei­sen Schweiz ei­ne schwe­re Ver­let­zung des Auf­sichts­rechts fest­ge­stellt. Wer­den die­se Män­gel nun durch den Geh­rig-be­richt be­stä­tigt?

Im Ge­gen­satz zur Fin­ma be­fasst sich der Geh­rig-be­richt nicht aus­schliess­lich mit auf­sichts­recht­lich re­le­van­ten The­men. Es stellt sich aber die Fra­ge, wel­che recht­li­chen (Zü­rich, 22. 11. 18) Fol­gen die schwe­ren Ver­feh­lun­gen des da­ma­li­gen Ver­wal­tungs­rats ha­ben. Die­ser hat­te die In­vest­net-be­tei­li­gung als un­trak­tan­dier­te Tisch­vor­la­ge, al­so oh­ne schrift­li­che Do­ku­men­ta­ti­on, be­wil­ligt. Zu­dem vi­sier­te er fünf­stel­li­ge Spe­sen­be­trä­ge für Vin­cenz – oh­ne Be­le­ge.

Da­zu gibt es ei­nen kla­ren Pro­zess: Der neu zu­sam­men­ge­setz­te Ver­wal­tungs­rat war­tet jetzt auf den Ab­schluss des Geh­rig-be­richts. An­schlies­send wer­den wir die nö­ti­gen Mass­nah­men er­grei­fen. Das kön­nen dis­zi­pli­na­ri­sche und per­so­nel­le Kon­se­quen­zen sein. Aus­ser­dem prü­fen wir, ob Ver­ant­wort­lich­keits­an­sprü­che ge­gen­über den Mit­glie­dern des da­ma­li­gen Ver­wal­tungs­rats oder der Ge­schäfts­lei­tung be­ste­hen. Zu­dem de­fi­nie­ren wir Mass­nah­men, die da­für sor­gen, dass ein sol­cher Fall nicht mehr vor­kommt, und da­mit ei­nen glaub­wür­di­gen Ab­schluss mit die­sem Ka­pi­tel der Ge­schich­te si­cher­stel­len.

Be­an­tra­gen Sie, dass der da­ma­li­ge Ver­wal­tungs­rat und die Ge­schäfts­lei­tung kei­ne Dé­char­ge, al­so kei­ne Ent­las­tung, er­hal­ten? Da­mit wä­re der Weg frei, um Scha­den­er­satz­an­sprü­che bei den Ver­ant­wort­li­chen ein­zu­for­dern.

Wenn sich die­se Män­gel auch im Geh­rig­be­richt er­här­ten und dar­aus ein durch den da­ma­li­gen Ver­wal­tungs­rat oder die Ge­schäfts­lei­tung ver­ur­sach­ter Scha­den für Raiff­ei­sen ent­stan­den ist, wer­den wir sol­che An­sprü­che ge­gen­über den ver­ant­wort­li­chen Per­so­nen gel­tend ma­chen. Wir wer­den hier kon­se­quent agie­ren – das wird von un­se­ren Ge­nos­sen­schafts­ban­ken auch so er­war­tet.

Sie prü­fen al­so ei­ne Kla­ge auf Scha­den­er­satz?

Mit mei­nem Prä­si­di­um will ich ei­ne kla­re Zä­sur zur Ära Vin­cenz voll­zie­hen. Des­halb gibt es kei­ne «hei­li­gen Kü­he»: Wenn wir auf recht­li­chem Weg in­ves­tier­te Gel­der zu­rück­ho­len oder Scha­den­er­satz gel­tend ma­chen kön­nen, wer­den wir dies tun. Wir dür­fen ei­ne sol­che Kla­ge aber nicht aus emo­tio­na­len Grün­den ein­rei­chen, son­dern weil wir von der Recht­mäs­sig­keit ei­nes sol­chen Schritts über­zeugt sind und die­ser im In­ter­es­se von Raiff­ei­sen liegt.

Par­al­lel da­zu wol­len Sie die Ver­trä­ge zum Kauf der Ge­sell­schaft In­vest­net, für wel­che Raiff­ei­sen rund 100 Mio. Fr. be­zahl­te, als nich­tig er­klä­ren. So­mit könn­te Ih­re Bank ei­nen Teil des Gel­des zu­rück­er­hal­ten?

Guy Lach­ap­pel­le hat zwar schon ei­nen neu­en CEO er­nannt, da­für feh­len ihm noch die Vi­si­ten­kar­ten.

Der 54-Jäh­ri­ge war bis­her CEO der Thur­gau­er KB und wech­selt An­fang 2019 zu Raiff­ei­sen.

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