Neu auch mit Hu­mor

Oli­ver Kahn, Tor­hü­ter­le­gen­de, ist laut Ge­rüch­ten im Ge­spräch für ei­ne Stel­le in der Chef­eta­ge beim FC Bay­ern Mün­chen. Dass er neu­er­dings auch Iro­nie und Dis­tanz zeigt, könn­te da­bei ein Vor­teil sein.

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - Schweiz - Von Ste­fan Os­ter­haus

Mög­lich, dass Oli­ver Kahn schon bald wie­der dort zu se­hen sein wird, wo er frü­her ein- und aus­ging. An der Sä­be­ner Stras­se in Mün­chen, dem Haupt­quar­tier des FC Bay­ern. Da­mals kam er täg­lich zum Trai­ning dort­hin, mitt­ler­wei­le hof­fen vie­le Bay­ern­fans auf ein an­de­res En­ga­ge­ment des eins­ti­gen Tor­hü­ters, der wäh­rend sei­ner Jah­re in Mün­chen zum Welt­star wur­de. In den Vor­stand der Bay­ern wün­schen sie sich den Mann, vi­el­leicht so­gar als Chef. Vor der Jah­res­ver­samm­lung vom

30. No­vem­ber bro­deln die Ge­rüch­te.

Ein Zu­fall ist es nicht, dass über Ve­rän­de­run­gen an der Spit­ze des FC Bay­ern dis­ku­tiert wird. Der Klub ist in ei­ne Kri­se ge­schlit­tert, auch die Füh­rung steht in der Kri­tik. Kahn al­so zur Ver­jün­gung des Vor­stan­des? War­um nicht. Die Bay­ern be­nö­ti­gen Im­pul­se. Und der 49-Jäh­ri­ge bringt ja al­les mit. Er ver­fügt über Sach­kennt­nis, die er im­mer wie­der als Ex­per­te im ZDF me­di­en­ge­wandt zu prä­sen­tie­ren weiss. Als stu­dier­ter Be­triebs­wirt wird er al­ler Wahr­schein­lich­keit nach Ak­ti­va und Pas­si­va von­ein­an­der zu un­ter­schei­den wis­sen, was auch in ei­ner sol­chen Po­si­ti­on kein Hin­der­nis wä­re. Und viel mehr noch: Er zählt zu den ganz gros­sen Fi­gu­ren die­ses ge­wiss nicht me­dio­kren Klubs. In je­ner Bay­ern-mann­schaft, die vor al­lem dank sei­nen Pa­ra­den 2001 die Cham­pi­ons Le­ague ge­wann, war er der Le­a­der – un­er­sätt­lich in sei­nem Stre­ben nach Er­folg.

Man er­in­nert sich mit woh­li­gem Schau­dern an den Spie­ler, des­sen Aus­strah­lung mit mar­tia­lisch gera­de ge­nü­gend be­schrie­ben ist. Der die Zäh­ne fletsch­te, als woll­te er den Dort­mun­der Hei­ko Herr­lich in den Hals beis­sen. Der aus dem Tor stürm­te und mit dem aus­ge­streck­ten Bein Sté­pha­ne Cha­pui­sat nur knapp ver­fehl­te. Der auf die Fra­ge, was bei ei­ner Nie­der­la­ge ge­gen Schal­ke den Bay­ern ge­fehlt ha­be, ei­nem Re­por­ter ant­wor­tet:

«Du packst es! Wie du schaffst, was du willst» – so lau­tet ei­ner sei­ner Buch­ti­tel.

«Eier. Uns ha­ben Eier ge­fehlt. Sie wis­sen, was das heisst.»

Kahns Kar­rie­re be­gann in Karlsruhe un­ter An­lei­tung von Va­ter Rolf, der dort be­reits in der Bun­des­li­ga ge­spielt hat­te. Oli­ver Kahn wech­sel­te als Ju­ni­or bald ins Tor und brach­te es bis zum Stamm­platz bei den Pro­fis. 1994 wech­sel­te er zu Bay­ern. In Karlsruhe zir­ku­lier­te die Ge­schich­te, wo­nach Kahns Kon­kur­rent im Tor nie mit ihm das Zim­mer tei­len woll­te. «Der hat­te Angst, dass er ihm nachts das Kopf­kis­sen aufs Ge­sicht drückt», sag­te ein Spie­ler ein­mal dem «Spie­gel». Na­tür­lich sind sol­che Er­zäh­lun­gen über­zo­gen. Aber sie sa­gen doch viel aus über den drei­ma­li­gen Welt­tor­hü­ter, der im Fussball so mass­los war, dass man­cher glaub­te, er kön­ne es auch mit God­zil­la auf­neh­men.

Kahn hat vier Kin­der aus zwei Ehen. Als er ein­mal, nach der ver­lo­re­nen WM 2002, ei­ne Af­fä­re be­gann, ir­ri­tier­te dies vie­le, weil sie ihn bis­her als Aus­bund an Dis­zi­plin und mensch­ge­wor­de­nes Er­folgs­stre­ben wahr­ge­nom­men hat­ten. Aber Selbst­ge­nüg­sam­keit war ihm von Be­ginn an fremd. Als le­gen­där gilt je­ne Epi­so­de, als Kahn einst mit dem Karls­ru­her SC bei ei­nem Be­ne­fiz­an­lass auf­trat. Kin­der durf­ten Pen­al­tys ge­gen den Bun­des­li­ga­tor­wart schies­sen, ein Spon­sor hat­te für je­den Tref­fer ei­ne Prä­mie aus­ge­lobt. Ein An­lass al­so, bei dem man sich ge­ne­rös zei­gen soll­te, aber Kahn ge­stat­te­te den Bu­ben kei­nen ein­zi­gen Tref­fer. Auch in Kahns Wir­ken als Au­tor spie­len Am­bi­tio­nen ei­ne Rol­le: «Du packst es! Wie du schaffst, was du willst» – so lau­tet ei­ner sei­ner Buch­ti­tel.

Da­bei war Kahn trotz al­ler Im­pul­si­vi­tät auch ein Stra­te­ge. Als ihm im Na­tio­nal­team vor der WM 2006 der Ar­senal-tor­hü­ter Jens Leh­mann vor­ge­zo­gen wur­de, ak­zep­tier­te er die De­gra­die­rung. Er fuhr als Num­mer 2 an die Heim-wm – und nutz­te die Ge­le­gen­heit, sich als un­ta­de­li­ger Sports­mann zu prä­sen­tie­ren. Selbst­re­fle­xi­on war ihm selbst auf dem Hö­he­punkt sei­ner Kar­rie­re nicht fremd. Im Jahr 2002, als er zum bes­ten Spie­ler der WM ge­wählt wor­den war, sag­te er: «Mei­ne Mit­tel gal­ten als zu bra­chi­al.»

Völ­lig ver­än­dert hat sich Kahn nicht. Aber am Fern­se­hen ist heu­te ein Mann zu be­sich­ti­gen, der nicht nur viel über das Bin­nen­le­ben ei­nes Fuss­ball­teams er­zäh­len kann und Ant­wor­ten auf vie­le Fra­gen hat. Ab und zu schim­mert auch ei­ne ra­re Fä­hig­keit durch, die vor ein paar Jah­ren noch nicht zu er­ken­nen war: Hu­mor – bis­wei­len so­gar an der Gren­ze zur Selbst­iro­nie. Kahn hat Dis­tanz zu je­nem Ge­schäft ge­won­nen, in dem er so er­folg­reich wirk­te. Für ein neu­es En­ga­ge­ment im Fussball – gera­de bei den Bay­ern – wä­re dies si­cher kein Nach­teil.

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