Das Du­ell

Der Hy­pe um Fried­rich Merz war rie­sig, als er sich ins Ren­nen um den Cdu-vor­sitz stürz­te. Doch An­ne­gret Kramp-kar­ren­bau­er könn­te ihm ei­nen Strich durch die Rech­nung ma­chen.

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - International Deutschland - Von Sil­ke Mer­t­ins, Hal­le

Es gibt char­man­te­re Or­te in Ost­deutsch­land. Das Mes­se­ge­län­de der Stadt Hal­le liegt im In­dus­trie­ge­biet, im In­nern sor­gen Be­ton­bo­den und Ne­on­licht für Tief­ga­ra­gen­flair. Den­noch sind al­le Klapp­stüh­le be­setzt, die Stim­mung auf­ge­kratzt. Cdu-mit­glie­der aus der gan­zen Re­gi­on sind an­ge­reist, um et­was mit­zu­er­le­ben, was es so noch nie ge­ge­ben hat in ih­rer Par­tei: ei­nen Wett­streit um den Par­tei­vor­sitz. Da darf man schon auf­ge­regt sein, wenn die drei Kan­di­da­ten für die Nach­fol­ge von Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel ei­gens in die sach­sen-an­hal­ti­sche Pro­vinz kom­men, um sich vor­zu­stel­len.

Be­son­ders ge­spannt ist das Par­tei­volk auf Fried­rich Merz, den Cdu-po­li­ti­ker, der we­gen Mer­kel vor knapp zehn Jah­ren aus der Po­li­tik aus­ge­stie­gen ist und nun, da die­se sich schritt­wei­se von der Macht ver­ab­schie­det, zu­rück­kehrt. Wie ein Heils­brin­ger wur­de er zu­nächst von der Ba­sis be­ju­belt. Dem 63-jäh­ri­gen Wirt­schafts­an­walt hat man so­fort zu­ge­traut, das Ru­der her­um­zu­reis­sen und die CDU zu ih­rem kon­ser­va­ti­ven Mar­ken­kern zu­rück­zu­füh­ren. Und Merz be­dient die­se Sehn­sucht nach al­ter Grös­se ger­ne. Mit ihm könn­ten die Christ­de­mo­kra­ten wie­der 40 Pro­zent er­rei­chen, sagt er. «Ich traue mir zu, die AFD zu hal­bie­ren.»

Das klingt kraft­voll und stark, aber auch so, als wür­de da ei­ner den Mund et­was zu voll neh­men. Was, wenn das Wah­l­er­geb­nis zwar recht gut, aber die AFD nicht hal­biert wä­re? Müss­te er dann nicht ei­ne Nie­der­la­ge ein­ge­ste­hen, gar zu­rück­tre­ten? Ein sol­che Äus­se­rung wür­de Merz’ Kon­kur­ren­tin An­ne­gret Kramp-kar­ren­bau­er nie her­aus­rut­schen. Die Cdu-ge­ne­ral­se­kre­tä­rin ist ei­ne fuchs­schlaue Stra­te­gin, die, wie schon Mer­kel in ih­ren An­fangs­jah­ren, da­von pro­fi­tiert, dass Frau­en wie sie leicht un­ter­schätzt wer­den. Sie hat den ers­ten Me­di­en­hype um Merz des­halb auch erst ein­mal kühl ab­ge­war­tet, be­vor sie nun, auf den ins­ge­samt acht Re­gio­nal­kon­fe­ren­zen für Cdu-mit­glie­der, ih­re Pf­lö­cke ein­schlägt.

In Hal­le an der Saa­le be­tritt sie mit knall­ro­tem Ja­ckett, hoch­ha­cki­gen Stie­feln und auf­fal­lend gu­ter Lau­ne die Büh­ne. Um Ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn, den Mit­be­wer­ber zu ih­rer Lin­ken, braucht sie sich in­zwi­schen nicht mehr zu küm­mern. Er liegt ge­gen­wär­tig in den Um­fra­gen un­ter Cdu-an­hän­gern im ein­stel­li­gen Be­reich. Was als Drei­kampf be­gann, ist be­reits zum Du­ell ge­wor­den: Kram­pKar­ren­bau­er ge­gen Merz. Es ist aber kei­ne of­fe­ne Kon­fron­ta­ti­on. Ein ver­ba­les Geraufe un­ter Par­tei­kol­le­gen – das wä­re dann doch zu ame­ri­ka­nisch für die oft als Kanz­ler­wahl­ver­ein ver­spot­te­te CDU. Man at­ta­ckiert hin­ter­rücks und in­di­rekt. Merz, in­dem er al­les an­ders ma­chen will, weil es nichts zu ver­bes­sern gibt. Kramp-kar­ren­bau­er hebt her­vor, was sie in jüngs­ter Zeit al­les so auf die Bei­ne ge­stellt hat wäh­rend an­de­re – in Klam­mern: Merz – eben nicht da wa­ren. Sie um­krei­sen ein­an­der und war­ten auf ei­ne Schwach­stel­le. Und es ist vor al­lem Merz, der be­ginnt, Feh­ler zu ma­chen.

Merz steht für ei­nen Neu­an­fang

Gera­de erst am Vor­tag hat er es ver­patzt. Auf die Fra­ge ei­nes Cdu-mit­glieds sag­te Merz, Deutsch­land sei das ein­zi­ge Land auf der Welt, das ein In­di­vi­du­al­recht auf Asyl in sei­ner Ver­fas­sung ste­hen ha­be. Er sei des­halb schon seit «lan­ger Zeit der Mei­nung, dass wir be­reit sein müss­ten, über die­ses Asyl­grund­recht of­fen zu re­den, ob es in die­ser Form fort­be­ste­hen kann, wenn wir ernst­haft ei­ne eu­ro­päi­sche Ein­wan­de­rungs- und Flücht­lings­po­li­tik wol­len».

Vi­el­leicht hat Merz sich nicht vor­stel­len kön­nen, wel­che Wel­len ei­ne sol­che Aus­sa­ge im Zeit­al­ter von Face­book, Twitter und Fak­ten­che­ckern in al­len grös­se­ren Re­dak­tio­nen schla­gen wür­de. Schnell stell­te sich je­den­falls her­aus, dass Deutsch­land we­der das ein­zi­ge Land mit in­di­vi­du­el­lem Asyl­recht ist, noch dass es ei­ner eu­ro­päi­schen Flücht­lings­po­li­tik im Weg steht – im Ge­gen­teil.

Deut­lich ner­vös tritt Merz in Hal­le des­halb vors Mi­kro­fon. Es dau­ert, bis er zu sei­ner rhe­to­ri­schen Stär­ke fin­det. Und er sieht sich zu ei­ner Klar­stel­lung ge­nö­tigt: Nein, er wol­le das Grund­recht auf Asyl nicht ab­schaf­fen, er wol­le es nur un­ter den Vor­be­halt stel­len, dass «Nä­he­res die Ge­set­ze re­geln». Kom­plet­te Ver­wir­rung im Saal. Wie jetzt? Ab­schaf­fen, aber oh­ne es ab­zu­schaf­fen?

Kramp-kar­ren­bau­er ist dran, und sie lä­chelt fein. Zu­nächst ein­mal nimmt sie Merz vor der Kri­tik in Schutz, wo­für der – was soll er ma­chen – sich auch noch be­dan­ken muss. Dann haut sie dem Kon­kur­ren­ten, der sie um ei­nen Kopf über­ragt, ein paar Zah­len um die Oh­ren: We­ni­ger als 2 Pro­zent ha­ben in Deutsch­land auf­grund des Ar­ti­kels 16a im Grund­ge­setz Asyl er­hal­ten. Al­le an­de­ren auf der Ba­sis des eu­ro­päi­schen Asyl­rechts und der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­tio­nen. Kurz­um: Merz For­de­run­gen er­ge­ben kei­ner­lei Sinn.

Über­haupt ist Kramp-kar­ren­bau­er in Höchst­form. Ihr kommt zu­gu­te, dass sie erst im Som­mer als Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin auf ei­ner «Zu­hör­tour» mit 50 Sta­tio­nen an der CDUBa­sis un­ter­wegs war. Wäh­rend Merz in Hal­le kri­ti­siert, in Deutsch­land wür­de «auf ziem­lich ho­hem Ni­veau ge­jam­mert», wird Kramp-kar­ren­bau­er per­sön­lich, er­zählt von ih­rer Fa­mi­lie und dass auch ih­re Hei­mat, das Saar­land, oft nicht ernst ge­nom­men wur­de. Das hört man gern in Ost­deutsch­land. Es gibt viel Ap­plaus.

Ei­ne Wo­che zu­vor in Lü­beck war das noch an­ders. In der tren­di­gen Kul­tur­werft Gol­lan ver­lo­ren die Cdu-ler re­gel­recht ih­re han­sea­ti­sche Con­ten­an­ce und ju­bel­ten Merz mit Bra­vo-ru­fen zu. «Es macht rich­tig Spass, wie­der da­bei zu sein!», ruft er in den Saal. Auch Micha­el Do­mes ist be­geis­tert. Der Arzt ist ei­gens aus Ham­burg ge­kom­men, um sich Merz live an­zu­se­hen. «Er ist ein kämp­fe­ri­scher Ma­cher­typ», schwärmt er. «Merz steht für ei­nen ech­ten Neu­an­fang.»

Kramp-kar­ren­bau­er da­ge­gen muss erst ein­mal ge­gen ihr Image als «Mi­ni-mer­kel» an­kämp­fen. Ihr ge­las­se­ner Po­li­tik­stil und ih­re per­sön­li­che Be­schei­den­heit äh­neln der Kanz­le­rin. Doch die 56-jäh­ri­ge Ka­tho­li­kin und Mut­ter drei­er Kin­der ist tat­säch­lich viel kon­ser­va­ti­ver als die Frau, die sie be­er­ben will. Sie lehnt nicht nur die Ho­mo-ehe und ein Ad­op­ti­ons­recht für ho­mo­se­xu­el­le Paa­re ve­he­ment ab. Auch und gera­de beim The­ma in­ne­re Si­cher­heit fährt sie ei­nen deut­lich schär­fe­ren Kurs als Mer­kel. «Wir sind gast­freund­lich, aber wir las­sen uns nicht auf der Na­se her­um­tan­zen», sagt sie et­wa. Wer als Flücht­ling straf­fäl­lig wer­de, sol­le «nie wie­der eu­ro­päi­schen Bo­den be­tre­ten» dür­fen. Sie er­zählt: Als im Saar­land in ei­ner Erst­auf­nah­me­ein­rich­tung Flücht­lin­ge bei der Es­sens­aus­ga­be ihr Ta­blett nicht von ei­ner Frau hät­ten ent­ge­gen­neh­men wol­len, da ha­be es eben gar nichts ge­ge­ben. «Nach ein paar Ta­gen war der Spuk vor­bei.» 2015 dür­fe sich nicht wie­der­ho­len, be­tont sie. «Die CDU muss wie­der die Par­tei der in­ne­ren Si­cher­heit wer­den.»

AKK weiss, wie man Wah­len ge­winnt

Man nimmt es ihr ab, denn sie ist jah­re­lang In­nen­mi­nis­te­rin im Saar­land ge­we­sen – die ers­te in ganz Deutsch­land – und an­schlies­send Mi­nis­ter­prä­si­den­tin. «Ich weiss, wie man Wah­len ge­winnt», be­tont sie auf den Re­gio­nal­kon­fe­ren­zen. Das ist ih­re Art zu sa­gen: Der Merz hat je­den­falls noch kei­ne ge­won­nen. Er hat nie re­giert, und er hat es gera­de ein­mal zu zwei Jah­ren Frak­ti­ons­vor­sitz ge­bracht, be­vor er trot­zig das Hand­tuch warf, weil er sich ge­gen Mer­kel nicht durch­set­zen konn­te.

Was Merz da­nach tat, könn­te ihm nun aus­ser­dem eben­falls zum Nach­teil ge­rei­chen. Als Wirt­schafts­an­walt hat er ex­trem gut ver­dient, sitzt in zahl­rei­chen Ver­wal­tungs­rä­ten, dar­un­ter als Vor­sit­zen­der in dem von Black­rock, dem welt­weit gröss­ten Ver­mö­gens­ver­wal­ter. Er nimmt mehr als 1 Mil­li­on Eu­ro im Jahr ein und nennt zwei Pri­vat­flug­zeu­ge sein Ei­gen. Den­noch sag­te er jüngst in ei­nem In­ter­view, er zäh­le sich zur «ge­ho­be­nen Mit­tel­schicht».

Micha­el Do­mes, der Arzt aus Ham­burg, sieht in Merz’ gu­tem Aus­kom­men kein Pro­blem. «Er ist ja reich, weil er was kann», sagt er. Doch in der CDU weiss man na­tür­lich, dass nicht das Ver­mö­gen an sich das Pro­blem ist, son­dern die Fra­ge: Wer­den sich die Wäh­ler von je­man­dem ver­stan­den füh­len, dem ih­re ma­te­ri­el­len Sor­gen völ­lig fremd sind? Auch sol­che Fra­gen den­ken die Cdu-de­le­gier­ten mit, wenn sie in zwei Wo­chen ei­nen neu­en Vor­sit­zen­den wäh­len.

Der Wind scheint sich zu dre­hen. Der Mer­zHy­pe lässt nach, un­ter Cdu-an­hän­gern wächst laut Um­fra­gen die Zu­stim­mung für Kramp-kar­ren­bau­er; sie liegt bei 38 Pro­zent, Merz bei 29 Pro­zent. Auch Merz-fan Do­mes räumt nach drei Stun­den Re­gio­nal­kon­fe­renz ein: AKK, wie sie we­gen ih­res sper­ri­gen Na­mens gern ge­nannt wird, sei ihm nä­her ge­kom­men. «Sie ist bes­ser, als ich dach­te.»

Merz ver­dient über 1 Mil­li­on Eu­ro im Jahr und be­sitzt zwei Flug­zeu­ge. Den­noch zählt er sich zur «ge­ho­be­nen Mit­tel­schicht».

Sie um­krei­sen ein­an­der und war­ten auf ei­ne Schwach­stel­le: Die Kan­di­da­ten für den Cdu-vor­sitz Fried­rich Merz und An­ne­gret Kramp-kar­ren­bau­er. (Hal­le, 22. No­vem­ber 2018)

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