War­ten vor dem Ab­grund

Die Eu-kom­mis­si­on ver­warnt die Po­pu­lis­ten in Ita­li­en für ih­re Schul­den­po­li­tik. Doch viel mehr ist wohl nicht mög­lich

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - International - Re­mo Hess, Brüs­sel Vic­tor Mer­ten

Die Eu­ro­päi­sche Uni­on hat ein neu­es gros­ses Pro­blem. Als wä­ren der Br­ex­it oder der Streit über die Rechts­staat­lich­keit in Un­garn und Po­len nicht ge­nug, droht jetzt auch noch ei­ne Schul­den­kri­se in Ita­li­en. Die­se wä­re viel schlim­mer als je­ne in Grie­chen­land, denn der ita­lie­ni­sche Schul­den­berg ist über sechs­mal hö­her als der grie­chi­sche.

In ih­rem neu­en Bud­get sieht die Re­gie­rung der rechts­po­pu­lis­ti­schen Le­ga von Mat­teo Sal­vi­ni und der Pro­test­be­we­gung Cin­que Stel­le von Lu­i­gi Di Maio neue Schul­den im Um­fang von 2,4 Pro­zent der ita­lie­ni­schen Wirt­schafts­leis­tung vor. Das ist mehr als das, was man mit Brüs­sel ver­ein­bart hat, um die Schul­den ab­zu­bau­en. Die Eu-kom­mis­si­on hat das Bud­get zu­rück­ge­wie­sen, doch die Po­pu­lis­ten wei­gern sich nach­zu­bes­sern. Viel­mehr spot­te­te Sal­vi­ni über das «Brief­chen» aus Brüs­sel. «Erb­sen­zäh­ler» sei­en die Eu-bü­ro­kra­ten, Ita­li­en sei ge­sund. «Das De­fi­zit von 2,4 Pro­zent wird nicht an­ge­rührt, sonst stür­ze ich die Re­gie­rung», droh­te er ges­tern Sams­tag.

In­ves­ti­tio­nen sind nö­tig

Mit den neu­en Schul­den wol­len Sal­vi­ni und Di Maio ih­re Wahl­ver­spre­chen er­fül­len: Be­dürf­ti­ge sol­len ein Grund­ein­kom­men er­hal­ten, das Ren­ten­al­ter soll her­ab­ge­setzt wer­den, die Steu­er­be­las­tung sin­ken. Nur so kön­ne die ge­beu­tel­te ita­lie­ni­sche Wirt­schaft wie­der wach­sen, be­haup­ten sie. Das Spar­dik­tat aus Brüs­sel wür­de sie nur läh­men. Tat­säch­lich braucht Ita­li­en drin­gend In­ves­ti­tio­nen. Doch die neu­en Schul­den sind nicht da­für vor­ge­se­hen. Was die Ita­lie­ne­rin­nen und Ita­lie­ner mit dem Geld ma­chen wer­den, das sie be­kom­men sol­len, weiss man zu­dem nicht. Fach­leu­te be­fürch­ten, dass sie es ein­fach nur zum Er­spar­ten le­gen wer­den.

Die Stim­mung in Brüs­sel ist an­ge­spannt: Die­se Wo­che sprach sich die Eu-kom­mis­si­on für ein De­fi­zit­ver­fah­ren ge­gen Rom aus. Der Un­ter­stüt­zung der Mit­glied­staa­ten kann sie sich si­cher sein. Ita­li­en steht al­lein da. In kei­ner eu­ro­päi­schen Haupt­stadt will man sich Sal­vi­nis und Di Mai­os Po­li­tik des Stin­ke­fin­gers auf die Dau­er bie­ten las­sen. Da­für sind die Ab­wei­chun­gen von den EUHaus­halts­re­geln zu deut­lich und die Ri­si­ken für die Wäh­rungs­ge­mein­schaft zu hoch. So­gar Län­der wie Spa­ni­en und Grie­chen­land, die frü­her der aus­ga­be­freu­di­gen Po­li­tik Ita­li­ens zu­neig­ten, aber dann har­te Re­form­pro­gram­me durch­ste­hen muss­ten, fürch­ten die An­ste­ckung durch den ita­lie­ni­schen Pa­ti­en­ten.

Ita­li­en ist zu gross zum Schei­tern. Sein Schul­den­berg be­trägt nicht we­ni­ger als 2282 Mil­li­ar­den Eu­ro. Das ent­spricht über 130 Pro­zent der Wirt­schafts­kraft des Lan­des. Die­se Schul­den­last könn­te aus­ser Kon­trol­le ge­ra­ten und an­de­re stark ver­schul­de­te Län­der mit­reis­sen. Die In­stru­men­te, die nach dem Bei­na­he­bank­rott Grie­chen­lands zur Ab­si­che­rung der Eu­ro-zo­ne ent­wi­ckelt wur­den, wür­den sich bei Ita­li­en als nutz­los er­wei­sen. Der Eu­ro­päi­sche Ret­tungs­schirm ESM könn­te mit sei­nen Kre­di­ten die dritt­gröss­te Volks­wirt­schaft der Eu­ro-zo­ne höchs­tens ein paar Mo­na­te über Was­ser hal­ten.

Die Fra­ge ist al­ler­dings, wie weit die Eu-mit­glie­der mit dem kom­pli­zier­ten und lang­wie­ri­gen De­fi­zit­ver­fah­ren zu ge­hen ge­willt sind, falls Sal­vi­ni und Di Maio nicht zur Ver­nunft kom­men. Zie­hen sie die vor­ge­se­he­nen im­mer här­te­ren Mass­nah­men bis zu ei­ner Stra­fe durch?

Die La­ge für die EU ist un­ge­müt­lich: Auf der ei­nen Sei­te muss man auf der Ein­hal­tung der Re­geln und Ver­ein­ba­run­gen be­ste­hen. Auf der an­de­ren weiss die Kom­mis­si­on, dass Här­te den Po­pu­lis­ten in Rom in die Hän­de spie­len wür­de. Im Mai wäh­len die Bür­ger der EU ei­ne neu­es Eu­ro­pa­par­la­ment. Der Streit mit der EUKom­mis­si­on wür­de der Le­ga und den Cin­que Stel­le mit Si­cher­heit neue Wäh­ler be­sche­ren. Die Dro­hung mit ei­ner Stra­fe er­laub­te Sal­vi­ni und Di Maio, sich als Op­fer frem­der Mäch­te auf­zu­spie­len und zu sa­gen: An­tatt die ar­men Leu­te in Ita­li­en zu un­ter­stüt­zen, müs­sen wir jetzt ei­ne Stra­fe an die Eu-kom­mis­si­on zah­len. Laut Um­fra­gen ste­hen schon jetzt 64 Pro­zent der Wahl­be­rech­tig­ten hin­ter den Po­pu­lis­ten. Kein Wun­der, fra­gen sich die Mit­glied­staa­ten nun vor al­lem, ob man den Zu­sam­men­stoss mit den Po­pu­lis­ten vor oder nach den Eu­ro­pa­wah­len ris­kie­ren soll.

Ent­spre­chend setzt die Kom­mis­si­on nicht nur auf Kon­fron­ta­ti­on, son­dern auch auf Dia­log. Das De­fi­zit­ver­fah­ren ist zu­dem zwei­schnei­dig: Geht man zu harsch vor, ris­kiert man ge­nau das, was ei­gent­lich ver­mie­den wer­den soll: Ei­ne Pa­nik auf den Märk­ten, ei­nen Run auf die Ban­ken und ein Über­schwap­pen auf die mit Ita­li­en eng ver­knüpf­ten Volks­wirt­schaf­ten. Eu-fi­nanz­kom­mis­sar Pier­re Mosco­vici be­tont des­halb, dass man an­ge­mes­sen und be­dacht vor­ge­he: we­der zu lang­sam oder zu schnell, noch zu stark oder zu schwach. Es scheint, dass man schlicht zum Kom­pro­miss ver­dammt ist.

Hof­fen auf den Spre­ad

Der­zeit lie­gen die Hoff­nun­gen aber noch dar­auf, dass es der so­ge­nann­te Spre­ad rich­ten wer­de. Das ist der Zin­s­auf­schlag, den Ita­li­en im Ver­gleich zu Deutsch­land für die Auf­nah­me von Geld zah­len muss. Schon jetzt ist er auf ei­nen ho­hen Stand ge­klet­tert. Für das lau­fen­de Jahr dro­hen 1 Mil­li­ar­de Eu­ro an zu­sätz­li­chen Zin­sen für Ita­li­en. Bleibt der Spre­ad, wo er ist, dürf­te die Zins­last 2019 zu­sätz­li­che 4 Mil­li­ar­den Eu­ro be­tra­gen. Die süd­eu­ro­päi­schen Län­der ver­zeich­nen eben­falls be­reits ei­ne Ver­teue­rung der Geld­auf­nah­me. Schon der Ur-po­pu­list und frü­he­re ita­lie­ni­sche Re­gie­rungs­chef Sil­vio Ber­lus­co­ni muss­te 2011 vor dem Spre­ad ka­pi­tu­lie­ren. Der kurz­fris­tig an­be­raum­te Be­such von Ita­li­ens Re­gie­rungs­chef Gi­u­sep­pe Con­te bei Kom­mis­si­ons­prä­si­dent Je­an­clau­de Juncker ges­tern Abend soll­te wohl auch zei­gen, dass man die War­nun­gen der Markt­kräf­te hört.

Nach Ein­schät­zung von Pa­wel To­kar­ski von der deut­schen Stif­tung Wis­sen­schaft und Po­li­tik wird die EU das De­fi­zit­ver­fah­ren nur lang­sam vor­an­trei­ben. Ei­gent­lich kön­ne sie nicht viel er­rei­chen. «Das Bei­spiel Grie­chen­land zeigt, dass die EU in man­chen Fäl­len rat­los ist und nur ab­war­ten kann, bis die Be­völ­ke­rung ein­sieht, dass ih­re Re­gie­rung kein taug­li­ches Re­zept für die wirt­schaft­li­chen Pro­ble­me des Lan­des hat», sagt der Ex­per­te. Grie­chen­land hat das laut Pa­wel To­kar­ski viel ge­kos­tet. Die Fra­ge ist jetzt, wel­chen Preis die Ita­lie­ner zah­len müs­sen, um da­hin zu ge­lan­gen.

Ha­ben für die EU nur Spott üb­rig: Lu­i­gi Di Maio (links) und Mat­teo Sal­vi­ni (rechts) mit Re­gie­rungs­chef Gi­u­sep­pe Con­te. (Rom, 21. 11. 2018)

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