Der Br­ex­it-kon­flikt wird nie auf­hö­ren

War­um ei­gent­lich blei­ben die Fi­nanz­märk­te so ru­hig? Es gä­be doch, zu­min­dest auf den ers­ten Blick, Grund zur Pa­nik.

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - International - Si­mon Ku­per Si­mon Ku­per ist Ko­lum­nist bei der «Fi­nan­ci­al Times». Über­set­zung: Bet­ti­na Schnei­der

Im De­zem­ber wird das bri­ti­sche Un­ter­haus den Schei­dungs­ver­trag von Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May mit der EU ab­leh­nen. Für Gross­bri­tan­ni­en heisst dies, dass das Kö­nig­reich die EU am

29. März wohl oh­ne jeg­li­che Ver­ein­ba­rung ver­las­sen wird. In die­sem ge­fürch­te­ten «No De­al»-sze­na­rio wür­den zwi­schen der EU und Gross­bri­tan­ni­en kei­ne Flug­zeu­ge mehr hin und her flie­gen, die Bri­ten brauch­ten Vi­sa, um den Kon­ti­nent zu be­su­chen, Wa­ren müss­ten am Zoll ab­ge­fer­tigt wer­den, Gross­bri­tan­ni­en wür­den in­nert kur­zer Zeit die Le­bens­mit­tel und Me­di­ka­men­te aus­ge­hen. Es gibt be­reits Not­fall­plä­ne, die Ar­mee ein­zu­set­zen, um die Ord­nung im Land zu be­wah­ren. Ka­ta­stro­pha­le­re Aus­sich­ten kann es für ein In­dus­trie­land in Frie­dens­zei­ten ei­gent­lich gar nicht ge­ben.

Trotz­dem hat das bri­ti­sche Pfund kaum re­agiert, es liegt be­reits seit ei­nem Jahr zwi­schen € 1.10 und 1.16. Auch die bri­ti­schen Ak­ti­en sind nicht et­wa aus Angst vor dem No-de­al ge­fal­len. War­um al­so blei­ben die Märkte so ent­spannt? Weil sie er­war­ten, dass ein ver­trags­lo­ser Zu­stand – soll­te er denn ein­tre­ten – nur we­ni­ge Wo­chen dau­ern dürf­te. So­gar nach ei­nem chao­ti­schen Win­ter wä­ren zwei Sze­na­ri­en am wahr­schein­lichs­ten: ein bri­ti­sch­eu­ro­päi­scher Ver­trag – oder über­haupt kein Br­ex­it.

The­re­sa Mays Schei­dungs­ab­kom­men sieht wie folgt aus: Man wird den eu­ro­päi­schen Bin­nen­markt ver­las­sen, die Per­so­nen­frei­zü­gig­keit stop­pen, aber gleich­zei­tig in der Zoll­uni­on für Wa­ren ver­blei­ben. Fast al­le bri­ti­schen Po­li­ti­ker sind der Mei­nung, dass Gross­bri­tan­ni­en dann im Grun­de schlech­ter dran wä­re als bei ei­nem Ver­bleib in der EU. Das ist wahr­schein­lich nicht Mays Schuld – es liegt ein­fach am Br­ex­it selbst. Vie­le Ab­ge­ord­ne­te wer­den ge­gen ihr Ab­kom­men stim­men. Den­noch wird es wohl über­le­ben.

Sze­na­rio 1: Nach dem No-de­al wird doch ein De­al fol­gen. Denn die meis­ten bri­ti­schen Ab­ge­ord­ne­ten, Un­ter­neh­mer und Ge­werk­schaf­ten wer­den ver­zwei­felt ver­su­chen, den No-de­al zu ver­mei­den. Al­so könn­ten die Ab­ge­ord­ne­ten ent­we­der im Ja­nu­ar oder we­ni­ge Wo­chen vor dem ver­trags­lo­sen Zu­stand ab dem

29. März Mays Ab­kom­men in ei­nem zwei­ten Durch­gang doch noch zu­stim­men, mit ein paar kos­me­ti­schen Kor­rek­tu­ren, die Brüs­sel zu­ge­steht, um die De­mü­ti­gung ab­zu­schwä­chen.

Sze­na­rio 2: Kein Br­ex­it. Vie­le glau­ben, ein zwei­tes Re­fe­ren­dum wür­de da­zu füh­ren, das Er­geb­nis der ers­ten Ab­stim­mung rück­gän­gig zu ma­chen. Doch das ist eher un­wahr­schein­lich. We­der May noch die füh­ren­den Ver­tre­ter der La­bour-par­tei wol­len ei­ne zwei­te Ab­stim­mung. Um­fra­gen zei­gen der­zeit, dass zwar ei­ne klei­ne Mehr­heit ge­gen den Br­ex­it stim­men wür­de. Mil­lio­nen Bri­ten wä­ren je­doch wü­tend, wenn man ihr ers­tes Vo­tum von 2016 über­ge­hen wür­de.

Des­halb ist der wahr­schein­lichs­te Weg zu ei­nem No-br­ex­it fol­gen­der: Das Par­la­ment lehnt Mays Ab­kom­men ab, es kommt zum Cha­os. Die kon­ser­va­ti­ve Re­gie­rung, zer­ris­sen zwi­schen Br­ex­it-be­für­wor­tern und Pro­eu­ro­pä­ern, ist blo­ckiert. Als Zwi­schen­lö­sung sa­gen die Bri­ten der EU: «Wir wer­den ei­nes Tages den Br­ex­it durch­zie­hen, aber nicht jetzt. Bit­te lasst uns das Gan­ze auf­schie­ben, bis wir ei­nen ge­eig­ne­ten Plan ha­ben.» Da es je­doch nie ei­nen gu­ten Mo­ment gibt, sich in den ei­ge­nen Fuss zu schies­sen, könn­te der Br­ex­it als Kon­flikt ein­frie­ren und nie wirk­lich ge­löst wer­den.

Oder die Re­gie­rung sagt im Sze­na­rio 3 als Ant­wort auf das in­nen­po­li­ti­sche Cha­os: «Wir wer­den am 29. März of­fi­zi­ell aus­tre­ten, aber wir kön­nen uns nicht ent­schei­den, wel­chen Br­ex­it wir wol­len, al­so wer­den wir zu­nächst ein­mal den Eu-re­geln fol­gen und die Per­so­nen­frei­zü­gig­keit bei­be­hal­ten.» Das wä­re dann ein «BRINO: Br­ex­it in na­me on­ly», al­so ein Br­ex­it nur dem Na­men nach. Wirt­schaft­lich wä­re das bei­na­he schmerz­los, könn­te al­so auch zu ei­ner Lang­zeit­lö­sung wer­den.

In der Zwi­schen­zeit ster­ben je­des Jahr et­wa 500 000 zum Gross­teil äl­te­re Br­ex­it-be­für­wor­ter – und 700 000 zum Gross­teil An­ti-br­ex­it-bri­ten wer­den 18 Jah­re alt. So wür­de Gross­bri­tan­ni­en lang­sam aus dem Wunsch nach dem Br­ex­it her­aus­wach­sen.

Schwie­ri­ge Schei­dung.

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