Ma­cron wird zur Ziel­schei­be

Die De­mons­tran­ten in gel­ben Wes­ten las­sen Kon­flikt es­ka­lie­ren

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Aktuell - Axel Vei­el, Pa­ris

Auf den Pa­ri­ser Champs­ely­sées ha­ben ges­tern Sams­tag Tau­sen­de «Gi­lets jau­nes», Per­so­nen in Warn­wes­ten, ge­gen hö­he­re Ben­zin­steu­ern, stei­gen­de Le­bens­hal­tungs­kos­ten und Staats­chef Em­ma­nu­el Ma­cron pro­tes­tiert. Es kam zu schwe­ren Aus­schrei­tun­gen. Ge­walt­tä­ter über­nah­men das Kom­man­do, zer­trüm­mer­ten städ­ti­sches Mo­bi­li­ar, er­rich­te­ten Bar­ri­ka­den, zün­de­ten Au­tos an, war­fen Pflas­ter­stei­ne. Die Po­li­zei setz­te Trä­nen­gas und Was­ser­wer­fer ein. Ver­geb­lich ver­such­ten ein­zel­ne Trupps, zu dem von der Po­li­zei ab­ge­rie­gel­ten Ely­sée­pa­last vor­zu­drin­gen.

Im Rest des Lan­des, wo laut In­nen­mi­nis­ter Chris­to­phe Cas­ta­ner ins­ge­samt 106 000 De­mons­tran­ten in Warn­wes­ten Au­to­bah­nen, Maut­stel­len oder Ein­kaufs­zen­tren blo­ckier­ten, ver­lief der Pro­test fried­li­cher. Am ver­gan­ge­nen Wo­chen­en­de wa­ren lan­des­weit noch 240 000 Men­schen auf der Stras­se ge­we­sen. Bei Zu­sam­men­stös­sen mit Si­cher­heits­kräf­ten oder Au­to­fah­rern, die sich über Stras­sen­blo­cka­den hin­weg­set­zen woll­ten, sind seit Be­ginn des Pro­tests zwei Per­so­nen ums Le­ben ge­kom­men. Mehr als 600 wur­den ver­letzt.

Zur ur­sprüng­lich al­lein er­ho­be­nen For­de­rung nach dem Ver­zicht auf ei­ne ge­plan­te Er­hö­hung der Steu­ern auf Die­sel (um 7 Cent) und Ben­zin (um 4 Cent) sind wei­te­re hin­zu­ge­kom­men. Auf den Champs­ely­sées er­tön­te am Sams­tag der Ruf nach hö­he­ren Ren­ten, ei­ner Auf­lö­sung der Na­tio­nal­ver­samm­lung oder auch dem Rück­tritt Ma­crons. So viel­fäl­tig die For­de­run­gen auch sind, was die De­mons­tran­ten eint, ist der Un­mut über den Staats­chef. Auf 26 Pro­zent Zu­stim­mung bringt er es nur noch. Laut ei­ner am Frei­tag ver­öf­fent­lich­ten Um­fra­ge des In­sti­tuts Odo­xa hal­ten da­ge­gen 77 Pro­zent der Fran­zo­sen den Auf­stand der Warn­wes­ten für ge­recht­fer­tigt, trotz der Stö­rung des Ver­kehrs. Von Auf­bruchs­stim­mung be­seelt, hat­te der von Re­form zu Re­form ei­len­de Staats­chef lan­ge Zeit nicht wahr­ha­ben wol­len, dass zu­mal auf dem Land le­ben­de Fran­zo­sen im­mer wei­ter zu­rück­blei­ben. Wenn im Dorf kein Zug mehr hält, die letz­te Arzt­pra­xis schliesst, der letz­te Le­bens­mit­tel­la­den auf­gibt, fällt es schwer, sich für di­gi­ta­len Fort­schritt oder lang­fris­tig zu er­war­ten­de Re­form­ren­di­ten zu be­geis­tern. Zu­mal es auch die über­wie­gend aufs Au­to an­ge­wie­se­ne Land­be­völ­ke­rung ist, die un­ter den vom kom­men­den 1. Ja­nu­ar an gel­ten­den hö­he­ren Treib­stoff­prei­sen lei­den wird. Sie vor al­lem pro­tes­tiert.

Zum Zei­chen sei­ner Ge­sprächs­be­reit­schaft hat Ma­cron an­ge­kün­digt, am Diens­tag mit Ge­werk­schaf­tern, städ­ti­schen Ab­ge­ord­ne­ten, Par­la­men­ta­ri­ern und Ver­tre­tern pri­va­ter Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen ei­ner so­zi­al­ver­träg­li­chen Ener­gie­wen­de den Weg zu be­rei­ten. Die Chan­cen, der Re­vol­te da­mit ein En­de zu ma­chen, schei­nen in­des ge­ring. Die Warn­wes­ten, die sich über die so­zia­len Netz­wer­ke or­ga­ni­sie­ren, miss­trau­en Ge­werk­schaf­ten und po­li­ti­schen Par­tei­en, hal­ten sich fern von bei­den, so sehr die­se auch ver­su­chen, aus dem Volks­zorn Ka­pi­tal zu schla­gen. Ent­spre­chend ver­pönt ist un­ter den Auf­be­geh­ren­den die Idee, die in Miss­kre­dit ge­ra­te­nen Or­ga­ni­sa­tio­nen hin­zu­zu­zie­hen.

Viel mehr als Ge­sprächs­be­reit­schaft kann der Staats­chef in­des kaum an­bie­ten. Gibt er in der Sa­che nach, nimmt die Preis­er­hö­hung zu­rück, setzt er sei­ne Glaub­wür­dig­keit aufs Spiel. Als Er­neue­rer ei­nes in ver­krus­te­ten Struk­tu­ren ver­haf­te­ten Lan­des war er ge­wählt wor­den. Sein Mar­ken­zei­chen war und ist es, dass er sich von sei­nen Amts­vor­gän­gern ab­setzt und Frank­reich un­be­ein­druckt vom Wi­der­stand der Stras­se re­for­miert.

In Pa­ris ar­tet der Pro­test in Ge­walt aus. (24. No­vem­ber 2018)

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