Ali und die Po­pu­lis­ten

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - International - Wolf­gang Röss­ler, Wien

Der Fall Ali über ei­nen er­fun­de­nen Zu­wan­de­rer, der das ös­ter­rei­chi­sche Ge­sund­heits­sys­tem miss­brau­chen möch­te, ist ein Lehr­bei­spiel für ge­lun­ge­nen Po­pu­lis­mus. Wer letz­te Wo­che in der In­nen­stadt von Wien un­ter­wegs war, stiess vi­el­leicht auf Män­ner und Frau­en mit selt­sa­men ro­ten Hü­ten oh­ne Krem­pe. Was an ei­nen um­ge­dreh­ten Blu­men­topf er­in­ner­te, soll­te ein Fes sein. Die tra­di­tio­nel­le ori­en­ta­li­sche Kopf­be­de­ckung hat­ten Re­gie­rungs­geg­ner auf­ge­setzt, um ge­gen die Dif­fa­mie­rung tür­ki­scher Mi­gran­ten in ei­nem On­line-wer­be­spot der aus­län­der­feind­li­chen FPÖ zu de­mons­trie­ren. Doch die gut­ge­mein­te So­li­da­ri­täts­ges­te trug nur noch da­zu bei, die Bot­schaft der FPÖ zu­ver­brei­ten.

In dem Trick­film ver­sucht Ali, ein mit Fes und Schnurr­bart ge­zeich­ne­ter Tür­ke, sich mit der Kran­ken­ver­si­che­rungs­kar­te sei­nes Cou­sins Musta­fa ei­ne Zahn­re­gu­lie­rung zu er­schlei­chen. Doch die Arz­tas­sis­ten­tin er­kennt den Schwin­del: «Pech ge­habt, Ali», sagt ei­ne Stim­me aus dem Off. Mit dem Vi­deo woll­te die FPÖ ei­ne Mass­nah­me ver­mark­ten, die sie als klei­ne­re Re­gie­rungs­par­tei ge­gen­über dem kon­ser­va­ti­ven Ko­ali­ti­ons­part­ner ÖVP durch­ge­setzt hat­te.

Im kom­men­den Jahr wird näm­lich al­len Ver­si­cher­ten ei­ne neue E-card – wie die Kran­ken­ver­si­che­rungs­kar­te in Ös­ter­reich heisst – aus­ge­hän­digt. An­ders als bis­her soll die­se mit ei­ner Fo­to ver­se­hen sein, um die miss­bräuch­li­che Ver­wen­dung frem­der Kar­ten zu ver­hin­dern. Da in Ös­ter­reich Ver­si­che­rungs­pflicht gilt, rich­tet sich die Mass­nah­me ge­gen Aus­län­der, die nicht im Sys­tem er­fasst sind und den­noch da­von pro­fi­tie­ren. Ge­gen die­sen an­geb­li­chen Miss­stand hat­te die FPÖ jah­re­lang Stim­mung ge­macht. Nun setzt sie ihr Wahl­ver­spre­chen um.

Doch aus­ge­rech­net die Kran­ken­kas­sen als ver­meint­li­che Pro­fi­teu­re der neu­en Re­ge­lung se­hen in der Mass­nah­me rei­ne Geld­ver­schwen­dung. Die Kos­ten für die Neu­aus­stel­lung von rund sie­ben Mil­lio­nen Chip­kar­ten so­wie die auf­wen­di­ge Her­stel­lung von Por­trät­fo­tos wer­den auf bis zu 20 Mil­lio­nen Eu­ro ge­schätzt. Die jähr­li­chen Ver­lus­te der Kran­ken­kas­sen durch den Miss­brauch von E-cards ste­hen da­zu in kei­nem Ver­hält­nis. Im be­völ­ke­rungs­reichs­ten Bun­des­land, der mi­gran­ten­rei­chen Me­tro­po­le Wien, wa­ren es im Vor­jahr nicht ein­mal 10 000 Eu­ro. Beim bür­ger­li­chen Ko­ali­ti­ons­part­ner ÖVP de­men­tiert man nur halb­her­zig, dass die Ak­ti­on in ers­ter Li­nie der Stim­mungs­ma­che ge­gen Zu­wan­de­rer dient. Doch im Sin­ne des Ko­ali­ti­ons­frie­dens gab Bun­des­kanz­ler Se­bas­ti­an Kurz sei­nen Se­gen.

Mit dem frem­den­feind­li­chen Vi­deo über Ali hat die FPÖ nun aber ei­ne ro­te Li­nie über­schrit­ten. Das sei «nicht ak­zep­ta­bel», be­fand Kurz. FPÖ-CHEF Heinz­chris­ti­an Stra­che muss­te klein bei­ge­ben, um­ge­hend wur­de der Spot von der Fpö-web­site ge­nom­men. In­zwi­schen gab es frei­lich schon längst Ko­pi­en, die auf an­de­ren In­ter­net­por­ta­len auf­tauch­ten. Vie­le Ös­ter­rei­cher wur­den erst durch die mas­si­ve Me­dien­be­richt­er­stat­tung auf das pro­vo­kan­te Vi­deo auf­merk­sam. Ali, der So­zi­al­schma­rot­zer, war in al­ler Mun­de. Aus Sicht der po­pu­lis­ti­schen FPÖ hät­te es bes­ser nicht lau­fen kön­nen.

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