Cas­sis’ ver­zwei­fel­tes End­spiel

Nach dem «letz­ten An­ge­bot» der EU tobt in Bern der Kampf um den Rah­men­ver­trag

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Schweiz - Ste­fan Büh­ler

«Ei­ne vol­le Atta­cke ge­gen den Schwei­zer Lohn­schutz» sei das, sagt Ge­werk­schaf­ter Da­ni­el Lam­part, «wir wer­den das nie­mals dul­den». Sp-prä­si­dent Chris­ti­an Lev­rat kon­sta­tiert: «Ein Ab­kom­men, das wie die­ses den Lohn­schutz ab­baut, ist in ei­ner Volks­ab­stim­mung chan­cen­los.» Aus den De­par­te­men­ten der SP- Bun­des­rä­te tönt es kaum freund­li­cher, wäh­rend die Svp-ma­gis­tra­ten dem Rah­men­ver­trag oh­ne­hin kaum zu­stim­men wer­den. Ei­ne knap­pe Wo­che vor der ent­schei­den­den Sit­zung des Bun­des­rats sieht sich der fe­der­füh­ren­de Aus­sen­mi­nis­ter Igna­zio Cas­sis beim Rah­men­ver­trag ei­ner brei­ten Ab­wehr­front ge­gen­über. Das hat auch mit den Ent­wick­lun­gen in den letz­ten Ta­gen zu tun.

Die Nach­richt si­cker­te im Lau­fe der Wo­che durch: Die Un­ter­händ­ler der Schweiz und der EU ha­ben in den Ver­hand­lun­gen über den Rah­men­ver­trag zu­letzt doch noch die be­son­ders um­strit­te­nen Punk­te an­ge­spro­chen, den Lohn­schutz und die Über­nah­me der Uni­ons­bür­ger­richt­li­nie, die EUBür­gern in der Schweiz mehr Rech­te zu­ge­ste­hen wür­de. Bei­de The­men gel­ten in Bern als ro­te Li­ni­en, über die gar nicht ver­han­delt wer­den darf. Doch die­se Wo­che leg­te Cas­sis dem Bun­des- rat den fer­ti­gen Ver­trags­text vor, der Kom­pro­mis­se auch zu die­sen Punk­ten ent­hält. Kom­pro­mis­se, die es ge­mäss Ver­hand­lungs­man­dat gar nicht ge­ben dürf­te.

Ar­gu­men­ta­tiv um­schifft wird die­se Klip­pe mit dem Hin­weis, es hand­le sich um ein An­ge­bot der EU. Ei­nes, no­ta­be­ne, das von Eu­na­hen Qu­el­len als «das letz­te An­ge­bot» be­zeich­net wird, das der Bun­des­rat nur noch an­neh­men oder ab­leh­nen kön­ne. Nach­ver­han­delt wer­de nicht. Of­fen­bar gilt für Bern, was für Lon­don beim Br­ex­it gilt: «This de­al or no de­al!»

Par­tei­chefs brem­sen

Die Ei­ni­gung soll­te bis zum Ent­scheid des Bun­des­rats ge­heim blei­ben. Doch zu­erst mach­te die NZZ die­se Wo­che ge­wis­se Ele­men­te pu­blik, am Sams­tag folg­ten die Ta­me­dia-zei­tun­gen mit den De­tails. Dem­nach kann die Schweiz auch in Zu­kunft von Ar­bei­tern aus der EU ei­ne Vor­an­mel­dung ver­lan­gen; die Frist be­trägt aber nur noch vier statt wie heu­te acht Ta­ge. Sie kann wei­ter­hin von Eu-fir­men in der Schweiz ei­ne Kau­ti­on ver­lan­gen, aber nur von sol­chen, die schon ein­mal ge­büsst wor­den sind. Auch Ar­beits­kon­trol­len sind wei­ter­hin mög­lich, aber nicht mehr flä­chen­de­ckend. Bei der Uni­ons­bür­ger­richt­li­nie läuft der De­al auf ein Tot­schwei­gen hin­aus: Sie wird im Ver­trag ein­fach nicht er­wähnt. Für Lam­part ist das in­ak­zep­ta­bel. Nicht nur, dass ge­büss­te Fir­men ein­fach den Na­men än­dern könn­ten, um die Kau­ti­on zu um­ge­hen. Die Schweiz über­näh­me die EUGe­setz­ge­bung und wä­re künf­tig der Recht­spre­chung der Eu-rich­ter un­ter­wor­fen: «Die­se sind rück­stän­dig und ha­ben oft ge­gen den Lohn­schutz ge­ur­teilt.»

Sp-prä­si­dent Lev­rat stört sich auch am De­al bei der Uni­ons­bür­ger­richt­li­nie: «Laut meh­re­ren Ju­ris­ten öff­net das We­glas­sen kla­rer Re­geln zur Uni­ons­bür­ger­schaft die Tür für ei­ne Kla­ge beim Schieds­ge­richt. Die Wahr­schein­lich­keit, dass die Rich­ter die Richt­li­nie auch auf die Schweiz an­wen­den, wird als hoch ein­ge­schätzt.» Dann wür­de die Jus­tiz dem Bund die Richt­li­nie auf­zwin­gen. Die­se Ge­fahr sieht auch CVPPrä­si­dent Ger­hard Pfis­ter. Er äus­sert sich nur zu­rück­hal­tend, ver­weist aber dar­auf, dass ei­ne Auf­wei­chung der ro­ten Li­ni­en nach wie vor nicht in­fra­ge kom­me: «Dann ha­ben wir in ei­ner Volks­ab­stim­mung kei­ne Chan­ce. Das ha­ben die Prä­si­den­ten der Bun­des­rats­par­tei­en ge­gen­über dem Bun­des­rat auch beim letz­ten Tref­fen in Bern be­kräf­tigt.»

Auf die Brem­se steht auch Fdp-prä­si­den­tin Pe­tra Gös­si. «Man soll­te nicht vor der Bun­des­rats­wahl ent­schei­den», sagt sie. Je nach­dem, wer ge­wählt wer­de, könn­te die Mehr­heit im Bun­des­rat kip­pen. «Ein Ent­scheid von sol­cher Trag­wei­te muss vom Ge­samt­bun­des­rat ge­tra­gen wer­den. Die­ser kann nicht schon nach we­ni­gen Wo­chen wie­der dar­auf zu­rück­kom­men.» Be­kann­te­mas­sen be­ur­teilt Fdp-kan­di­da­tin Ka­rin Kel­ler-sut­ter ei­nen ra­schen Ab­schluss als un­rea­lis­tisch.

«Pa­pier K» wie Kas­san­dra

Die­ser ge­ball­ten Kri­tik hal­ten die Be­für­wor­ter ei­nes ra­schen Ab­schlus­ses die dro­hen­den Fol­gen ent­ge­gen, wenn nun kein Ab­kom­men zu­stan­de kommt. Ein ent­spre­chen­des Do­ku­ment zir­ku­liert in der Bun­des­ver­wal­tung. «Pa­pier K» ist es über­schrie­ben. K wie Kon­se­quen­zen, Kri­se, Ka­ta­stro­phe – oder Kas­san­dra.

Es ist die ers­te voll­stän­di­ge der­ar­ti­ge Zu­sam­men­stel­lung, und sie be­ginnt mit dem Hin­weis auf die Bör­se: Die­se darf ab nächs­tem Jahr nicht mehr mit Eu-wert­pa­pie­ren han­deln, wenn Bern beim Rah­men­ver­trag nicht ein­lenkt. Die EU hat die bei­den Ge­schäf­te ver­knüpft. Spä­tes­tens am nächs­ten Frei­tag muss der Bun­des­rat die ge­plan­ten Schutz­mass­nah­men für die Bör­se be­schlies­sen, wenn er dem Rah­men­ver­trag nicht zu­stim­men will.

Das Pa­pier zählt frei­lich noch vie­le an­de­re un­lieb­sa­me Fol­gen ei­nes Schei­terns des Rah­men­ver­trags auf: An ein Strom­ab­kom­men ist nicht zu­den­ken. Die Schweiz wä­re nicht am Schnell­warn­sys­tem der EU be­tei­ligt, wenn Le­bens­mit­tel­seu­chen droh­ten. Das Ab­kom­men zur Er­leich­te­rung von Im- und Ex­por­ten wür­de nicht auf­da­tiert; je nach Bran­che geht es um meh­re­re hun­dert Mil­lio­nen Fran­ken jähr­lich wie­der­keh­ren­der Zu­satz­kos­ten und um Zehn­tau­sen­de Jobs. Er­neut wür­de auch die For­schung ge­trof­fen, «die Zu­sam­men­ar­beit (. . .) mit den bes­ten Ak­teu­ren aus For­schung und In­dus­trie wä­re ge­fähr­det», heisst es im «Pa­pier K». Ins­ge­samt wür­de der Stand­ort un­at­trak­ti­ver, Schwei­zer Fir­men müss­ten im Eu-markt Nach­tei­le in Kauf neh­men. «Ar­beits­plät­ze in der Schweiz ge­hen ver­lo­ren», heisst es im «Pa­pier K». Und oh­ne Rah­men­ver­trag wer­de kein Streit­bei­le­gungs­me­cha­nis­mus ge­schaf­fen, «die Schweiz wird sich ge­gen will­kür­li­che Ent­schei­de der EU nicht weh­ren kön­nen».

Noch ha­ben Cas­sis und sei­ne Mit­strei­ter im Bun­des­rat, Do­ris Leuthard und Jo­hann Schnei­derAm­mann, nicht auf­ge­ge­ben. Be­reits am Frei­tag hat Cas­sis sei­nen Ver­hand­lungs­part­ner ge­trof­fen, Eu-kom­mis­sar Jo­han­nes Hahn. Die­ser sag­te jüngst der NZZ: «Wir soll­ten jetzt den Sack zu­ma­chen.» Ge­duld tönt an­ders.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.